Berichte 06.10.2015 | 12:21von Colin McGourty

Weltcup in Baku: Karjakin gewinnt unglaubliches Finale

Mit seinem Sieg in einem der außergewöhnlichsten Finale aller Zeiten holte sich Sergey Karjakin den Weltcup in Baku. In seinem Match gegen Peter Svidler endete keine der zehn Partien remis, und das Geschehen wogte mit unfassbaren Fehlern und wechselndem Schlachtenglück hin und her. Für alle Schachfans in der gesamten Welt bot dieses Match große Unterhaltung, am Ende hätte es zwei Sieger verdient gehabt.  

Nach einem 2:0 Rückstand kam Sergey Karjakin noch einmal zurück und gewann den FIDE Weltcup mit 6:4| Foto: Offizielle Website

Wer gedacht hatte, dass Karjakins Aufholjagd in den klassischen Partien, als er einen 0:2 Rückstand aufholte, der Höhepunkt dieses Duells war, sah sich getäuscht. Leider kann uns Jan Gustafsson dieses Mal keinen Videorückblick liefern – schauen wir uns die Partien aber dennoch der Reihe nach an:

25-Minuten Schnellschach, 1.Partie: Karjakin 1-0 Svidler

Peter Svidlers Experiment mit passiver Verteidigung endete am Vortag mit einem Desaster, daher überraschte es nicht, dass er in der ersten Tiebreak-Partie aktiv spielte und einen Bauern für Initiative opferte. Recht schnell hatte er eine völlig dominante Stellung erreicht, mit weniger Zeit auf der Uhr fand er aber nicht den entscheidenden Schlag – wie etwa hier:


39…Df5! 40.Lg3 Txa2!, unter Ausnutzung der Fesselung des Turms auf c2 hätte ihm fast schon siegbringenden Vorteil verschafft. Stattdessen ließ er Karjakin entwischen, worauf dieser einen Bauern gewann. Mit verschiedenfarbigen Läufern sah es dennoch nach einem Remis aus, doch Karjakin zeigte meisterhafte Technik und manövrierte so lange, bis der richtige Zeitpunkt für den Durchbruch gekommen war: 


80.d5+! Egal wie Schwarz schlägt, Weiß kommt immer mit dem König zu den schwarzen Bauern am Königsflügel. Svidler hätte zwar immer noch studienartig remis halten können, doch mit knapper Zeit fand er die richtige Fortsetzung nicht und musste im 89.Zug aufgeben.

25-Minuten Schnellschach, 2.Partie: Svidler 1-0 Karjakin

Es sah übel für Svidler aus. Nachdem er zuvor 22 Partien lang ungeschlagen geblieben war, verlor er nun schon die dritte Partie in Folge – und das, nachdem er klar besser gestanden hatte.

"Sieht so aus, als wäre die Sache für Svidler gelaufen."

Nun musste er im Verlauf des Weltcups 2015 zum ersten Mal unbedingt gewinnen, doch nach der Eröffnung schien er kaum Vorteil zu haben.

Dann zeigte Svidler aber, wieso er ins Finale gekommen war. Nachdem er einen Bauern gewonnen hatte, sah es so aus, als könnte er daraus kein Kapital schlagen, doch dann wickelte er in eine Stellung ab, in der sein Springer dem schwarzen Läufer klar überlegen war. Nach dem Damentausch fand er das brillante 41.Tb8!


Weiß opfert einen Bauern, den Schwarz mit Schach schlagen kann, doch der Springer kommt über c5 nach d7 und gewinnt eine Figur. Karjakin verhinderte dies durch ein Qualitätsopfer, aber Svidler führte das Endspiel mühelos zum Sieg. Schachlich waren die beiden Schnellpartien zweifellos der Höhepunkt des Stechens.

10-Minuten Blitz, 3.Partie: Karjakin 0-1 Svidler

Eine katastrophale Partie für Karjakin, der nach 10 Zügen bereits schwierig und im 20.Zug auf Verlust stand. Svidler übernahm schnell die Kontrolle und fand dann auch den entscheidenden Schlag:


23…Txd2! – entscheidend ist, dass 24.Txc6 wegen 24...Txe2! nicht funktioniert. Karjakin gab im 40.Zug auf.

Damit waren schon sieben Partien des Finales ohne ein Remis beendet worden…

10-Minuten Blitz, 4.Partie: Svidler 0-1 Karjakin

Einmal mehr benötigte Svidler damit nur noch ein Remis mit Weiß, um den Weltcup als Sieger zu beenden. Dieses Mal würde er es doch schaffen, oder? Von wegen. Er spielte die Eröffnung genauso schlecht wie Karjakin in der Partie zuvor. In einer Maroczy-Stellung purzelten die Bauern nur so, und Svidler gab mit „nur“ zwei Minusbauern etwas früh, aber zurecht auf.  

Svidler mit eindeutiger Körpersprache | Foto: Offizielle Website 

Damit ging das Match in die nächste Verlängerung und es drohte bereits das Armageddon.

