Berichte 11.09.2019 | 12:22von Colin McGourty

Weltcup Khanty, 1.1: Aufstand der Jugend

Die Niederlage von Radek Wojtaszek mit Weiß gegen die Nummer 113 der Setzliste, Johan-Sebastian Christiansen, war die größte Überraschung der ersten Runde des Weltcups in Khanty-Mansiysk. Insgesamt gab es nur vier Außenseitersiege, wobei Niclas Huschenbeth mit einem Sieg gegen die ehemalige deutsche Nummer 1 Arkadij Naiditsch ein beachtlicher Prestigeerfolg gelang. Außerdem besiegte der 17-jährige Andrey Esipenko Ex-Weltmeister Ruslan Ponomariov und der 15-jährige Nihal Sarin den Peruaner Jorge Cori. Auch die anderen Nachwuchsstars Nodirbek Abdusattorov, Alireza Firouzja, Jeffery Xiong und Sam Sevian konnten überzeugen.

Dem 15-jährigen Inder GM Nihal Sarin gelang, bewaffnet mit Milchflaschen seines neuen Sponsors Akshayakapla, ein überraschender Sieg gegen Jorge Cori |Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Alle Partien des Weltcups 2019 könnt ihr hier nachspielen:

Und hier die Bilder von der Live-Übertragung der ersten Runde:


Natürlich ist es unmöglich, sich alle 64 Matches der 1. Runde des FIDE Weltcup anzuschauen, daher konzentrieren wir uns auf einige Höhepunkte:

Überzeugendster Favoritensieg

Es war sicher keine Überraschung, dass Ding Liren der erste Partiegewinn beim Weltcup 2019 gelang | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

In der 1.Runde des Weltcups treffen traditionell viele Favoriten auf totale Außenseiter, und so war es auch an vielen Brettern in Khanty-Mansiysk. Ding Liren kam mit seinem Sieg gegen Magnus Carlsen beim Sinquefield Cup im Gepäck nach Russland und traf auf einen Spieler, der über 900 Elo-Punkte weniger auf dem Konto hat als der Weltmeister – den 52-jährigen FM Shaun Press aus Papua-Neuguinea. Obwohl sich der Außenseiter zunächst gut wehrte, blieb die Überraschung aus, denn der Chinese sorgte mit einem hübschen Damenrückzug für den ersten Partiegewinn des diesjährigen Weltcups:

Ding meinte nach der Partie:

Ich kam mit einem Sieg in den USA hierher, daher fühle ich mich gut. Ich stehe nicht so sehr unter Druck, da ich meinen Platz im Kandidatenturnier womöglich schon sicher habe, immerhin ist mein Elo-Vorsprung sehr groß. Aus diesem Grund will ich einfach das Turnier genießen.

Auch andere Topspieler wie Anish Giri, Maxime Mamedyarov und Shakhriyar Mamedyarov zeigten auf unterschiedliche Art, wie man schwächere Gegner eindrucksvoll besiegt. 

MVL widerlegte ein ambitioniertes Bauernopfer des Nigerianers Daniel Anwuli | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Es gab Endspielsiege wie die von Sergey Karjakin und Harikrishna, einfaches Schach von Leinier Dominguez, einen hübschen Angriff von Yu Yangyi oder ein doppeltes Bauernopfer von Alexander GrischukWesley So brauchte 45 Züge, um den Costa Ricaner Sergio Duran Vega zu besiegen, aber die Partie war im höheren Sinne schon nach der taktischen Bestrafung von 17…Dc8?  entschieden:


18.Sxa7! Sxa7 19.Lxb6 und Weiß hatte einen Bauern gewonnen.

Der überzeugendste Sieg gelang jedoch Ian Nepomniachtchi, der im Interview danach einmal mehr betonte, dass er K.O.-Turniere wegen des Glücksfaktors nicht für die besten Qualifikationsturniere halte. Gleichzeitig gab er bekannt, dass er kommenden Monat das neue „FIDE Grand Swiss“ auslassen werde und seine Energien (wörtlich sprach er von „Leben retten“) für den Weltcup und den Grand Prix bündeln wolle.   

Ian Nepomniachtchi wurde nach einer starken Partie von Eteri Kublashvili interviewt | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Sein Gegner, der talentierte Mongole Sugar Gan-Erdene, wusste nicht, wie ihm geschah!


23…b3! war vermutlich der Moment, in dem Sugar realisierte, dass dies nicht sein Tag werden würde, und es sollte noch schlimmer kommen: 24.c3 bxa2+ 25.Kxa2 Lxd6 26.Dxd6:


Der weiße König steht ein wenig luftig, aber auf den ersten Blick scheint Weiß alles unter Kontrolle zu haben … doch Nepomniachtchi schleuderte 26…Sb4+! aufs Brett. Stockfish kapiert es bei niedriger Rechentiefe zunächst nicht, aber Weiß ist in jedem Fall verloren. Der weitere Partieverlauf war 27.cxb4 Dc4+ 28.Ka1 axb4 29.Dd5 Dc2 30.Da5 Ta8 31.La7 b3!


