Berichte 04.09.2017 | 10:58von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Runde 1.1: Böse Überraschung für Wei Yi

In lediglich 24 Zügen verlor Wei Yi gegen den kanadischen  GM Bator Sambuev und sorgte damit für die vermutlich größte Überraschung zum Auftakt des FIDE Weltcups 2017. Außerdem erlebten auch die 2700er Harikrishna, Vladimir Fedoseev und Pavel Eljanov einen Stotterstart in Tiflis und müssen wie das chinesische Wunderkind heute unbedingt voll punkten, um nicht schon in Runde 1 auszuscheiden. Favorit Magnus Carlsen dagegen konnte den zähen Widerstand des Nigerianers Oluwafemi Balogun brechen und feierte wie fast alle seiner Kollegen aus den Top Ten einen Auftaktsieg. Lediglich Maxime Vachier-Lagrave musste sich in seiner ersten Partie mit einem Remis begnügen.

Magnus Carlsen und Fabiano Caruana gewannen ihre Auftaktpartien in Tiflis | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

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Die Partie Zherebukh-Onischuk, die an Alexander Onischuks 42.Geburtstag stattfinden sollte, war als erste beendet. Yaroslav Zherebukh reiste gar nicht erst an, da er in den USA bleiben muss, um die Green Card zu bekommen, und machte seinem Kollegen ein echtes Geburtstagsgeschenk. 

Onischuk zieht damit direkt in die 2.Runde ein, wo er auf Wojtaszek oder El Debs trifft, und hat schon $10.000 sicher, während sich Zherebukh um seine eigentlich garantierten $6.000 kümmern muss und möglicherweise vom nächsten Weltcup-Zyklus ausgeschlossen wird. Durch eine rechtzeitige Absage hätte ein anderer Spieler einen der begehrten 128 Plätze einnehmen können.

Vier große Überraschungen

Wie schnitten die Favoriten in der 1.Runde des Weltcpus ab?

"In der Live-Eloliste kann man leicht erkennen, welche Favoriten gewonnen, remis gespielt oder gar verloren haben."

Kleine Zugewinne der Topspieler stammen von Siegen gegen schwächere Gegner, während hohe Verluste natürlich auf Niederlagen schließen lassen. Der stärkste Spieler, der eine Niederlage einstecken musste, war Wei Yi, der dadurch 7,8 Elopunkte verlor.

Wei Yi und das chinesische Team bei der Eröffnungsfeier | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

„Man weiß nie, wo die Gefahr lauert“, meinte Anish Giri zum K.O.-System beim Weltcup, und mit Sicherheit hätte das chinesische Wunderkind am gestrigen Morgen nicht gedacht, dass es nach der ersten Partie schon mit einem Fuß aus dem Turnier ist. In nur 24 Zügen verlor er gegen den um über 200 Punkte schwächeren Bator Sambuev, der vor zehn Jahren aus Sibirien nach Kanada auswanderte und dort amtierender Landesmeister ist.

Nach der Partie meinte der Außenseiter zur Partie:

"Sambuev: "Ich habe mir alle seine (Wei Yis) Partien angesehen und dabei einige Stellungen entdeckt, die unangenehm für ihn sind."

Die klassische Weisheit lautet, den 18-Jährigen in ein langweiliges Endspiel zu locken, doch das ist womöglich nicht mehr aktuell. Bator hatte vielmehr bemerkt, dass Wei Yi bei seinen beiden letzten Niederlagen gegen Tran Tuan Minh (2537) und Viacheslav Diu (2421) jeweils mit einem direkten Angriff im Zentrum bzw. Königsflügel überrannt wurde.


Ob dies wirklich Wei Yis Achillesferse ist oder ob diese beiden Partien einfach nur als Inspiration dienten, lässt sich nicht sagen, aber feststeht, dass es viele Ähnlichkeiten gab, bevor der Chinese wegen des tödlichen Turmschwenks nach h4 bereits nach 24 Zügen aufgeben musste:


Das Problem für Sambuev könnte sein, dass Wei Yi nach diesen beiden Niederlagen jeweils die nächsten drei Partien gewann, aber dabei handelte sich um schwächere Gegner in einem Open.

Yusnel Bacallao holte sich den Skalp von Vladimir Fedoseev | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Von den Kubanern fehlt Leinier Dominguez beim Weltcup, aber seine Kollegen legten einen Traumstart hin. Lazaro Bruzon schlug David Anton, und zwei Landsleute sorgten für große Überraschungen. Harikrishnas 20…Txf2 sah auf den ersten Blick gut aus:


21.Txf2 verliert natürlich wegen 21…Dxd1+, aber nach 21.Lxc6! bxc6 22.cxd6 cxd6 23.Txd6 war die schwarze Stellung eine Ruine, und Yuri Gonzalez (2547) sorgte mit mit wunderbarer Präzision für einen scheinbar leichten Sieg. Yusnel Bacallao (2573) bestrafte den russischen Aufsteiger Vladimir Fedoseev für seine lasche Eröffnungsbehandlung als Schwarzer. Schon bald war seine Stellung so schlecht, dass Fedoseev wie ein Kaffeehausspieler Komplikationen suchte.

