Berichte 22.09.2017 | 11:29von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Halbfinale TB: Ding Liren & Aronian triumphieren

Ding Liren und Levon Aronian stehen nach zwei aufregenden Stichkämpfen im Finale des FIDE Weltcup 2017. Der Chinese schaffte den Finaleinzug mit einem Schwarzsieg in den 10-Minutenpartien, während das Match zwischen Aronian und Maxime Vachier-Lagrave erst im Armageddon entschieden wurde. MVL gewann die Farbwahl und entschied sich für Schwarz, doch Aronian führte am Ende ein Endspiel Dame gegen Turm sicher zum Sieg. Die beiden Finalisten sind damit für das Kandidatenturnier 2018 qualifiziert, während So und MVL weiter um ihren Platz kämpfen müssen.

MVL-Aronian bot maximale Spannung in angenehmer und freundschaftlicher Atmosphäre | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Alle Partien aus Tiflis könnt ihr mit einem Mausklick auf die Partie bzw. den Spieler nachspielen:

IM Sopiko Guramishvili hat die Halbfinalpartien für euch zusammengefasst!

Natürlich durfte man auf die beiden Halbfinals, in denen es um die direkte Qualifikation für das Kandidatenturnier ging, sehr gespannt sein, und die Zuschauer wurden nicht enttäuscht.

Ding Liren sorgt für historischen Triumph


In den beiden Partien mit klassischer Bedenkzeit zwischen der chinesischen Nummer 1 Ding Liren und dem US-Amerikaner Wesley So war jeweils Weiß am Drücker gewesen und hatte reelle Gewinnchancen gehabt, doch bereits in der ersten 25-Minutenpartie sah alles ganz anders aus.

Ding Liren ist abseits des Bretts ein sehr ruhiger Zeitgenosse, am Brett aber ein großer Kämpfer | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Schon nach wenigen Zügen stand Ding Liren als Schwarzer in einer Reti-Eröffnung besser, nachdem er fünf Minuten darauf verwendet hatte, sich davon überzeugen, dass der weiße Läufer auf g2 der Dame nach 8…Dd5! nichts anhaben kann:


Liren spielte zunächst eine technisch einwandfreie Partie und wies nach, dass Weiß keinerlei Kompensation für den Bauern hat. Nachdem er seinen c-Bauern bis nach c2 getrieben hatte, blieb So nichts anderes übrig, als mit seinem Springer in eine schwerwiegende Fesselung zu ziehen:


Hier versank Liren in ein zweiminütiges Nachdenken, um den Ausmacher zu finden, doch:

Ich stand auf Gewinn, übersah dann aber, dass ich 41…Kd8 gefolgt von Txf3 statt 41…T8c4 spielen konnte, wonach die Stellung einfach gewonnen ist. Mit nur etwa vier Minuten auf der Uhr fand ich aber keinen klaren Gewinnweg und vergab meinen Vorteil. Das war sehr frustrierend.

Auch das direkte 41…Rxf3! wäre sehr stark gewesen, da Schwarz nach 42.Sb4 das starke  42…Tg8! hat und Weiß nicht alle Drohungen der schwarzen Türme parieren kann. In praktischer Hinsicht wäre es vermutlich am besten gewesen, gar nichts zu machen, da Weiß fast in Zugzwang ist, doch in der Partie folgte 41…T8c4 42.Tb2! Txf3? 43.Tb7+! Ke8 44.Sb4! und der weiße Springer war zum Leben erwacht. Ding Liren hatte weiter Gewinnchancen, aber nun war schon extreme Genauigkeit nötig und So verteidigte sich trotz aller Nervosität extrem akkurat: 

In der langen Pause vor der zweiten Schnellschachpartie musste sich Ding Liren erst einmal wieder neu sammeln.

Er hatte nun Weiß und hätte auf Gewinn spielen können, doch dann spielte er 9.Lxf6...


... und bot Remis an, das Wesley So mit Schwarz annahm. Die Gründe beschrieb der Chinese so:

In der zweiten Partie überraschte er mich in der Eröffnung, daher bot ich Remis an. Mit Schwarz hätte ich vermutlich sogar abgelehnt, da seine Stellung vielleicht sogar schon leicht besser ist… Während der Partie war ich in sehr schlechter Stimmung, daher war das Remis sehr wichtig, um mich erholen zu können. 

Wesley befand sich während des gesamten Stichkampfs in der Defensive | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Die nächste Partie war zweifellos der Höhepunkt des gesamten Matches, denn beide Spieler hatten brillante Momente. Ding Liren spielte mit Schwarz sehr aktiv, doch nach seinem Schlagen auf b3 wurde er von Sos 19.Sg5! überrascht:

Plötzlich verliert der schöne Springer auf d3 seine Deckung, doch Ding fand eine taktische Lösung seiner Probleme: 19…b2! 20.Tab1 Sxf2! 21.Dxf2 Lxb1 22.Txb1 e5!


