Berichte 18.09.2015 | 13:17von Colin McGourty

Weltcup in Baku, 3.1: Grischuk bricht ein

Alexander Grischuks waghalsige Zeiteinteilung könnte das Ende für ihn beim Weltcup bedeuten. Er übersah in seiner Partie gegen Pavel Eljanov mit Weiß einen Gewinn und verlor schließlich sogar die Partie. An den anderen Brettern konnten Caruana, Mamedyarov und Karjakin einmal mehr ihre Klasse unter Beweis stellen und Siege einfahren. Ansonsten gab es zwölf ereignislose Remisen. Das kurioseste Remis darunter entstand in der Partie zwischen Topalov und Lu Shanglei, bei der es Topalov nicht gelang, einen enormen Vorteil zu verwerten. 

Dieser "Was habe ich getan?-Blick"... und das Foto stammt von vor der Partie | Foto: official website

Remis, Remis, Remis

Magnus Carlsen scherzte über Twitter, dass das Match zwischen Leko und Giri in neun Remisen enden wird. Obwohl dieser Fall immer noch eintreten könnte, kann man das in der ersten Partie schon einmal nicht auf die Eröffnung schieben:


Ok, Lekos 25.g6!? mag der erste neue Zug in der Partie gewesen sein und der Kampf endete bereits nach vier weiteren Zügen friedlich, aber zwischen diesen Zügen verbrauchten die Spieler fast zwei Stunden, um herauszufinden, was zur Hölle in der Stellung im unten stehenden Diagramm los ist.

Maxime Vachier-Lagrave verglich den Wettkampf mit einigen Spielern, die für mehr Angriffsschach bekannt sind:

"Quiz: Bitte platziert die folgenden Spieler nach ihrem Platz in der heutigen Runde: Yan Nepomniachtchi, Hikaru Nakamura, Anish Giri und Peter Leko."

Tatsächlich entstand ein wahrhaft großer See an Remisen:


Ein Spieler, den man nicht kritisieren kann, ist Mickey Adams, der nach 22 Zügen mit Leinier Dominguez die Friedenspfeife rauchte. Er musste am vorigen Tag nicht nur bis zum Armageddon spielen, um weiterzukommen, sondern besuchte auch Emil Sutovsky und erzählte auf faszinierende Weise, wie sich das Schach durch Computer verändert hat. Er sagte z.B., dass er am Anfang seiner Karriere "einfach am Brett auftauchte und spielte":

Nicht alle Remisen entstanden jedoch aus durchweg ausgeglichenen Stellungen. 

Radek Wojtaszek kam gegen Julio Granda nicht über eine Punkteteilung hinaus | Foto: official website

Die Helden des gestrigen Tages, Areshchenko und Wei Yi spielten eine großartige Partie mit mehreren gegenseitigen Schlagabtauschen und in der Partie zwischen Granda und Wojtaszek entstand eine hochinteressante geschlossene Struktur:


Hier, im 37. Zug (!), wurde von der polnischen Nummer 1 zum ersten Mal in der Partie etwas geschlagen und es war sofort ein Opfer: 37…Sxb5!? 38.cxb5 Lxb5. Allerdings erwies sich die ganze Aktion nicht als gewinnbringend und die finale Stellung 20 Züge später war sogar noch mehr verschlossen:


Wieder einer dieser Tage... Könnte Ivanchuk aktuell unterschätzt werden und ein Geheimfavorit auf den Titel sein? | Foto: official website







Das bizarrste Remis des Tages entstand jedoch in der Partie zwischen Topalov und Lu Shanglei. Ersterer schaffte es nicht, seine gewonnene Stellung zu verwerten und das, obwohl Nigel Short den sizilianischen Drachen von Lu Shangley bereits perfekt beschrieb: 

"Lu Shanglei hat einen Drachen mit Asthma auf dem Brett."

Bereits nach 16.Lf4 sah die schwarze Stellung fatal aus: 


Lu Shanglei fand nichts Besseres, als das Herzstück des Drachen, den Läufer auf g7, mit dem Zug 16...Le5 herzugeben, wodurch der weiße Vorteil weiter wuchs...bis er das nicht mehr tat. Als es danach aussah, dass Topalov bald die Früchte seiner Arbeit erntet, verschlechterte er stattdessen seine Stellung Zug um Zug und war ein wenig verwirrt, als er schließlich mit einer Qualität weniger in einem Endspiel landete. Dank seines Kampfgeistes war es jedoch immer noch er, der auf Gewinn spielte. Letztlich endete die Partie aber friedlich und Topalov wird sie sicherlich schnell vergessen wollen.

Nakamura und Wojtaszek schauen sich eine Partie an, die danach aussah, dass sie zuerst endet, aber tatsächlich am längsten dauerte | Foto: official website

Schauen wir uns nun die siegreichen Partien an.

Karjakins Armee schreitet weiter voran und Grischuk bricht ein

Sergey Karjakin setzte seine zerstörerischen Absichten gegen das chinesische Schach mit seiner Ein-Mann-Armee fort (lest hierzu unseren früheren Berich über das kuriose Match zwischen China und Russland diesen Sommer), gewann dank guter Vorbereitung das Eröffnungsduell gegen Yu Yangyi und wandelte seinen Vorteil schließlich mit Leichtigkeit in einen vollen Punkt um.

So weit so gut für Sergey, den Fluch Chinas | Foto: official website

Auch an anderen Brettern halfen die Gegner an ihrer eigenen Misere mit. Fabiano Caruana ist kein Spieler, der auf Geschenke der Gegner angewiesen ist, bekam aber trotzdem eins von Kanadas Anton Kovalyov:

"Paco Vallejo:" Kovalyov hat bisher wirklich ein starkes Turnier gespielt, aber seine jetzige Entscheidung ist komisch."

