Berichte 02.11.2019 | 22:35von Colin McGourty

Wesley So gewinnt drei Partien in Folge gegen Magnus Carlsen

Wesley So braucht nur noch einen Sieg oder zwei Remis in den Schnellschachpartien, um den Sieg bei der Chess960-WM für sich zu reklamieren, nachdem er am Freitag beide 45-Minuten Partien gegen Magnus Carlsen gewann - und ihm damit drei Niederlagen in Folge zufügte. "Weisheit des Tages: Auf 180 sein ist nicht das Beste, wenn du Schachspieler bist", merkte Ian Nepomniachtchi an. Magnus Eröffnung in der zweiten Partie war mit schachlichen Gründen schwer zu erklären: 1.a4, 2.a5, 3.a6. Im Match um Platz 3 fährt Ian gegen Fabiano mit 7,5:4,5.

Magnus Carlsen hat bereits viele Matches gespielt, aber drei Partien in Folge zu verlieren ist auch für ihn eine neue Erfahrung | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Alle Partien der Chess960 WM kannst du hier nachspielen:

Wesley So 10,5:1,5 Magnus Carlsen

Es war nicht der Tag des Weltmeisters | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So fasste den zweiten Tag des Finals so zusammen:

Heute war offenkundig nicht Magnus' Tag, von daher ist es schön, dass ich seine Schwächephase ausnutzen konnte. Aber die wird nicht ewig anhalten.

Fabiano Caruana meinte dazu, dass "ein schlechter Tag typischerweise das Match beendet" und doch: Wenn irgendwer einen Rückstand von 9 Punkten aufholen kann, dann ist es Magnus, auch wenn es bei seiner aktuellen Form gegen Wesley So unwahrscheinlich erscheint.

Wie der Tag laufen würde, war früh klar. Wesley eröffnete mit 1.e4 und Magnus, der drei Punkte im Rückstand war, spielte wie im Franzosen mit 1...e6, 2...d5 und 3...c5!?. Der kiebitzende Hikaru Nakamura machte eine interessante Beobachtung:

Wenn du im Chess960 hintenliegst, ist es schwer, ein Comeback hinzulegen. Denn die Natur im Chess960 liegt darin, dass du mit Schwarz oft symmetrisch spielen solltest, was aber die Gewinnchancen reduziert.

In diesem Fall wäre 1...e5 in ein "Königsgambit" mit 2.f4! gerannt, doch war es auch offensichtlich, dass Magnus die Eröffnung aggressiv angehen wollte. Das sollte aber ein Schlag ins eigene Kontor werden, denn die Computer geben Weiß bereits einen gesunden Vorteil nach Zug 4:

Ein mutiger Beginn von Magnus!

Bald wurden die Damen getauscht und, obwohl Magnus für eine Weile wohl dem Ausgleich nahe war, wurde er im Mittelspiel ausgetrickst, als Wesley die Kontrolle über die Stellung übernahm und sich daran machen konnte, seinen Raumvorteil in etwas Greifbares zu verwandeln. Nach 31.Sfd4! war Schwarz bereits in großen Schwierigkeiten:


Schwarz hatte das Problem des "schlechten" französischen Läufers nie gelöst, und Wesley war bereit, mit Sc3-e4 fortzusetzen. was den Druck auf die schwarze Stellung erhöhte. Magnus entschied sich, dass er mit 31...g5!? zu Gegenspiel am Königsflügel übergehen musste. Er hätte vielleicht noch entkommen können, wenn er sein Bestes gegeben hätte. 34.Sc3 warf den Vorteil von Weiß zumindest nach Ansicht der Computer weg, aber die Partie entglitt dem Weltmeister nach 37.Sd6 entscheidend aus der Hand:


37…Sxe5 und Schwarz hätte noch Gegenwehr leisten können, aber nach 37…Sd4+? 38.Ka4! ist der weiße b-Bauer einfach zu stark und beschützt. Magnus gab im 60. Zug auf.

Wesley So schlagt Magnus Carlsen zum wiederholten Male und hat nun 6 Punkte Vorsprung vor dem Weltmeister!

Der Abstand betrug nun 6 Punkte und verzweifelte Zeiten schienen verzweifelte Maßnahmen für Magnus zu erfordern. Wesley kommentierte: "Ich denke, 1.e4 ist der beste Zug, und Schwarz muss hart kämpfen, um auszugleichen." Er erklärte auch, dass er sich natürlich vor der zweiten Partie darauf vorbereitet hatte, also entschied sich Magnus stattdessen, eine Überraschung mit 1.a4!? zu präsentieren. Es war eine spielbare Option und tatsächlich sogar die dritte Wahl von Stockfisch bei einer Tiefe von 22, aber was folgte, wurde immer schwieriger zu rechtfertigen: 1...e5 2.a5!? d5 3.a6!??

Ok, ich bin mir sicher, dass ich bereuen werde, das zu sagen, aber Carlsens Eröffnungsbehandlung verstößt einfach gegen zu viele Eröffnungsprinzipien. Das sieht nach blinder Wut aus.

