Berichte 14.09.2017 | 13:45von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 4.2: Ivanchuk und Aronian im Viertelfinale

Wir dürfen auf die spannende Begegnung Vassily Ivanchuk gegen Levon Aronian im Viertelfinale gespannt sein. Anish Giri und Daniil Dubov konnten sich in der vierten Runde des Weltcups in Tiflis nicht gegen sie durchsetzen. Daneben ist nur Ding Liren, der seinen Landsmann Wang Hao aus dem Turnier warf, bereits für das Viertelfinale qualifiziert. Er wird gegen den Sieger aus der Paarung Rapport-Najer antreten. Alle weiteren Aufeinandertreffen brachten noch keinen Sieger hervor. Besondere Beachtung verdiente sich Maxim Rodshtein, der mit Schwarz gegen Vladimir Fedoseev alles geben musste und sich noch in die Tiebreaks kämpfen konnte.

Vassily Ivanchuk war bereits erfolgreich. Grischuk und MVL müssen noch in die Stichkämpfe. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Du kannst dir in der aufgeführten Tabelle alle Partien erneut anschauen. Klicke dazu auf ein Ergebnis, um die Partie zu öffnen. Beweg den Mauszeiger über einen Namen, um dessen Resultate einzusehen.

Wer unbedingt gewinnen musste

Zwei Spieler konnten es definitiv nicht ruhig angehen lassen, wenn sie die nächste Runde erreichen wollten - Anish Giri und Vladimir Fedoseev. Anish konnte seinen Versuch immerhin mit den weißen Steinen machen, scheiterte aber an Vassili Ivanchuk, der in diesem Turnier ganz fantastisches Schach präsentiert.

Anish Giri brandete an Vassili Ivanchuk | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Nach dem Damentausch im Zug 19 gab es noch Hoffnungen, doch im 23. Zug war es vorbei:


Für Ivanchuk drehte sich alles um den Zug 23.b4!, der ein paar Möglichkeiten am Damenflügel eröffnet und die Deckung des Springers in Beschuss genommen hätte. Stattdessen fing Giri an, am anderen Flügel zu operieren und zog 23.f4?!,was Vassily mit 23…a5! die Schließung des Damenflügels ermöglichte. Der Springer auf d4 wurde zu einem Monster, das sich für den Rest der Partie von dem Feld aus austoben konnte. Unter diesen Voraussetzungen konnte Anish nur noch auf ein Remis hoffen. Der Ukrainer zollte aber für die anschließende Verteidigungsleistung Respekt: 

Meine Stellung war ausgesprochen gut, vielleicht nah an dem Partiegewinn dran. Doch er fand eine interessante Verteidigung und ich war letzten Endes froh über das Dauerschach.


47.Txd4 T6b5+! 48.Kc6 Tb6+ 49.Kc5 (der König kann dem Dauerschach nicht entfliehen, weil ansonsten der Bauer auf d4 fällt.) 49…T6b5+ Remis

Rückblickend bezwang Vassili seine Konkurrenten Giri und Vladimir Kramnik ohne dabei in die Tiebreaks gehen zu müssen. Du kannst dir dazu das Interview mit Anastasia Karlovich ansehen:

Maxim Rodshtein stand vor der Aufgabe mit Schwarz gegen Vladimir Fedoseev, der in diesem Turnier in ausgezeichneter Form ist, gewinnen zu müssen. Fedoseev ist allerdings bekannt für seine Fähigkeit, ein "Remis" als angestrebtes Ergebnis nicht zu erreichen. Das wurde auch schon im Vorbericht erläutert. Ein bekanntest Beispiel dafür war die Partie gegen Sam Shankland in der letzten Runde des St. Louis Winter Classic, als ihm ein Remis einen Platz in einem Playoff garantiert hätte.

Maxim Rodshtein warf Mickey Adams aus dem Turnier und trieb nun den aufstrebenden Vladimir Fedoseev in die Tiebreaks| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Maxim hatte auch wirklich alles gemacht, was von ihm in seiner Lage erwartet wurde. Er spielte eine komplexe Eröffnung und rochierte auf der entgegengesetzten Seite, als die Partie auf ein Remis hinauszulaufen drohte. Trotz einiger Abtausche blieb die Partie in unsicheren Fahrwassern. Schließlich schien Fedoseev im 31. Zug den Durchblick verloren zu haben:


Es sieht bereits unschön aus, doch 31.Tf3! wäre die beste Wahl gewesen. Nach dem erzwungenen 31...cxd4 hätte Weiß 32.Dh7+ gehabt, was im nächsten Zug den Turm auf g8 eingebracht hätte. Weiß hätte darauf hin mit Dxf3+ ein Schachgebot gehabt, doch das wäre nicht allzu kräftig gewesen, da Fedoseev ebenfalls Dauerschach gedroht hätte. In jedem Fall wäre die Partie lange spannend geblieben. Nach 31.Df3?! cxd4 32.Dxc6+ Kxc6 33.Tg1 Te8 34.b4 b5! war die Stellung objektiv bereits verloren.  Fedoseev blieb nichts besseres als 35.c5 übrig und die schwarze Dame kann sich aktiv um die Umwandlung des Bauern bemühen. Die Tiebreaks zwischen diesen beiden sollten uns jedenfalls begeistern können. 

