Berichte 17.09.2015 | 13:02von Colin McGourty

Weltcup in Baku, 2.3: Levon Aronian ist ausgeschieden

Der Gewinner des Sinquefield Cups, Levon Aronian, ist nach einer schockierenden 3:1 Niederlage gegen den Ukrainer Alexander Areshchenko bei Weltcup 2015 ausgeschieden. Das war die große Sensation der Stichkämpfe der zweiten Runde. Doch obwohl 13 der 15 Favoriten in die nächste Runde einziehen konnten, bekamen wir jede Menge Action geboten. Insbesondere in den Wettkämpfen zwischen Wei Yi und Vovk sowie Adams und Laznicka standen die Bretter in Flammen. Wie in der erste Runde auch dauerten die Stichkämpfe sechs Stunden und erst nach dem Armageddon standen alle 32 Spieler für die dritte Runde beim World Cup fest.

Levon Aronian, den viele Menschen in der Schachwelt gerne als Gegner von Magnus Carlsen in einem Weltmeisterschaftsmatch sehen würden, kann nun nur noch an der Olympiade teilnehmen, wenn Armenien das Kandidatenturnier ausrichtet, bei dem sich ein Spieler als Gegner von Carlsen qualifizieren kann  | Foto: official website

25 Minuten Schnellschach

Acht der fünfzehn Wettkämpfe wurden gleich bei der ersten Gelegenheit in den Stichkämpfen entschieden. Ein Match sorgte für jede Menge Schlagzeilen. Levon Aronian, der zuletzt beim Sinquefield Cup in St. Louis in bestechender Form war, schloss sich seinen armenischen Mannschaftskameraden Garbiel Sargissian und Hrant Melkumyan an und verließ ebenfalls vorzeitig den Weltcup. Abgesehen vom unangenehmen politischen Hintergrund seiner Teilnahme, der dazu führte, dass armenische Spieler aus Sicherheitsgründen an den Brettern am Ende der Halle spielen mussten, schien Levon bis zur Hälfte seiner ersten Schnellschachpartie gut unterwegs zu sein:


Er hatte die Möglichkeit zu 25.e5!, wonach er nach 25...De7 mit 26.e6! fortsetzen kann und sich das wichtige Feld e5 für seine Dame sichern kann, da 26...Dxe6 in 27.Sf4! läuft und Weiß mindestens eine angenehme Stellung beschert. Stattdessen entschied er sich für 25.Tc7+!?, aber nach 25…Kg8 26.Dxd6 Txd6 27.Td5 Txd5 28.exd5 d3! fand er sich in einem Endspiel mit Minusbauer wieder. Alexander Areshchenko spielte beinahe perfektes Schach, um seinen Mehrbauern in Szene zu setzen und gewann die Partie schließlich nach einer dramatischen Zeitnotschlacht im 101. Zug. 

Aronian musste nun mit den schwarzen Steinen unbedingt seine Partie gewinnen und opferte einen Bauern, um die Stellung aus dem Gleichgewicht zu bringen. Davon profitierte jedoch Areshchenko und nachdem Aronian ein Remis durch Zugwiederholung ablehnte, fuhr der ukrainische Großmeister einen weiteren vollen Punkt ein. 

In mancher Hinsicht war es bereits ein Triumph, dass Levon Aronian in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku spielen konnte. Das Vergnügen war allerdings nur kurz.

Aronian wird dem Wettbewerb sicherlich fehlen, aber es werden - abgesehen vom Sieger - alle Teilnehmer im Laufe des Events eine Niederlage erfahren. Wie der ukrainische Großmeister Vladimir Tukmakov gegenüber der aerbaidschanischen Seite Extra Time berichtete, verlor Aronian keineswegs gegen einen schwachen Spieler:

Die großen Sensationen bisher beim Weltcup sind sicherlich die Niederlage von Boris Gelfand in der ersten Runde und Aronians Ausscheiden in der zweiten Runde. Auf der anderen Seite ist Alexander Areshenko ein sehr starker Großmeister. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er eine ELO von 2700. Daher kann man das Ergebnis nicht wirklich als Sensation bezeichnen. Für mich war es vielmehr überraschend, dass Areshchenko Aronian im Schnellschach schlagen konnte, da Letzterer hier ein großer Spezialist ist. Natürlich kenne ich Areshchenko sehr gut, da er einer meiner Spieler war, als ich noch für die ukrainische Mannschaft gearbeitet habe und es schien mir, dass er im Schnellschach deutlich schwächer als Aronian spielt. Hier in Baku hat er das Mini-Match jedoch überzeugend für sich entschieden. 

Tukmakov ist in Baku als Sekundant von Anish Giri dabei. Dieser hatte im Hinspiel der Stichkämpfe auch als Erster eine Gewinnstellung, nachdem Alexander Motylev einen Killerzug verpasste: 17.f4! verteidigt den Springer auf h4 und droht, dem Läufer auf h5 mit f5 auf die Pelle zu rücken.


