Interviews 10.03.2018 | 10:43von Colin McGourty

Vladimir Tukmakov im Interview über seine Zusammenarbeit mit Wesley So

Mehr als ein Jahr arbeitete Wesley So mit Vladimir Tukmakov als Trainer zusammen, ehe er und sein Team den Vertrag vor einigen Monaten nicht mehr verlängerten. Der 72-jährige Großmeister aus der Ukraine, der davor auch schon zwei Jahre lang Anish Giri coachte, erläutert in einem Interview die Hintergründe des Erfolgs – So blieb lange ohne Niederlage, wurde die Nummer 2 der Welt und gewann die Grand Chess Tour, das Tata Steel Masters und die US-Meisterschaft – und was später falsch lief.

Bei der letztjährigen Station der Grand Chess Tour in Leuven schlug Wesley So den Weltmeister und dominierte das Schnellschachturnier, doch hinter den Kulissen spielte sich ein Drama ab | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Vladimir Tukmakov war früher selbst ein sehr starker Spieler und knüpfte als Trainer nahtlos an diese Erfolge an, etwa als er die Ukraine als Mannschaftsführer zu zwei Olympiasiegen und SOCAR zum Europacup führte. Während seiner Zeit als persönlicher Coach verbesserte sich Anish Giri auf Platz 3 in der Weltrangliste und in der jüngst beendeten Zusammenarbeit mit Wesley So kam sein Schützling sogar noch einen Schritt weiter. Dieser Stoff reicht für ein ganzes Buch, und tatsächlich ist Tukmakov gerade dabei, seine Zeit als Trainer als Autor aufzuarbeiten. Dies war der Ausgangspunkt für ein zweistündiges Interview mit Evgeny Surov von Chess-News.ru.

Vladimir Tukmakov mit Anish Giri und Sopiko Guramishvili beim Shamkir Chess 2015 | Foto: Evgeny Surov, Chess-News.ru

Die meisten Kommentare zur Zusammenarbeit mit Wesley So haben wir hier für euch übersetzt:


Vladimir Tukmakov: Von den acht Teilnehmern des Kandidatenturniers hatte ich tatsächlich bereits fünf unter meinen Fittichen.

Evgeny Surov: Und wen?

Karjakin, Mamedyarov, So, Caruana, Grischuk. Außerdem habe ich recht viel Zeit mit Aronian und Kramnik verbracht, aber nicht im Rahmen meiner Arbeit. Sie waren zwar nie Mitglied einer meiner Mannschaften und ich war auch nie ihr persönlicher Trainer, doch wir sind uns oft auf Turnieren begegnet und haben uns miteinander unterhalten oder diskutiert. Der einzige Spieler, von dem ich sowohl als Schachspieler und vor allem als Mensch nur einen oberflächigen Eindruck habe, ist der Chinese Ding Liren.

Das kommt nicht überraschend. Vielleicht sollten wir uns deshalb auf Wesley So konzentrieren, der ebenfalls beim Kandidatenturnier dabei ist. Nicht jeder weiß vermutlich, dass du mit ihm zusammengearbeitet hast. Trifft das noch zu oder wurde die Zusammenarbeit schon nach kurzer Zeit beendet?

So kurz war sie gar nicht. Offiziell arbeiteten wir eineinhalb Jahre zusammen, aber faktisch etwas weniger. Der Vertrag endete am 31.Dezember letzten Jahres.

Man sollte aber erwähnen, dass Wesley So im Verlauf dieser Zusammenarbeit den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere erreichte. 

Ja, das stimmt. Zu Beginn unserer Zusammenarbeit war er die Nummer 10 der Welt und in ihrem Verlauf mit seiner bisher besten Elo Weltranglistenzweiter. Vergleicht man seine Elo zu Beginn und seinen Rekord, hat er sich um etwa 60 Punkte verbessert.

Dennoch entschied er sich, die Zusammenarbeit zu beenden. Oder wer war es?

Ja, es war eher seine Entscheidung.

