Berichte 12.09.2015 | 11:38von Colin McGourty

Weltcup in Baku, 1.1: Überraschungen und unerwartete Helden

Der FIDE-Weltcup 2015 ist eröffnet! 128 Spieler traten zur ersten Runde an, darunter viele Favoriten wie Nakamura, Topalov, Caruana, Aronian, Kramnik usw. Die Genannten gewannen ihre Partien allesamt, doch gab es auch einige Überraschungen wie das heldenhafte Remis von Arthur Ssegwanyi, der gegen Anish Giri in einer 158-zügigen Seeschlange standhielt. Damen-Weltmeisterin Mariya Muzychuk erzielte mit Schwarz ein Remis gegen Mickey Adams, während Kamsky, Dominguez und Moiseenko nach überraschenden Niederlagen unter Zugzwang stehen. Hier die Höhepunkte der ersten Runde.

Grischuk war einer der Favoriten, der seine Partie nicht gewinnen konnte. Er beobachtet Caruana, dem dies gelang. | Foto: Offizielle Website

Die ersten Runden des Weltcups sind ein wahres Schachfest, aber mit 128 Spielern und 64 Duellen kann man unmöglich alle Partien im Auge behalten. Kaum konzentriert man sich auf ein Duell, geraten die anderen Partien automatisch ein wenig aus dem Blickfeld. Wie soll man da den Überblick behalten? Nun, die beste Möglichkeit ist auf jeden Fall unsere Live-Übertragung, mit der man ganz schnell zwischen den Partien hin und herwechseln kann:

Schauen wir uns nun einige Höhepunkte der 1.Runde an!

Kürzeste Partie des Tages

Mit Weiß entschied sich der Inder Adhiban, dem russischen Jungstar Vladimir Fedoseev nach nur 15 Zügen Remis anzubieten. Vermutlich wunderte sich nicht nur Silvio Danailov, dass beim Weltcup nicht die Sofia-Regel gilt.

"Warum ist niemand überrascht? Die FIDE wendet beim Weltcup nicht die Sofia-Regel an. Tolle Leistung! Abgesehen davon ist Baku großartig!"

Doch diese Partie war die unrühmliche Ausnahme der 1. Runde. Da das Format des Weltcups den Spielern wenig Spielraum für Manöver gibt, setzten die meisten darauf, mit den weißen Steinen auf Sieg zu spielen, um sich einen schwer wettzumachenden Vorteil zu verschaffen. Hinzu kamen viele Duelle mit großen Elo-Unterschieden. Interessant werden die weiteren Entwicklungen sein, wenn die Erschöpfung zunimmt und die Elo-Unterschiede geringer werden.

Längste Partie des Tages

Nur beim Weltcup kommt es zu einem Duell zwischen einem Spieler, der nicht einmal unter den Top 3.000 der Welt notiert wird, und der Nummer 6 der Welt! IM Arthur Ssegwanyi (2357) aus Uganda dürfte das Schlimmste befürchtet haben, als er die Eröffnung gegen Anish Giri (2793) misshandelt hatte, doch er kämpfte verbissen weiter und landete schließlich nach 44 Zügen in einem Turmendspiel mit Minusbauer. Nach 158 Zügen, 6 Stunden und 10 Minuten endete die Partie schließlich mit zwei nackten Königen auf dem Brett, und der Weltcup war um eine Überraschung reicher.

Ein langer Arbeitstag!

Schnellster Sieg des Tages

Trotz der teilwesie großen Spielstärkeunterschiede gab es überraschend wenige Kurzpartien Fabiano Caruana gewann sehr schnell gegen den Tunesier Amir Zaibi (26 Züge und 56 Minuten Restbedenkzeit). Etwa gleich schnell war Levon Aronian fertig, der Michael Wiedenkeller aus Luxemburg überspielte, ehe dieser die Zeit überschritt.

Die Nummer 2 der Welt, Hikaru Nakamura , brauchte etwas länger, gewann aber mühelos und rückte damit in der Weltrangliste näher an Magnus Carlsen heran | Foto: Offizielle Website

Zug des Tages

Die Wahl des spanischen Meisters Paco Vallejo überzeugte auch uns!

"26...Dg5!! Yuri Vovk mit dem Zug des Tages!"

Jan Gustafsson hat sich die Partie genauer angesehen:

Schlussstellung des Tages

Nachdem wir bisher davon ausgegangen waren, dass das russische Wunderkind Vladislav Artemiev ein Meister der Technik ist, gewinnt der 17-Jährige nun auf einmal in wildem taktischem Stil. Der Inder Surya Shekhar Ganguly hatte Zeitnotprobleme und landete in einer Stellung, in der alles fast hing und er nach dem hübschen Zug  26.exf7+! keine Ausreden mehr fand.


Vladimir Kramnik ist ein ernster Kandidat für den zweiten Platz mit dem schönen Zug  31…Dd5!


Natürlich scheitert Txd5 an dem Matt auf g1, weshalb die Peruanerin Deysi Cori die Partie gegen den Ex-Weltmeister aufgab.