Das Wechselspiel aus Angriff und Gegenangriff ging munter weiter, und nun ist der Springer auf g5 angegriffen. Wesley Spielte 23.Sh3!? und bot Remis an, doch Ding Liren machte nicht denselben Fehler wie sein Gegner in der Partie davor und spielte weiter. Er hatte richtig eingeschätzt, dass die weiße Bauernstruktur sehr anfällig ist, und nach einigen Ungenauigkeiten hatte zwar Weiß einen Mehrbauern, stand aber mit dem Rücken zur Wand. Die Entscheidung fiel, als der Fehler 39.Tf3? mit 39…Tc3! beantwortet wurde:


Dieses Mal ließ Schwarz die Fesselung nicht ungenutzt und wickelte in ein Endspiel Dame gegen Turm ab. Die Partie endete schließlich mit dem hübschen Schlusszug 69…Db8+!

70.Kg2 verliert wegen 70…Dg8+!, und wenn der weiße König auf die Grundreihe geht, folgt 70…Db1+, daher gab Wesley So auf – seine erste Niederlage in Tiflis!

So versuchte es in der Schwarzpartie mit Benoni, doch Ding stand bis zum Abtausch aller Figuren stets besser und hatte bis zum Remisschluss alles im Griff.

Ein historischer Moment für das chinesische Schach | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Ein hochverdienter Sieg für den Chinesen Ding Liren, der sich damit als erster Vertreter seines Landes für ein Kandidatenturnier qualifiziert hat.

Wesley So dagegen feierte mit dem Halbfinaleinzug beim Weltcup zwar einen großen Erfolg, aber er muss nun weiter um die Qualifikation für das Kandidatenturnier bangen. In der Elo-Wertung hat er im Moment gegenüber Kramnik knapp die Nase vorn:

Kramnik steht also unter Zugzwang und wird ab morgen beim Open auf der Isle of Man und beim anschließenden Europa-Cup den Rückstand wettmachen wollen.

Kommen wir zum anderen Match, das sogar noch spannender verlief:

Aronian schlägt MVL im Armageddon


Mit zwei schnellen Remis waren Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave im Stichkampf gelandet, doch die Partien mit kurzer Bedenkzeit sollten es in sich haben.

Aronian wirkt immer cool und gelassen | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

MVL wich als Erster von der Partie mit klassischer Bedenkzeit ab und spielte 14.Lc6 statt 14.h3. In der ersten Partie hatte Levon maximal 9 Sekunden für seine 18 Züge investiert, doch dieses Mal landete er rasch in einer unangenehmen Lage:

"Schlechte Eröffnungsvorbereitung von Lev - hat er wirklich geglaubt, diese Konstellation Springer gegen Läufer sei gut für ihn? Lehrbuchreife Vollstreckung von MVL!"

Maxime brauchte lange, bis er den Sack zumachen konnte, aber schließlich war nach 64.De6! der Ofen aus:


Zwar hatte Aronian schon gegen Matlakov zwei Partien verloren, aber er stand nun zum ersten Mal unter dem Zugzwang, eine Partie gewinnen zu müssen: Hinterher meinte er:

Das war nicht leicht, aber wenn man nichts zu verlieren hat, muss man es eben probieren!

Welch ein Stichkampf! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Maxime Vachier-Lagrave kam ihm entgegen und hatte nichts gegen eine der schärfsten Varianten im Grünfeld mit 3.f3 einzuwenden. Spektakulär wurde es dann nach der Neuerung 15.Lc4!!


Maxime schlug die Figur auf g3 und spielte danach so schnell, dass man den Eindruck bekommen musste, dass er sich auskannte. Bis zu 21.d6 hielt die französische Nummer 1 mit:


Hier hätte Schwarz laut Computer 21…Sdf8! spielen sollen, wonach Weiß nichts Besseres hat, als mit 22. d7 Lxd7 23.Dh6+ Kg8 24.Txd7 Sxd7 25.Dxg6+ Dg7 26.Lxf7+...  


26...Kf8 27.Dd6+ Kxf7 28.Dxd7+ Kg8 29.De6+ und Schachs auf g4 und e6 das Remis zu forcieren. Sicher hätte Aronian von dieser Zugfolge, die sein Aus bedeutet hätte, Abstand genommen.  

Maxime jedoch spielte das furchtlose 21…g5!? und nach 22.The1! b5 23.Ld5! Tb8 24.f4 Dd4? (24…Df5! hätte die Partie verlängert) 25.De2! Db4 26.Dh5! musste er mit 17 Minuten auf der Uhr aufgeben!

In der ersten 10-Minutenpartie spielte MVL wieder Grünfeld und erreichte trotz zeitweilig zweier Minusbauern bei verschiedenfarbigen Läufern nach 59 Zügen das Remis. Auch in der zweiten Partie stand Levon besser, doch diese endete ebenfalls nach 36 Zügen remis.

