Berichte 13.09.2017 | 09:57von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 4.1: Ivanchuk & Fedoseev schlagen zu

Nach seinem Sieg gegen Vladimir Kramnik hat Vassily Ivanchuk nun auch die besten Chancen, sich den Skalp von Anish Giri zu sichern, denn in einer wechselvollen Partie gelang es ihm überraschend mühelos, in ein gewonnenes Endspiel abzuwickeln. Der andere Sieger des Tages hieß Vladimir Fedoseev. Der Russe nutzte mit einem schönen Mattangriff die Zeitnot seines Gegners Maxim Rodshtein aus und holte den vollen Punkt. Auch bei MVL-Grischuk und Dubov-Aronian hätte in komplizierter Lage Blut fließen können, doch beide Partien endeten friedlich.

Chucky ist zum richtigen Zeitpunkt in Topform | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Mit einem Klick auf die Partie bzw. Runde könnt ihr alle Partien des Weltcups nachspielen:

Zwar fanden am Dienstag nur zwei Partien einen Sieger, doch lediglich drei Remis verliefen relativ ereignislos: Wang Hao-Ding Liren, So-Jobava und Svidler-Bu Xiangzhi.

Svidler versuchte es mit Carlsens "Anti-Russisch" 1.e4 e5 2.Lc4, bekam aber keinerlei Gewinnchancen| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Ansonsten war eine Menge los. In einer recht geschlossenen Stellung ging bei Rapport-Najer auf einmal die Post ab:


23…Sxd4 24.Sxd4 Lxd4 25.Lxf5 Lxf2+ 26.Txf2 gxf5 27.Sxd5 Dxh4 Nach neun Schlagfällen in Folge musste Richard Rapport einsehen, dass es nichts mehr zu schlagen gab. Schwarz hatte einen Bauern mehr, und allmählich gelang es Evgeniy Najer die gegnerische Initiative zu neutralisieren und auf Gewinn zu spielen. Nach 80 Zügen wurde aber Remis vereinbart.

Richard Rapport spielt in Tiflis für seine Verhältnisse äußerst kontrolliert | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

GM Jonathan Tisdall fand schöne Worte für dieses Duell:

"Rapport-Najer ist die schachliche Entsprechung postapokalyptischer Gefahren. Beide Seiten suchen Schutz in brennenden Ruinen." 

Nicht jeder überlebte die Apokalypse…

Siege für Fedoseev und Ivanchuk

Meist sprechen Schachspieler über ihre Berechnungen von Zügen, aber nach der gestrigen Partie ging es bei Vladimir Fedoseev um Überzeugung. Er glaubte an seine Stellung, und wie er meinte, tat sein Gegner Maxim Rodshtein dasselbe:

Es war ein Kampf der Konzepte, denn er spielte sehr optimistisch.

Ein Schlüsselmoment der Partie war 22.f4:


An dieser Stelle hatte Vladimir das Gefühl, dass er ohne das Bauernopfer 22…e5!? schlechter stehen würde. Für den Computer ist „ein Bauer ein Bauer“, aber in der Partie lief es wunderbar für Schwarz. Der Läufer auf a1 wird durch den eigenen e-Bauern vom Spiel ausgeschlossen, und Schwarz konnte diesen Bauern mit einer Figur auf e6 blockieren. Als Weiß versäumte, h4 zu spielen, und dadurch Schwarz h4 ermöglichte, war seine Struktur bereits sehr gefährdet. 

Fedoseevs Traumjahr geht weiter! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Letztlich reichte aber ein Fehler in Zeitnot, um die weiße Stellung zum Einsturz zu bringen. Fedoseev hatte seinen Läufer nach d8 gezogen, und offenbar wollte Rodshtein dessen Weitermarsch nach b6 verhindern, denn er spielte 35.Sc4? (35.e3! hätte ihm den folgenden Ärger erspart) 


35…e3!! folgte und damit der brillante Gewinnzug. Nimmt Weiß auf e3, spielt Schwarz trotzdem 36…Lb6, und die Partie ist vorbei. Stattdessen versuchte es Rodhstein mit 36.Lxd5, doch das scheiterte an 36…Df2+ 37.Kh1 Df1+ 38.Kh2


Weiß droht, mit Schach auf e6 zu schlagen, und nach 38…Dxe2+ wäre maximal ein Remis drin, doch Fedoseev hatte den Triumphzug seines Läufers vorausberechnet: 38…Lg5! 39.Lxe6+ Kg7 und gegen die Drohung Lf4+ nebst Matt gibt es keine sinnvollen Züge mehr. Maxim opferte mit 40.Dxe3 seine Dame, gab aber einen Zug später auf.

Fedoseev setzt sein bisheriges Erfolgsjahr damit mit einer annähernd perfekten Vorstellung beim Weltcup (außer am ersten Turniertag) fort:


Nach der Partie sprach er mit Anastasia Karlovich und meinte, “Es ist immer gut, wenn man vorne liegt und dann noch Weiß hat!”

