Berichte 03.11.2019 | 15:33von Colin McGourty

Wesley So spielt Magnus Carlsen an die Wand und wird erster offizieller Chess960-Weltmeister

Wesley So spielte Magnus Carlsen mit 13,5:2,5 förmlich an die Wand und wurde nicht nur erster offizieller FIDE Chess960 Weltmeister, sondern gewann auch noch das Preisgeld von 125.000 Dollar. Er hätte seinen Gegner gleich in der ersten Schnellschachpartie besiegen können, nahm aber in Gewinnstellung ein Unentschieden mit und gewann dann anschließend mit großer Leichtigkeit die nächste Partie. Ian Nepomniachtchi ließ sein Halbfinale in Vergessenheit geraten und besiegte Fabiano Caruana. Damit sicherte er sich auch gleichzeitig den dritten Platz im Henie Onstad Art Center in der Nähe Oslos.

Carlsen besiegte Caruana im Halbfinae, aber Wesley So machte wahrlich Kleinholz aus Magnus und gewann den Weltmeistertitel im Chess960 | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien der Chess960 WM kannst du hier nachspielen:

Wesley So 13,5:2,5 Magnus Carlsen

Am dritten Tag hatte Magnus sich bereits mit der Niederlage abgefunden | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So meinte im Anschluss an seinen WM-Erfolg:

Es ist ein tolles, großartiges Gefühl. Gestern konnte ich, ehrlich gesagt, gar nicht schlafen, da ich sehr nervös und gleichzeitig aufgeregt war. Ich wusste, dass man bei einem Rückstand von 9 Punkten eigentlich nicht mehr ins Match zurückkommen kann, aber bevor ich den Titel sicher hatte, war ich mit darüber nicht absolut sicher.

Seine 10,5:1,5 Führung bedeutete, dass ein Damoklesschwert über Magnus Carlsens Kopf hing - Wesley brauchte nur einen Sieg im Schnellschach, um den Titel zu holen, während für Magnus jede Partie praktisch eine Must-Win-Situation war. Nichts an dem, was im Match zuvor geschehen war, deutete jedoch darauf hin, dass der amtierende Weltmeister irgendwelche Hoffnungen hatte, obwohl die lokalen Zuschauer natürlich Wundertaten von ihrem Helden erwarteten.

Doch wieder einmal wirkte Magnus menschlich. Er hatte zwar die weißen Steine, aber alsbald war es Wesley So, der die eine offene Linie ergriffe und eine strategisch dominante Stellung aufgebaut hatte. Wesley kritisierte Carlsens passives 20.Lb1, aber vorher sah es schon düster aus. Magnus entschied, dass er nach 22....b6 etwas tun musste:


Der Computer behauptet, dass die beste Option von Weiß in 23.c5!? besteht, aber wie Wesley anschließend betonte, führt das nur zu vielen Abtauschaktionen und einem soliden Vorteil für Schwarz. Magnus spielte stattdessen 23.Sa5!? Sc5! 24.Sc6+ Kb7 25.Sa5+ Ka8 26.Sc6 und war bereit, eine Zugwiederholung einzugehen. Hier übernahm der manchmal (für seine Gegner ebenso wie für seine Fans!) übertriebene Pragmatismus von Wesley So das Kommando. Er entschied sich, das Remis mitzunehmen: "Ich habe Schwarz und im Chess960 ist ein Remis mit Schwarz fast immer ein gutes Resultat".

Remis in der ersten Partie zwischen Magnus Carlsen und Wesley So. Magnus hält die Hoffnungen am Leben, aber So kommt dem WM-Titel näher.

Er war ein wenig schockiert, als er zurück in sein Zimmer kam, um festzustellen, dass Computer ihm nach z.B. 26...Ld7! einen Vorteil von drei Bauerneinheiten auswiesen und er einfach den Springer auf c6 schlägt und dann den Bauern gewinnt. Wesley hielt die Bewertung für zu hoch für eine Position, in der das Material noch gleich war, aber wenn der "Angriff" von Weiß neutralisiert wurde, würden alle strategischen Vorteile von Schwarz erhalten bleiben. Die Chance, vier Partien hintereinander gegen Magnus zu gewinnen, wird wohl kaum bald wiederkommen!

Es wäre verständlich gewesen, wenn Magnus das Licht der Scheinwerfer zeitnah verlassen wollte| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

So oder so, das Remis bedeutete, dass Carlsen nun wirklich jede Partie gewinnen musste. Doch zum wiederholten Male holte er nichts aus der Eröffnung. Der Zug 7.Sf5! schien in kalt erwischt zu haben:


Es ist eine der Kuriositäten des Chess960, dass die unbekannten Startpositionen auch einen Weltmeister dazu bringen können, einen Doppelangriff - hier auf die Bauern e7 und g7 - bereits im siebten Zug zu übersehen. Es stellte sich vielleicht als nicht das schrecklichste "Bauernopfer" der Welt heraus. Dann aber war es beeindruckend, dass Wesley das Material für Entwicklungsvorsprung freiwillig zurückgab:


15.0-0! (danach steht der König auf g1 und der Königsturm auf f1) war eine dieser lustigen, "langen" kurzen Rochaden im Chess960. Danach hatte Weiß auch einen sehr gesunden Vorteil, der Magnus zu 15...g5 16.Se2 e5? 17.g3 0-0-0 provozierte, was fast die Definition eines verzweifelten Opfers war. Wesley So nahm das Material dankend an und gewann mit präzisestem Spiel. Nach 29.Txf4! hatte Magnus genug gesehen und gratulierte seinem Gegner:

Glückwünsche an Wesley So zum Gewinn der Chess960 Weltmeisterschaft, nachdem er innerhalb von 5 Partien 4 Siege gegen Magnus Carlsen einfuhr

Die einzige Verteidigung zur Abwehr des schnellen Matts lautet 29...b5, doch dann wäre 30.Ta4+ bxa4 31.Da5+ durchschlagend.

