Es ist immer wieder spannend, den Größen der Schachwelt zu lauschen, was sie eigentlich dazu bewogen hat, den Weg einer professionellen Schachkarriere einzuschlagen. Einer unserer jüngsten Artikel handelt beispielsweise von niemand anderem als dem ehemaligen Weltmeister und der aktuellen Nummer 2 der Weltrangliste, Vishy Anand, der zu Beginn des Jahres einen ausführlichen Vortrag vor großem Publikum in seiner Heimatstadt Chennai hielt, in dem er den steinigen Weg seiner Schachlaufbahn von seiner Kindheit bis heute Revue passieren ließ. Wie in anderen Sportarten auch, lässt es sich diesen in der Retrospektive erzählten Werdegängen der Weltklassesportler wunderschön zuhören und doch wirken sie gleichzeitig fern und unerreichbar.
Deswegen möchten wir euch in diesem Artikel einmal einen jungen Schachspieler aus Hamburg vorstellen, der jüngst beschlossen hat, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, sich dem Schachsport professionell zu widmen und dessen Karriere als Schachprofi noch in den Kinderschuhen steckt. Die Rede ist vom 15 Jahre alten Dmitrij Kollars, der aktuell eine ELO von 2437 besitzt, amtierender Deutscher Meister der Altersklasse U16 ist und nach dem erfolgreichen Abschluss der 10. Klasse beschlossen hat, seine Schullaufbahn zugunsten einer Karriere als Schachprofi zu beenden.
Diejenigen, die Dmitrij Kollars und seinen Wegbegleiter, Jonathan Carlstedt, der ihm bei seinem Projekt als Trainer und Manager zur Seite steht, nicht kennen, können die beiden erst einmal beim berühmt berüchtigten Geschwätzblitz begutachten, bei dem sie sich vergangene Woche in unserem Studio in Hamburg unter Beweis stellen mussten:
Gemeinsam mit seinem Trainer, Jonathan Carlstedt, haben wir Dmitrij auf unserer Seite die Gelegenheit gegeben, sich und sein Schachprojekt vorzustellen. Wie ist das eigentlich, wenn man Schachprofi werden möchte? Was gibt es in der Planungsphase zu beachten? Wie genau soll der Trainingsablauf aussehen? Der folgende Artikel von Jonathan Carlstedt gewährt uns einen kleinen Einblick in all diese Fragen:
Was ist der Weg eines jungen Menschen heutzutage? Kindergarten, 4 Jahre Grundschule und je nach Schulsystem 8-9 Jahre Gymnasium mit Abitur oder mittlerer Reife. Anschließend eine Phase, in der man reist, andere gehen sofort ins Studium oder in die Ausbildung und machen Karriere. Dieser Lebensplan ist für viele Menschen der Richtige und zu empfehlen. Bei Dmitrij Kollars liegt der Fall anders.
Ich kenne Dmitrij seit Mai 2013, als er in der
Altersklasse U14 bei den Deutschen Meisterschaften in Oberhof in der
ersten Runde gegen einen meiner Schüler spielte. Mein Schützling
war Außenseiter, konnte aber ein Remis erspielen und das sogar aus
der Position der Stärke. Doch schon damals, sowie man eben Leute
gelegentlich schnell versucht einzuschätzen, fiel mir Dmitrijs große
Fokussierung auf den Schachsport auf.
Eigentlich bin ich kein Fan des Konzeptes des Schicksals. Deswegen erzähle ich die Geschichte einfach so weiter. Auf der Rückreise löste ich ein Ticket, gleichzeitig mit Dmitrij und seinem Vater Michael. Wir hatten die gleiche Reiserichtung, Familie Kollars wollte nach Bremen, ich nach Hamburg. Wir verstanden uns von Anfang an gut, der Draht stimmte und die Philosophie zum Leben im Allgemeinen lag auch nicht sonderlich weit auseinander. Sympathie war da, trotzdem wurde kein weiterer Kontakt vereinbart.
Umso freudiger war ich dann, als im September 2013 auf ein Mal das Handy klingelte und Michael Kollars am anderen Ende der Leitung war. Mein Terminplan war damals schon voll, aber nicht so voll, dass ich nicht die Zeit für einen wie Dmitrij hätte. Er suchte nämlich einen neuen Trainer. Ich sagte zu und wir verabredeten sehr kurzfristig einen Termin.
