Berichte 20.09.2017 | 11:48von Colin McGourty

Weltcup in Tiflis, Halbfinale Tag 1 : So war so knapp dran

Wesley So hatte in der ersten Halbfinalpartie gegen Ding Liren einen komfortablen positionellen Vorteil. Nach äußerst brisantem Partieverlauf war aber nicht mehr als ein Remis drin. Der Vorteil liegt nun bei Ding Liren, weil er am Mittwoch mit Weiß antreten darf. Auch MVL ist in dieser angenehmen Lage. Er folgte 24 Züge lang den Vorgaben Peter Svidlers und errang ein zügiges Remis mit Schwarz. Sein Gegner, Levon Aronian, meinte dazu, er habe einfach einen Bauern eingestellt. Der anschließende Partieverlauf sah auch eher wie ein Täuschungsversuch aus. Insgesamt war die Stellung aber alles in allem stabil genug und endete friedvoll. 

Es geht auch um die Qualifikation für das Kandidatenturnier 2018. Wesley So kann Vladimir Kramnik mit einer direkten Qualifikation über den Weltcup glücklich machen.| Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Du kannst dir in der aufgeführten Tabelle alle Partien erneut anschauen. Klicke dazu auf ein Ergebnis, um die Partie zu öffnen. Beweg den Mauszeiger über einen Namen, um dessen Resultate einzusehen:

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Beunruhigende Ausgeglichenheit

Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave gleichen sich vielleicht etwas zu sehr in allen Bereichen des Schachspiels. In unserem Direktvergleich kannst du dir über die Übereinstimmungen ansehen:


Es geht um so viel in dem Halbfinale des FIDE-Weltcups. Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave wollten dem entsprechend wenige Risiken eingehen, damit sie nicht mit einer Niederlage ihre Chancen auf die Teilnahme am Kandidatenturnier 2018 verspielen. Fast schien es so, als wären die die Figuren nur ein Hindernis für ihre Hände, die sich schütteln wollten, um das Remis zu beschließen. Die Partie folgte lange Zeit einer Variante aus der Grünfeldindischen Verteidigung, dann wurde es etwas mysteriös, sofern man den Worten der Spieler Glauben schenken darf.

Ein kleiner Becher für einen großen Denker. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Die ersten eigenen Gedanken machte sich Levon vor seiner Entscheidung 24.Tbc1 zu spielen, womit er 24…Dxe4 erlaubte:


Du kannst hier sehen, Peter Svidler hatte sich bereits mit der Stellung beschäftigt. In seinem ebook, das seiner Videoserie hier auf chess24 angehört, benennt er 24.Tbc1 als ein Beispiel für einen Zug mit dem Weiß "nichts macht" und Schwarz erlaubt, den Bauern auf e4 zu schlagen. Maxime hielt nicht länger als 9 Minuten inne, um dann ebendies zu tun. Aronian ließ 25.Dc3!? äußerst schnell folgen. War das wohl eine spontane Eingebung?

"Aronian verliert aus meiner Sicht etwas die Kontrolle mit 25.Dc3."

"Yeah, er macht 25 Theoriezüge nach denen der Zentrumsbauer mit 1:29 auf der Uhr verloren geht. Er verliert bestimmt die Kontrolle."

Nach der Partie gab sich Maxime Vachier-Lagrave in der Tat überrascht. 24.Tbc1 schien "einfach einen Bauern einzustellen... Die Frage war dann nur noch, ob ich danach besser stand". Zunächst vermutete Maxime, "es sei in gewisser Weise Vorbereitung", aber nach 25.Dc3!? änderte sich seine Schlussfolgerung. Aronian "spielte alle Züge, ohne nachzudenken", deshalb "muss es keine Vorbereitung gewesen sein".

Maxime viel das Remis mit Schwarz gegen Levon Aronian schon bemerkenswert leicht. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Wenn wir den Worten Aronians Glauben schenken können - "wenn"! - dann hatte er wirklich einen Bauern eingestellt und danach eine fast trotzige Entscheidung am Brett getroffen... Mit anderen Worten, Lawrence Trent hatte recht!