Motylev versuchte mit allen Tricks, die Stellung in trübe Gewässer zu bringen. Das erlaubte Giri allerdings, seine taktischen Qualitäten unter Beweis zu stellen. Im Rückspiel drohte Motylev weder zu gewinnen noch zu verlieren, bis er schließlich eine einfache Taktik übersah und damit auch die zweite Partie verlor. 

Radjabov gewann ebenfalls 2:0 gegen Smirin und Svidler hätte das gegen Nisipeanu auch tun können, wenn er sich nicht für ein Remis entschieden hätte, das ihm zum Weiterkommen genügte. 

Hou Yifans Ausscheiden bedeutet, dass nun alle 32 verbleibenden Spieler Männer sind | Foto: official website

Hou Yifans starker Widerstand gegen Shakhriyar Mamedyarov wurde beendet, nachdem sie einen starken Angriff aus der Eröffnung heraus abblockte, dann aber in einem technischen Endspiel unterlag. 

Tukmakov ist im Publikum zu sehen, während Shankland es mit Nakamura aufnimmt | Foto: official website

Das gleiche Schicksal erwartete auch Sam Shankland, der bis zur finalen Partie gegen seinen potentiellen Teamkameraden Hikaru Nakamura gut mithalten konnte. Hikaru ist sich sicher, dass Shankland unterbewertet ist:

Today, I defeated my compatriot and Olympiad teammate GM Sam Shankland in the 2nd round of the Fide World Cup. Sam...

Posted by Hikaru Nakamura on Wednesday, 16 September 2015

Für Russland hielt der Tag geschmischte Gefühle bereit. Nikita Vitiugov wurde in einem Turmendspiel von Vietnams Le Quang Liem geschlagen. Obwohl das Ergebnis im Hinblick auf das Rating die zweite Überraschung des Tages war, kann man es schwerlich als Überraschung werten, wenn der Blitzweltmeister des Jahres 2013 einen Wettkampf über zwei Partien im Schnellschach für sich entscheidet.

Dmitry Jakovenko schlägt letztlich Bassem Amin, obwohl es keine überzeugende Vorstellung war! | Foto: official website

Dmitry Jakovenko, war in der Zwischenzeit gegen den Ägypter Bassem Amin in großer Not:


Der Computer verkündet Matt in 32 für Weiß. Das liest sich auf dem Bildschirm aber ein wenig leichter, als es in einer Partie im 98. Zug, bei der man nur durch den Zeitbonus weiterspielen kann und der Nummer 15 der Welt gegenübersitzt, umzusetzen ist. Amin konnte lediglich ein Endspiel mit Turm gegen Springer forcieren und spielte dies weiter, bis im 109. Zug nur noch zwei blanke Könige auf dem Brett standen. Sein Kampfgeist wurde jedoch nicht belohnt, denn im nächsten Spiel zeigte Jakovenko, warum zwei Läufer besser als ein Läufer und ein Springer sind und entschied das Match für sich. 

10-Minuten Blitz

Hier lief es wieder gut für Russland. Vietnams Nguyen Ngoc Truong Son behielt die Nerven und überlebte ein verlorenes Springerendspiel nach 106 Zügen im Schnellschach. Ein einziger Blitzsieg aus sechs Partien reichte Evgeny Tomashevsky jedoch zum Weiterkommen. Alexander Grischuk hat bereits unglaubliche 11 Remis in Baku und auch dieses Mal war ein schöner Blitzsieg ausreichend, um Vladimir Fedoseevs Teilnahme zu beenden. Sergey Karjakin war ein weiterer russischer Gewinner, der sich von seiner Niederlage gegen Alexander Onischuk am ersten Tag erholen konnte und zwei überzeugende Blitzsiege einfuhr.

Alexander Grischuk konnte sich letzten Endes entspannen - hier mit dem russischen Teamkapitän und Ian Nepomniachtchis Trainer Vladimir Potkin | Foto: official website

Nur Igor Lysyj wird Russland nicht weiter repräsentieren. Er vergaß die Zeit in einer schwierigen aber keinesfalls aufgabereifen Stellung gegen Yu Yangyi.

5-Minuten Blitz

Hier kamen zwei Marathon-Wettkämpfe zu einem Ende. Der weniger spektakuläre Kampf davon war das Duell Laurent Fressinet vs. Ian Nepomniachtchi


Die Spieler einigten sich auf sieben Remisen am Stück, zeigten uns aber zumindest ein schönes Finale. In der Stellung, in der augenscheinlich Fressinet am Angreifen war, überführte Nepomniachtchi mit Schwarz seine Figuren plötzlich mit der wenig subtilen Intention, auf der g-Linie Matt zu setzen, zum Königsflügel. Dieses Manöver sah vermutlich stärker aus als es war, bis der Franzose fehlgriff, es verpasste f3 zu spielen und stattdessen zu 33.Tb2? griff.


