Berichte 04.08.2018 | 09:03von Colin McGourty

Yu Yangyi gewinnt Turnier der Nachwuchsstars in Danzhou

Yu Yangyi hat die neunte Auflage des Großmeisterturniers von Danzhou gewonnen. Der Chinese lag nach seinem Remis gegen Sam Shankland in der Schlussrunde einen ganzen Punkt vor dem Feld, da seine Verfolger Jan-Krzysztof Duda und Bu Xiangzhi verloren. Yu Yangyi steckte seine Niederlage in der zweiten Runde mit drei Siegen in den nächsten vier Partien gut weg, während der Vietnamese Le Quang Liem durch zwei Siege zum Abschluss noch Zweiter wurde. Das Turnier verlief sehr lebendig und unkalkulierbar.

Yu Yangyi braucht nur noch wenige Siege, um als zweiter Chinese in die Top 10 vorzustoßen | Foto: qipai.org.cn

Die neunte Auflage des Turniers von Danzhou, auf der Insel Hainan gelegen, wurde dieses Jahr mit nur noch acht statt zehn Spielern ausgetragen, doch die Besetzung hätte kaum besser gewählt sein können. Die Teilnehmer wurden aus einer Gruppe von hungrigen Großmeistern ausgesucht, die alle auf dem Sprung in die absolute Weltelite stehen.

Die Live-Elos der Teilnehmer von Danzhou  | Quelle: 2700chess

Mit dabei waren die beiden weltbesten Junioren, der Pole Jan-Krzysztof Duda und der Chinese Wei Yi, sowie drei Spieler, die in den letzten ein oder zwei Jahren einen großen Sprung gemacht haben – der Russe Vladimir Fedoseev, der Inder Vidit und US-Meister Sam Shankland. „Senior” des Feldes war der 32-jährige Chinese Bu Xiangzhi, der Vietnamese Le Quang Liem war mit 27 Jahren schon der zweitälteste Teilnehmer. Gewonnen wurde das Turnier aber von einem Spieler, der in keine der beiden Kategorien passt:


Yu Yangyi ist erst 24 Jahre alt, hat sich aber seit einigen Jahren in der erweiterten Weltelite etabliert und beim Qatar Masters 2014 (mit Siegen gegen Anish Giri und Vladimir Kramnik in den beiden letzten Runden) und beim Capablanca Memorial 2015 schon zwei wichtige Turniersiege errungen. Er steht zwar ein wenig im Schatten seines Landsmanns Ding Liren, aber vor dem Turnier war Yu Yangyi bereits die Nummer 14 der Live-Elo-Liste. Nach seinem Triumph liegt er nur noch sieben Punkte hinter den Top 10. 

Alle Partien aus Danzhou könnt ihr hier nachspielen:

Yu Yangyis letztlicher Turniersieg ist umso bemerkenswerter, da er mit 0,5 aus 2 startete, nachdem er gegen Bu Xiangzhi in Runde 2 eine vermeidbare Niederlage hinnehmen musste. Partienentscheidend war der 66.Zug:


Nach 66.Sh6+? Ke6! 67.Sf7 e4! gewann der schwarze e-Bauer die Partie, doch er hätte an dieser Stelle mit 66.Sxe5! eliminiert werden können. Dafür musste man aber ein entscheidendes Detail sehen, denn nach 66...Kxe5 67.Kf7 Tf1+ 68.Ke7! Ta1 69.g7 Ta7+ 70.Kf8 Kf6 rettet Weiß nur ein Zug:


71.g8=S+! Auch nach der Unterverwandlung hat Weiß nach 71...Ke6 nur einen Remiszug, aber 72.Sh6 hält die Partie.

Yu Yangyi bestrafte Fedoseev für seine modischen Sünden... | Foto: qipai.org.cn

Danach lief bei Yu Yangyi aber alles nach Plan. Wei Yi patzte direkt in der nächsten Runde im Turmendspiel, Vidit ließ einen Damentausch zu, der direkt zu einem verlorenen Läuferendspiel führte und in der Vorschlussrunde stand Vladimir Fedoseev nach verpatzter Eröffnung bereits nach 17 Zügen auf Verlust:


Fedoseev spielte nach 13 Sekunden 17...De7?, dabei war 17...Lg4! der einzige Zug. Weiß kann darauf zwar 18.Dxg4! spielen, aber wenn der Rauch sich verzogen hat, hat Schwarz “nur” einen Bauern weniger. In der Partie konnte Schwarz nach 17...De7 18.Kf1 0-0-0 19.Sxf6 Figurenverlust nicht mehr vermeiden (19...Sxf6 20.Df3!), daher entschied er sich für 19...Th8. Mit 20.Dc2!, was ein Abzugsschach mit dem Springer droht, beendete Weiß aber alle Träume des Schwarzen, den Turm auf a1 zu gewinnen. Fedoseev leistete in der Folge noch großen Widerstand, konnte den wichtigen Sieg von Yu Yangyi aber nicht mehr verhindern.