Nach 23…bxc5 steht beiden Kontrahenten noch ein langer Kampf bevor. Nach 23...dxc5? war die Partie auch noch lang, aber Caruana konnte sich lediglich darauf konzentrieren, seine gesamte Streitmacht auf in nicht zu verteidigenden Punkt e5 zu richten. Er eliminierte den Bauern taktisch im 44. Zug und gewann die Partie ohne größere Turbulenzen.

Indiens Sethuraman hatte da schon einen deutlich unangenehmeren Tag. Zunächst verbrauchte er 36 Minuten für einen Zug (16...Lb4?!), der in einen durchaus bekannten Trick (17.Txe6+!) lief und ihn erst mit einem und dann mit zwei Minusbauern zurückließ. Er hatte noch immer praktische Chancen, wurde aber dann mit seinen eigenen Mitteln ausgespielt. Seine tanzenden Springer hatten ihm gegen Harikrishna in Zeitnot den Sieg beschert, doch dieses Mal übte Shakhriyar Mamedyarov den Druck aus. Der finale Fehler kam im 40. Zug:


40…Kxf5? und Mamedyarov blitzte den Zug 41.Re8! mit der Drohung, alle Figuren abzutauschen und das Bauernendspiel zu gewinnen. 41…Lh6, um Tf8 zu stoppen, läuft in 42.Se3+! Lxe3 43.Tf8+. Sethuraman hatte genug gesehen und gab auf.

Wenige Spieler sitzen Mamedyarov gerne gegenüber, wenn er die weißen Figuren hat | Foto: official website



Das lässt uns mit der besten - oder vielleicht der schlechtesten - Partie zurück. Selbst die Alexander Grischuks Standards war es ungewöhnlich, 43 Minuten für 7.0-0 und 8.Sc3 in einer bekannten Stellung zu investieren. Als Sergey Shipov die Partien zwischenzeitlich zusammenfasste, merkte er nüchtern an:" Wir gratulieren Grischuk zum Erreichen der 15-Züge-Marke".

Es wird jedoch mit Inkrement in Baku gespielt und kurz vor der Zeitkontrolle bestand kein Grund zur Beunruhigung bei Grischuks Stellung. Dann gab Eljanov aber einen Bauern am Damenflügel auf und warf seine verbliebene Armee auf den weißen König. Optisch sah das gut aus, aber der Computer blieb ungerührt und merkte an, dass es für Grischuk nach 27...Tg6 möglich war, mit 38.a7! weiterzuspielen und so einen 13.69 Vorteil zu erhalten. Nach 38.Kh4 Db4 erhielt er eine letzte Chance, die Partie in sichere Bahnen zu lenken:


Eljanovs trickreicher Zug droht ein Abzugsschach auf e3, aber wenn Grischuk mehr Zeit gehabt hätte, htte er sich gesehen, dass er das einfach igorieren kann, da er nach 39.Df5! e3 40.Kh5! in allen Varianten auf Gewinn steht, z.B.: 40…Dd6 41.a7! e2 42.Ta1 und die Partie ist vorbei.

Paval Eljanov konnte bisher alle seine fünf Partien beim Weltcup für sich entscheiden | Foto: official website

Allerdings spielte Grischuks Gegner nach dem intuitiven 39.Kh3? nicht 39…e3, wonach die Partie wohl bald im Remis geendet hätte, sondern das schlagkräftigere 39…Tg5! und nur wenige Züge später war es Grischuk, der versuhen musste, mit seinem Turm und seinem a-Bauern eine Festung gegen die schwarze Dame zu errichten. Die lustige Sache ist - er hatte Erfolg! 


Zu diesem Zeitpunkt spielte er jedoch zu schnell (Schach ist hart!) and 49.Ke3? war vermutlich der entscheidende Fehler, da nun 49…Kd7! folgte und jetzt 50.h6? gxh6 51.Txh6 an 51…Dxa7+ mit Schach scheitern würde. Wenn Grischuk sich mehr als eineinhakb Minuten Zeit genommen hätte, hätte er 49.h6!  spielen können, wonach 49…gxh6 50.Txh6 Dxa7 natürlich die Dame wegen 51.Rh7+ einstellen würde. Eljanov konnte sein Glück weiter versuchen, aber es scheint, dass der Turm einfach auf der siebten Reihe hin und her ziehen kann. 

Warum hat Grischuk also so schnell gezogen? Vermutlich hat er nicht gesehen, dass 54…Kd6 ihn in Zugzwang bringt:


Grischuk spielte noch 55.Kd4 und es entstand einer dieser Momente, in der man die alte Weisheit "Gebe ein Schach, es könnte Matt sein" anwenden konnte. Nach 55…Dd5+! war es Matt (in-11) und Grischuk gab im nächsten Zug auf. 

Wahrscheinlich kann uns nur ein gewisses Getränk unversehrt durch die 15 Tage beim Weltcup ohne Ruhetag bringen | Foto: official website

Damit ist Grischuk einer der vier Spieler, der im Rückspiel gewinnen muss, um nicht auszuscheiden. Vermutlich muss man kein Prophet sein, um weitere Remisen und einen riesigen Stichkampftag am Samstag vorherzusagen. Aber wer weiß - vielleicht überraschen uns die Spieler? Denn auch die ganzen leidenden Schachautoren könnten einen Ruhetag gebrauchen 

Schaut euch hier auf chess24 die Action in Runde 3 an. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Zum Weiterlesen:


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