Der Bauer b3 sorgt dafür, dass Schwarz nicht nur Materialgewinn, sondern auch Matt auf der a-Linie droht (32.Tc1 Dxf2 33.Lxf2 Txa5+ 34.Kb1 Tfa8 und Weiß muss mit 35.Tc8+ einen Turm geben und das Ende hinauszuzögern). Nach 32.Da3 machte Nepomniachtchi, der noch mehr als eine Stunde auf der Uhr hatte, seine Züge so schnell, dass sein Gegner fast auf Zeit verloren hätte, aber auch eine halbe Stunde mehr hätte am Ergebnis nichts geändert. Am Ende gab es keine Verteidigung gegen das Schlagen auf a3, gefolgt vom Matt auf a2:

Größte Überraschung

Nicht alle Favoriten kamen aber so locker durch, und Levon Aronian bekam bei seinem Remis gegen den Ägypter Essam El Gindy sogar Probleme, während Hikaru Nakamura bei seinem Remisschluss gegen den Algerier Bilel Bellahcene schlechter stand. 

Levon Aronian wollte beim Sinquefield Cup Energie für den Weltcup sparen, aber sein Start war keineswegs optimal | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Eine richtige Sensation gab es aber in der Partie zwischen  Radek Wojtaszek und dem 21-jährigen Norweger Johan-Sebastian Christiansen. Alles lief rund für den Polen, bis er in gegnerischer Zeitnot – Johan-Sebastian hatte 5 Minuten im Vergleich zu seinen dreißig - mitblitzte:


Der Computer empfiehlt 25.Sa4, mit Angriff gegen b6, und auch 25.Sb5!? ist eine interessante Möglichkeit – 25…axb5? 26.cxb5 und Schwarz ist hilflos gegen die Drohung Tc7. Dagegen überließ 25.f5?! Schwarz das Feld e5 und nach einem weiteren schwachen Zug (29.b4?) übernahm Schwarz komplett die Kontrolle. Wenig später hatte Weiß ohne Kompensation zwei Bauern weniger, womit Wojtaszek als Schwarzem eine schwere Aufgabe in der zweiten Partie bevorsteht.

Peter Svidler gelang es als Schwarzem nicht, seinen Mehrbauern zu verwerten | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Auf dem Papier war es zwar keine große Überraschung, da Arkadij Naiditsch in China zuletzt weitere 31 Elo-Punkte verloren hat und mittlerweile auf 2643 abgesackt ist (nachdem er zu Jahresbeginn noch bei 2736 stand!), doch Niclas Huschenbeths Sieg gegen seinen ehemaligen Landsmann ist sicher ein Höhepunkt in der Karriere des Hamburgers. In einem scharfen Winawer-Franzosen erwies er sich als besser vorbereitet und führte ein scheinbar harmloses Endspiel zum Sieg:


Mit 22.Sxf6! Sxf6 23.g5 Txh2 24.gxf6 bildete er einen Freibauern auf f6, der später entscheidend auf g7 landete, wobei Naiditsch eher zu früh als zu spät aufgab.

Zu den beiden anderen Überraschungen kommen wir später.

Erstaunlichste Rettung

Was die Favoriten betrifft, gibt es in dieser Kategorie einen klaren Sieger. Die Nummer 15 der Setzliste Dmitry Andreikin stand gegen den brasilianischen GM Krikor Mekhitarian nach 30 Zügen komplett auf Verlust:


Weiß kann auf verschiedene Arten gewinnen, wobei 31.Da7! Tf8 32.e7 Te8 33.Td8 mit Abtausch auf e8 wahrscheinlich die einfachste und forcierteste wäre (32.Td8! wäre ein hübsches Finale), aber das Problem war die weiße Bedenkzeit! Krikor hatte noch 1 Minute und 22 Sekunden und spielte stattdessen das plausible 31.Ta1?!, und nach 31…Dxb3 32.Txa6 Dc4 war Schwarz wieder im Rennen. Später konnte Weiß noch einmal gewinnen, aber Krikor fand den Gewinn nicht und die Partie endete remis.

Schönstes Finale

Rustam Kasimdzhanov bei der Einlasskontrolle | Foto: Vladimir Barsky, Russischer Schachverband

Weitere schöne Angriffssiege gelangen Adhiban und Dmitry Jakovenko, aber das schönste Finale gelang dem Trainer von Fabiano Caruana, Rustam Kasimdzhanov. Sein Gegner Evgeny Bareev, der mittlerweile für Kanada antritt, übersah in schwieriger Stellung mit wenig Zeit 33.Dxd4+!

