Berichte 15.09.2015 | 12:57von Colin McGourty

Weltcup in Baku, 2.1: Kramnik wird zur Bestie!

Vladimir Kramnik steuerte den denkwürdigsten Moment bei den Hinspielen der zweiten Runde bei, indem er gegen Lazaro Bruzon in einem äußerst remislichen Endspiel so lange weiterspielte, bis dieser nach 113 Zügen schließlich dem Druck Kramniks nicht mehr standhalten konnte und einen Fehler beging. Das war jedoch - wie Jan Gustafsson erklärt - noch nicht einmal das Ende der Geschichte! Vor dem Ende dieser Partie entstanden die Schlagzeilen vor allem dadurch, dass Mickey Adams, Sergey Karjakin und David Navara gegen schwächere Gegner unter die Räder kamen und nun beim Rückspiel in der Pflicht stehen, zu gewinnen. Währenddessen konnte das chinesische Triumvirat aus Lu Shanglei, Wei Yi und Ding Lire stilvolle Siege vorweisen.

Verbirgt sich hinter Vladimir Kramnik ein getarnter Chuck Norris? | Foto: official website

Ein extra Ruhetag für manche Spieler

Jeden vierten Tag haben alle verbliebenen Spieler beim Weltcup den Luxus, zu wissen, dass sie nicht ausgeknockt werden können. Das war vielleicht auch der Grund dafür, warum einige der Topspieler sich auf frühe und ereignislose Remisen einließen. Nakamura, Topalov, Aronian, Giri, Svidler und Vachier-Lagrave konnten alle keinen Vorteil erzielen - oder standen sogar schlechter - und nutzten die Abwesenheit der Sofia Regeln aus, um sich auf schnelle Remisen zu einigen. 

Das Foto könnte vom Sinquefield Cup sein. Giri, Vachier-Lagrave, Caruana und sein Manager Lawrence Trent sind alle da.  | Foto: official website

Maxime wurde zumindest nicht für seinen Schlafmangel bestraft, da er in den frühen Morgenstunden das Tennisfinale beim US-Open zwischen Federer und Djokovic schaute...


Chris Bird: "Ist es nicht spät bei euch? Hast du nicht ein Schachspiel, für das du fit sein solltest?"
Maxime: "Schlaf wird überbewertet!"

Eine weitere einprägsame Partie spielte Alexander Grischuk, der bereits im 17. Zug gegen seinen jungen Landsmann Vladimir Fedossev nur noch 12 Minuten auf der Uhr hatte, schließlich aber unbeschadet mit einem Remis entkommen konnte. Shakhriyar Mamedyarov kam gegen Hou Yifan in der Berliner Verteidigung nicht über ein Remis hinaus, wird aber zweifelsohne für seine heutige Partie mit den weißen Steinen eine kämpferischere Strategie wählen.

Bisher hat Hou Yifan zwei mal gegen Shakhriyar Mamedyarov gespielt und zwei Remis erreicht| Foto: official website


Die Chinesen greifen weiter an

Letzten Endes gab es jedoch keinen Grund, über die vielen frühen Remisen besorgt zu sein, da nach und nach auch unvermeidbar entschiedene Partien entstanden. Zwischenzeitlich stand etwa die Hälfte aller Bretter in Flammen. Als bräuchte es einen weiteren Beweis für die Entschlossenheit der Chinesen, waren gleich drei ihrer Topspieler unter den ersten vier Spielern im Turnier, die ihre Partie zu ihren Gunsten entscheiden konnten (lediglich Dominguez, der Melkumyan schlug, machte ihnen hier Konkurrenz). Angemerkt sei allerdings, dass es sich bei der ersten Partie nicht nur um einen chinesischen Sieg, sondern auch eine Niederlage handelte...

1) Lu Shanglei 1-0 Wang Hao

Lu Shangleis ELO von 2599 sollte niemanden täuschen. Bis heute war er noch der amtierende Junioren-Weltmeister und der einzige Spieler, der Magnus Carlsen bei der Blitzweltmeisterschaft 2014 (in 21 Partien!) schlagen konnte. In der ersten Runde des diesjährigen Weltcups schaltete er Moiseenko (2710) aus. Nun kann er einem Spieler mit einer ELO von 2712 das gleiche Schicksal zufügen, da er bereits im Hinspiel mit Wang Haos Caro-Kann schnellen Prozess gemacht hat. Die Schlussstellung ist eine strategische Katastrophe für Schwarz: 


Er hat nicht nur einen Bauern weniger, sein Gegner hat auch noch die f-Linie, die siebte Reihe und eine Mattdrohung oder ein tödliches Schach auf b7. Die Computer bestätigen, dass Wang Hao nicht zu früh aufgegeben hat. 

