Berichte 13.09.2017 | 08:04von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 3 TB: Caruanas Bruchlandung

Fabiano Caruana übersah in den Tiebreaks der dritten Runde ein einzügiges Matt, und damit zerplatzten die Hoffnungen der Nummer 3 der Weltrangliste gegen Evgeny Najer auf einen Schlag. Außer ihm gingen auch Li Chao und Ian Nepomniachtchi gegen vermeintliche schwächere Konkurrenz unter. Einige große Namen wie Levon Aronian, Anish Giri, Ding Liren, Alexander Grischuk und MVL schafften aber den Sprung in die vierte Runde. Die beiden Letztgenannten treffen dort aufeinander, und dies ist laut Setzliste die einzige Paarung in der vierten Runde, mit der zu rechnen war. Weiterhin überraschend ist, dass nur sieben Spieler aus den Top 16 der Teilnehmerliste die vierte Runde erreicht haben.

Hoffen wir, dass die Besten im FIDE-Weltcup 2017 nur auf dem Schachbrett jung sterben| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

In der aufgeführten Tabelle kannst du dir die Partien anschauen. Klicke auf ein Ergebnis, um zu der Partie zu gelangen. Führe den Mauszeiger über einen Namen, um dessen Resultate einzusehen.

IM Sopiko Guramishvili fasst die dritte Runde zusammen, die ihr Ehemann Anish Giri gerade so überstanden hat.

Fünf der acht Stichkämpfe wurden bereits in de 25-Minutenpartien entschieden.

25-Minuten-Partien: Wie in einem Horrorfilm

Magnus Carlsen, Vladimir Kramnik und Hikaru Nakamura schieden bekanntlich in den klassischen Partien der dritten Runde aus. Im schlimmsten Fall hätten wir uns mit Wesley So und Peter Svidler als die einzigen Top15-Teilnehmer begnügen müssen. Dieses Horrorszenario war aber doch eher ein schauriges Märchen als die gnadenlose Realität. Zu Beginn hatte es aber einen dieser Favoriten eiskalt erwischt, und die grausigen Vorstellungen aller Beteiligten nahmen ansatzweise Gestalt an.

Der Gewinner des Aeroflot Opens 2016 bezwang nun Vitiugov und Caruana. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

In den klassischen Partien gegen Caruana konnte der 40-jährige russische Großmeister Evgeniy Najer Selbstvertrauen sammeln. Die Ergebnisse waren zwei schnelle Remis nach 18 und 22 Zügen. Im Gespräch mit Anastasia Karlovich (Alle Interviews findest du hier) äußerte er:

Ich habe mir im Schnellschach ein paar Chancen ausgerechnet. Fabiano spielt natürlich auch gut im Schnellschach, aber manchmal eben nicht so gut wie sonst.

In der ersten Schnellschachpartie kam es zu einem eher unspektakulären Remis. Danach startete Fabiano mit Weiß seine Gewinnversuche gegen Najer. Dessen Einschätzung nach spielte Caruana aber etwas zu optimistisch. Er lancierte einen Gegenangriff und zog 17…f5!:


Sein Kommentar dazu:

Ich mochte meine Stellung, als ich zu 17...f5 griff, weil mir der König auf g1 etwas anfällig erschien. Vielleicht ist die Situation für Weiß nicht so schlimm, aber zumindest schwer zu spielen und besonders im Rapid eher unangenehm.

Bald darauf hatte Weiß einen Bauern weniger, und seine Stellung war ziemlich hoffnungslos. Wenn das Übel aber einmal über einen hereinbricht, dann richtig... Fabi zog 41.Lc1 um b2 zu überdecken:


Die Partie nahm hier ein abruptes Ende. 41…Qf1# ist eine von zwei Auswahlmöglichkeiten, den finalen Zug in dieser Schachpartie auszuführen.

Caruana wird sich wegen seiner hohen durchschnittlichen Wertungszahl in diesem Jahr dennoch für das Kandidatenturnier 2018 qualifizieren können. Das Turnier soll im übrigen an einem bisher nicht festgelegten Ort in Berlin vom 10. bis zum 23. März ausgetragen werden. Auch Vladimir Kramniks Chancen wurden durch das Ausscheiden Caruanas in Mitleidenschaft gezogen. Seine Hoffnungen auf die Teilnahme am Kandidatenturnier liegen nun ausschließlich auf Wesley So.