Vidit zählte ebenfalls zu Yu Yangyis Opfern | Foto: qipai.org.cn

Um ein Haar hätte Yu Yangyi sogar vier Partien in Folge gewonnen, da er auch gegen Jan-Krzysztof Duda klar besser stand, aber am Ende ging er "nur" mit einem halben Punkt Vorsprung auf Duda und Bu Xiangzhi in die Schlussrunde. Dort holte er mit Schwarz ein sicheres Remis gegen Sam Shankland und zwang seine Verfolger damit, ihre Partien zu gewinnen. Dieses Ziel schien zumindest nicht ausgeschlossen, da deren Gegner Wei Yi und Vladimir Fedoseev mit jeweils 5 Remis, 1 Niederlage und 0 Siegen bisher enttäuscht hatten. Beide sind aber kreuzgefährlich und zeigten am Ende Zähne: Fedoseev besiegte Bu Xiangzhi im Turmendspiel, während Wei Yi die zweifelhafte Eröffnungsbehandlung Dudas brutal bestrafte. In der Endphase zeigte der Chinese seine taktischen Fähigkeiten:


34...f4! 35.gxf4 exf4+! und Weiß kann nicht mit 36.Kxd4 den Turm schlagen, da er sonst Matt wird: 36...Lg7+ 37. Kd5 c6# Duda spielte 36.Kxf4, doch nach 36...Td2! war die Partie ebenfalls entschieden.

Yu Yangyi ist also der Sieger eines Turniers mit vielen spannenden Wendungen und Partien:

Doch es gab noch weitere interessante Themen:

Shanklands Serie reißt

Sam Shankland verlor in Danzhou seine ersten Partien in diesem Jahr| Foto: qipai.org.cn

Sam Shankland reiste mit einer unglaublichen Serie von 62 Partien ohne Niederlage an, nachdem er zuvor die US-Meisterschaft, das Capablanca Memorial und die Amerikanische Kontinentalmeisterschaft gewonnen hatte und damit im Alter von 26 Jahren erstmals in den 2700er-Club aufgestiegen war. Natürlich war klar, dass er irgendwann mal wieder eine Niederlage einstecken musste, und in Runde 3 war es dann gegen Vidit so weit. Der indische Großmeister, der ansonsten enttäuschte, zeigte seine beste Partie und schnappte sich den ganzen Punkt. Shankland meinte dazu:  

"62 Partien ohne Niederlagen waren eine großartige Serie, die aber irgendwann reißen musste. Hoffentlich kann ich zurückschlagen und das Unglück überwinden, das mir eine Zeitlang erspart blieb." 

Er demonstrierte die Macht der Autosuggestion, indem er in der nächsten Runde direkt Jan-Krzysztof Duda besiegte, als der junge Pole die Damen tauschte und dabei offenbar die Gefährlichkeit eines Freibauern im Turmendspiel unterschätzte. Shankland war wieder gut im Rennen, doch in der Vorschlussrunde wurde er von Le Quang Liem mit einem hübschen taktischen Schlag erwischt:  


33.Sg4!! und 33...Txe2 führt zu einem Matt in drei Zügen: 34.Sh6+ Kh8 35.Dxf8+ Tg8 und 36.Dxg8# oder 36.Sf7#. Weiß gewann nach 33...fxg4 34.Txe8 die Qualität, doch das größere Problem war die Schwäche des schwarzen Königs. Womöglich hätte es einen schmalen Remisweg gegeben, doch stattdessen endete die Partie nach brutalem Angriff logisch mit einem schönen Schlusszug:


Le Quang Liems 39.De7!! erzwang die gegnerische Aufgabe, da Schwarz nach 39...Txe7 40.fxe7 nichts Besseres hat, als die Dame für einen Bauern zu geben. 

Le Quang Liem wird Zweiter

Le Quang Liem zeigte gute Form | Foto: qipai.org.cn

Le Quang Liem, der zwei Runden zuvor bei -1 gelegen hatte, gewann anschließend auch noch seine letzte Partie und sicherte sich damit den ungeteilten zweiten Platz. Der Inder Vidit unterlag dem Vietnamesen nach einem Fehlgriff in einer schwierigen Stellung mit Minusbauern und kassierte seine dritte Niederlage. Damit landete Vidit zwar auf dem letzten Platz, verlor aber immerhin nur neun Elo-Punkte, was die Qualität des Feldes noch einmal unterstreicht.