Titelverteidiger Vladimir Kramnik weiß genau, wie man ein solches Turnier gewinn | Foto: Offizielle Website

Überraschungen des Tages

Es gab einige überraschende Remisen wie das von Ssegwanyi oder Damen-Weltmeisterin Mariya Muzychuk, die recht mühelos Schwarz gegen Michael Adams remis hielt, doch einige Favoriten erwischtes es sogar noch übler: 

  • Lu Shanglei (2599) 1-0 Alexander Moiseenko (2710)  
  • Gadir Guseinov (2634) 1-0 Maxim Matlakov (2689) – ein tollter Sieg für den Lokalmatdor!
  • Ray Robson (2680) 0-1 Yuri Vovk (2624)
  • Wen Yang (2620) 1-0 Igor Kovalenko (2702)
  • Gata Kamsky (2691) 0-1 Hrant Melkumyan (2622)
  • Sandra Mareco (2599) 1-0 Ni Hua (2704)

Vom reinen Elo-Unterschied geht der 1.Platz aber an:

  • Federico Perez Ponsa (2563) 1-0 Leinier Perez Dominguez (2732)

Kein guter Auftakt für Leinier Dominguez, der im Rückspiel schon zum Siegen verdammt ist! | Foto: Offizielle Website

Der Argentinier gewann die Partie in großem Stil, indem er zunächst am Königsflügel angriff und dann dem schwarzen König am Damenflügel den Garaus machte:


Angriffspartie des Tages

Hierfür gibt es mehrere Kandidaten, wie den Israeli Ilia Smirin, der den starken Franzosen Romain Edouard zerlegte, aber da so viel Spott über ihn ausgeschüttet wird (es gab viel Gelächter, als er sich vor dem Turnier nach den Remisregeln erkundigte), soll der Preis an Peter Leko gehen.

Der Damentausch half dem Russen Aleksey Goganov in der Winawer-Variante der Französischen Vertedigung wenig, um den Druck zu mildern, und nach 31.Sxe6+! war die Partie auch schon vorbei:


Der Russe schlug den Springer nicht, da 31…fxe6 32.Tf8! überhaupt nicht infrage kam, aber auch 31…Kc8 half wenig und führte nach 32.Sd4 zur Aufgabe. Eine schöne Partie der ungarischen Nummer 1! 

Nation des Tages

Das chinesische Team hat offenbar Lehren aus dem frühen Aus aller Spielerinnen bei der Damen-WM gezogen.  | Foto: Offizielle Website

Es ist nicht Neues, dass die Chinesen im Kommen sind – oder besser gesagt, schon lange da sind und auf dem besten Weg, zur unangefochtenen Nummer 1 im Weltschach aufzusteigen. Trotz teils harter Gegnerschaft gewannen die chinesischen Stars in der 1.Runde alle ihre Partien: Wei Yi, Yu Yangyi, Wang Hao und Ding Liren. Zudem gab es Überraschungssiege für Lu Shanglei und Wen Yang, ein überraschendes Remis für Zhao Jun (gegen Ian Nepomniachtchi), eine erwartete Niederlage (Zhou Jianchao gegen Dmitry Andreikin) und ein Remis von Hou Yifan. Nur Ni Huas Niederlage gegen Sandro Mareco trübte den fast perfekten Tag für die chinesische Mannschaft.

Rätsel des Tages

Bisweilen kommt es bei großen Turnieren vor, dass ein falsches Ergebnis gemeldet wird (z.B. weil der Schiedsrichter oder die Spieler die Könige auf falsche Felder gestellt haben), aber der Ausgang der Partie zwischen Boris Gelfand (2741) und dem Chilenen Christobal Henriquez Villagra (2511) war korrekt. Der Computer zeigte zwar einen überwältigenden Vorteil für Weiß an, aber in der Schlussstellung wurde dennoch Remis vereinbart.


Während an den anderen Brettern bereits Endspiele erreicht worden waren, befand sich diese Partie nach 72 Zügen (!) noch im Mittelspiel, und keiner der beiden Spieler hatte noch Zeit, um sich genauer damit auseinander zu setzen. Vermutlich war Gelfands große Erfahrung der ausschlaggebende Faktor, warum er in dieser Stellung Remis anbot, anstatt eine böse Überraschung zu riskieren.

Die unglücklichsten Äußerungen vor dem Turnier

Der Lette Igor Kovalenko, Der zuletzt eine unfassbare Siegesserie bei Opens hinlegte und damit die Schallmauer von 2700 durchbrach, äußerte sich vor dem Turnier zu seinen Chancen:

Ich möchte euch die Gedanken mitteilen, die ich hatte, als mir klar wurde, dass ich die Qualifikation für den Weltcup geschafft habe. Mit 26 Jahren werde ich dieses Turnier zum ersten Mal in meinem Leben spielen. Für einen Spieler der Top 100 ist das absurd. Ich werde nur in der ersten Runde leicht favorisiert sein, und wenn ich weiterkomme, bin ich das schon nicht mehr. Mir wäre es vermutlich sogar lieber, schon in der 1.Runde Außenseiter zu sein, doch mittlerweile sage ich mir: „Igor, du musst dir abgewöhnen, so zu denken!“

Die erste Überraschung ist, dass ein Remis mit Schwarz ein gutes Ergebnis ist. Aber wie soll ich mich daran gewöhnen? Als Spieler, der sonst nur im Schweizer System unterwegs ist, kann ich das normalerweise nicht zulassen. Aber ich werde es versuchen. Ich werde an meinem Bewusstsein arbeiten, dass ein Remis mit Schwarz ein gutes Ergebnis ist.

Und so endete seine erste Weltcup-Partie als Schwarzer gegen den Chinesen Wen Yang:


Da hilft nur ein Sieg mit Weiß, um das Stechen am Sonntag zu erreichen...

Frauenweltmeisterin Mariya Muzychuk kann gegen Adams mit einem Weißsieg die zweite Runde erreichen.| Foto: Offizielle Website

Verpasst nicht unsere Live-Übertragung des Weltcups!

Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Zum Weiterlesen:



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