Mein Eindruck bestätigte sich, die Chemie stimmte. Zu diesem Zeitpunkt im September 2013 hatte Dmitrij, damals gerade 14 Jahre alt geworden, eine Elo und DWZ von 2100. Doch beim Training merkte ich schnell, dass die Trainer vor mir gute Arbeit geleistet hatten. Seine Rechenkraft und seine Leidenschaft zum königlichen Spiel sowie der Wille zur Arbeit im Verbund mit seinem Talent waren außergewöhnlich. Doch was fehlte Dmitrij um die Fortschritte zu machen? Ein Rätsel, das für mich nicht einfach zu lösen war, bis ich anfing, ihn besser zu verstehen.
Als Sohn einer Sozialpädagogin habe ich ohnehin diesen fürsorglichen „Touch“ und so meinte mir aufzufallen, dass Dmitrij eine Stütze brauchte. Klar, einige Dinge konnte ich ihm beibringen, so spielt er viele Varianten meines Repertoires (inzwischen viel besser als ich). Aber das war nicht der entscheidende Punkt. Denn Dmitrij brauchte Sicherheit, jemand der an ihn glaubte, der sich vor ihn stellte, wenn es sein musste. Der die Probleme dieser Welt von ihm fern hielt. Es war aber nicht nur Sozialromantik, sondern auch Geld. Denn die Kämpfer-Eigenschaft die einigen Talenten fehlt, hatte Dmitrij auf den Weg bekommen, weil er auch weiß, dass das Leben gemein sein kann. Mit dem goldenen Löffel ist er nicht geboren. Ich sammelte also Geld und finanzierte so zahlreiche Turniere von Dmitrij. Der Erfolg dieser Strategie ging schnell auf und Dmitrij entwickelte sich traumhaft. Das erste richtige Ausrufezeichen setzte er im April 2014. Ich erkrankte an einer Allergie und musste somit die erste gemeinsame Reise zu einem Turnier (Neckar-Open) absagen, konnte aber kurzfristig, quasi aus dem Krankenhaus, noch das Turnier in Norderstedt von Ani-Chess klarmachen. Am Ende verpasste Dmitrij seine erste IM-Norm um einen halben Punkt. Das war ihm bis zur letzten Runde gar nicht klar. Hier zeigte sich aber bereits, dass nun der Knoten geplatzt war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er die 2200 erreicht (der K-Faktor 40 galt noch nicht).Ein wichtiger Zwischenerfolg war dabei die Deutsche Vizemeisterschaft in der U16 als jüngerer Jahrgang unter anderem mit folgendem tollen Sieg:
Danach sammelte er fleißig Punkte, bis zum Oktober 2014 stand er bei ca. 2270. Dann platzte die Bombe, begünstigt durch den neu eingeführten K-Faktor. Zunächst belegte er beim Open in Bad Harzburg einen starken 2.Platz, als Vorbereitung auf seine erste Deutsche Meisterschaft bei den Erwachsenen.
Bei der Deutschen Juniorenmeisterschaft startete er mit
Wild-Card und als einer der jungen Talente, aber auch als
Außenseiter. Doch alle die zuvor vielleicht die Stirn runzelten, ob
so ein junger Spieler bereit ist für die Deutsche Meisterschaft, wurden gestraft. Dmitrij belegte einen grandiosen 8.Platz und
sicherte sich seine erste IM-Norm und alles in allem den Sprung auf
2476 Elo im Februar 2015.
Dabei spielte er folgende starke Partie gegen den Nationalspieler Igor Khenkin:
Davon hat er inzwischen mit einer Elo
von 2439 wieder ein paar Punkte eingebüßt, trotzdem ist er damit deutsche
Spitze und auch europa- und weltweit in der U16 vorne mit dabei. Im März machte Dmitrij
seine zweite IM-Norm beim IM-Turnier im spanischen Granada.
Beim anschließenden Neckar-Open startete Dmitrij gut und spielte sich in eine aussichtsreiche Position. Nach dem anstrengenden Turnier in Granada ging ihm aber ein wenig die Puste aus und so reichte es nicht ganz zur Norm. Dafür aber zu folgender sehr schönen Partie:
Nach
einer kleinen Pause ging es für Dmitrij zum IM-Turnier nach
Bargteheide. Hier
war die dritte Norm auf jeden Fall drin, allerdings blieb hier leider
der eine oder andere „freie“ halbe Punkt auf der Strecke liegen, sodass er vor der letzten Runde noch 1,5 Punkte brauchte, etwas, wie
die Mathematiker unter uns sofort merken werden, ein schwieriges
Unterfangen ist. Aber trotzdem macht er die letzte Runde zur „Partie
des Turniers“!
