Berichte 10.09.2017 | 13:09von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 3.1: Carlsen verliert, Kovalyov steigt aus

Weltmeister Magnus Carlsen musste am Samstag eine sensationelle Niederlage gegen Bu Xiangzhi hinnehmen und braucht heute mit Schwarz einen Sieg, um das Ausscheiden abzuwenden. Die noch größere Schlagzeile verursachte jedoch der bisherige Überraschungsmann Anton Kovalyov, der seine Partie kampflos verloren gab und aus dem Turnier ausstieg. Er warf dem Organisationschef Zurab Azmaiparashvili schikanöses Verhalten vor, nachdem er zuvor vom Schiedsrichter wegen des Tragens einer kurzen Hose ermahnt worden war.

Als wäre die Niederlage der Nummer 1 Magnus Carlsen gegen Bu Xiangzhi nicht genug gewesen...| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Alle Partien des FIDE Weltcups 2017 könnt ihr mit einem Klick auf die jeweilige Runde bzw. Partie nachspielen:

Kleiderordnung sorgt für Skandal

Gerade einmal 15 Minuten waren in der 3.Runde des Weltcup gespielt, als in der Partie zwischen Maxim Rodshtein und Anton Kovalyov das Ergebnis 1:0 angezeigt wurde, ohne das Schwarz auf den Zug 1.d4 reagiert hatte. Erst langsam wurde klar, was geschehen war:

"Der Kanadier erschien mehr als 15 Minuten zu spät zu seiner Partie. Zuvor war er ermahnt worden, weil er sich nicht an die Kleiderordnung gehalten hatte."

Schnell wurde klar, dass Anton wegen der Hose, die er die ganze Zeit getragen hatte, Ärger bekommen hatte:

"In seinen bisherigen Matches hatte Kovalyov immer dieselbe kurze Hose an. Die Kleiderordnung scheint zumindest nicht einheitlich gehandhabt zu werden." 

Auch beim Interview nach seinem Sieg gegen Vishy Anand trug er diese Hose:

Am Ende des Interviews erklärte der selbsternannte Amateur:

Ich spiele wirklich sehr gern gegen starke Gegner, aber das hier ist ein ganz schöner Stress. Trotzdem versuche ich so viele Runden wie möglich zu überstehen. 

Als klar war, dass es um die Kleiderordnung gegangen war und Kovalyov wutentbrannt den Turniersaal verlassen hatte, folgten weitere Nachforschungen. Schließlich äußerte sich der Organisationchef Zurab Azmaiparashvili und gab seine Meinung zu einem Zeitpunkt zum Besten, als es noch möglich erschien, dass Kovalyov am nächsten Tag antritt:

Auch Hauptschiedsrichter Tomasz Delega meldete sich zu Wort und räumte ein, dass er Kovalyov zwar wegen seiner kurzen Hose ermahnt, aber keinesfalls vom Spielen abgehalten habe. Die kampflose Niederlage kam zustande, weil er nicht innerhalb von 15 Minuten nach Beginn der Partie erschienen war. 

Wenig später wurde ein Foto geschossen, das Kovalyov beim Auschecken des Hotels zeigt:

Auf Facebook schilderte Anton seine Sicht der Dinge und stellte klar, dass “nicht die Shorts der Grund waren, sondern die Art wie er vor allem von Azmaiparashvili behandelt wurde". Hier der gesamte Eintrag in englischer Sprache:

Die wichtigste Passage lautet:

Zu diesem Zeitpunkt war ich sehr verärgert, wollte aber keine Dummheit begehen. Ich fragte ihn, warum er so unhöflich zu mir sei, und er sagte, weil ich ein Zigeuner bin.

Stellt euch das vor: Die Runde geht gleich los, und ich werde vom Chef-Organisator schikaniert, mir wird eine Strafe von der FIDE angedroht, ich werde angeschrien und rassistisch angegangen. Was würdet ihr an meiner Stelle tun? Viele Leute hätten ihm vermutlich ins Gesicht geschlagen oder ihn zumindest beleidigt. Ich entschied mich zu gehen.


Wir baten Zurab Azmaiparashvili um eine Stellungnahme aus seiner Sicht aufgrund dieses Posts auf Facebook, und er schrieb (gekürzt): 

Das ist nicht meine "Sicht". Es gibt nur Wahrheit und Lüge. Wahr ist, dass Mr Kovalev nur mit einem Paar kurzen Hosen nach Tbilisi reiste. Zufällig stand ich dabei, als der Schiedsrichter ihn ermahnte und er sich nicht darum scherte. Als Organisator schritt ich ein und bat ihn (zunächst höflich), die Regeln einzuhalten und seine Hose zu wechseln. Er antwortete, er habe schon den ganzen Weltcup so gespielt und er wisse nicht, was daran verkehrt sei. Ich entgegnete, dass es mir egal sei, was zuvor war, mich aber seine aktuelle Kleidung interessiere und er gemäß den FIDE-Regeln bestraft würde, wenn er der Aufforderung nicht Folge leistet. Kovalev fragte, was mit seiner Kleidung nicht in Ordnung sei, und ich antwortete, er sei wie ein Zigeuner gekleidet. Ich meinte natürlich Obdachlose und nicht das Volk der Zigeuner. Danach verließ er den Turniersaal und kehrte nicht zurück. Das ist die ganze Geschichte.


Ein unschöner Vorfall, der einen Schatten auf ein bisher aufregendes Turnier wirft und zu dem sich jeder sein eigenes Urteil bilden sollte.

