Berichte 07.09.2017 | 09:45von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 2.1: Anand veropfert sich

Vishy Anand verlor beim Weltcup in Tiflis nach einem schönen, aber inkorrekten Figurenopfer gegen Anton Kovalyov die erste Partie und steht damit vor dem Aus. Immerhin 25 der 32 Partien endeten remis, wobei Magnus Carlsen einen sicheren Schwarzsieg gegen Aleksey Dreev feierte. Außerdem gewannen Maxime Vachier-Lagrave, Vladimir Kramnik, David Navara, Vladimir Fedoseev und der Inder Vidit ihre Partien.

Vishy Anands Schuss ging gegen Anton Kovalyov nach hinten los | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

IM Sopiko Guramishvili hat das Geschehen in der 1.Runde des FIDE World Cup für euch zusammengefasst:

Alle Partien des Weltcups könnt ihr mit einem Mausklick auf die jeweilige Runde bzw. Partie nachspielen:

Vishy Anand stolpert

Die große Sensation am ersten Tag der 2.Runde war die Niederlage Vishy Anands gegen einen Spieler, der 145 Elo-Punkte weniger hat: den 25-jährigen Kanadier GM Anton Kovalyov, der ursprünglich aus der Ukraine stammt. Anton studiert in Texas und bezeichnet sich „weder als Großmeister noch als sehr ambitionierten Spieler“, und es war im Vorfeld klar, dass Vishy als deutlicher Favorit mit den weißen Steinen auf Sieg spielen würde.

Anands Hoffnungen auf eine Teilnahme am Kandidatenturnier könnten schon heute passé sein | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Gegen Kovalyovs Naidorf-Sizilianer wählte er den klassischen Aufbau, doch der Kanadier ging mit 8…h5 jeglicher gegnerischer Vorbereitung aus dem Weg. Kovalyov geriet dennoch unter Druck, ehe sich das Blatt in der Partie plötzlich wendete:


23.Sc5?!! kommentierte Kovalyov nach der Partie so:

Er brachte ein Opfer, das ihm den Preis für die schönste Partie des Jahres eingebracht hätte, wenn es funktioniert hätte. Zu meinem Glück ging es aber nicht.

Für die Figur bekam Weiß nur einen Bauern, doch nach 23…dxc5 24.d6+ Kf6 25.Lf3 hatte Weiß einen starken Freibauern auf b7, dem schwarzfeldrigen Läufer seines Gegners sämtliche Felder genommen und die Drohung Ta8 lag in der Luftt:


25…Kf5! war womöglich der Zug, der Vishy in der Vorausberechnung entgangen war und nach dem e4 nebst Lf6 droht. Nach 26.Ld5 e4 27.Re1 Lf6 28.Lxe4+ hatte Vishy zwei Bauern für die Figur, doch war das angesichts der konsolidierten Stellung des Schwarzen keine ausreichene Kompensation. Anand musste nach 43 Zügen aufgeben.

Jan Gustafsson warf in seinem Live-Kommentar natürlich auch einen Blick auf diese Sensationspartie des Tages:


Die Top 3 verschwenden keine Zeit

Zwar gab es am Mittwoch nur wenige Siege, aber die besten Spieler der Welt zeigten ihre Klasse. 

Sicherer Sieg für Magnus Carlsen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Magnus Carlsen hatte zuvor beide Partien locker gewonnen, und auch sein Schwarzsieg gegen Aleksey Dreev machte einen erstaunlich mühelosen Eindruck. Er packte eine provokative Idee seines Sekundanten Jon Ludvig Hammer aus, und als Dreev auf die stärkste und ambitionierteste Entgegnung verzichtete, machte er Druck:


16…d4! 17.exd4 cxb3 verschaffte ihm einen Freibauern auf b3 und ermöglichte ihm, die c-Linie zu besetzen. Einige Züge später erzwang er den Damentausch und verwertete mit der Präzision eines Uhrwerks seinen Vorteil. Nach nur 32 Zügen gab Weiß auf. 

Maxime hat offenbar auch seinen Spaß | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Auch die Nummern 2 und 3 der Welt verloren keine Zeit. Maxime Vachier-Lagraves ging mit 4.e5 und 5.e6 aggressiv gegen einen Sizilianer vor und wählte damit eine Vorgehensweise, wie sie noch nie ein Spieler mit einer Elo von 2600+ versucht hatte.


Der russische GM Boris Grachev musste das Opfer annehmen, doch griff er bereits im 9.Zug unmittelbar nach Rückgabe des Bauern fehl. Die schwarze Struktur war ruiniert, und obwohl es zeitweilig so aussah, als könnte sein Gegner den Übergang in ein Endspiel schaffen, das dem Weißen noch technische Probleme bereitete, fand MVL einen deutlich überzeugenderen Weg. Der Franzose zettelte einen Mattangriff an, der letztlich zum Gewinn einer Figur und der Partie führte.

Vladimir Kramnik steht mit einem Bein in Runde 3 | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Auch Vladimir Kramnik führte seinen Landsmann Anton Demchenko in der Eröffnung aufs Glatteis, indem er nach nur 9 Zügen eine völlig unbekannte Stellung herbeiführte. Demchenkos aggressiver Versuch 19…f5?! erwies sich als untauglich, denn wenig später konterte Kramnik mit einem Opfer, das man aus dem Sizilianer kennt: 


23.Sd5! Nach 23…cxd5 24.cxd5 De7 25.dxe6 Sxe6 26.exf5 gxf5 27.Db5! hatte Kramnik eine überwältigende Stellung, die er unerbittlich verwertete.