Es lief nicht für alle chinesischen Spieler ganz reibungslos: Wang Hao muss im morgigen Spiel gegen Lu Shanglei um sein Leben kämpfen, während Yu Yangyis phantasievoller Königsmarsch ihn gegen Igor Lysyj beinahe in große Schwierigkeiten gebracht hätte | Foto: official website

2) Ding Liren 1-0 Ernesto Inarkiev

Ding Liren ist Chinas Nummer 1 und in der Weltrangliste aktuell die Nummer 7. Wie wir bereits in einem unserer vorigen Berichte geschrieben haben, bekam er im Rückspiel der ersten Runde ein schnelles Remis geschenkt und hatte damit fast zwei Ruhetage, um sich auf die zweite Runde vorzubereiten. Gegen Inarkiev feuerte er aus allen Rohren und gewann er sehr hübsche Partie:  


Es scheint, als ob Schwarz sich halten könnte. Ding Liren packte hier allerdings das tödliche 30.Lc2!! aus, wonach 30...Dxc2 (was sonst?) folgte und nach 31.Sd3! der Bauer auf h7 nicht mehr zu verteidigen war. Mit wenig Zeit auf der Uhr ging Inarkiev nach 31…Kg8 32.Dxh7+ Kf7 33.Se5+! Ke6 in Flammen unter, da seine arme Dame auf c2 verloren war und der weiße Angriff trotzdem noch in Gange war. 

3) Wei Yi 1-0 Yuri Vovk

Natürlich gibt es einen chinesischen Spieler, über den jeder spricht. Der 16-jährige Wei Yi hat eine ELO von 2739 und ist damit in der Live-Ratingliste die Nummer 17 der Welt. Es wurde bereits viel über seine Chancen als künftiger Herausforderer des Weltmeisters in den kommenden Jahren gesprochen, aber kann er diesen Zeitplan vielleicht ein wenig beschleunigen und sich bereits jetzt für das Kandidatenturnier im nächsten Jahr qualifizieren? In Anbetracht der gestrigen Partie sollte man das nicht ausschließen.

Jan Gustafsson führt uns durch das Spektakel:

Deklassiert 

An den anderen Brettern lief es oftmals weniger dramatisch ab und Topspieler überspielten ihre Gegner schier durch ihre Klasse. Das traf auf Caruana, Invanchuk, So und den Finalisten aus dem Jahr 2013, Andreikin, zu, die alle auf Fehler ihrer Gegner warteten und dann mit schwarzen Figuren ihre Gegner ins Verderben stürzten.

Kann Wesley So nach seiner Enttäuschung bei Sinquefield Cup ein Comeback feiern? | Foto: official website

Nicht weniger als elf Partien wurden mit Weiß gewonnen. Cristobal Henriquez knockte die 47-jährige Legende Boris Gelfand am Tag zuvor aus, konnte aber gegen die filigrane Endspieltechnik des 48-jährigen Julio Granda nichts ausrichten. 

Ein paar hilfreiche Tipps vom Meister!

Bereits früher in diesem Jahr verhexten wir die polnische Nummer 1, Radek Wojtaszek, indem wir fragten, ob er "derjenige Spieler auf der Welt ist, gegen den es mit den schwarzen Steinen am schwersten zu spielen sei". Er hatte nämlich in Wijk aan Zee Carlsen und Caruana vom Brett geschossen, Nepomniachtchi bei der Russischen Mannschaftsmeisterschaft geschlagen und zudem noch Kramnik an den Rand einer Niederlage getrieben. 

Ist Wojtaszek bereit, aus seiner Rolle als Sekundant Anands herauszuschlüpfen?| Foto: official website


Partien wie sein heutiger Sieg gegen den 17-jährigen Vladislav Artemiev liefern weitere Bestätigung für dieses Urteil. Ein Fehler ließ Artemiev mit einem Minusbauern ohne Kompensation zurück und trotz seiner bekannten starken Technik konnte er nichts gegen Wojtaszek ausrichten, der sich sicher den vollen Punkt holte.