Ein Fall sorgt für wilde Diskussionen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Es folgten viele Reaktionen, die wir hier unübersetzt wiedergeben. GM Alexander Areshchenko schrieb unter dem Titel Kleiderparadox:

In unserer Schachwelt kannst du ein Gauner und Dieb sein und andere Schachspieler jahrelang ausnehmen, doch wenn du einen Anzug trägst, geschieht dir nichts. 

Aber Schachspieler dürfen keine Shorts tragen...

Nun aber endlich zum Thema Schach!

Carlsen vor dem Aus

Bisher gewann der Weltmeister als einziger Teilnehmer sämtliche Partien und mit Bu Xiangzhi bekam er den vermeintlich leichteren Gegner als Etienne Bacrot, der tags zuvor im Stichkampf gegen den Chinesen verloren hatte. 

Kann der Weltmeister das Aus noch abwenden? | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Magnus zog wie üblich schnell, während Bu Xiangzhi mit mysteriösen Zügen viel Zeit verbrauchte. Als Magnus einen Zentrumsbauern gewann, sah alles nach einem sicheren Sieg aus, doch dann kam mit 15…Lxh3! die Wende der Partie:


Magnus überlegte fast fünf Minuten, ehe er das Opfer mit 16.gxh3 annahm, und nach  16…Dxh3 war der kritische Moment in der Partie erreicht. Carlsen hätte nun mit 17.Df3 das schwarze Dauerschach nach 17…Lh2+ 18.Kh1 Lg3+ 19.Kg1 Lh2+ etc. erzwingen können, doch nach zehn Minuten entschloss er sich zu 17.Sf1. Schon nach 17…Tbe8 18.d4 f5 sah sich Bu im Vorteil, und nach 23…g5! spürte er, dass er auf Gewinn stand:


Magnus hatte nun sogar die schlechtere Zeit, und als er noch sechs Minuten für 24.Kf2!? investiert hatte, war er bereits in Zeitnot. Bu Xiangzhi gab dem Weltmeister mit 29…h5?! eine gute Chance, sich doch noch erfolgreich zu verteidigen:


30.Td1! nebst Td2 hätte die weißen Überlebenschancen deutlich erhöht, aber nach 30.Kd1 war Weiß gegen den Vormarsch des schwarzen h-Bauern erstaunlich hilflos. Bu Xiangzhi beendete die Partie stilvoll mit dem hübschen 36…Tg1+!


Da der Bauer zur Dame läuft, wenn der Springer schlägt, gab Magnus auf.

Der 31-jährige Bu Xiangzhi sprach bei aller Freude über diesen Sieg nur "von einem guten Start!”

Obwohl er mit Weiß als extrem schwer zu schlagen gilt, weiß Bu, dass Magnus alles in die Waagschale werfen wird.

Viele Remis, aber immerhin zwei weitere Siege

Navara hielt gegen Grischuk ein schlechteres Endspiel| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Zwölf der sechzehn Partien endeten remis, und viele Spieler wie Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura hatten mit Weiß nichts gegen ein Unentschieden einzuwenden. Vladimir Kramnik jedoch spielte gegen Vassily Ivanchuk mit Schwarz auf Sieg, Vidit verpasste gegen Ding Liren den Gewinn und David Navara hielt 70 Züge lang in einem Endspiel mit Minusbauer gegen Alexander Grischuk durch.

Angesichts der Temperaturen um 30 Grad ist es kein Wunder, dass einige Zuschauer kurze Hosen tragen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Für die beiden Siege sorgten zwei Weltklassespieler.   

Vallejos Eröffnungsexperiment gegen So ging in die Hose| Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Wesley So wurde von Paco Vallejos Eröffnungsbehandlung überrascht:

Ich glaube, er hat noch nie 4.g4 im Caro-Kann gespielt. Zuletzt haben einige Russen wie Ian Nepomniachtchi diesen Zug mit Erfolg gespielt, daher dachte ich, er hat vielleicht mit ihnen zusammengearbeitet. Sicher bin ich mir aber nicht!

Das Geschehen auf dem Brett nahm indes merkwürdige Züge an:


Hier gab Vallejo mit 12.Kd2!? das Rochaderecht auf und ließ ein Opfer folgen. Wesleys Kommentar:

Als er die Qualität opferte, dachte ich, dass ich entweder schlechter oder besser stehe, da er mich entweder Matt setzt oder eben nicht!

Zu einem Matt kam es nicht im entferntesten, und in dieser tragikomischen Stellung gab sich der Spanier geschlagen!


Kurz davor hatte GM Matthew Sadler die Stellung so beurteilt:

"Ich fürchte, Vallejos Stellung ist die schlechteste, die ich je gesehen habe."

 Ganz anders fiel Sadlers Urteil über Levon Aronians Sieg gegen Maxim Matlakov aus:

"Phänomenaler Sieg von Aronian gegen Matlakov. Ein moderner Klassiker."

Aronian überspielte seinen Gegner an beiden Flügeln und leitete den Schlussakkord mit 32.Le2! ein, nachdem sein Gegner eine Ungenauigkeit begangen hatte.


Nach dem hübschen Finale ist er der einzige Spieler neben Magnus der, aktuell über 2800 liegt, und das nachdem erst letztens ein halbes Dutzend zum erlauchten Kreis gehörte!

Das bedeutet, dass Matlakov, Vallejo und Carlsen heute gewinnen müssen, um nicht auszuscheiden!

"Carlsen ist zu 95 Prozent ausgeschieden. In ein paar Stunden wissen wir, ob er noch etwas machen kann."

Alle Partien der 3.Runde könnt ihr ab 13 Uhr auf chess24 verfolgen! Dies ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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