Dudas Show geht weiter

Die Niederlage in der Schlussrunde gegen Wei Yi tat sicher weh, aber einmal mehr untermauerte der 20-jährige Duda seinen Ruf als unterhaltsamer Spieler. Der Pole reiste direkt von Dortmund an, doch das tat seinem Kampfgeist keinen Abbruch. In der 1.Runde schlug er Vidit mit Schwarz nach einer Reihe dramatischer Momente:


24...Sxc3! war ein mutiges Figurenopfer, das sich wenig später auszahlte, als Vidit fehlgriff. Es blieb spannend, zumal Zeitnot die Komplikationen nicht leichter machte:


Die weißen Drohungen sind nicht zu unterschätzen, denn das plausible 40...Tc8? verliert zum Beispiel wegen 41.Lh4! und der Drohung Lf6+ nach Wegzug des Turms von g5. Dagegen wäre 40...f4!! der Stein der Weisen gewesen, doch Duda wickelte mit 40...Dxg5+ 41.Dxg5 Tg8 verständlicherweise in ein Endspiel ab, das er in der Folge auf virtuose Weise gewann.

Duda in Kämpferlaune | Foto: qipai.org.cn

In Runde 3 wäre ihm gegen Vladimir Fedoseev um ein Haar eine Glanzpartie geglückt, nachdem er eine Königshatz gestartet hatte, wie man sie auf diesem Niveau nur noch sehr selten sieht:


29.Sg6+! fxg6 30.Tg7+! Sf7 31.Txf7+! Kxf7 32.Dxg6+ und so ging es weiter, bis Fedoseev schließlich seine Dame für den weißen Turm geben und die Partie gerade so eben halten konnte. Selbst dann gelang es Duda noch, die Partie elegant zu beenden, indem er seine Dame auf b4 opferte und ein hübsches Patt erzwang:


Einer der Höhepunkte des Turniers war sicher, wie Duda den zu diesem Zeitpunkt führenden Bu Xiangzhi in der Vorschlussrunde provozierte. 

Duda gönnte Bu Xiangzhi einige brillante Angriffszüge, ehe er einen grandiosen Gegenangriff startete  | Foto: qipai.org.cn

Bus 21.Zug war hübsch: 


21.Lf6! ist ein netter Zug, da Schwarz nach 21...gxf6 und 22.e5! oder 22.Dh6! in größter Gefahr schwebt. Duda war jedoch in seinem Element, denn nach 21...Sbd7 22.e5!? Sxf6 23.exf6 Dxd5 24.fxg7 Tfd8! stand Schwarz schon besser. 25.Dh6 Lb7 26.Te5 Dd3 27.Tc3 Db1+ 28.Kh2 Se4 29.Tc1? war dann der entscheidende Fehler, nach dem Duda eine Gewinnstellung bekam:


Der Computer schlägt 29...Dxb2! als besten Zug vor, doch Duda zeigte, was die Pointe seines letzten Zuges war: 29...Sxf2! 30.Txb1 Sg4+ 31.Kg1 Sxh6. Das folgende Endspiel mit zwei Mehrbauern führte Duda sicher zum Sieg. 

Natürlich gab es bei diesem Turnier auch bittere Momente für ihn – die Niederlagen gegen Shankland und Wei Yi – doch unterm Strich zeigte er sowohl sein riesiges Potential als auch seinen unbändigen Siegeswillen. Wei Yi gewann das direkte Duell und holte gleich viele Punkte, doch mittlerweile muss man sich fragen, ob er die Hoffnungen erfüllen kann, die man vor einigen Jahren in ihn gesetzt hat. Im Vorjahr hatte der 19-Jährige das Turnier noch mit einem Punkt Vorsprung gewonnen und das Feld mit vier brillanten Gewinnpartien in den ersten sechs Runden klar distanziert. Dieses Jahr war er nur ein Schatten des einstigen Angriffsspielers. Hat er zu viel Zeit als Sekundant von Ding Liren verbracht und zu wenig selbst am Brett gesessen?

Er konnte zwar nichts dafür (wenn er 1.e4 spielte, kam 1...e5), aber leider gab es dieses Mal in Danzhou keine grandiosen Sizilianisch-Partien von Wei Yi zu sehen| Foto: qipai.org.cn

Alle Spieler, die in Danzhou an den Start gingen, können den Durchbruch nach ganz oben aber noch schaffen und lieferten vermutlich nur den Vorgeschmack auf das, was noch kommt!   

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