Berichte & News 07.08.2014 | 12:46by Tromso Olympiad 2014

Schacholympiade Tromsø, 5. Runde: Enges Feld an der Spitze

Obwohl die Rollen teilweise klar verteilt waren, gab es an der Spitze der offenen Gruppe dank vieler Unentschieden wenig Bewegung. Russland kam trotz eines Sieges von Vladimir Kramnik gegen Erzfeind Veselin Topalov nicht über ein 2:2 gegen Bulgarien hinaus, ebenso wie Aserbaidschan gegen Serbien und China gegen Niederlande. Bei den Frauen stoppte China den Lauf der Iranerinnen und ist klarer Favorit auf Gold. Für die deutschen Teams war es insgesamt ein schlechter Tag.


Ob der russische Trainer Jurij Dochojan mit dem Auftreten seiner Mannschaft zufrieden ist? | Foto: Georgios Souleidis (chess24)

Vladimir Kramnik setzte sich zwar souverän durch gegen Veselin Topalov - nach zwei Niederlagen in diesem Jahr gegen seinen "Erzfeind" war das bestimmt Balsam für seine Seele, doch der Rest des Teams enttäuschte auf ganzer Linie. Insbesondere Sergey Karjakin wird den heutigen Tag nicht so schnell vergessen. Wann verliert ein solcher Topspieler mal mit Weiß gegen einen über 200 Elo-Punkte schlechteren Gegner? Wie man das macht, zeigte Valentin Iotov. Er wählte die Skandinavische Verteidigung, gegen den theoriegewaltigen Karjakin eine gute Idee, und erhielt ein annehmbares Mittelspiel mit ungleichfarbigen Läufern. Karjakin übersah in einer kritischen Stellung eine taktische Abwicklung und verlor gleich zwei Bauern, die direkt das Ende bedeuteten. Da an den anderen Brettern die Russen ebenfalls keinen Vorteil erspielten, endete das Match 2:2.


26... exd5 27. ♖d3? Weiß hätte mit

27. ♗xd5 ♖xd5 28. cxd5 ♕f4 29. ♖xe5 fxe5 30. ♖d1 einen kleinen Vorteil bewahren können.

27... ♖hd8 28. ♖c1

28. ♗xd5 ♖xd5! 29. ♖xd5 (29. cxd5 ♕f4 30. g3 ♕e4+ 31. ♔g1 ♕xd3 ) 29... ♖xd5 30. cxd5 ♕f4 31. g3 ♕f3+ 32. ♔g1 hxg3 33. fxg3 ♗d4+ 34. ♖f2 ♕xg3+ 35. ♔f1 ♕xh3+ 36. ♔e1 ♕e3+ 37. ♔f1 (37. ♖e2 ♕c1# ) 37... ♕xf2+ 38. ♕xf2 ♗xf2 39. ♔xf2 ♔c7 und Schwarz gewinnt das Bauernendspiel.

28... dxc4 29. ♖xd7 ♖xd7 30. ♕c2 Der Bauer auf c4 war tabu:

30. ♕xc4 ♖d1+! 31. ♖xd1 (31. ♗xd1 ♕e1+ ) 31... ♕xc4 mit Damengewinn.

30... c3 Dieses Monster gewinnt die Partie.

31. ♖d1 ♕b2 32. ♗e4 ♖d2! 33. ♖xd2 cxd2 34. ♕d1 ♕d4

0-1

Das Duell der bisherigen Spitzenreiter, Aserbaidschan-Serbien, endete ebenfalls 2:2. Shakriyar Mamedyarov brachte sein Team schnell durch seinen Sieg am Spitzenbrett in Führung, doch Milos Perunovic gewann gegen Teimour Radjabov und glich für Serbien aus. In der letzten laufenden Partie hatte Rauf Mamedov zwar Vorteil gegen Robert Markus, doch der Azeri konnte diesen letztendlich nicht verwerten. Damit haben alle Teams in der offenen Gruppe nun Punkte abgegeben.

Es gab sehr viele weitere enge Matches: China-Niederlande sah vier Unentschieden, Kuba besiegte Israel 2,5:1,5 und Gabriel Sargissian sorgte mit seinem Sieg gegen Simen Agdestein für das 2,5:1,5 gegen Norwegen. Die Spitzenpartie zwischen Levon Aronian und Magnus Carlsen ging vorher nach hartem Kampf remis aus. Eine Überraschung schaffte Kasachstan. Die Nr. 49 der Setzliste besiegte die Türkei 3:1, obwohl sie an jedem Brett nominell im Nachteil waren. Mit dem gleichen Ergebnis gegen Belgien machte Georgien einen großen Sprung in der Tabelle. Frankreich ist nach dem glatten 3,5:0,5 gegen Argentinien ebenfalls wieder oben mit dabei.