Ding Liren und Aronian sind im Viertelfinale

Ding Liren gewann die 2. klassische Partie und erreichte so das Viertelfinale | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Die beiden anderen Spieler, die sich neben Ivanchuk für das Viertelfinale qualifizieren konnten, erreichten dies auf verschiedene Weise. Die Nummer 1 aus China zeigte uns eine hervorragende Endspieltechnik gegen seinen Landsmann Wang Hao. Er schaffte es zunächst, einen Läufer gegen einen Springer auf dem Brett zu belassen. Dieser konnte sich gegen einen isolierten Bauern richten und die schwarzen Figuren dazu zwingen, passiv zu verteidigen:


Ding Liren stand weiterhin vor einer technisch anspruchsvollen Aufgabe. Diese meisterte er, indem er nach 36…Te2 seine Gelegenheit kommen sah:


Hier spielte er 37.Te4! und gab anschließend seine Erklärung dazu ab:

Es war eine schwierige Partie, doch ich konnte Druck ausüben, weshalb ich die Sache etwas entspannter angehen lassen konnte. Ich denke, ich habe sehr gut gespielt. Ich bin zufrieden mit meiner Leistung und ich hielt 37.Te4 für wichtig, um ein Turmpaar abzutauschen. In anderen Varianten konnte ich keinen Gewinnweg finden. Meiner Ansicht nach fand ich den besten Zug, der wohl sehr wichtig war. Danach war die Stellung für Schwarz wohl verloren.

Das Ende der Partie trat dann schneller ein als erwartet, denn Wang Hao ließ sein seinen Springer einsam in den feindlichen Gefilden zurück:

Wang Hao verabschiedete sich aus dem Turnier| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Auch Levon Aronian kam in die nächste Runde. Seine Partie gegen Daniil Dubov war für uns Zuschauer ausgesprochen aufregend. 

Der Beginn einer ereignisreichen Partie. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Dubov entschied sich für die Grünfeldindische Verteidigung mit dem seltener gespielten 9…b6 (Zugzeit: 28 Sekunden). Falls das als Provokation gegen den Armenier gedacht war, hatte er Erfolg und Aronian nahm Dubov mit auf eine abenteuerliche Reise durch unentdeckte Gefilde der Schachwelt:

Mein Gegner wählte eine äußerst ungewöhnliche Variante. Anstelle meiner Zugwahl 10.Dd2 hätte ich ruhiger mit 10.Tc1 fortsetzen sollen. Weiß hätte einen leicht erspielten Vorteil gehabt. Aus irgendeinem Grund entschied ich mich dagegen, plante bereits einen Mattangriff und patze etwas vor mich hin. Erst übersah ich den Damentausch und als sei das nicht schon genug, hatte ich 17…f6 völlig missachtet. Danach befand ich mich in großer Gefahr.

Das Beschriebene zeigt sich in der Darstellung nach 17.e6!?:


Levon erwähnte es bereits: Nach 17…f6! lief es ihm kalt den Rücken herunter und er wechselte in den Schadensbegrenzungs-Modus. Sein Remisangebot wurde abgelehnt und dem Gefühl nach steckte er in gewaltigen Schwierigkeiten, hätte Dubov 19…Tac8 anstelle 19…Sxd4 gespielt. 

Dubov setzte wieder alles auf Risiko. Diesmal konnte aber Aronian den Sieg einstreichen. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Das Blatt wendete sich nach 23…g5?!


Nach 24.f4 Lxh6 25.fxg5 Lg7 26.Ld4 fxg5 27.Lxg7 Kxg7 28.Tf7+ war der e-Bauer bedroht. Dazu meinte Aronian:

Nach g5 war ich derjenige, der Druck machte. An dieser Stelle bot er Remis an, doch nun sah ich mich in der angenehmeren Lage. Danach gelang es mir, in ein Endspiel abzuwickeln, das ich in meiner Erinnerung für gewonnen befand. Ich hatte das vor einiger Zeit mal analysiert, aber ich konnte den Gewinnweg leider nicht finden. Das war so peinlich. 

Das Endspiel war auch für die Moderatoren schwer zu berechnen. Zu Unterstützung holte Ivan Sokolov noch Vassily Ivanchuk hinzu und fragte nach dessen Meinung:

Ivanchuk wurde zu Aronian-Dubov befragt: "Vielleicht ist es remis... Ich weiß es nicht - Nalimov wird es wissen!"