5-Minuten Blitz, 5.Partie: Karjakin 1-0 Svidler

In dieser Partie wurde klar, dass es nicht Peter Svidlers Tag war. Als folgsamer Schüler vertraute er Jan Gustafssons chess24-Videoserie über das Marshall-Gambit bis 17...Bg6:


Hier wich Karjakin mit der Neuerung 18.Lc2? von der Hauptvariante mit 18.g3 ab, wird aber vermutlich keine Nachahmer finden, da dieser Zug wegen 18…Sxc3! auf der Stelle verliert. Svidler spielte stattdessen nach fast zweieinhalb Minuten das fragwürdige 18…b4?! 19.c4 b3 20.Ld1! (vermutlich der Zug, den Svidler übersehen hatte). Karjakin stand dann klar besser, verlor aber wieder die Kontrolle über die Stellung. 29.Tb1? war der nächste weiße Fehler:


Svidler nutzte den Fehler direkt mit 29…Dxb1 (29…Lxf3! war vermutlich sogar noch besser) 30.Dxh5 Lxf2+! 31.Kxf2 Db6+ aus, wonach Schwarz eine Qualität mehr hatte. Zudem hatte Schwarz auch noch einen deutlichen Zeitvorsprung, doch dann ließen Svidler die Götter im Stich. Er machte einen Fehler, der alles bisher Gesehene in den Schatten stellte…


42…Kg8???? 43.Dxb8+

In der Live-Übertragung könnt ihr euch den Fehler und Peters Reaktion noch einmal ansehen:

Wie um Himmels Willen soll man sich von einem solchen Fehler erholen? 

5-Minuten Blitz, 6.Partie: Svidler 0-1 Karjakin

Zunächst machte er seine Sache gut und erreichte eine Stellung, die er gut auf Gewinn spielen konnte.


Beim ersten Mal, als er mit Weiß gewinnen musste, vereinfache Svidler die Stellung und erzielte in technischer Manier den Sieg. So versuchte er es wieder, indem er mit 22.Dxd5 die Damen tauschte, doch dieses Mal hielt Karjakin mit aktivem Spiel dagegen und verteidigte sich trotz einiger extrem versteckten Tricks gut. Mit 22.Dd1! hätte Svidler dagegen die Damen auf dem Brett halten und seine wichtigste Figur im nächsten Zug auf den Königsflügel überführen können.

Karjakin brauchte zwar nur ein Remis, aber er gewann die Partie und sorgte somit dafür, dass alle zehn Partien des Finales entschieden wurden. Und damit war er auch nach 25 Tagen und 433 Partien der letzte Spieler, der den Weltcup in Baku siegreich beendete.

Sergey Karjakin bekam als Sieger des Weltcups einen Scheck über $96.000 überreicht! | Foto: Offizielle Website

Reaktionen

Sichtlich geschockt absolvierten die beiden Spieler vor der Abschlussfeier noch eine letzte Pressekonferenz. Karjakin merkte an, dass Logik im Finale völlig abhanden kam:

Zunächst muss ich sagen, dass heute alles hätte passieren können. Er hätte genauso wie ich gewinnen können. Sehr viel hing vom Zufall ab. Natürlich bin ich dennoch froh, dieses Turnier gewonnen zu haben. Vermutlich ist dies das beste Ergebnis meiner Karriere, daher bin ich sehr glücklich und freue mich auf das Kandidatenturnier.

Karjakin dankte seinen Fans und seiner Frau für die Unterstützung, ehe er sich in spezieller Weise an Sarkhan Gashimov wandte und an dessen Bruder Vugar sowie dessen tragischen frühen Tod erinnerte:

[Sarkhan] gab mir einige nützliche Ratschläge, dank ihm konnte ich das Match gewinnen. Natürlich widme ich meinen Sieg Vugar Gashimov, mit dem ich eng befreundet war und der mir mit einem seiner letzten Worte auf den Weg gab, dass ich künftig für zwei – also auch für ihr – spielen solle. Der heutige Sieg ist unser gemeinsamer Sieg.

"Vor dem Abflug besuchte ich meinen alten Freund." 

Für Peter Svidler war es ein bitteres Ende des Weltcups:

Ich stimme Sergeys Worten zu, aber natürlich empfinde ich derzeit vor allem Bedauern, da ich so viele Chancen ausließ, das Match zu gewinnen. Da ich es nicht geschafft habe, habe ich es auch nicht verdient, aber natürlich ist es sehr unerfreulich, da ich in der dritten klassischen Partie einen Zug lang auf Gewinn stand. Partie 4 kann man getrost vergessen, aber heute hatte ich wieder die Chance, mit einem Weißremis alles klar zu machen, und auch in den letzten beiden Partien hatte ich meine Chancen. Aufgrund unserer Müdigkeit war das Niveau deutlich schwächer, und ich hatte praktisch in jeder Partie eine Gewinnmöglichkeit, aber da ich zu wenig davon nutzte, ist Sergey der verdiente Sieger. Immerhin qualifizierte ich mich für das Kandidatenturnier, womit mein Fazit trotz des traurigen Abschlusses brauchbar ausfällt.


Sergey Karjakin heißt also der Sieger des Weltcups 2015, und schon am Wochenende geht es mit der Blitz- und Schnellschach-WM in Berlin mit absolutem Spitzenschach weiter.

Zum Weiterlesen:


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