Vladislav Artemiev muss in der morgigen Partie mit Weiß unbedingt gewinnen | Foto: official website

Dennoch war es ein guter Tag für Polen, da ihr 17-jähriges Nachwuchstalent Jan-Krzystof Duda seinen siebten Sieg bei der Junioren-Weltmeisterschaft einfahren konnten und damit vor der letzten Runde mit einem halben Punkt Abstand in Führung liegt. Nur Russlands Mikhail Antipov hat noch die Chance, ihn einzuholen oder zu überholen.  

Aufreger

Mickey Adams hatte allen Grund, ängstlich zu gucken... | Foto: official website

Es gab drei größere Aufreger am ersten Tag der zweiten Runde. Eine anscheinend gute Stellung von Sergey Karjakin fiel gegen Alexander Onischuk in extremer Geschwindigkeit in sich zusammen. Mickey Adams Eröffnung gegen die tschechische Nummer 2, Viktor Laznicka, war ein Schuss in den Ofen und Gadir Guseinov gewann sein viertes von fünf Spielen gegen stärkere Gegnerschaft. Die tschechische Nummer 1, David Navara, traf die kuriose Entscheidung, 17.0-0 zu spielen:


Das lief jedoch in 18.Lxh6! gxh6 19.Dg3+ Kh8 20.Sxe6 fxe6 21.Txd8 Taxd8 22.De3 Sg8 23.Dxa7 und Weiß stand auf Gewinn. Die Überraschung ist jedoch, dass lediglich der letzte Zug von der Partie Kokarev 1-0 Gavrilov (2014) abweicht...und Navara sich dessen bewusst war. Guseinov erklärte bei Chess-News, dass die Stellung nicht so einfach zu gewinnen ist, wie die Computer das vorschlagen. Navara dachte, dass er normale Kompensation hatte. Dies konnte er jedoch nicht beweisen und ist damit - genau wie Adams und Karjakin auch - am Dienstag in der Pflicht, seine Partie mit Weiß zu gewinnen. 

Kramnik schafft das Unmögliche

Dann gab es da noch Vladimir Kramnik. Der amtierende Weltcup-Sieger hatte fast drei gute Möglichkeiten, die Partie gegen Kubas Lazaro Bruzon zu gewinnen. Er verspielte eine nach der Eröffnung gut aussehende Stellung und gab seinem Gegner die Möglichkeit, die Initiative zu übernehmen, dachte dann lange nach, um schließlich die Damen zu tauschen, wonach seine Gewinnchachen deutlich geringer schienen. Und dann...

stärkte er sich erst einmal mit etwas Kraftfutter, während er auf das schwer zu haltende Remis-Endspiel Turm gegen Turm und Läufer zusteuerte:

Falls Eltern von Schachkindern Hilfe brauchen, ihre Kinder davon zu überzeugen, mehr Obst - hier eine Banane - zu essen... hier ist der Fotobeweis, dass es hilft :)

Anschließend vermittelte er Bruzon ein falsches Gefühl von Sicherheit und strikte gleichzeitig Masche für Masche ein Mattnetz um den gegnerischen König...

So weit, so gut für Bruzon...

...und der Fehler kam: 113…Kb7??


Nach114.Ra1! schlug die Falle zu und Kramnik führte in aller Ruhe noch ein paar Züge aus, bevor Bruzon sich in seinem Stuhl krümmte und bereute, was er getan hatte:


Danach war es vorbei.


Man sollte sich nicht mit Kramnik anlegen!

Das ist jedoch noch nicht alles! Schach wird auch immer wieder als Tragödie eines einzigen Tempos bezeichnet und es zeigte sich, dass Bruzon sich selbst nach seinem großen Fehler noch mithilfe der 50-Züge Regel hätte retten können. Wir übergeben an Jan:

Verpasst nicht die morgige Runde des FIDE-Weltcups live auf chess24. Bruzon und nicht weniger als 14 andere Spieler müssen um jeden Preis auf Gewinn spielen, wenn sie den Wettbewerb nicht vorzeitig verlassen wollen!

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Zum Weiterlesen:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 2

Guest
Guest 7321980175
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options