Er verwies auf Eugene Nalimov, oder zumindest dessen Datenbanken, die ein mathematisch sicheres Ergebnis der Stellung berechnen, solange die Gesamtzahl der Figuren nicht 6 oder 7 (je nach Datenbank) übersteigt. Nehmen wir dieses Beispiel, um die Funktion dieses Programms verständlich zu machen. Aronian erreichte dieses Endspiel zunächst nach 47.Txb5. Klicke auf "Analyse" unterhalb der angezeigten Partie und wähle "In Zwischenablage kopieren" aus. Dann kannst du die FEN-Daten über diese Seite durch klicken auf "Input FEN" in das Programm einspeisen:


Schwarz steht also verloren. Hätte er aber 47…Kg6 gespielt und beide Seiten hätten immer die stärksten Züge gefunden, dann würde Schwarz erst nach 72 Zügen Matt gesetzt werden. Dubov spielte 47…Kf6 (diese Menschen!) und die Tragikomödie begann. Levon fand einfach nicht den richtigen Plan und Dubov verpasste die Möglichkeiten, ein Remis zu erzwingen. Die Stellung, die erreicht werden musste, war gar nicht so schwer zu ermitteln, wie sich hier zeigt:

"Dies ist die Stellung, die Levon anstreben sollte. Dem Läufer die möglichen Felder zu nehmen, verhilft Weiß zum Sieg."

Der Bauer musste nach g4. Levon widerstrebte dieser Vormarsch und zog im 73. Zug erstmal g3. Erst im 90. Zug war er bereit, auf das entscheidende Feld g4 zu ziehen:

Vielleicht sahen manche Zuschauer mit Datenbanken zu und lachten mich aus.

Auch wenn Anastasia dies verneinte, sollte fairerweise darauf hingewiesen werden, manche haben das gemacht. Sie sahen einen der besten Spieler der Welt im Dunkeln tappen, was viel über das Schachspiel aussagt: 

Aronian: "Ich bin sicher, manche haben Datenbanken benutzt und über mich gelacht."

"Was wäre das Wert, denn diese Datenbanken zeigen meiner Ansicht nach (und so geht es wohl den meisten Spielern) wie "unglaublich schwierig" Schach sein kann."

Aronian: "Ich bin sicher, manche haben Datenbanken benutzt und über mich gelacht."

"Ich lache nicht, doch besinge ich das geheimnisvolle 'g4'"

Der Ägypitsche GM Bassem Amin merkte an:

"Jeder zog eine Datenbank hinzu und wunderte sich darüber, warum Aronian nicht g4 spielt! Selbe Stellung, nur mit den Bauern auf der f-Linie und auf f4 wäre es remis und f2 gewonnen."

Ironischerweise war die Geschichte nach g4 noch nicht vorbei. Nach 92.Tb2 hatte Dubov noch eine letzte Überlebenschance. Aronian sah, was er getan hatte und erklärte seine Spielweise so: "Ich versuchte möglichst nicht auf Zeit zu verlieren!"


Nach 92…Ke5! konnte Schwarz den g-Bauern gewinnen und die Partie retten. Stattdessen folgte 92…Ld3 93.Tb6+ Ke5 und Schwarz kommt zu spät - 94.Kg7 Kf4 95.Tb4+ Le4 96.Txe4+! erzwang dann doch ein Endspiel, das leicht zu gewinnen ist.

Levon fasste zusammen:

In diesem Turnier zeigen die meisten Spieler nicht ihr bestes Schach. Es steht einfach zu viel auf dem Spiel. Es stresst mich sehr.

Schaue dir das Interview hier an (ca. 6:03 geht es los):

Er hat nun einen Tag Pause, um sich zu erholen. Danach trifft er im Viertelfinale auf niemand geringeren als Vassily Ivanchuk!

Tiebreaks stehen bevor

Giri, Dubov und Svidler im Gespräch| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

In vier Begegnungen gab es zwei Remisen, weshalb diese in den Tiebreaks entschieden werden müssen. In Bu Xiangzhi-Svidler sahen wir ein vergleichsweise zügiges Remis, nachdem die Damen im 17.Zug getauscht wurden. Grischuk-MVL war zwar schon im 13.Zug vorüber, aber Grischuk benötigte in einem  6.a4 Najdorf-Sizilianer über eine Stunde Bedenkzeit für die letzten drei Züge. 

Wird Maximes Schach präziser sein als seine Fähigkeiten im Dart?

Alexander Grischuk darf im Rapid mit seinem Gegner vorlieb nehmen | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Najer-Rapport endete im 47.Zug mit einer Zugwiederholung. Die Partie war voller individueller Ideen und taktischen. Jobava-So war bisher sehr unangenehm für Wesley So:


Baadur Jobava hatte die volle Kontrolle, aber nach 42.Sg6 fand die Nummer 1 aus Georgien keinen Weg durch die Verteidigung seines Gegners.

Wesley So stand massiv unter Druck. Der Lokalmatador konnte ihn beinahe besiegen | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Hinzu kommt noch die Paarung Fedoseev-Rodshtein. So haben wir noch fünf Stichkämpfe in Aussicht, die am Donnerstag ausgetragen werden, um die Viertelfinalisten für Freitag zu ermitteln. Es geht in die heiße Phase und du kannst sie hier auf chess24 live um 13:00 Uhr MEZ anschauen! Zudem kannst du auch die kostenlosen mobilen Apps nutzen: 

         

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