Karjakin: Magnus „kann psychisch einknicken“

Sergey Karjakin verpasste knapp den Weltmeisterschaftstitel im Jahr 2016, als er bei noch vier zu spielenden Partien die Führung übernahm, bis er schließlich im Schnellschach-Tie-Break gegen Magnus verlor. In einem kürzlichen Interview offenbarte er, dass er in Vorbereitung auf das Match in Dubai mit Ian Nepomniachtchi zusammengearbeitet hat. Er beurteilte zudem, wie das Match verlaufen wird und welchen Platz Magnus in der Schachgeschichte einnimmt.

Sergey Karjakin verpasste knapp den Weltmeisterschaftstitel im Jahr 2016, als er bei noch vier zu spielenden Partien die Führung übernahm, bis er schließlich im Schnellschach-Tie-Break gegen Magnus verlor. In einem kürzlichen Interview offenbarte er, dass er in Vorbereitung auf das Match in Dubai mit Ian Nepomniachtchi zusammengearbeitet hat. Er beurteilte zudem, wie das Match verlaufen wird und welchen Platz Magnus in der Schachgeschichte einnimmt.

Sergey Karjakin besiegte Magnus Carlsen in Runde 5 des diesjährigen Norway Chess – sein erster Sieg im klassischen Schach seit ihrem Weltmeisterschaftsmatch – einen Tag nachdem er gegen Ian Nepomniachtchi verlor | Foto: Lennart Ootes

Sergey Karjakin sprach in einem russischen Interview mit Artyom Melnikov für metaratings.ru. Wir haben die Teile, in denen es um das Match geht, unten für euch übersetzt.

Artyom Melnikov: Wer ist der Favorit im Match Carlsen-Nepomniachtchi?

Sergey Karjakin: Objektiv betrachtet ist Magnus der Favorit. Er ist der Weltmeister, hat mehr Turniersiege und eine höhere Wertung, aber in einem Match muss man all diese Auszeichnungen und Verdienste vergessen. Es ist ein neuer Wettkampf und was zuvor geschehen ist, ist nicht relevant.

Welche Stärken und Schwächen siehst du bei den beiden Kontrahenten?

Magnus hat mehr Match-Erfahrung, er ist ein ausgeglichenerer Schachspieler ohne offensichtliche Schwächen. Er spielt positionell und taktisch beinahe gleichgut, sowohl in einem langweiligen Endspiel als auch in komplizierten Angriffsstellungen.

Er hat aber Schwächen. Wenn ihm das, was in einem Turnier passiert, nicht gefällt, kann er psychisch einknicken, wie mein Match gegen Magnus gezeigt hat. Ihm entglitt in zwei Partien der Sieg und er begann, wesentlich schlechter zu spielen. Er kann psychisch auseinanderfallen, wenn etwas nicht funktioniert – er verliert sein Selbstvertrauen und fängt an, schlechtere Leistungen als gewöhnlich zu erbringen.

Man sagt, dass Ian höhere Gewinnchancen hat als du sie hattest. Warum? Ist er stärker als du 2016?

Ich will auf jeden Fall, dass er gewinnt. Sogar mein Match hat gezeigt: es ist unwichtig, was zuvor geschehen ist. Die Hauptsache ist die Form, mit der man zum Match antritt. Ich habe mich sehr hart vorbereitet und stand kurz vorm Sieg. Für mich ist es schwer zu sagen, wer welche Chancen hat, weil das Match noch nicht begonnen hat und es ist sehr schwer ein Fazit zu ziehen. Ich habe viel Zeit mit Ian verbracht und Trainingspartien gespielt. Ich glaube an ihn und wünsche ihm Glück. Über die Chancen sollen andere urteilen. Für mich ist die Hauptsache, dass Russland die Krone erhält. Ich hoffe, dass Ian das schafft, was ich 2016 beinahe vollbracht hätte.

Welchen Ratschlag hast du Nepomniachtchi gegeben?

Ich habe Erfahrung – es war ein hartes Match. Wir hielten ein paar Sitzungen ab, in denen ich Ratschläge erteilte und wir uns Eröffnungen ansahen. Ich habe eine Vorstellung davon, wie hart sich Ian vorbereitet. Ich denke, ich kann einen bescheidenen Beitrag leisten und irgendwie wird mein Rat nützlich sein.

