Berichte 17.04.2018 | 07:40von Colin McGourty

Von Wunderkindern, Shorts Aussetzer in Bangkok und weiteren Turnieren

Ab Donnerstag treten sieben der zehn besten Spieler der Welt in Shamkir bzw. St. Louis an, doch schon jetzt gibt es eine Menge Turnieraction. Der 12-jährige Praggnanandhaa jagt die nächste GM-Norm, und sein 13-jähriger Rivale Nodirbek Abdusattorov, der jüngste GM der Welt, schlägt Arkadij Naiditsch bei den Sharjah Masters, wo der 17-jährige Parham Maghsoodloo mit 6 aus 6 führt. Valentina Gunina liegt bei der Europameisterschaft der Damen vorn, Nigel Short leidet beim Thailand Open und Stockfish besiegt Houdini klar mit 59-41.

Der 17-jährige Maghsoodloo bezwang in Sharjah den Titelverteidiger und Turnierfavoriten Wang Hao  |Foto: Sharjah Masters Twitter 

Caruana, Nakamura und So treten ab Mittwoch bei der US-Meisterschaft in St. Louis an, während Carlsen, Mamedyarov, Karjakin und Giri ab Donnerstag in Shamkir beim Gashimov Memorial an den Start gehen. Bevor es bei diesen Turnieren losgeht, schauen wir, was sonst noch in der Schachwelt los ist:

1. Wunderkinder beim Sharjah Masters

Wei Yi stand im Vorfeld als Nummer 1 auf der Startliste des Sharjah Masters, doch kurz vor Turnierbeginn verschwand der Name des weltbesten Juniors plötzlich von der Teilnehmerliste. Die Enttäuschung währte jedoch nur kurz, denn bei diesem Turnier sind viele weitere Toptalente am Start.

Den mittlerweile 13-jährigen Nodirbek Abdusattorov aus Usbekistan verfolgen wir seit seinem Sieg gegen einen GM im Alter von neun Jahren. Er ist aktuell der jüngste Großmeister der Welt, nachdem er den Titel mit 13 Jahren, 1 Monat und elf Tagen errungen hat – jünger war bei der Titelvergabe nur Sergey Karjakin. In Sharjah holte er sich mit einem sauberen Sieg gegen Arkadij Naiditsch seinen ersten 2700er-Skalp, die letzten Sekunden der Partie wurden auf Video festgehalten:

Ein Interview mit dem Sieger gibt es in diesem Video:

Nodirbek holte in den ersten fünf Runden weitere drei Siege, nach einem überoptimistischen Figurenopfer gegen Eltaj Safarli steht er bei 4 aus 5. In Runde 6 trafen der Inder Sethuraman und der 17-jährige Parham Maghsoodloo aus dem Iran mit je 5 aus 5 aufeinander (Anm.d.Ü.: Der Iraner gewann und baute seine Führung aus). Der Nachwuchsspieler schlug hintereinander zwei Spieler mit 2700 Elo. Als Erster musste die russische Hoffnung Vladislav Artemiev dran glauben:


42.Lxf5! gxf5 43.Txg7! Txg7 44.d5! und Weiß gewann sicher. Anschließend wehrte Parham mit Schwarz Wang Haos Angriff ab und bezwang die Nummer 1 der Setzliste.

Nur einer der sechs Spieler mit einer Elo von 2700 ist bisher ohne Niederlage davon gekommen: Pavel Eljanov. Die Nummer 2 des Turniers, Yuriy Kryvoruchko, musste dagegen als Weißer gegen Adhiban eine brutale Niederlage einstecken:

Eine weitere Kuriosität bei diesem Turnier war die Schlussstellung der Partie Sindarov-Jones:

"Verrücktes Remis, Lc6 war der 50.Zug, nachdem der letzte Bauer vom Brett verschwunden war, und nach dem nächsten Zug steht Weiß auf Gewinn - doch zu spät, da es der 51. Zug wäre. Dramatische Partie mit 122 Zügen zwischen Sindarov und Jones."  

Weiß am Zug kann den Springerverlust nicht vermeiden, wonach Gawain Jones zeigen könnte, wie man mit zwei Läufern mattsetzt. Leider für ihn konnte sein Gegner Javokhir Sindarov, ein weiteres 13-jähriges Wunderkind aus Usbekistan, aber wegen der 50-Zügeregel Remis reklamieren!     

Hier könnt ihr alle Partien des Sharjah Masters nachspielen:

2. Gunina führt bei der Damen-EM

Die elfrundige Damen-EM wird im slowakischen Vysoké Tatry, am Fuße der Hohen Tatra im Grenzgebiet zu Polen ausgetragen. Nach 7 Runden lag die zweifache Titelträgerin Valentina Gunina allein an der Spitze. 


Die russischer Großmeisterin besiegte zum Auftakt in ihrem typischen Stil die Italienerin IM Elena Sedina:


Nach 22…Dxc6! steht Schwarz gut und Guninas König in der Mitte des Bretts gerät unter Beschuss. Nach 22…Dxf2+? 23.Kxf2 Sxb1 24.Sxd8 hatte Schwarz aber den Kürzeren in den Komplikationen gezogen und gab auf oder überschritt die Zeit. Weiß hat im Endspiel einfach eine Qualität mehr.

Danach hatte Gunina alles im Griff und besiegte in Runde 7 Mariya Muzychuk mit einer feinen Endspielleistung. 