Man muss sagen, dass die Zusammenarbeit mit Wesley von Anfang an etwas eigenartig verlief. Zudem war ich von Beginn an skeptisch, da sie via Skype erfolgen sollte. Heutzutage ist diese Form der Zusammenarbeit gang und gäbe, da man die Termine besser organisieren kann und es für denjenigen, der die Rechnung bezahlt, deutlich günstiger ist. In vielen Fällen ist es auch nicht weniger effizient, aber im vorliegenden Fall sprechen wir von einem Weltklassespieler… wie soll man ihn als Schüler und mich als Mentor oder gar Lehrer bezeichnen? Was kann ich einem Spieler beibringen, der aktuell die Nummer 10 der Welt ist? Das bedeutete, dass es nur um Nuancen gehen konnte, aber Nuancen müssen verbal und subtil vermittelt werden, um die potentiellen Reserven im anderen zu wecken. Dafür muss man gemeinsam Zeit verbringen. Dazu kommt, dass Wesley So gut Englisch spricht. Auch ich spreche Englisch, aber man kann es nicht als fließend bezeichnen. Natürlich kann ich mich verständigen, aber ich spreche nicht gut genug, um Feinheiten zu vermitteln.

Aus diesem Grund war ich recht skeptisch, was diese Form der Zusammenarbeit betrifft. Dabei erfuhr ich zudem, dass Wesley So noch nie einen Trainer hatte! Das hat man mir jedenfalls erzählt, womit ich im Endeffekt sein erster Trainer war. Das ist ebenfalls…

Erstaunlich!

Dazu kommt, dass er eigentlich mit niemandem kommuniziert. Die meiste Zeit verbringt er allein am Schachbrett. Auch war das eine echte Herausforderung – für ihn und für mich. Somit war völlig unklar, was von der Zusammenarbeit zu erwarten war, da wir beide keinerlei Erfahrung darin hatten. Mich beunruhigten die Umstände, und da es ihm und seiner Familie offenbar nicht anders erging, einigten wir uns zunächst auf zehn dreistündige Probesitzungen. Dabei zeigte sich, dass zunächst alles wunderbar lief. Wir fühlten uns beide sofort wohl, und er mochte die Sitzungen. Dazu kam, dass sie ein wenig unerwartet sofort zu besseren Resultaten führten, was sehr wichtig ist.

Alles sprach für eine weitere Zusammenarbeit, die wir dann mit einem richtigen Vertrag für das gesamte Jahr 2017 besiegelten. 

Und was lief falsch?

All das beschreibe ich detailliert in meinem Buch, aber ich kann hier eine kurze Zusammenfassung geben. In der Moderne gibt es „Internet-Romanzen“, bei denen sich Leute im Netz kennenlernen, sich unterhalten und schließlich das Gefühl haben, seelenverwandt zu sein. Irgendwann kommt der Moment, an dem man seinen besten Freund oder seine beste Freundin gefunden hat und alles ganz einfach ist. Ich glaube, das kommt recht häufig vor, doch irgendwann kommt früher oder später der nächste Schritt: das persönliche Kennenlernen. Die meisten Romanzen enden aus meiner Sicht in dieser Phase, da die Chemie der Beziehung, die sich ohne direkten Kontakt entwickelt hatte, als Folge des persönlichen Kennenlernens zerstört wird. So lief es auch bei Wesley und mir, jedenfalls scheint mir das so. Ich spürte, dass die Kommunikation im Internet nicht mehr ausreichte und wir den nächsten Schritt tun sollten. Und das haben wir gemacht.