Deutschland enttäuscht

Nachdem die deutschen Männer gegen Usbekistan nicht über ein 2:2 hinauskamen, wiederholten sie dieses Mißgeschick gegen das noch deutlich niedriger eingestufte Team aus Katar und hatten dabei sogar eine gehörige Portion Glück. Arkadij Naiditsch experimentierte in einer Sizilianischen Partie in der Eröffnung und ließ gegen GM Mohamad Al-Modhiaki gehörig Gegenspiel zu. Der Katari konnte aber seine Chancen nicht nutzen und ließ in Zeitnot entscheidenden Angriff gegen seinen König zu. 

Arkadij Naiditsch verlor gestern gegen Kasimdzhanov, gewann aber heute gegen Al-Modhiaki | Foto: Georgios Souleidis (chess24)

An Brett zwei kam Georg Meier zu einem etwas seltsamen Remis. Er hatte mit Schwarz in einer Réti-Partie seinen Gegner eigentlich unter Kontrolle, doch er ließ kurz vor der ersten Zeitkontrolle eine tödliche Abwicklung zu, die sein Gegner, GM Mohammed Al-Sayed, allerdings übersah. Statt dann das Dauerschach anzunehmen, ließ der wiederum die Partie in ein schlechteres Turmendspiel abgleiten, das er durch die Aktivität seines Königs aber noch remis halten konnte.

An Brett drei konnte Liviu Dieter Nisipeanu seiner Favoritenrolle gegen Chen Zou, die Gattin von Al-Modhiaki an Brett eins nebenbei bemerkt, nicht gerecht werden. In einer Slawischen Partie hatte die in China geborene Großmeisterin jederzeit Gegenspiel und aus der Position der Stärke heraus willigte sie ins Remis ein. An Brett vier kam aus deutscher Sicht die größte Enttäuschung. David Baramidze verlor gegen einen fast 300 Punkte schwächeren Spieler, der allerdings eine positionell sehr gute Partie hinlegte. In einem Damengambit erspielte sich IM Husein Aziz Nezad Vorteil, der sich in einer besseren Struktur und dann in einem Bauerngewinn manifestierte. Das entstehende Damenendspiel konnte der Deutsche nicht halten.

Überraschungen:

Die USA ließen den sich außer Form befindlichen Gata Kamsky gegen ihren "Nachbarn" Kanada pausieren, aber immer noch will es nicht laufen für die Nr. 6 der Setzliste. Kanada ging durch einen Sieg von Bator Sambuev gegen Varuzhan Akobian in Führung und nachdem die zwei Spitzenbretter den Punkt jeweils teilten, konnte Sam Shankland nur noch den Ausgleich besorgen.

24. ♘g4 ♖xe4? Stattdessen sieht die Stellung nach

24... ♖e6 noch solide aus für Schwarz.

25. ♗xh6! ♕e6

25... gxh6 26. ♘f6+ und Weiß gewinnt die Dame

26. ♖g5 Weiß hat einen Bauern weniger, aber gewinnt jetzt alles locker zurück.

26... ♘g6 27. h5 ♖f8

27... gxh6 28. ♘xh6+ ♔h7 29. hxg6+ fxg6 (29... ♔xh6 30. ♕h5+ ) 30. ♘f5 ♖e1+ 31. ♔h2 und es gibt keine Rettung für den offenen schwarzen König.

28. hxg6 fxg6 29. ♕g3 b5

29... gxh6 30. ♘xh6+ ♔h7 31. ♖d6 ist keine Verbesserung für Schwarz.

30. ♘e3 ♖f6 31. ♘d5 ♖f5 32. ♖xf5 ♕xf5 33. ♗g5 Einfach und stark. Weiß droht jetzt einfach Se7+

33... ♔f7 34. ♘e3 ♕e5 35. ♖d7+ ♔g8 36. ♕f3 ♕e8 37. ♖a7 ♔h7 38. ♗f6

1-0

Ukraine ist noch so ein Medaillen-Favorit, der nicht richtig in Gang kommt. Das ist sogar untertrieben, denn die Nr. 2 der Setzliste verlor gegen Usbekistan mit 1,5:2,5. Rustam Kasimdzhanov gewann am Spitzenbrett gegen den bis dato indisponierten Vassily Ivanchuk und Anton Korobov wurde von seinem Gegner in einer Stellung mit Mehrbauern ausgetrickst, als er versuchte diesen zu vewerten.