Ian Nepomniachtchi wird das Ende seiner Teilnahme am Weltcup noch lange im Gedächtnis bleiben. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Im Unterschied zu der Begegnung Najer-Caruana änderte der Schockmoment in Nepomniachtchi-Jobava auch das wahrscheinlichste Ergebnis der Partie. Im Schnellschach kam es zunächst ebenfalls zu einem eher unspektakulären Remis. Danach hatte Jobava schon leichten Vorteil, aber nichts wirklich Greifbares, bis Ian seine Türme mit 32…Tcd4?? verdoppeln wollte:


33.Dxd4! gewinnt mit verblüffender Leichtigkeit einen Turm, denn nach 33...Txd4 käme 34.Se8+, was die Dame zurückerobern würde. Nepo hat in Tiflis 14 Partien gespielt und davon lediglich zwei gewonnen, aber dennoch zeigte das Schachspiel hier ein weiteres Mal, was für ein grausam konkretes Spiel es doch sein kann. Auf Twitter gab Nepomniachtchi zu verstehen:

Nepomniachtchi: "Besser ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende"

Für die Fans vor Ort war das eher erfreulich. Sie sehen die Nummer 1 aus Georgien nun in Runde 4 gegen Wesley So, der laut Wertungsliste der stärkste verbliebene Gegner ist.

Die Chinesen haben einen Angstgegner - Richard Rapport | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Auch nicht gerade zu erwarten war Richard Rapports Sieg gegen Li Chao. Der 21-jährige Ungar war allerdings auch mal bei einer Wertungszahl von 2752 und damit höher gewertet als Li Chao heute. Diese Begegnung wurde in der ersten Partie vorentschieden. Chao machte mit den schwarzen Steinen Druck, wurde dafür aber sehr elegant bestraft:


35.Be6! Dieser Zug funktionierte taktisch, weil 35…fxe6 36.Df8# folgen könnte.

Richard war aber etwas unzufrieden mit sich, weil er im Folgenden kein Mattbild fand. Er beschrieb seine Technik als "grausam, aber dennoch gut genug". 

"98. Ke6 (was nach 98...Te4+! Patt erzwingen würde) oder Kd6? Richard Rapport spielt mit den Nerven von Li Chao."

Nach 115 Zügen hatte er tatsächlich gewonnen. In der zweiten Partie nutzte Rapport seine hervorragende Bauernstruktur für eine Gewinnstellung:


Er bot Remis an, und damit war es vorbei. Auf die Frage, wie er zwei Spieler aus China (vorher Wei Yi) hintereinander bezwingen konnte, meinte er nur, "größtenteils aus Glück". Najer wird sein nächster Gegner sein.

Maxime Vachier-Lagrave zählt in Tiflis zu den Favoriten. Kann er der Rolle gegen Grischuk gerecht werden? | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Zur Kategorie der 1,5 zu 0,5-Gewinner gehörten auch Maxime Vachier-Lagrave, der sehr mutig mit Schwarz gegen Alex Lenderman gewann, und Ding Liren, der den jungen Inder Vidit mit 19.d5! vor ernsthafte Probleme stellen konnte:


Die Drohung Lxf6 gefolgt von Dxh7# kann nicht sinnvoll verteidigt werden. Vidit nahm den Bauern und gab dafür eine Figur mit 19…cxd5 20.Lxf6 g6. Schwarz ist aus praktischer Sicht noch in der Lage, die Partie kompliziert zu halten, doch münzte Ding Liren mit sehr bedachtem Spiel seinen Vorteil in einen Mattangriff um.

Ding Liren beförderte den letzten Teilnehmer aus Inden aus dem Turnier. China hat einen Viertelfinalisten sicher, denn Ding trifft auf Wang Hao. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

10-Minuten Partie: Grischuk und Giri kommen durch

Anish Giri war in der zweiten klassischen Partie gegen Sethuraman fast schon ausgeschieden. Die Erlösung schien beim Rapid zu kommen, denn Sethuraman verlor in der 1.Partie die Kontrolle und ließ eine Vereinfachung in ein einfach gewonnenes Endspiel für Giri zu.

Anish Giri setzte sich schließlich doch gegen Sethuraman durch| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

 Danach lief dann erstmal die Eröffnung schief und Giri machte einen Fehler mit 29…h5?:


Nach 30.Lh3! war der König ohne Deckung. Es ging weiter mit 30…Lxh3 31.Dxh3 De5 32.Tf5 Dxe4 33.Txh5 und Giri musste seinen Fehler einsehen und aufgeben. Danach wendete sich das Blatt wieder, denn Giri kam in der ersten 10-Minuten-Partie erfolgreich zurück. Es war fast der gleiche Zug, der in einer ohnehin unangenehmen Stellung zum Partieverlust führte: 31…h5?