Rodhstein muss nun unbedingt gewinnen, doch ist er nach seinem kampflosen Sieg gegen Kovalyov nicht nur ausgeruht, sondern Fedoseev auch ein Spieler, der nicht gerade für Pragmatismus bekannt ist. Ben Finegold meinte während des Winter Classic in St. Louis zu Beginn des Jahres:

Fedoseev weiß gar nicht, wie man in einer wichtigen Partie auf Remis spielt – er spielt einfach in jeder Partie wie ein Irrer! Dadurch gewinnt er oft … verliert aber auch.

Giri muss sich für das Rückspiel etwas einfallen lassen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

In der anderen Partie, die einen Sieger fand, dachte Vassily Ivanchuk im Russisch 38 Minuten über seinen 9.Zug nach, ehe er statt des „normalen“ 9.Sc3 den Zug 9.Le3 spielte. Das wiederum brachte Giri dazu, 34 Minuten zu grübeln, ehe er sich zur langen Rochade entschied und in der Folge einen Bauern opferte, den sich unsere Silizium-Freunde ohne Zögern schnappen würden. Chucky verzichtete darauf und wurde mit 17…g4! dafür bestraft:


Die Stellung sieht gut für Schwarz aus, aber mit 18.hxg4 Lxg4 19.Dxf6 hielt Ivanchuk weiter den Druck aufrecht – Schwarz hat zwar die besseren dynamischen Möglichkeiten, aber wenn er nichts daraus macht, hat er einfach einen Bauern weniger.

Der Feind steht hinter dir!  | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Chucky schien alles im Griff zu haben, doch im 33.Zug verpasste Giri die Chance, zumindest ein Remis zu erreichen: 


Dies war der Moment für 33…Df4+, denn nach 34.Dg3 kann die schwarze Dame mit 34…Dd2! eindringen und auf Bauernjagd gehen. Stattdessen ließ Giri nach 33…a4 34.Th7 einen Zug zu spät 34…Df4+ 35.Dg3 folgen, denn dieses Mal wäre nach dem Wegzug der Dame Dxc7+ nebst baldigem Matt gefolgt. Nach dem Damentausch war schnell klar, dass die weißen Bauern am Königsflügel nicht aufzuhalten sind und Giri aufgeben muss:

Damit muss Giri am Mittwoch unbedingt mit Weiß gewinnen, um nicht auszuscheiden.

Spannende Remis 

Maxime Vachier-Lagrave bezeichnete seine Partie gegen Alexander Grischuk als “echten Kampf”, und fügte hinzu, “und genau diese Partien gehen meist remis aus!” Auch das neunte Duell dieser beiden Kontrahenten endete mit diesem Ergebnis. 

Das Duell der 4.Runde! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Grischuk zeigte sich mit einer subtilen Neuerung bestens vorbereitet, doch MVL konterte mit der feinen Umgruppierung Te1-e3-g3 und Df3. Währenddessen schnappte sich Grischuk einen Bauern und spielte 24…Sc2:


MVL machte sich Sorgen:

Ich muss einen Turm opfern, aber da es kein eindeutiges Dauerschach gibt, stehe ich womöglich auf Verlust. Ich sah keinen klaren Gewinnweg für ihn, doch es gab viele Möglichkeiten, und ich wäre nicht überrascht, wenn es einen gegeben hätte.

Tatsächlich lag Maxime mit 25.Txg7+! Kxg7 26.Sc6!  Nd4 27.Nxd4 Bxc4 goldrichtig:


Maxime ließ rasch 28.e5 folgen, und nach 28…Tg8 stand er sogar besser, ehe die Partie 28 Züge später mit Remis endete. Der Computer sieht Schwarz nach 28…Sh7! deutlich in Vorteil, weil e6 immer mit f6 beantwortet werden kann. Stattdessen wäre 28.Sf5+ offenbar die Lösung gewesen, die Maxime suchte, denn nach 28…Kh7 folgt entweder 29.Se7 oder das hübsche 29.Sxh6! Nach 29…Kxh6 gewinnt 30.Lxf6!, denn der schwarze König ist hilflos.

Dubov zockte wieder, kam dieses Mal aber nicht zum Ziel | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Auch Dubov-Aronian endete mit einem Remis, wenngleich Daniils Kompensation für eine verlorene Qualität nie recht vorhanden war. Die Partie endete kurios:


Aronian hätte einfach den b-Bauern mit 34…Txb2 schnappen können, doch stattdessen spielte er erst 34…Df6 und ließ damit 35.Td2 zu. Nach 35…Txb2 hätte Weiß nun den Turm schlagen können, spielte aber stattdessen das schöne 36.Se8!


36…De5 ist der einzige Zug, um den Turm auf b2 gedeckt zu halten, aber nach 37.Txb2 Dxb2 38.Dxe6+ kann Weiß Dauerschach geben. Levon hatte genug gesehen und akzeptierte das Remis direkt.

Wie wird Giri die Aufgabe, gegen Ivanchuk unbedingt gewinnen zu müssen, angehen? | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Wie immer könnt ihr die kpommende Runde live auf chess24 ab 13:00 verfolgen! Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

Nach der Runde steht Loek van Wely ab 18 Uhr wieder für eine Runde Banter Blitz zur Verfügung. 


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