Alles lief nach Plan für Eljanov... doch dann ging alles schief | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Während Wei Yi, Harikrishna und Fedoseev mit Schwarz verloren und am Montag mit Weiß auf Wiedergutmachung hoffen können, musste Pavel Eljanov eine bittere Weißniederlage hinnehmen. Sein Gegner Aleksandr Lenderman hatte schon zwei Bauern im Endspiel weniger, als das geschah:

Das war natürlich ein Wunder, das wieder einmal zeigte, dass im Schach alles passieren kann!

Lendermans Theorie lautete, dass es sich bei Eljanovs 53.e7, das dieser nach sechs Minuten Nachdenken spielte, um einen "Überseher” handelte, bei dem der Ukrainer nicht erkannt hatte, dass der Bauer nicht länger 53…Kf7 verhindert. Doch es kam noch schlimmer, denn im nächsten Zug folgte mit knapper Bedenkzeit 54.Rd2??


54...Txd4! gewann eine ganze Figur, da 55.Txd4 die Gabel 55…Sc2+ ermöglicht. Pavel kämpfte weiter mit 55.Tb2, doch als Lenderman den b-Bauern blockiert hatte, gab er auf. Will Eljanov seine fantastische Leistung vom Weltcup in Baku 2015 wiederholen, muss er am Montag mit Schwarz gewinnen.

Mit dem Schrecken davongekommen

Es hätte noch mehr Überraschungen geben können, wie etwa am Brett von Etienne Bacrot (2728), der nach 16 Zügen gegen den Brasilianer Alexandr Fier (2569) total auf Verlust stand. Die kritische Stellung war nach 23 Zügen erreicht:


24.Le5+! ist tödlich, da der Turm auf h8 aufs Korn genommen wird und g5 in der Luft liegt. 24…Lf6 scheitert an 25.Dg3!, wonach alle Drohungen erneuert werden. Nach dem gespielten 24.a5?! Lxg3! stand Weiß immer noch besser, aber eine weitere Ungenauigkeit reichte, dass die Partie ins Remis abdriftete.

Auch Dmitry Andreikin, der beim Weltcup 2013 das Finale erreicht hatte, fand sich in einer hoffnungslosen Lage gegen Aleksey Goganov, konnte sich mit zwei Minusbauern aber noch retten. 

Zwei weiteren russischen Stars kam die Zeitnot zu Hilfe. Der Kroate Mladen Palac (2535) war gegen Ian Nepomniachtchi ständig in der Defensive, doch am Ende konnte der Russe mit Minusbauer froh sein, dass sein Gegner mit knapper Zeit auf Gewinnversuche verzichtete. Ähnlich verlief die Partie zwischen dem Esten Kaido Kulaots (2571) und Nikita Vitiugov. 

Vitiugov spielte die ganze Zeit auf Gewinn, wäre am Ende aber fast bestraft worden | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Die Partie endete mit Zugwiederholung, doch wenn Kaido noch genug Zeit gehabt hätte, hätte er vermutlich den Gewinnzug 33. oder 35.Lxe5! gesehen. 35…Dxe5 scheitert an 36.Dg4!, während 35…dxe5 wegen 36.Th8+ Kd7 37.Sb3+ Dd6 38.Sc5+!! verliert – so kann man aber nur spielen, wenn man den letzten Zug sieht.


Überraschende Remis

Bei K.O.-Turnieren gibt es verschiedene Taktiken, aber die meisten Favoriten halten ein Remis mit den schwarzen Steinen gegen schwächere Gegner für ein optimales Ergebnis. 

Vassily Ivanchuk stand leicht schlechter, als Remis vereinbart wurde | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Kurze Remis gab es bei Ivanchuk-Kazhgaleyev (16 Züge), Xiong-Motylev (15), Ponomariov-Sethuraman (16), Antipov-Tomashevsky (15), Nguyen-Adhiban (15) und Jobava-Salgado (20), während Teimour Radjabovs 15-zügiges Remis mit Weiß gegen Helgi Dam Ziska von den Färöer Inseln besondere Beachtung verdient. Die Partie endete in dieser, milde formuliert, unklaren Position!


Diese Stellung stand im Spitzenschach fünfmal auf dem Brett, dabei holte Schwarz drei Remis und zwei Siege. Radjabov selbst hatte diese Stellung schon als Schwarzer gegen Aronian auf dem Brett und zog es vor, den Vorteil der weißen Steine mit einem Remisangebot aufzugeben.   