Frauenwettbewerb

Für Wenjun Ju (China) und ihre Kolleginnen ist es bislang eine klare Angelegenheit | Foto: Georgios Souleidis (chess24)

China ist kaum aufzuhalten. Das 3,5:0,5 gegen die bis dahin starken Indonesierinnen spiegelt die Machtverhältnisse wieder. Einzig und allein Xue Zhao holte glücklich einen halben Punkt, nachdem ihre Gegnerin Chelsie Sihite eine totale Gewinnstellung vergab. Ungarn stoppte Irans Höhenflug. Die Ex-Europameisterin Thanh Trang Hoang besiegte am Spitzenbrett Atousa Pourkashiyan und der Rest des Teams schien auch auf Sieg aus, doch am Ende sollte es "nur" zu einem 2,5:1,5 reichen, worüber sich die Ungarinnen aber bestimmt auch gefreut haben.

Russland-Georgien war so spannend, wie man es sich zwischen der Nr. 2 und Nr. 4 der Setzliste vorstellt. Letztendlich gab nach drei Remis der Sieg von Valentina Gunina gegen Bela Kotenashvili den Ausschlag zum knappen 2,5:1,5.

42... ♖c1 43. d7

43. a5 ♕h1+ 44. ♔h3 ♕a8 45. a6 und der weiße Freibauer gewinnt die Partie.

43... ♕h1+ 44. ♔h3 ♕a8 45. ♕xb4 ♕d5 46. ♕b5 ♕e6+ 47. ♔g2 ♖c7 48. a5 ♖xd7 49. a6 ♗d4 50. ♕c4 ♕b6 51. ♕c8 ♖f7 52. ♗xd4+ ♕xd4 53. ♕c2 ♖d7 54. ♗e2 ♕e3 55. ♕c4 ♖f7 56. ♔h3 ♖f2 57. ♕c7+? Weiß hätte noch das Remis halten können mit

57. ♗d3 ♕h6+ (57... ♕d2 58. ♕d4+ ♔h7 59. ♕h4+ ) 58. ♕h4 ♕xh4+ 59. ♔xh4 ♖xh2+ 60. ♔g4 ♖xa2 61. ♔f3

57... ♔h6 58. ♗c4 ♕g5 Der weiße König ist jetzt in der Falle.

59. g4 ♖f3+ 60. ♔g2 ♕xg4+ 61. ♔h1 ♖f2 62. ♕g3 ♕e4+ und Weiß gab auf wegen

63. ♔g1 ♕e1+ 64. ♗f1 ♕xf1#

0-1

Damit läuft es glasklar zum Duell gegen China um Gold in der 7. Runde hinaus, denn nach dem Ruhetag trifft China auf Ungarn und Russland auf Serbien.

Die amtierende Europameisterin Valentina Gunina sorgte gegen Georgien für den entscheidenden Sieg | Foto: Georgios Souleidis (chess24)

Wie bei den Männern läuft es auch bei den ukrainischen Frauen überhaupt nicht. Sie verloren gegen die Serbinnen, die andersherum genau wie die serbischen Männern über Erwartung agieren, mit 1:3 und diese Niederlage ging völlig in Ordnung. Natasa Bojkovic hatte keine Probleme das Spitzenbrett gegen Anna Muzychuk zu halten, während es an Brett zwei und drei überraschende Niederlagen von Maria Muzychuk und Anna Ushenina zu bestaunen gab.

Deutsche Frauen verlieren klar gegen Frankreich

Die deutschen Frauen erwischten gegen Frankreich keinen guten Tag und verloren mit 1:3. Zu  Beginn dachten einige Spielerinnen, dass sie sich falsch vorbereitet hätten, doch die Aufstellung der Tische variiert und verwirrt nicht nur Spielerinnen, sondern auch manchen Fotografen, der manchmal schaut, welches Brett er gerade fotografiert hat - wenn es nicht Carlsen und Co. ist.

Also, Vorbereitung war nicht geplatzt, doch die Französinnen waren an diesem Tag in den entscheidenden Mometen einfach besser. Elisabeth Pähtz spielte am Spitzenbrett zwar eine starke Partie gegen Marie Sebag mit Schwarz und hatte auch eine sehr gute Stellung, die sie aber in starker Zeitnot remis gab. Zu diesem Zeitpunkt war die Niederlage aber eh nicht mehr zu verhindern, da Melanie Ohme und Tatjana Melamed verloren hatten.

Jetzt gilt es für alle Teams einen Tag auszuruhen und sich Tromsø und die schöne Umgebung anzuschauen. Aber vorher steht die traditionelle Bermuda-Party an.

Siehe auch:


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