Lag es an der Sonnenbrille oder am Trainer, dass So bei der Paris Grand Chess Tour 2017 in 18 Partien in Folge sieglos blieb? | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ich übernahm die Rolle des Sekundanten bei den Schnellschach- und Blitzturnieren in Paris und Leuven nicht mehr nur aus der Ferne, sondern persönlich vor Ort. In Paris spielte er beim Schnellschach schlecht, und es zeigte sich, dass unsere übliche Vorbereitung zu keinen guten Ergebnissen führte. Irgendwann kehrte er zu seinem alten und bewährten System der Vorbereitung zurück, bei dem er sich selbst vorbereitete und selbst die Entscheidungen traf. Danach reisten wir zusammen nach Leuven, wo es für ihn besser lief. Wenn es besser läuft, lässt man natürlich alles, wie es ist. Ich war vor Ort, wir sprachen miteinander, alles war eitel Sonnenschein, doch wir sprachen nicht über Schach. Anschließend griffen wir wieder auf unser bewährtes Trainings- und Kommunikationssystem zurück oder wie man es auch nennen will.

Dann kam der Einbruch in St. Louis. Und es war ein echter Einbruch. Die Entwicklung seiner Leistungen beim Sinquefield Cup ist sehr interessant. 2015 wurde er Letzter,  2016, als wir bereits zusammenarbeiteten, wurde er Erster, und 2017 wurde er wieder geteilter Letzter. 

Der Unterschied eines Jahres - 2016 reichten +2 zum alleinigen Sieg, während sich So 2017 mit -3 den letzten Platz mit Nepomniachtchi teilte

Das war aus meiner Sicht das Zeichen für ihn, dass etwas falsch lief, um deine Frage von vorhin aufzugreifen.

Unterm Strich scheint es sehr schwierig zu sein, zu sagen, was falsch lief.

Natürlich ist das nur meine Vermutung. Wir haben uns nicht extra getroffen, um Dinge zu klären und über die Zukunft zu sprechen. Unser Vertrag lief aus, und damit auch unsere Zusammenarbeit. Ich hoffe, dass unser Verhältnis genauso gut bleibt wie es vorher war. Auf jeden Fall hatten wir keine persönlichen Konflikte. Die Zusammenarbeit mit ihm war sehr interessant, da er ein ungewöhnlicher Schachspieler und Mensch ist. Alles hat aber einen Anfang und ein Ende.

Hältst du So für einen Anwärter auf den WM-Titel? Ich frage dich nicht als Trainer, sondern als Schachkenner.

Momentan?

Ja.

Ich hielt ihn für einen Anwärter, als wir zusammenarbeiten, und mir schien, dass er sich in diese Richtung bewegte. Um ehrlich zu sein, weiß ich nicht, ob ich einen Nachfolger habe oder ob er wieder zu seiner alten Trainingsmethode zurückgekehrt ist. Arbeitet er wieder allein, hat er aus meiner Sicht keine Chance. Mit einem Helfer, dem er vertraut und der ihm etwas mitgeben kann, sieht die Sache schon wieder anders aus (…)

Was du erzählst, ist wirklich erstaunlich. Jemand kommt unter die Top 5…

Nein, ohne fremde Hilfe erreichte er die Top 10.

Aber trotzdem!

Ich weiß nicht, bis zu welchem Grad das auch wirklich stimmt, da ich es für unmöglich halte… Immerhin stamme ich aus der Sowjetunion, und obwohl ich als Schachspieler recht unabhängig heranwuchs, hatte ich doch einen Trainer, einige Helfer und bewegte mich in einer Schachszene, die extrem fruchtbar war. Er aber wuchs in den Philippinen auf, wo es all das nicht gab. Der einzige Fall, der ähnlich außergewöhnlich ist, ist der von Bobby Fischer. (…)

Kommen wir noch einmal zu Wesley und seinen Ähnlichkeiten mit Anish Giri zurück. Die beiden haben zwar eine sehr ähnliche Schachphilosophie, doch einen völlig anderen schachlichen Hintergrund. Anish ist ein blendend erzogener Schachspieler, und das betrifft nur das Schachliche, nichts anderes. Er ist ein hervorragend ausgebildeter Schachspieler. Er hatte Trainer und erhielt eine höhere Ausbildung. In dieser Beziehung ist Wesley ein absoluter Autodidakt. Er arbeitete allein, und natürlich herrschte Chaos. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass unsere Zusammenarbeit bis zu einem bestimmten Punkt erfolgreich verlief – es war schachlich für ihn interessant und er lernte etwas Neues. Da er aber ein ungemein talentierter Spieler ist, nahm er alles auf wie ein Schwamm. Und natürlich spiegelte sich das alles irgendwann in den Ergebnissen wider, da er mit meiner Hilfe einige Lücken seiner schachlichen Ausbildung stopfen konnte.