In Runde 5 besiegte Gunina die Israelin Yuliya Shvayger | Foto: Oleksandr Martynkov, Turnierseite

3. Jans billiger Trick und Shorts Aussetzer

Bereits zum 18.Mal wird das Bangkok Chess Club Open ausgetragen, an dem alljährlich unser beliebter Schachfreund GM Jan Gustafsson teilnimmt. In der ersten Runde legte er einen Stolperstart hin, denn der Vietnamese Thuong Cong Duong mit einer Elo von 1984 hätte hier darauf pochen können, dass „ein Bauer ein Bauer ist“. Natürlich wollte er sich den GM-Skalp sichern, doch sein Siegesambitionen wurden nach 50.c6?? zum Bumerang:

"Ich hatte 99 Probleme, aber c6 war keins davon."

Nach 50...Tb2+! war für Jan wieder alles in Ordnung, denn Weiß gab auf. Nach dem einzigen Zug 51.Ka4 folgt der Turmgewinn 51…b5+!. Danach lief es besser für Gustafsson, und nach vier Runden liegt er gemeinsam mit den Argentiniern Diego Flores und Leandro Krysa mit 4 aus 4 an der Spitze.

Für Titelverteidiger und Nummer 2 der Setzliste Nigel Short lief es bei weitem nicht so gut. Dabei hatte er gegen den Japaner Kenji Hiebert (Elo 2179) noch Glück:


36…Txf2+?! 37.Kxf2 Dg2+ führte zu einem brillanten Sieg nach 38.Ke1? Dxg3+ 39.Kd1 h2 40.Td8+ Kh7 und Weiß gab auf, weil Schwarz auf h1 eine neue Dame bekommt. Nach 38.Ke3!, oder sogar 37.Ke3! einen Zug früher, entkommt der weiße König jedoch und Schwarz muss Material geben, um das Matt zu verhindern. 36...Lh5+! war in der Diagrammstellung der einzige Zug, der nicht verliert, doch das war alles andere trivial: Nach 37.g4 geht das Turmopfer 37...Txf2+ oder 37...Dg2, während 37...Lxg4+ wieder wegen 38.Ke3 verliert. 

"Ein unbekannter Japaner verpasste heute gegen Nigel Short die Chance seines Lebens. Vermutlich gibt es nicht genug Sake auf der Welt, um diesen Schmerz zu ertränken."

Nach diesem Schrecken schien Nigel in Runde 3 gegen Tuvshintugs Batchimeg wieder auf Kurs zu sein, doch gerade als er den entscheidenden Schlag ausführen konnte, griff der ehemalige WM-Herausforderer fehl und landete in einem seltsamen Endspiel mit zeitweilig einem Minusturm. Er hielt es recht problemlos remis, ein Glanzstück war diese Partie aber sicher nicht.

Das alles war aber nur ein Vorgeschmack auf die 4.Runde, in der Nigel nach harter Arbeit gegen den besten U12-Spieler der Welt, den Inder Gukesh, ein gewonnenes Endspiel erreicht hatte. Doch dann folgte die Katastrophe:

"Aua! Nigel Short vergaß in Gewinnstellung die Uhr zu drücken und verlor auf Zeit."

Was genau ablief, schilderte Short hinterher selbst:

"Es heißt, man soll mit Anstand verlieren. Das will ich beim nächsten Mal besser machen - allerdings ist es recht schwer, wenn dein Gegner genau weiß, dass du die Uhr nicht gedrückt hast, und dann Freudentänze aufführt, wenn dein Fähnchen fällt."

Offenbar haben die Massagen, die Hamberker und Zenwiches bisher nichts gebracht:

4. Praggnanandhaas GM-Titel-Jagd geht weiter

Praggnanandhaa, hier gegen Adam Taylor, zieht immer die Zuschauermassen an | Foto: Heraklion Chess Tournaments Facebook

Geht es um Wunderkinder, darf der Inder Praggnanandhaa, der der jüngste IM aller Zeiten ist und aktuell auf der Jagd nach einer seiner beiden noch fehlenden GM-Normen ist, natürlich nicht fehlen. Er nimmt derzeit am vierten Heraklion Fischer Memorial auf der Insel Kreta teil. Nach acht Runden hat er sechs Punkte und braucht in der letzten Runde einen Sieg, um die Norm zu erfüllen.

Alle bisherigen Partien könnt ihr hier nachspielen:

5. Stockfish lässt seinen Ärger an Houdini aus

Kommen wir zum Abschluss zum Computerschach. Das letzte Jahr endete übel für Stockfish – erst verpasste er ohne Niederlage das Finale der zehnten TCEC-Meisterschaft und dann setzte es auch noch eine Packung gegen AlphaZero...

Die 11.TCEC-Meisterschaft hätte allerdings kaum besser laufen können. Mit einem Vorsprung von 6,5 Punkten auf Houdini bzw. 9,5 auf Komodo qualifizierte er sich für das auf 100 Partien angesetzte Superfinale, wo er einen überlegenen Sieg feierte. Mit 20 zu 2 Siegen entschied er das Duell gegen Houdini klar mit 59 zu 41 für sich.

Es sagt einiges über Schachwettkämpfe aus, dass es selbst in einem so ungleichen Duell eine Remisserie von 17 Partien gab!

Den Zug des Wettkampfs packte Stockfish bei seinem ersten Sieg in Partie 5 aus (auf den Paco Vallejo hingewiesen hat):


Würde ein Mensch den Zug 21.Kf1!!, mit dem man direkt in die sich öffnende Linie des Turms auf f8 zieht, überhaupt in Betracht ziehen? Hat man den ersten Schock überwunden, ist der Zug tatsächlich logisch. Weiß will b4 spielen, doch das scheitert an der Springergabel 21…Sxb4 22.Dxb4 Sd3+. Der König muss also ziehen, und das beste Feld für ihn, um jedwede Gabel zu umschiffen, ist eben f1. Trotzdem, ein irrer Zug!

Soweit unser Überblick, schon am Mittwoch geht es mit absolutem Spitzenschach weiter!


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