"Herrlich, Kramnik dabei zuzusehen, wie er seinen Vorteil verwertet. Man spürt förmlich, wie der Gegner immer weiter eingeschnürt wird."

Vladimir Fedoseev gewann in einem Drachen gegen Ernesto Inarkiev seine dritte Partie in Folge und zeigte dabei messerscharfe Berechnung, als er mit der Dame einen Bauern schlug und diese auf verschlungenen Pfaden wieder in sichere Gefilde zurückführte.

Vladimir Fedoseev meinte hinterher, er habe seine Anfangsnervosität nun abgelegt | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Auch David Navara feierte gegen Ivan Cheparinov seinen dritten Sieg in Folge, meinte aber hinterher, “In der 1.Runde habe ich zwei gute Partien gespielt, aber auf diese bin ich nicht sonderlich stolz":  Es ging wild zu, und einige Züge überraschten nicht nur David:

"In Navara gegen Cheparinov passieren merkwürdige Dinge. Ich verstehe, beginnend mit dem letzten schwarzen Zug, wirklich rein gar nichts."

Cheparinov stand lange sehr gut, doch dann wollte er mit 30…La4 seine Mehrfigur behaupten und ermöglichte damit das starke 31.Te7!


Allerdings gab es keinen direkten Gewinn für den Weißen, und zu Navaras Überraschung hätte Weiß nach 31…Tg8 32.Lf4 Dd8 33.Le5 Df8 nichts Besseres als ein kompliziertes Endspiel mit Turm gegen Läuferpaar gehabt. Cheparinov jedoch stellte die Partie einzügig mit 31…Lxf2+? ein und musste nach dem einfachen 32.Kh1 aufgeben.

Den letzten Sieg des Tages feierte der Inder Vidit gegen den starken Vietnamesen Le Quang Liem.

Vidit überspielte seinen Gegner wie der Weltmeister mit den schwarzen Steinen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Ein Haufen Remis

Fabiano Caruana begnügte sich als Schwarzer mit einem 24-zügigen Remis gegen Luka Lenic  | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Neben den sieben Siegen gab es in zum Auftakt der 2.Runde immerhin 25 Remis, von denen die meisten wenig Spektakuläres boten. Der Modus zwingt die Spieler zu erhöhter Vorsicht, denn es ist schwer, einen starken Spieler auf Bestellung zu besiegen. Berücksichtigt man zusätzlich, wie anstrengend das Format ohne Ruhetag ist, kann man verstehen, dass die Spieler recht friedfertig sind. 

Hat man in der Eröffnung Probleme, kann man sicher sein, dass die Kiebitze ans Brett kommen:) | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Das galt aber nicht für alle Partien! Adhiban ging direkt auf Ian Nepomniachtchi los, indem er im Najdorf nach 9 Zügen einen Läufer opferte. Nach 12 Zügen war die kritische Stellung erreicht:


Als Nepo hier in tiefes Nachdenken versank, musste man ein ähnliches Eröffnungsdebakel befürchten, wie er es zuletzt gegen Levon Aronian beim Sinquefield Cup erlitten hatte, zumal diese Stellung laut unserer chess24-Datenbank schon 19 Mal auf dem Brett war. Meist stellte Schwarz die Partie mit 12…De3+ ein und ging in den taktischen Verwicklungen unter, doch Nepo fand offenbar am Brett den einzigen Zug 12…Sb8!

Nach der Partie räumte Adhiban ein, dass danach auch er auf sich allein gestellt war, da er sich nicht mehr an seine früheren Analysen erinnern konnte. Nach 28 Minuten spielte er den vom Computer favorisierten Zug 13.Sxf8 und nach einer forcierten Zugfolge mündete die Partie im Remis. Weiß fand nicht immer die besten Züge, aber das Duell hatte seinen logischen Ausgang genommen.

Hou Yifan gab gegen Levon Aronian alles | photo: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

In der Partie Hou Yifan-Aronian entschied sich Levon Aronian zu einem sehr selten gespielten scharfen Zug im Italienischen. Hou Yifan wählte zunächst die prinzipielle Antwort, durch die eine spektakuläre Stellung aufs Brett kam, doch mit deutlich weniger Bedenkzeit verzichtete sie auf die kritische Fortsetzung:


20.Lxh6!? ist die erste Wahl des Computers, doch erfordert es höchste Präzision, den Vorteil festzuhalten. Stattdessen spielte die Nummer 1 der Frauen 20.Dxh4, worauf direkt Remis vereinbart wurde. Die Zugwiederholung 20…Tf1+ 21.Kh2 Lg1+ 22.Kh1 usw. ersparten sich die beiden Kontrahenten.

Gelfand-Wang Hao ist eines der heißen Duelle der 2.Runde | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Neben vielen ereignislosen Remis gab es auch spannende. Boris Gelfand brauchte 72 Züge, um sich gegen Wang Hao mit einem Minusbauern erfolgreich zu verteidigen, während Nikita Vitiugov gegen Evgeniy Najer nach überraschendem Eröffnungsverlauf bis zum nackten König kämpfte:

"Wow! 50 Jahre lang wurde b5 mit c6 oder Sc6 und Tb8 vorbereitet, dabei geht es sofort!"

Kann Vishy Anand die Scharte von gestern noch auswetzen? Schon heute geht es um 13 Uhr mit dem Live-Kommentar von Jan Gustafsson auf chess24 weiter!

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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