Auftakt des Kandidatenturniers 2016: Tukmakov (Sekundant von Giri) sitzt neben Danailov (Topalov), Kasimdzhanov (Caruana), Potkin (Karjakin) und Gajewski (Anand)

Tukmakov äußerte sich außerdem mit interessanten Gedanken zum Kandidatenturnier und behauptete, dass nicht alle Spieler auf Turniersieg spielen:

Früher waren die Kandidatenturniere für die sowjetischen Spieler etwas Besonderes. Erreichte man als Sowjet das Kandidatenturnier, war man auch schachpolitisch in einer neuen Gewichtsklasse angekommen. Heute sind die Kandidatenturniere einfach ein weiteres Supergroßmeisterturnier. Aus diesem Grund werden bei weitem nicht alle acht Teilnehmer auf Sieg spielen, das kannst du mir glauben. Sie sind dabei, und das ist toll! Das bringt ihnen einen Eintrag in den Geschichtsbüchern, eine Menge Geld und im Idealfall die Chance, um Platz 1 zu kämpfen. Unter den acht Spielern sind aber welche, für die der erste Platz unter normalen Umständen schwer erreichbar ist. Unterscheidet man die Kandidaten nach diesem Prinzip, besteht die Gruppe der Siegesanwärter aus: Vladimir Kramnik, Shakhriyar Mamedyarov, Levon Aronian und, vielleicht, Fabiano Caruana. Die anderen vier setzen sich wohl kaum das Ziel, mit aller Macht den ersten Platz zu erreichen und dafür alles zu riskieren.

Es geht aber noch weiter. Natürlich werden die Spieler, für die nur der Sieg zählt, höhere Risiken eingehen. Unter den vier genannten Spieler sind zwei, die wir in der russischen Snookersprache als Serienspieler bezeichnen würden. Ein Serienspieler spielt nicht nur auf Sieg, sondern ist auch in der Lage, viele Bälle in Folge zu lochen und lange Serien zu spielen. Mindestens zwei solcher Spieler sind dabei – Levon Aronian and Shakhriyar Mamedyarov.   

Tukmakov war Mamedyarovs Mannschaftsführer bei der Nationalmannschaft von Aserbaidschan und beim Team von SOCAR - hier beim Europa-Cup in Bilbao | Foto: Turnierseite

Du meinst mit der Metapher, dass sie ein paar Partien in Folge gewinnen können?

Ja. Sind sie in guter Verfassung und starten mit optimaler Form ins Turnier, können sie ihm ihren Stempel aufdrücken. Holt einer der Teilnehmer zu Beginn 3,5 aus 4, ändert das den Turnierverlauf völlig.

Andererseits können diese Serienspieler auch abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landen, wenn sie außer Form sind.

Und wenn es einen knappen Kampf mit mehreren Spielern mit Siegchancen gibt, steigen die Chancen der Spieler, die nicht auf den ersten Platz spielen. Sergey Karjakin zum Beispiel. Haben zwei Runden vor Schluss mehrere Spieler an der Spitze +1 oder +2, sind seine Chancen natürlich recht groß.

Weil die Spieler aus der ersten Gruppe Risiken eingehen.

Nicht nur deswegen. Seine Kaltblütigkeit, seine Ruhe und sein Pragmatismus wirken sich in dieser Situation deutlich mehr aus, als wenn einer oder zwei Spieler sich am Anfang absetzen. In diesem Fall steigen auch die Chancen von So und sogar Ding Liren dramatisch, und das heißt, dass extrem viel davon abhängt, wie der Turnierbeginn verläuft, welchen Charakter das Turnier annimmt und wer in Führung liegt. Prinzipiell ist das Feld aber sehr ausgeglichen.

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