Eleganter Zug von Maxime | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

In der ersten Blitzpartie überschlugen sich dann die Ereignisse. Levon wechselte zum Londoner System mit Sc3 und erreichte eine überragende Stellung. Das Material ist zwar ausgeglichen, aber in einer Normalpartie hätte MVL aufgeben können:


34.Td8! hätte hier leicht gewonnen. Nach Massenabtausch auf d8 schlägt Weiß den Springer auf c7, und auf 34…Db7 folgt 35.Lh6 oder das noch stärkere 35.T1d7. Levon dagegen wiederholte die Züge und zog dann seinen Läufer mit der Idee Lc3 nach d2 zurück, doch dann folgte die böse Überraschung mit 35…Sb5! und die Sache war nicht mehr klar.

Schließlich landete der Turm unter ungünstigeren Voraussetzungen auf d8, doch Weiß stand bis zum 41.Zug immer noch auf Gewinn:


Die Fesselung 41.Bc4! mit Angriff des Springers auf c7 gewinnt. Deckt Schwarz den Springer, folgt Lh6! mit Mattangriff. Levon spielte stattdessen aber 41.Lxd1? und nach 41…De8 42.Dc3? Dxe4 hatte Schwarz auf einmal eine Qualität und einen Bauern mehr. Mit Sekunden auf der Uhr vergab MVL den Gewinn nach 46.Le3:


Nach 46…Dd3! ist Schwarz klar im Vorteil, aber nach 46…Sxe3? 47.Lxf7+ Kxf7 48.fxe3 De5? 49.Df1+! Kg7 50.Dxb5 war das Damenendspiel remis.

In der zweiten Blitzpartie hatte Levon wieder leichten Vorteil, aber Maxime hielt seine Stellung zusammen und sorgte für das erste Armageddon bei diesem Weltcup!

Maxime gewann die Farbwahl und entschied sich für Schwarz. Damit hatte er zwar nur vier Minuten gegenüber den fünf Minuten von Weiß, aber ihm hätte ein Remis zur Qualifikation für das Kandidatenturnier gereicht. Hier die Bilder von dieser aufregenden Partie:

Zunächst spielte Maxime schnell und voller Selbstvertrauen und erreichte eine vorteilhafte Stellung.

Levon meinte später über das Armageddon:

Du brauchst Glück! Es gibt kein Rezept zum Gewinnen wie etwa gute Züge. Du musst einfach schnell ziehen und hoffen, dass dein Gegner Fehler macht.

Die weiteren Ereignisse waren schwer verständlich, aber zunächst wurde MVLs Freibauer gestoppt und Levon überführte seinen Läufer, um seine Bauern zu verteidigen…

…und als die Läufer vom Brett verschwanden, hatte Weiß auf einmal eine gefährliche Bauernkette im Zentrum. Maxime hätte sie stoppen können, doch dann kam der entscheidende Fehler nach 53.e6:


54…Taa4! war die versteckte letzte Chance, da Dauerschach droht und 55.Tf1+ mit 55…Taf4 56.Txf4+ Txf4 beantwortet kann, und wenn Weiß dann auf a2 schlägt, kann Schwarz auf e6 schlagen. 

MVL verpasste diese studienartige Rettung, und nach 54…Ta8? 55.Tf1+ konnte Weiß einen Bauern umwandeln und in ein Endspiel mit Dame gegen Turm abwickeln, das Aronian sicher zum Sieg führte. Damit steht er mit Ding Liren, Karjakin und fünf weiteren Spielern im Kandidatenturnier.

Es ist vorbei... | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Um unsere spanischen Kommentatoren zu verstehen, muss man kein Spanisch können!

Levon meinte hinterher:

Es ging um sehr viel, daher würde ich von einem meiner schwierigsten und schönsten Siege sprechen.

Auch seinen Fans hatte er auf Nachfrage einiges zu verdanken:

Absolut, und eine Niederlage wäre doppelt schlimm gewesen, da Armenien heute seinen Unabhängigkeitstag feiert!

Mit einer Niederlage hätte er zudem dafür gesorgt, dass der Aseri Shakhriyar Mamedyarov aufgrund der Grand-Prix-Wertung automatisch für das Kandidatenturnier qualifiziert gewesen wäre.

Ende gut, alles gut! | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Maxime hat zwar seine erste Chance verpasst, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren, aber für ihn ist beim Grand Prix noch alles drin.

"Glückwunsch an Lev Aronian - das war ein intensives Ringen! Ich bin sicher, dass wir uns dank meines sofort eingeleiteten Erholungsprogramms in Berlin sehen."

"Danke Bruder. So sieht Freundschaft aus - man fordert den anderen heraus und schickt sich ins Unvermeidliche."

Damit steht das Finale um den Weltcup 2017 fest. Ding Liren und Levon Aronian ermitteln ab Samstag den Sieger und ihr könnt wie immer ab 13 Uhr live auf chess24 dabei sein. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

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