Wäre der Springer auf c6 nicht gefesselt, würde er alle wichtigen Felder - d4, d8 und a7 – decken, aber so wäre die weiße Dame auf alle diese “unmöglichen” Felder gelangt, wenn die Partie weiter gegangen wäre. 33…Dc5 34.Dd8+! Ka6 35.Da8+ Kb6 36.Da7#

Größtes Talent

Der Nachwuchs wird derzeit von dem 16-jährigen Iraner Alireza Firouzja angeführt, der wie Magnus Carlsen und Wei Yi in sehr jungen Jahren bereits dem 2700er-Club angehört.    

Alireza Firouzja gehört in Khanty-Mansiysk bereits zu den Geheimfavoriten | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Firouzja startete mit einem mühelos wirkenden Sieg gegen den Armenier Arman Pashikian und führte seine Partie anschließend in der Live-Show Alex Yermolinsky vor. Daniil Dubov und Ding Liren zählen in den beiden nächsten Runden zu Firouzjas möglichen Gegnern.

Nodirbek Abdusattorov gewöhnt sich ans Rampenlicht | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Der jüngste Teilnehmer des Weltcups ist der 14-jährige Nodirbek Abdusattorov aus Usbekistan, der schon als Neunjähriger Großmeister schlug. Er startete mit einem Kurzremis gegen Maxim Matlakov, und obwohl er im Interview mit Eteri Kublashvili um Worte rang, entlockte sie ihm ein interessantes Statement:

Ich habe keine besondere Strategie, sondern will mein bestes Schach zeigen, etwas Neues ausprobieren und auf höchstem Niveau trainieren. In der Zukunft möchte ich beim Weltcup dann um die Medaillen mitspielen.

Auch der amerikanische Nachwuchs imponierte mit zwei 18-Jährigen: Jeffery Xiong, feierte einen Schwarzsieg gegen Igor Lysyj, und Sam Sevian führte ein Endspiel gegen Aryan Tari zum Sieg.

Junioren-Weltmeister Parham Maghsoodloo startete mit einem Sieg gegen den Russen Maksim Chigaev | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Zwei weitere Jungstars ragten aber heraus, weil sie sich gegen vermeintliche Favoriten durchsetzten. Der 17-jährige Russe Andrey Esipenko schlug Ruslan Ponomariov mit den schwarzen Steinen, indem er den Ex-Weltmeister so quälte, wie dieser es getan hatte, als er 2002 Weltmeister wurde.

Habe ich bereits erwähnt, dass ich einen neuen Sponsor habe? | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Die nächste Überraschung gelang dem 15-jährigen Inder Nihal Sarin, der als Nummer 90 der Setzliste die Nummer 39, den Peruaner Jorge Cori, schlug. Auch hier spielte die Uhr eine große Rolle, denn Sarin führte seinen 23.Zug mit 8 Sekunden auf der Uhr aus, doch auch Cori verkehrte in Zeitnot. Unterm Strich verlor der junge Inder nie die Kontrolle, als er ein Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern auf Gewinn spielte. 47.a6! war ein schöner Zug, der herausstrich, dass der schwarze Turm an die Verteidigung des Bauern f7 gebunden ist:


Dramatischste Wende 

Einige Partien kippten an diesem ersten Tag des Weltcups. Seht euch an, wie Tamir Nabaty gegen Sethuraman seine Partie einstellte, aber zwei Partien ragten in puncto Umschwung heraus. Robert Hovhannisyan aus Armenien hätte gegen Anton Demchenko einen Überraschungssieg landen können, wenn er in 38. Zug einfach eine Figur zurückgeschlagen hätte, aber stattdessen gab er Schach und meinte wohl, er stünde nach 39.De8? auf Gewinn:


Dem wäre so, wenn 39…Td8! nicht ginge (mit neun Sekunden auf der Uhr vom Russen gezogen). Demchenko hatte eine Figur mehr und gewann anschließend die Partie.

Das Beste haben wir uns aber für den Schluss aufgespart. Constantin Lupulescu war auf dem besten Weg, das ambitionierte Spiel von Igor Kovalenko zu bestrafen, der mit Weiß zwei Bauern weniger hatte:


Nach 51…Bxg5! hat Weiß selbst nach einem gegnerischen Fehler vermutlich maximal Dauerschach. Dagegen stand er nach 51…Sb4? 52.Dh2! auf Gewinn. Für 52…Lxg5 war es nun wegen 53.Kxg5 Kf8 54.Kf6! zu spät. Das Matt auf h8 oder g7 kann nicht verhindert werden:


In der 1.Runde ist der Spielsaal noch sehr voll, aber schon ab Freitag ist das Feld halbiert | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Das war die erste Runde des FIDE Weltcups 2019! 64 Matches sind schon eine Herausforderung, aber in zwei Jahren wird das Feld noch erweitert. Die FIDE hat bekannt gegeben, dass 2021 eine zusätzliche Runde gespielt wird und zunächst 156 Spieler in 78 Matches antreten. Die Sieger treffen dann auf die besten 50 der Setzliste.     

Aktuell geht es aber darum, die erste Runde des Weltcups 2019 zu überstehen. Die Partien könnt ihr ab 12 Uhr live auf chess24 verfolgen!

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