Berichte 21.09.2017 | 08:37von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Halbfinale Tag 2: Stichkämpfe müssen entscheiden

Ding Liren drehte in der zweiten Halbfinalpartie gegen Wesley So den Spieß um und quälte den Amerikaner mit den weißen Steinen so lange, bis nach 58 Zügen nur noch die nackten Könige auf dem Brett standen und das Remis unterschriftsreif war. Damit müssen die beiden Kontrahenten genauso ins Stechen um den Finalplatz beim Weltcup und die damit verbundene Qualifikation für das Kandidatenturnier wie Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave. In deren Partie passierte extrem wenig, und Aronian verbrauchte für keinen seiner 18 Züge mehr als neun Sekunden.

Am Mittwoch war Wesley So derjenige, der leiden musste! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Alle Partien aus Tiflis könnt ihr mit einem Klick auf die Runde bzw. den Spieler mit Computeranalyse nachspielen:

MVL ½-½ Aronian: Ruckzuck vorbei

Die Fotografen mussten sich beeilen, wenn sie ein Bild von dieser Partie schießen wollten! | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Eigentlich hätte man davon ausgehen können, dass Maxime Vachier-Lagrave mit Weiß auf Gewinn spielen würde, nachdem Aronian sich seine Chance am Vortag hatte entgehen lassen, doch es kam anders. Ein überraschender Zug im Spanier reichte schon aus, dass Maxime seine Gewinnbemühungen einstellte und seine Hoffnungen auf das Stechen am Donnerstag setzte.


  

Schaut man in der Datenbank nach und sortiert die Spieler nach Elo, findet man so bekannte Namen wie Mickey Adams, Pavel Eljanov, Evgeny Tomashevsky, Gata Kamsky und Alexander Morozevich, die diese Stellung als Schwarzer auf dem Brett hatten. Während diese Spitzenspieler alle 12…Sd7 spielten, folgte Aronian mit 12…Sxd5 Leuten wie Zoltan Hajnal, Marina Guseva, Francisco Olivares, Paulius Pultinevicius und Lidia Tomnikova... 

Maxime dachte mehr als eine Minute über 13.Lxd5 nach, doch nach 13…Tc8 14.h3 kam Levons Pointe mit 14…Ld7!. Wie die Partiefolge zeigt, löst das Schlagen des Bauern auf d4 die strukturellen Probleme des Schwarzen, der den Bauern obendrein wenige Züge später zurückgewinnt. Nach den Zügen 15.Sxd4 c6 16.Lb3 Lf6 17.c3 Lxd4 18.cxd4 Df6 19.Dd2 war die Partie dann auch schon vorbei, und Levon hatte sogar sieben Minuten mehr auf der Uhr als zu Beginn der Partie:


Keine begeisternde Partie, aber dafür dürfen wir uns auf das Stechen zwischen den beiden freuen!   

Mit einer starken Eröffnungsbehandlung löste Aronian alle Probleme | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Bisher musste Maxime dreimal ins Stechen und besiegte dabei Svidler und Lenderman in den 25-Minutenpartien und Grischuk in den 10-Minutenpartien. Levon gewann seine Stichkämpfe gegen Hou Yifan in den 10-Minutenpartien in Runde 2 und gegen Maxim Matlakov im Blitz in Runde 3.

Ding Liren ½-½ So: Vertauschte Rollen

In der ersten Partie hatte Wesley So mit Weiß aus dem frühen Mittelspiel heraus eine überwältigende Stellung erreicht und verpasste dann im Endspiel den Sieg. Die zweite Partie verlief ganz ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass Ding Liren im Vorteil war, wenn auch nicht so klar wie der Weiße am Vortag.