"Ist dies einer der Momente, in denen ich meinen eigenen Tweet nochmal twittern sollte?"

"Es sieht wohl so aus, als ob du recht hattest, was noch verrückter ist, als das was Lev da getan hatte. Ich sage es dir, das Endzeitalter bricht an!"

Maxime meinte, er sei etwas durcheinander gewesen - "normalerweise bekommst du keinen Bauern umsonst!" - und deshalb war er vielleicht etwas zu zurückhaltend mit 25…Db4!? anstelle von 25…Lc5, welcher von den Computern bevorzugt wird... und zu Lawrence, ja du solltest!

Etienne Bacrot lässt sich als Sekundant von MVL noch im Turniersaal blicken. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Damit hier kein falscher Verdacht erregt wird, es kam dann sehr zügig zum Remis: 26.Da1 Lc5 27.Dxa7 Db2 28.Kh1 Lxf2 29.Db7 De2 30.Tf1 Tf8 31.Dc6 Lc5 32.Tce1:


Fassen wir zusammen und bringen die Verwirrungen hinter uns. Maxime hat in Partie 2 den Vorteil, mit Weiß spielen zu dürfen. Er merkte dazu an: "Levon mit Weiß zu besiegen ist eine mühselige Aufgabe". Zusätzlich dürfen wir noch den neuen Spitznamen bekanntgeben, den sich Maxime verdient hat:

Du kannst dir hier das gesamte Interview anschauen:

Wesley So ließ seine Beute entkommen

Der Direktvergleich zwischen Wesley So und Ding Liren hat ebenfalls so seine Eigenheiten. Wesleys Wertungszahlen sind denen von Ding Liren im klassischen Schach und im Schnellschach überlegen. Umgekehrt hat Ding im Blitz die Oberhand:


Wesley wird diese Paarung wohl zügig beenden wollen. In der ersten Partie hatte er es bereits fast geschafft. Er spielte das Giuoco Piano und schnell kam der Verdacht auf, der Dienstag in Tiflis bringe bloß zwei schnelle Remisen ein. Schon im 14. Zug erlaubte sich Ding Liren, ein Remisangebot abzugeben. Mit den schwarzen Steinen erscheint das ein wenig frech.

So reagierte darauf, “er wolle lediglich noch ein paar Züge machen”, und bot mit 18.Db5 stattdessen den Damentausch an:


Wesley erläuterte, “vielleicht war das noch nicht nötig” aus Sicht seines Gegners, den Damentausch sofort durchzuführen. So ging die Partie weiter.

Es ist die Eigenheit des Weltcups. Das Turnier beginnt mit einer gewaltigen Spielerzahl und endet mit so wenigen, dass der Spielsaal fast von der Einsamkeit heimgesucht wird. Der Unterschied zum Fußball ist, die Stadien bleiben gefüllt mit jubelnden Massen, wohingegen dem Schachsport nur das Internet bleibt. Die Zuschauerzahlen vor Ort nehmen zum Turnierende bedenklich ab. 

"Manchmal ist Schach ein einsames Spiel!"

Dazu passt eine Anekdote von Ruslan Ponomariov, der über seinen Wettkampf gegen Boris Gelfand im Weltcup 2009 in Chanty-Mansijsk sprach:

Eine Situation in der ersten Partie im Finale gegen Gelfand war äußerst seltsam. Gelfand machte seinen Zug und entfernte sich vom Brett. Ich reagierte sehr zügig und stand ebenfalls auf, um Wasser zu trinken. Zeitgleich waren auch die Schiedsrichter nicht im Raum und auch Zuschauer gab es keine. Es war niemand in der Halle! Das blieb mir als ein Trauerspiel in Erinnerung. 

Möglicherweise wird es im Finale mehr Zuschauer geben, weil der Austragungsort in ein Hotel inmitten der Stadt Tiflis wechselt. Unterdessen müssen die Fans aus dem Internet genügen. So konnte seinen Vorteil immer weiter ausbauen, wenn er auch mit der guten Verteidigungsleistung seines Gegner zu kämpfen hatte:


Ding Liren spielte 32…f6 33.f5 Kd7, was von So wie folgt kommentiert wurde:

Dann traf er die weise Entscheidung, seinen Damenflügel mit den Zügen f6 und Kd7 zu unterstützen. Das war für ihn äußerst hilfreich, denn der Bauer auf a4 schien etwas anfällig zu sein.

