Allgemein 06.01.2020 | 18:00von chess24 staff

Was geschah in Carlsen vs. Firouzja?

Magnus Carlsens Triumph bei der Blitz-Weltmeisterschaft 2019 verdankt sich vor allem seinem Sieg gegen Alireza Firouzja drei Runden vor Schluss. Der 16-jährige Firouzja stand zu verschiedenen Zeitpunkten der Partie auf Gewinn und hätte die Schlussstellung nie verloren - aber als er seinen König umstieß und sein Plättchen fiel, wurde die Partie zugunsten des Weltmeisters gewertet. Der Internationale Schiedsrichter Alberto Muñiz erklärt, warum das die richtige Entscheidung war und wie die Regeln zu verstehen sind - etwas, wo wir alle vielleicht eine Auffrischung benötigen, da selbst Wunderkind mit einer Elo über 2700 verwirrt war!  

Carlsen-Firouzja könnte eine der großen Rivalitäten der kommenden Dekade werden - und es begann dramatisch! | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

von IA Alberto Muñiz

Wieder einmal hatten wir einen interessanten Fall bei der Blitz- und Schnellschach-WM, bei der die Schiedsrichter involviert waren. Und wieder einmal war es in einer Partie von Magnus Carlsen. Der Weltmeister war zuvor in der ersten Runde der Blitz-Weltmeisterschaft 2017 in Riad in einem kuriosen Fall doppelter illegaler Züge in seiner Partie gegen Ernesto Inarkiev verwickelt. Ernesto gab im Schach stehend (!) Schach, Magnus zog aus dem Schach heraus und Ernesto reklamierte dann auf Sieg, weil sein Gegner einen illegalen Zug gemacht hätte! Chef-Schiri Takis Nikolopoulos intervenierte und schlug den Spielern vor, die Partie fortzusetzen, aber Ernesto legte Berufung ein, die abgelehnt wurde und verlor stattdessen die Partie.

Absolut unerklärliche Art, sich zu entscheiden

Auch dieses Mal fand der Vorfall in einer Blitzpartie (3+2) statt und zwar am Spitzenbrett in Runde 19 (von 21). Natürlich stand viel auf dem Spiel. Der 16 Jahre alte Alireza Firouzja aus dem Iran spielte mit Weiß und versuchte, ein ungleichfarbiges Läuferendspiel mit drei Mehrbauern zu gewinnen, obwohl er in Zeitnot war. Nachdem er zuvor seine Figuren etwas deplatziert hingestellt hatte, warf er schlussendlich mit dem Zug 66.Kg4 seinen König um. Sein Plättchen fiel, bevor er den König wieder aufrichten und die Uhr rechtzeitig drücken konnte.

Dramatisches Finale in der Partie Firouzja - Carlsen. Der 16-Jährige überschreitet die Zeit mit drei Mehrbauern.

In der Schlussstellung spielte Magnus 66...Ld2. In der Folge geschah dies:


Das kann nicht euer Ernst sein... | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wie sollte die Partie gewertet werden? Verliert Weiß auf Zeit? Ist es Remis, weil Schwarz kein ausreichendes Mattmaterial mehr hat? Schauen wir dazu kurz in die FIDE-Regeln.

6.9 Außer in den Fällen, die durch einen der Artikel 5.1.a, 5.1.b, 5.2.a, 5.2.b, 5.2.c erfasst werden, gilt, dass ein Spieler seine Partie verloren hat, wenn er die vorgeschriebene Anzahl von Zügen in der zugewiesenen Bedenkzeit nicht abgeschlossen hat. Die Partie ist jedoch remis, wenn eine Stellung entstanden ist, aus der heraus es dem Gegner nicht möglich ist, den König des Spielers durch eine beliebige Folge regelgemäßer Züge matt zu setzen.

Die Artikel 5.1 usw. beziehen sich auf das Ende der Partie durch Matt, Patt oder andere Weisen, was für uns hier nicht relevant ist. Der relevante Punkt des Artikels 6.9 ist, dass der Spieler, der die Zeit überschritten hat, nur verliert, SOLANGE der Gegner keine Möglichkeit hat, ein Matt zu geben - wie willkürlich dies auch sein mag (eine frühere Version der FIDE-Regeln hatte noch die Ergänzung "selbst bei schlechtest möglichem Spiel").