Startschuss zu einer harten Kampfpartie  |Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Die erste Überraschung gab es schon in der Eröffnung, denn in einem Katalanen packte Ding Liren nach 9…c5 einen Zug aus, der in den 203 Vorgängerpartien nie gespielt wurde:


10.Se1!? Wesley verbrauchte 11 Minuten, ehe er 10…cxd4 spielte, und landete dann in einer schwierigen Stellung, als er mit 17…Db8 den Damentausch anbot:


Yasser Seirawan bescheinigte dem Chinese gute Gewinnchancen und meinte, als Schwarzer wäre man den Tränen nah, wenn man dem schwedischen Endspielgott Ulf Andersson gegenüber säße. Ding Liren selbst sprach von einer “katalanischen Traumstellung”, fügte aber hinzu, “bis zum Damentausch habe ich gut gespielt“.

Ding Liren gewann in Tiflis gegen Landsmann Wang Hao eine positionelle Glanzpartie, aber gegen Wesley So gelang ihm dieses Kunststück nicht noch einmal | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Laut Seirawan hätte Weiß keinen Grund gehabt, den Tausch auf b8 zu überstürzen, doch zunächst machte die chinesische Nummer 1 weiter Fortschritte und verpasste etwa mit dem Durchbruch 31.f5!? einige interessante Chancen. Kurz vor der Zeitkontrolle fand Wesley dann bei leichter gegnerischer Zeitknappheit mit 36…Sb6!? den Zug, der ihm letztlich das Remis sicherte:


Nach über vierminütigem Nachdenken spielte Ding Liren 37.Tc6 und nach 37…Tc7! 38.Txb6 Txc5 39.e5 g5! hatte Schwarz ausgeglichen. Die Nagelprobe für die schwarze Stellung wäre aber 37.Th8!! gewesen, was sich erst als Gewinnversuch erweist, wenn man sieht, dass nach 37…Tc7 38.Tdd8! geht und nach 38…Txc5 39.e5! mit einzügiger Mattdrohung kommt.


Schwarz muss den einzigen Zug 39…f5 finden, doch dann muss er nach 40.Tb8! die Figur zurückgeben (40…Sd5+ sieht auf den ersten Blick wie die einfache Widerlegung aus, aber 41.Kd4! greift den Turm auf c5 an und dem schwarzen König fehlt das nötige Tempo, um aus dem Mattnetz zu entwischen).

Wenn der Rauch sich verzogen hat, etwa nach 40…Tc8 41.Thxc8 Sxc8 42.Txc8 ist der materielle Ausgleich wieder hergestellt und Weiß hat alle Trümpfe in der Hand. Allerdings ist es nicht klar, ob das für einen vollen Punkt gegen einen technisch so starken Spieler wie So gereicht hätte.

Als Ding Liren nach der Partie auf 37.Th8 angesprochen wurde, fragte er nur, was passiert, wenn der Schwarze den Springer auf c5 schlägt…

Zurück zur Partie, in der Weiß zwar gewisse Chancen hatte, aber So letztlich sicher den Remishafen erreichte:


Es gab viele Wege zum Remis, aber 54…f6! war der eleganteste, da nach dem Abtausch der Bauern der weiße h-Bauer keine entscheidende Rolle spielt. Stilecht spielten die beiden Kämpfer aber bis zum nackten König.

Bisher musste Wesley zweimal ins Stechen und  bezwang Matthias Blübaum in den 10-Minutenpartien der 2.Runde und  Baadur Jobava in den 25-Minutenpartien in Runde 4. Ding Liren musste ebenfalls zweimal ins Stechen und besiegte dabei Martyn Kravtsiv und Vidit im Schnellschach. Keiner der beiden hat in Tiflis bisher eine Partie verloren.

Wesley So hatte mit Baadur Jobava schon eine harte Schnellschachnuss zu knacken | Foto: Anastasia Karlovich, Offizielle Turnierseite

Natürlich bergen die heutigen Stichkämpfe eine Menge Spannung, da es um die Qualifikation für das Weltcup-Finale 2017 UND zwei Plätze im Kandidatenturnier 2018 geht. Alle Partien könnt ihr heute live ab 13:00 auf chess24 verfolgen. Dies ist natürlich auch mit unseren kostenlosen Apps möglich: 

         

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