Wesley streckte seine Fühler auf beiden Seiten des Brettes aus, fand aber keinen entscheidenden Einschnitt in die schwarzen Reihen. Mit dem Erreichen der Zeitkontrolle entwickelte er etwas Angriffspotential am Königsflügel. Ding Liren ging vollkommen zurecht zum Gegenangriff über. Dann aber ereignete sich der möglicherweise partieentscheidende Moment als 40…Sb3+ gezogen wurde:


Zu dem Zeitpunkt wäre es vielleicht angebrachter gewesen, schon im 39. Zug dieses Schachgebot zu geben. Weiß hätte äußerst mutig sein müssen, im Zug der Zeitkontrolle die Qualität mit Txb3! zu opfern. Wesley So dachte hingegen nur 2 Minuten und 49 Sekunden nach und entschied sich gegen das Opfer mit 41.Kc3. Er hatte die Opfermöglichkeit nicht etwa übersehen. Im Interview nach der Partie gab er einige Varianten an, die ihm wohl nicht gefiehlen, darunter: 41.Txb3 axb3 42.gxf6 gxf6 43.Tg7 Th2+ 44.Kc3 Ta2 45.Txc7+ Kb8 46.Tc6!. Er kommentierte: "Mein König ist auf b4 in Sicherheit, aber es ist trotzdem gefährlich, denn er hat einen Freibauern und Gegenspiel": 


Die Wahrheit ist, wie wir hier sehen können, Weiß steht glattweg gewonnen. Hätte sich der schwarze König eher zentralisiert mit 45…Kd8 und später Ke8 hätte er wohl überlebt, in dieser Zugfolge aber nicht. Weiß könnte sehr leicht Dauerschach forcieren.

Ding Liren nahm sofort die Gelegenheit wahr, sich aus der Gefahr zu begeben. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Ding Liren ist taktisch äußerst versiert. Er hätte vielleicht in allen möglichen Abspielen einen Ausweg gefunden. Zumindest wurde er aber getestet. In der Partie musste er sich nach 41.Kc3 Sd4 42.gxf6 Th2! beweisen:


Die schwarze Drohung konnte nicht ignoriert werden. Falls beispielsweise 43.fxg7 käme, würde ein schnelles Matt folgen: 43…Tc2+ 44.Kb4 c5+ 45.bxc6 Sxc6# Ein Option wäre 43.Se3 gewesen, aber Wesley wollte das Remis mit 43.Sxb6+ erzwingen, denn nach 43…cxb6 44.fxg7 Tc2+ 45.Kb4 Txb2+ kann der König nicht den Schachgeboten entkommen.

Wesley hatte einen entscheiden Vorteil in dieser Partie ausgelassen. Er plante aber, sich davon nicht beirren zu lassen. Zu seiner Turnierstrategie gab er einen kurzen Kommentar ab:

Jede Partie ist schwierig. Doch es bleibt eine Partie und auf die bereite ich mich wie gehabt vor und gebe mein bestes.

Du kannst dir hier das gesamte Interview anschauen:

Am Mittwoch geht es für die übrigen Teilnehmer um alles. Am wahrscheinlichsten ist wohl, dass beide Begegnungen in den Tiebreaks enden. Bei der herrschenden Anspannung kann aber halt alles passieren! 

Evgeny Miroshnichenko gibt nun den Ton als Kommentator an. Gennadi Sosonko und Keti Tsatsalashvili unterstützen ihn. | Foto: Anastasia Karlovich, offizielle Turnierseite

Sei dabei, wenn das Halbfinale in die zweite Runde geht. Hier auf chess24 findet am Mittwoch ab 13:00Uhr MEZ die Übertragung statt. 

Du kannst dir die Partien auch über die kostenlosen Apps ansehen:

         


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