Wieder war die Partie direkt vorbei. 32.Le4! Sxe4 33.Th8+! und der schwarze Widerstand war gebrochen. Sethuraman musste nun unbedingt gewinnen, verlor aber ohne jede Chance die nächste Partie. Anish Giri gab hinterher ein Interview und war dabei bester Laune:

"Giri: Es spielt keine Rolle, wer stark oder schwach ist. Man braucht Glück, und es ist hilfreich, gute Nerven zu haben, aber nicht unbedingt. Glück reicht!"

Alexander Grischuk dagegen machte nicht das Glück verantwortlich, sondern meinte nach seinem Sieg gegen David Navara: „In der 1. Partie hatte ich eine Dame weniger und hätte verlieren müssen!“

Grischuk zog nach wundersamer Rettung in die nächste Runde ein | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Er übersah Navaras 22…g5!


Plötzlich steckt Weiß in großen Schwierigkeiten, denn 23.Dxg5 scheitert an 23…Txb2! 24.Txb2 Sf7!, bzw. 23.Dd4 wird von 23…Sxf3! widerlegt. Stattdessen gab Grischuk mit 23.Dxe5 Lxe5 24.Lxe5 die Dame für zwei Figuren, und anschließend war es keineswegs einfach für den Schwarzen, den Vorteil zu verwerten:

Schließlich gelang es Grischuk, Navara entscheidend zu überspielen. Dieses Mal geriet die schwarze Dame unter Beschuss!


Rustam Kasimdzhanov verlor mit Navara und Caruana gleich zwei Spieler! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Wie in Runde 2 musste nur bei einem Match das Blitzen entscheiden:

5-Minutenpartien: Aronian schafft es

Das Match der Runde, und laut Grischuk sogar des Turniers, trugen Maxim Matlakov und Levon Aronian aus:


Die Vorgeschichte mit den jeweiligen Glanzpartien im Normalschach kennt ihr aus den vorherigen Berichten, doch im Schnellschach ging es nahtlos so weiter. In den 25-Minutenpartien hatte Levon die Nase vorn und hätte vor allem die zweite Partie gewinnen müssen, doch beide endeten Remis.

Levon und Maxim schenkten sich nichts | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

In den 10-Minutenpartien ging es dann richtig los. Erst übersah Matlakov einen Trick im Turmendspiel und stand auf Verlust, wonach es so aussah, als würde ein in blendender Form aufspielender Aronian sich die nächste Runde erreichen würde.

Aber nein, die nächste Partie spielte Aronian sehr passiv und wurde einfach überrannt:


Es ist bereits alles zu spät, denn 27.Kf8 Sxf6! verliert einfach den Läufer auf h7. Aronian versuchte 27…Txd5, aber nach 28.Txd5 Lc2 29.Te1+ Kf8 30.Td7 gab er wegen unvermeidlicher Materialverluste auf.

Maxim Matlakov schied aus, zeigte aber eine fantastische Leistung | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Levon versuchte es nach diesem Untergang aus passiver Eröffnung heraus in der ersten Blitzpartie mit Benoni:

Dann sagte ich mir, genug Remis, jetzt muss ich mit Schwarz kämpfen, und hatte damit Erfolg. Offenbar kam dieser Strategiewechsel überraschend für meinen Gegner - er kam damit nicht zurecht. 

Wie üblich im Benoni gefiel dem Computer erst die weiße Stellung... und dann plötzlich nicht mehr. Aronian brach entscheidend durch mit 27…g4!


Dieses Mal musste Matlakov unbedingt mit Schwarz gewinnen, und obwohl er sich Aronians Strategie bediente, erreichte er nichts. Damit war Aronian eine Runde weiter!

Hier die Partien der 4.Runde (fett gedruckt sind die Spieler, die laut Setzliste dort erwartet wurden):

  1. Bu Xiangzhi-Svidler | Carlsen-Svidler
  2. MVL-Grischuk | MVL-Grischuk
  3. Ivanchuk-Giri | Kramnik-Giri
  4. Aronian-Dubov | Aronian-Karjakin
  5. So-Jobava| So-Nepomniachtchi
  6. Fedoseev-Rodshtein | Nakamura-Anand
  7. Najer-Rapport | Caruana-Wei Yi
  8. Wang Hao-Ding Liren | Mamedyarov-Ding Liren

Nur bei MVL-Grischuk treffen also die gesetzten Spieler aufeinander, während sich bei Fedoseev-Rodshtein und Najer-Rapport Außenseiter duelleieren.

Jeden Tag könnt ihr ab 13:00 Uhr alle Partien live auf chess24 verfolgen! Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

Siehe mehr:


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