Das lief in 33...Tbg8! 34.f3 (zu spät) 34...Sg3! 35.Sg4 Txg4!! und plötzlich wird klar, warum der Turm auf b1 und nicht b2 stehen musste. Ein weiterer Beweis dafür, dass Nepomniachtchi ein gewiefter Taktiker ist.

Nepomniachtchi und Fressinet sind gute Freunde und gelegentlich Mitglieder in Magnus' Team | Foto: official website 

Der andere Wettkampf zwischen Wei Yi und Vovk war nicht fehlerfrei, aber dennoch ein hochinteressanter und intensiver Kampf zweier Spieler. 


Eine Partie erntete besonders großen Applaus:

Jan Gustafsson nimmt die Partie unter die Lupe und blickt auch auf andere Highlights des Wettkampfes, der sich jeder Zusammenfassung verwehrt:

Damit hat es das chinesische Wunderkind in die dritte Runde geschafft und trifft dort nicht auf Aronian, sondern auf Areshchenko.

Wie weit kann Wei Yi es schaffen? | Foto: official website 

Das war jedoch noch nicht alles in der zweiten Runde:

Armageddon!

Wieder einmal ist es schwer, solch ein Match zusammenzufassen. Wenn man in unserer Live-Übertragung zur Armageddon Partie zwischen Adams und Laznicka geht und dann auf "Matchverlauf" klickt, kann man alle Partien sehen und nachspielen:


Weiß gewann die ersten vier Partien und anschließend siegte Mickey Adams in der ersten Blitzpartie mit Schwarz. Als er sich in der zweiten Blitzpartie mit Weiß eine Gewinnstellung aufbaute, sah es aus, als ob das Match jeden Augenblick vorbei ist...aber nein! Er verlief sich bei seinem Angriff und es gab erneut einen Comeback Sieg. Wir hätten daraufhin sieben entschiedene Partien in Folge erleben können. Laznicka nahm aber Abstand davon, in folgender Stellung auf Gewinn zu spielen und entschied sich für ein Remis:


Laznicka spielte 33…Dc2+ 34.Ke3 Dd3+ 35.Kf2 mit einer Zugwiederholung. Der Computer schreit aber nach 33...b4, wonach Schwarz das Feld d4 für seine Dame erhält und die verschiedensten Drohungen hat - obwohl die Partie natürlich immer noch kompliziert ist.

Stattdessen brachten uns zwei Remis zum Armageddon, bei dem der extrem erfahrene Mickey Adams die weißen Figuren bekam. Er setzte der Theorie, dass es besser ist, Schwarz zu haben (mit weniger Zeit, aber nur ein Remis zu benötigen) mit einem ansehnlichen Angriff einiges entgegen und brachte Viktor Laznicka in einer äußerst prekäre Situation:



Es war qualvoll, die Uhr des tschechischen Spieler erbarmungslos herunterticken zu sehen, während er nicht in der Lage schien, eine plausible Fortsetzung zu finden. Sergey Shipov war kurz davor zu schreien: "Nimm den Bauern auf c2!" Das tat Laznicka nach einer 45 Sekunden Denkpause auch und Shipov ergänzte: "Richtig, wenn du schon leidest, dann wenigstens für einen Bauern". Das Leiden nahm allerdings kein Ende und nachdem Laznicka 53 Sekunden an 21...h5 überlegte, wäre der Rest der Partie nur noch eine formale Angelegenheit gewesen, selbst wenn es ein guter Zug gewesen wäre (es war kein guter Zug). Viktor konnte es nicht mehr verhindern, dass er auf Zeit verliert und gab so bereits im 27. Zug auf. 

"Allein das Anschauen des Matches war anstrengend. Mickeys Nerven haben gesiegt."

Adams Belohnung ist ein Match gegen Leinier Dominguez in der dritten Runde. Es sind nur noch 32 Spieler im Rennen und wie zu erwarten, wird es deutlich härter!

  • Topalov – Lu Shanglei
  • Svidler – Radjabov
  • Ding Liren – Guseinov
  • Areshchenko – Wei Yi
  • Giri – Leko…

An dieser Stelle müssen wir unterbrechen und die brutale Vorhersage vom Weltmeister Magnus Carlsen einschieben:

Ich bin sehr gespannt auf das Match zwischen Anish Giri und Leko in der dritten Runde #9Remis" 

  • Granda – Wojtaszek
  • So – Le Quang Liem
  • Tomashevsky – Vachier-Lagrave
  • Nakamura – Nepomniachtchi
  • Adams – Dominguez
  • Grischuk – Eljanov
  • Jakovenko – Ivanchuk
  • Caruana – Kovalyov
  • Sethuraman – Mamedyarov
  • Kramnik – Andreikin
  • Karjakin – Yu Yangyi

Verpasst keinesfalls die Action in der dritten Runde beim FIDE Weltcup hier auf chess24.

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Zum Weiterlesen:


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