Wesley So war der einzige Spieler, der wirklich glücklich bei der Siegerehrung lachen konnte! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So gewann 4 Partien und remisierte 2, womit er das Match gegen Magnus so sehr dominierte, wie es keiner vorhersagen konnte. Während der ganzen WM blieb er ungeschlagen und holte bereits gegen Ian Nepomniachtchi 3 Siege und 4 Remis im Halbfinale. Seine Gedanken kreisten bereits um die Titelverteidigung:

Es ist die erste offizielle Meisterschaft, von daher bin ich glücklich, sie gewonnen zu haben. Die zweite WM wird viel kniffliger und komplizierter, da bin ich mir sicher. Denn oftmals gewinne ich das erste Turnier, aber danach nie wieder. Naja, zumindest habe ich die erste Auflage gewonnen!

Aus Magnus Carlsens Sicht ist es unwahrscheinlicher, dass seine Motivation gestiegen ist, ein klassisches WM-Match vor heimischem Publikum in Norwegen zu spielen. Andererseits ist es genauso unwahrscheinlich, dass er jemals wieder ein so schlechtes Match abliefern wird!

Ian Nepomniachtchi 12,5:5,5 Fabiano Caruana

Zu Beginn des Spiels um Platz 3 schien es fast so, als hätte Ian bereits aufgegeben, doch er schaffte das Comeback und sicherte sich damit 50.000 Dollar Preisgeld | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So hat Magnus im Finale zerstört, was Ian Nepomniachtchi vielleicht ein besseres Gefühl für sein eigenes Leiden gegen Wesley im Halbfinale gab. Er hat auch seine Match am letzten Tag überzeugend gewonnen. Ian ging lediglich mit einer 3-Punkte Führung in den Tag, baute diese dann aber beeindruckend auf 6 Punkte aus, auch wenn diese Partie ein erstaunliches Beispiel gegenseitiger Schachblindheit gewesen sein mag. Nach 30.Rd7! schaffte Fabiano seinen Springer aus dem Weg und griff den weißen e6-Bauern mit 30...Th6??! an, obwohl der Zug einen leichten, kosmetischen Fehler hatte:

Nepo gewinn schließlich nach 31.e7, aber es gab keinen Grund, nicht einfach den Turm auf h6 zu nehmen :)

Ja, 31.Dxh6 hätte die Partie auf der Stelle entschieden. Zwar machte auch 31.e7 nichts kaputt, aber nach 31…Tf6 32.Txh5 De8 33.Tc7 e3 konnte Nepo noch einmal seine taktischen Fähigkeiten demonstireren:


34.Txc8+! Dxc8 35.Dxc4! und Fabiano gab auf, denn er kann nicht auf c4 zurückschlagen, da sonst der e-Bauer zur Dame gehen würde.

Das Match ging trotz der nächsten Partie noch weiter, da ein spektakulärer Opferangriff von Nepo mit den schwarzen Steinen nur für Dauerschach, aber nicht für mehr reichte. Trotz einer neuen Ausgangsposition für Partie 3 hatte Nepo wieder Schwarz und startete einen fast identischen Angriff. Diesmal gab es jedoch kein Dauerschach und Nepo beendete das Match fünf Partien vor Toreschluss:

Ian Nepomniachtchi holt sich Platz 3, indem er Fabiano bei der Chess960 WM mit 12,5:5,5 schlägt.

Alle Matches im Finale und Halbfinale wurden damit bereits vor den Blitzpartien entschieden.

Am Samstag war der Spielort prall mit Zuschauern gefüllt, doch das war der Tag mit der geringsten Action | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Für Ian Nepomniachtchi war das nur ein Aufwärmen für das eigentliche Ziel, sich für das Kandidatenturnier 2020 über die Grand Prix-Serie zu qualifizieren. Er gewann die erste Veranstaltung in Moskau und liegt derzeit auf dem dritten Platz, und das, obwohl er noch zwei Turniere spielen darf - am Dienstag startet er in den Hamburger FIDE Grand Prix, während er im Dezember in Jerusalem spielen wird.

Wesley So wird es knifflig haben, seine Trophäe mit nach Hause zu schleppen, doch beklagen wird er sich wohl auch nicht...| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So wird beim Kandidatenturnier nicht dabei sein und hat damit keine Chance, sich nächstes Jahr für ein WM-Match gegen Magnus zu qualifizieren. Doch wird er bald wieder am Brett sitzen. Zusammen mit Fabiano Caruana macht er sich auf in die rumänische Hauptstadt Bukarest zum letzten Event der Grand Chess Tour, dem Superbet Schnellschach & Blitz, das am Mittwoch beginnt.

Magnus Carlsen ist der einzige Spieler, der anscheinend vor dem Tata Steel Chess Schnellschach- und Blitzturnier eine kleine Pause nehmen konnte. Doch nein, er war sofort wieder in Aktion!

Am Sonntag wird Carlsen sein Debüt in der 1. Norwegischen Liga für Offerspill SK feiern, wo er gegen den 17 Jahre alten FM Andreas Trygg antreten wird. Vermutlich wird das seine erste, nicht live übertragene Partie sein, seitdem er 2014 überraschend zu einer Partie eines Mannschaftskampf erschien.

Carlsen und der Rest des Teams OfferspillSK bei ihrem ersten Mannschaftskampf.

Für weitere Details über die kommenden Veranstaltungen, schau einfach ein unseren Schachkalender für 2019.

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