Wesley merkte an, dass "der a-Bauer lange Zeit ein Pfahl im Fleische ist" und es mag auch Eröffnungsprinzipien verletzt haben, aber Magnus war damit noch nicht am Ende seines Lateins. Es folgte 3…b6 4.d3?! Sd6 5.e4 dxe4 Sxe4:


Hier war 7.De2? ein fehlgeleiteter Bauernraub, nachdem die weiße Stellung in Trümmern liegt: 7…f5 8.f3 Sd6 9.Dxe5 (es ist bereits zu spät, das nicht mehr zu spielen) 9…Lf6! 10.Df4 0-0-0 11.Sge2?! g5! 12.De3:


Wir sind es nicht gewohnt, Magnus Carlsen nach 12 Zügen auf verlorenem Posten stehend zu sehen, aber das war die Situation, als Wesley mit dem brutalen, aber einfachen 12...Lxb2! weitermachte. 13.Kxb2 scheitert natürlich an 13...Sc4+. Magnus konnte mit 13.Lc3 Lxc3 14.Sxc3 die Partie fortsetzen, hatte aber schlicht einen Bauern weniger und kaum noch einen sicheren König. Wesley suchte hier nach einem Ausmacher, fand aber keinen. Doch seine Entscheidung, die Damen zu tauschen und einen weiteren Bauern zu gewinnen, war vielleicht noch schlimmer für Magnus vom psychologischen Standpunkt aus gesehen. 

Magnus, ein Schatten seiner selbst... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Und das ist die Stellung nach 19…Txg2:


Magnus erinnerte uns eine Zeit lang daran, wer er ist, indem er sich hartnäckig verteidigte. Aber Bauern sind nun mal Bauern und Wesley kam nie vom rechten Pfad ab und brachte seinen Vorteil in einem Turmendspiel nach Hause.

Wow. Magnus Carlsen gibt auf und hat damit drei Partien in Folge gegen Wesley So verloren.

Magnus verlor zuletzt beim Sinquefield Cup zwei Partien in Folge gegen den gleichen Gegner (im Tiebreak gegen Ding Liren), aber drei Partien in Folge ist womöglich einzigartig. Es ging aber nicht nur um Magnus' Niederlagen, sondern die Art und Weise, wie sie zu Stande kamen. Wesley spielte einfach sehr dominant. Fabianos Meinung dazu war:

Es war nicht so, dass die Partien heute Ausrutscher waren. Er wurde in beiden Partien von Beginn an von Wesley überspielt.

Nach wackligem Beginn hatte Wesley gegen Magnus alles unter Kontrolle | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Ian Nepomniachtchi, der zu dem Thema ein wenig Erfahrung hat, schrieb auf Twitter:

Weisheit des Tages: Auf 180 sein ist nicht das Beste, wenn du Schachspieler bist

Magnus Carlsen ist natürlich die letzte Person auf der Welt, die man abschreiben sollte, aber nur ein nahezu perfekter Finaltag könnte ihm noch helfen, Wesley abzufagen, damit er Chess960 Weltmeister wird. Magnus braucht 11 der restlichen 12 Punkte, während Wesley nur 2 braucht, die er in beispielsweise durch einen Sieg im Schnellschach bekommen könnte.

Magnus ist auch vielleicht nicht in der perfekten Stimmung für Heldentaten:

Ian Nepomniachtchi 7,5:4,5 Fabiano Caruana

Am "Brett der Schande" gehts enger zu! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Das einzige Trostpflaster für Magnus, zumindest in der ersten Partie, war, dass er aus der Eröffnung nicht am allerschlechtesten aus dem Quark kam. Diese Ehre fiel Fabiano Caruana zu, der schnell einen Bauern weniger und eine hoffnungslose Stellung hatte, wie Ian Nepomniachtchi mit 35.Tc4 eindrucksvoll betonte!


Weiß hat alles unter Kontrolle und es droht d4 oder a4-a5. Nepo holte sich den Sieg und damit eine 3 Punkte Führung im Match. Danach erzählte er eine Geschichte, wie er 2008 in Mainz zu einem Knockout mit 4 Spielern kam. Morozevich spielte schlecht und verlor im Halbfinale, war dann aber im Spiel um Platz 3 brillant aufgelegt. Vishy Anand kommentierte damals: "Morozevich beginnt, gut zu spielen, wenn das Turnier bereits vorbei ist!"

Nepo tat dasselbe und hatte mit Schwarz alsbald einen Bauern mehr in der zweiten Partie und war kurz davor, das Match in der zweiten Partie zu gewinnen, aber am Ende besiegelte eine Zugwiederholung das Remis. Es wird eine schwierige Aufgabe für Fabiano, aber mit zwei Siegen im Schnellschach würde er die Führung übernehmen - es ist "nichts" im Vergleich zu Magnus' Ausgangssituation!

Können die lokalen Fans wenigstens noch ein paar Partien ihres Helden am Finaltag erleben? | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die Partien kannst du dir hier ansehen

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