Radjabov zog die Reißleine | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Maxime Vachier-Lagrave erreichte nach 22 Zügen mit 22…Lf5 das Remis, aber Muhammad Khusenkhojaev aus Tadschikistan hatte einen Bauern mehr und stand trotz der gewissen Dynamik, die in der Stellung steckt, exzellent gegen die Nummer 2 der Welt!

Weitere Topspieler mussten sich mit einem Remis begnügen, wie etwa Sergey Karjakin, der gegen den jüngsten Teilnehmer, den 16-jährigen Anton Smirnov, lange einen Minusbauern hatte, nach 30 Zügen aber problemlos das Unentschieden ereichte. 

An den anderen Brettern wie Adams-Batchuluun (57 Züge), Pourramezanali-Yu Yangyi (71) und Li Chao-Krysa (113 Züge) wurde länger gekämpft! In der längsten Partie des Tages versuchte Li Chao bis zum Schluss, den Sieg zu erzwingen, aber er hätte es sich im 54.Zug einfacher machen können:


54.b5! gewinnt studienartig, da auf 54…bxa5 55.e4! Tb6 56.f3! folgt und die Mattdrohung e5+ nebst Tf7# entscheidet.

Favoritensiege

Magnus brauchte Geduld, gewann aber sicher | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Für die Favoriten ist der Weltcup mit viel Stress verbunden, wie Anish Giri nach seinem Sieg gegen Nana Dzagnidze erklärte:

Geht es für einen wirklich um etwas, ist es sehr nervenaufreibend. Magnus Carlsen und Sergey Karjakin sind vielleicht etwas entspannter… Andererseits ist der Druck für Magnus vermutlich noch größer als für alle anderen. Die Leute erwarten von ihm den Sieg. Er sagte, dass es ihm gefallen würde, wenn die WM auch in diesem Format ausgetragen würde, also geht es in seinem Sinne sogar um seinen Titel. Der Druck für ihn ist riesig.

Anish wird in Tiflis vom georgischen Teil seiner Familie unterstützt, doch "am Brett sieht jedes Land gleich aus!"

Die gesamte 1.Runde mit dem Live-Kommentar von Jan Gustafsson könnt ihr euch hier ansehen:


Natürlich war der Weltmeister gegen den FM Oluwafemi Balogun aus Nigeria mit einer Elo von 2255 hoher Favorit, doch erst als die Damen getauscht wurden, konnte er durchatmen. Den entscheidenden Fehler machte Balogun nach 31.a5:


31…b5?! (31…bxa5!) wurde bald bestraft, als Carlsen mit c4 die Stellung öffnete und Lc3 folgen ließ.

Vishy Anand hatte mit Li Tian Yeoh einige Mühe | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Außer MVL gewannen alle Top-Ten-Spieler ihre Partien, auch wenn es nicht immer leicht aussah. Caruana, Nakamura und Aronian gewannen durchaus stilvoll, während Grischuk, So und Anand lange für den vollen Punkt kämpfen mussten.

Vladimir Kramniks Partie war insofern besonders, als dass er gegen Dai Changren aus China der dreimaligen Stellungswiederholung mit einem Bauernopfer aus dem Weg ging. 

Hart erkämpfter Sieg für Kramnik gegen einen trickreichen Gegner |Foto: Anastasia Karlovich, Offizieller Turnierseite

Ivan Sokolov kommentierte diese Entscheidung mit den Worten, "Kramnik kämpfe ums Remis”, doch letztlich behielt der Ex-Weltmeister recht:


Der Chinese musste hier 44.Kh1! spielen und 44…Lxh3 mit dem eiskalten 45.f3! beantworten, um auf 45…Ld7 mit 46.Sxd6! einen weiteren einzigen Zug folgen zu lassen. Stattdessen spielte er das natürliche 44.g3?, doch nach 44…Lxh3! gab es keine Verteidigung mehr. 45.gxf4 Dg4 ist Matt im nächsten Zug, aber nach 45.Sxd6 hxg3+ 46.fxg3 Dg4! sind die weißen Aussichten auch nicht besser. Kramnik brachte mit tödlicher Präzision den ganzen Punkt nach Hause.

Leider trug Kramnik während der Partie keine Sonnenbrille... | Foto: Offizielle Turnierseite 

Ebenfalls Schwarzsiege feierten So, Anand, Mamedyarov, Artemiev, Matlakov, Duda, Navara und Peter Svidler, die damit allesamt mit einem Bein in der nächsten Runde stehen.

Die Finalisten von 2011 Grischuk und Svidler siegten zum Auftakt | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Schon heute geht es um 13 Uhr mit dem Live-Kommentar von Jan Gustafsson auf chess24 weiter!

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