Der
Stand heute ist: 15 Jahre alt, 2437 El0, 2 IM-Normen.
Wenn man Filme schaut, irgendwelche Hollywood-Schnulzen, dann ist der Held meistens der, der ein ungewöhnliches Leben hat. Nach dem Film kommen die Menschen aus dem Kino und gucken leicht melancholisch und man hört Sätze wie: „Ich bewundere, wenn Leute ihren Traum leben.“ Nun gibt es den Praxistest. Dmitrij beendet mit mittlerer Reife die Schule in Bremen und wird mit mir in eine große Wohnung in Hamburg ziehen, wo ich seinen Trainingsablauf überwache, organisiere und alles tue, damit er sich voll auf sein Schach konzentrieren kann.
Dmitrij und ich sind gewillt dieses Projekt
zum Erfolg zu machen und wir suchen weiterhin Unterstützung und
Unterstützer, auch wenn der Zuspruch aus allen möglichen Ecken
bisher schon überwältigend war. Die Namen aller zu nennen, wäre vom
Umfang zu viel. Denn niemand verdient damit Geld, niemand will sich
persönlich profilieren, sondern alle wollen ein in Deutschland
einzigartiges Projekt mitgestalten. Aber natürlich gibt es auch
Kritiker und wir sind weit davon entfernt, diese nicht ernst zu
nehmen. Doch wer glaubt, dass wir ein solches Projekt einfach so mal
machen, ohne auch uns unsere Gedanken zu machen, der liegt
falsch.
Ein außergewöhnlicher Weg, kein Abitur, kein
Studium, sondern das königliche Spiel als Beruf. Wir werden hart
arbeiten, um Dmitrij nach vorne zu bringen und sind dankbar über jede
Unterstützung, die wir erhalten.
Die Wohnung ist unter Dach und Fach. Derzeit sind
für uns 3 Dinge zu klären.
1. Sponsorensuche
2.
Turnierplan
3. Training/Trainingspartner/Trainer
Die
Sponsorensuche gestaltet sich wie erwartet schwierig. Denn dieses
einzigartige Projekt hat keine Vorbilder in Deutschland. Deshalb sind
wir hier weiter auf der Suche nach einer Firma, einem Unternehmen,
das wie wir an dieses Projekt glaubt.
Bisher haben private Unterstützer Geld zugesagt. Eine unglaubliche
Hilfe.
Der Turnierplan steht. Dmitrij wird die Europa
und Weltmeisterschaft in der U16 spielen und ansonsten vor allem an stark
besetzten Turnieren, u.a. in Dänemark, Griechenland und Gibraltar
teilnehmen. Aber auch die Deutsche Meisterschaft, sowie
Bundesligaeinsätze beim HSK stehen an.
Dmitrijs Training soll
abwechslungsreich sein, deshalb werde ich darauf achten, dass uns
immer wieder starke Spieler aus Hamburg besuchen um mit ihm
Trainingsmatches zu spielen, Aufgaben im Wettbewerb lösen und
einfach Eröffnungen analysieren. Außerdem werden wir mit der Hilfe
des Hockey-Nationaltrainers
einen Trainingsplan entwickeln, der auch auf die physischen und
mentalen Anforderungen des Schachprofis abgestimmt ist. Und zu guter
Letzt arbeiten wir mit Trainern zusammen, die Dmitrij in den
verschiedenen Bereichen voran bringen sollen.
Es sind spannende Monate, die wir hinter uns und vor allem vor uns haben. Dmitrij und ich sind ein Team. Meine Aufgabe ist es, ihm zu ermöglichen, sein volles Talent auszureizen. Er wird hart arbeiten und alles tun, um so weit wie möglich zu kommen. Es ist ein ungewöhnliches Projekt, wir danken allen die von Anfang an mit voller Tatkraft an unserer Seite stehen. Dazu gehört auch das Team von chess24, die uns auf ihrer Seite die Möglichkeit geben, unser Projekt vorzustellen. Eine junges dynamisches Team, wie es chess24 ist, mit dem Mut auch ungewöhnliche Projekte zu unterstützen, dafür ist ein großer Dank fällig.
Bei weiteren Fragen, wendet euch gerne an mich:
Carlstedt-Schachtraining@emailn.de
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