Aber das sind alles nur Worte und die Hauptsache ist, was während des Matches geschieht. Es reicht nicht, theoretisch vorbereitet zu sein, sondern auch praktisch. Und man braucht Glück. Es ist wichtig, zu erraten, was Magnus tun wird und ihn zu überraschen, angefangen bei der Eröffnung.

Magnus verlor beinahe zweimal gegen Karjakin in Norwegen, aber gewann am Ende vier Partien in Folge, darunter eine Partie gegen Karjakin, um den Titel zu erlangen | Foto: Lennart Ootes

Warum hast du es nicht geschafft, deine Erfolgsgeschichte von 2016 zu wiederholen und das Kandidatenturnier zu gewinnen?

Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben und in drei Kandidatenturnieren gespielt. 2014 wurde ich zweiter und kam dem Ziel sehr nahe. 2018 habe ich alles gegeben, hatte Chancen, es war schlussendlich aber nicht genug. Ich teilte den zweiten Platz. Ich kann nicht behaupten, dass das Turnier ein Erfolg war, aber auch nicht, dass ich eingeknickt bin.

Kann man Magnus bereits als ebenso großartig wie beispielsweise Karpov und Kasparov in Betracht ziehen?

Ja, er ist bereits großartig! Unter den genannten. Er hat bereits eine Menge erreicht, beinahe mehr als Karpov und Kasparov. Sie sind vollkommen unterschiedliche Schachspieler. Magnus hat eine Menge für Schach getan und bereits jetzt, trotz seines Alters, kann man ihm als, wenn nicht den größten Champion aller Zeiten, dann zumindest als einen von ihnen ansehen. Ich würde noch Fischer hinzufügen, auch wenn er leider frühzeitig aufgehört hat.

Mochtest du die Serie „Das Damengambit“, die der Popularität von Schach einen gewaltigen Schub gab?

Ich habe mir sie aus Prinzip nicht angeschaut, da mir Mainstream-Fernsehen nicht gefällt. Ich sollte mir die Serie ansehen? Ich schulde niemandem irgendetwas, aber wie ich gehört habe, soll sie einfach sehr schön in Szene gesetzt sein, aber wenig mit dem, was wirklich passiert, zu tun haben. Die Leute sollen dasselbe starke Verlangen haben, sich das Match zwischen Magnus und Nepomniachtchi anzuschauen oder eines der früheren. Das wird wesentlich interessanter sein, um zu verstehen, was wirklich in der Schachwelt geschieht.

Wo wirst du dir das Match um die Krone ansehen?

Ich bin mir nicht sicher. Sehr wahrscheinlich in Moskau, aber vielleicht in Dubai. Mein Leben ist unberechenbar. Ich kann aufwachen und das plötzliche Verlangen haben, irgendwo hinzufliegen, ein Ticket zu kaufen und zu fliegen.

Stimmst du mit der Auffassung überein, dass Nepomniachtchi Carlsens unangenehmster Gegner ist?

Zuvor war er dass, als Ian gewann. Die Hälfte der Partien wurde zwischen Junioren ausgetragen, das stimmt, aber seit 2011 hat ihn Nepomniachtchi in zwei Partien mit Schwarz besiegt. Das zeigt, dass Ian ein unangenehmer Schachspieler für Magnus ist, aber nur das Match kann diese Frage beantworten. Ich möchte mir einen Kampf und kühne Kombinationen wünschen. Das Match verspricht, extrem interessant zu werden. Los, Ian!


Die Schachweltmeisterschaft 2021 beginnt am 26. November. Judit Polgar und Anish Giri werden die Action auf chess24 kommentieren. Tania Sachdev wird vor Ort in Dubai sein. Alternativ wird das Team der Meltwater Champions Chess Tour bestehend aus David Howell, Jovanka Houska und Kaja Snare aus Oslo kommentieren. Die deutsche Kommentieren übernehmen Rustam Kasimjanov und Sonja Bluhm. Zudem sind diverse Gäste geplant.

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