Auf dieser Grundlage ist klar, dass Carlsen gewonnen hat, weil es Möglichkeiten eines Matts gibt. Zum Beispiel:


Der Oberschiedsrichter Takis Nikolopoulos traf die richtige Entscheidung und zeigte Firouzja nach der Partie sogar die entsprechende Regel. Nach einiger Überlegung wurde ein Einspruch von Firouzja (basierend auf der Störung durch Magnus, der während der Partie auf Norwegisch geflucht hatte) abgelehnt und die Partie für Magnus als gewonnen erklärt. Ich will es aber nicht dabei belassen und möchte diese Gelegenheit nutzen, um ein wenig mehr über diesen Bereich der Schachregeln zu erklären, da viele Spieler sich darüber nicht im Klaren sind.

Die Regeln sprechen nie von "genug Material haben, um Matt setzen zu können", sondern nur, dass "die Partie jedoch remis ist, wenn eine Stellung entstanden ist, aus der heraus es dem Gegner nicht möglich ist, den König des Spielers durch eine beliebige Folge regelgemäßer Züge matt zu setzen". Wenn das Plättchen fällt, ist die Partie nur dann remis, wenn es völlig unmöglich ist, zu verlieren, auch wenn es, sagen wir mal, absichtlich ist. Aber das falsche Gerücht, allein aufgrund des verbleibenden Materials Rückschlüsse auf das Ergebnis ziehen zu können, ist weit verbreitet und wird teilweise durch die verschiedenen Konventionen des Internetschachs angeheizt.

Das Kennen der FIDE-Regeln hat einige Vorteile. Alireza Firouzja verlor eine Partie auf Zeit gegen Magnus, die im Online-Blitz mit Remis geendet hätte.

Natürlich lässt die Wortwahl Kontroversen wie in diesem Fall zu, bei dem es unfair erscheint, dass man mit drei Mehrbauern im ungleichfarbigen Läuferendspiel verliert. Tatsächlich wäre die Partie ohne weiße Figuren und Bauern remis - aber man beachte, dass es mit lediglich ungleichfarbigen Läufern auf dem Brett noch möglich ist, ein Matt zu produzieren. Man siehe:


Die Regel hat jedoch einen entscheidenden Vorteil - sie ist objektiv. Man kann keine Regeln haben, die nur für eine bestimmte Stellungen gelten. Der aktuelle Wortlaut erlaubt es allen Schiedsrichtern der Welt, in einer Partie mit beliebigen Spielern die gleiche Entscheidung zu treffen. Denn ja, niemand zweifelt daran, dass Firouzja diese Partie jemals verloren hätte. Aber wo ziehen wir die Grenze? Was passiert, wenn man sich in einem Turmendspiel befindet, das die Philidor-Stellung erreicht hat? Ein Remis, falls der Großmeister auf Zeit verliert, aber eine Niederlage bei einem Anfänger? Oder Turm + Läufer gegen Turm in einer Stellung, die theoretisch unentschieden ist? Es wäre unmöglich zu definieren, welche Stellungen remis enden und warum. Die aktuelle Regel ist zwar einfach, hat aber den großen Vorteil, dass sie objektiv ist - sie gibt einen halben Punkt nach dem Plättchenfall nur einem Spieler, der keine Möglichkeit hatte, das Spiel durch einen Zug, den man auf dem Brett machen konnte, zu verlieren. Es mag hart erscheinen, aber vergessen wir nicht, dass der Spieler schließlich auf Zeit "verloren" hat!

Chef-Schiri Takis Nikolopoulos erklärt Alireza Firouzja die FIDE-Regeln | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Hier ein paar Übungsbeispiele zum Ende des Artikels, um die Interpretation der Regel zu erlernen. Weiß war am Zug und überschritt die Zeit. Wann verliert er die Partie, wann ist es Remis? Antworten können in der Kommentar gepostet werden - in ein paar Tagen folgen dann die Antworten.

Position 1: Weiß spielte gerade De8+ und sein Plättchen fiel


Position 2: Weiß spielte gerade De8+ und sein Plättchen fiel


Position 3: Weiß spielte gerade Tc7 und sein Plättchen fiel


Position 4: Weiß spielte gerade c7 und sein Plättchen fiel


Vergiss nicht, deine Antwort im Kommentarbereich abzugeben. Kannst du alle vier Fälle richtig lösen?


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