Interviews 14.07.2015 | 10:55von Colin McGourty

Vladimir Kramnik: "Ich bin ein Bohemien"

Die guten und die schlechten Seiten des 40-jährigen Vladimir Kramnik konnte man an seiner Performance dieses Jahr in Dortmund sehen: drei glänzende Siege und drei enttäuschende Niederlagen hoben sich gegenseitig auf. In Interviews spricht er weiter über die Auswirkungen des Alters und erzählte Inessa Rasskazova, dass seine unkonventionelle Haltung zum Leben es für ihn schwieriger macht als für Spieler wie Michail Botvinnik und Vishy Anand. Er verglich seine aktuelle Herangehensweise ohne dauerhaften Coach außerdem mit dem Ansatz von Magnus Carlsen.

Vladimir Kramnik bei der Olympiade 2014, in einer nachdenklichen Stimmung | Foto: chess24

Kramnik sprach für Sovsport.ru mit Inessa Rasskazova. Wir haben einige Highlights des Interviews für euch übersetzt:


Inessa Rasskazova: Vladimir, könntest du uns sagen, was in dir noch von diesem 25-jährigen Schachgott übrig ist, einem ruhigen, ernsthaften Mann mit dem Erscheinungsbild eines reinen Denkers, der keinem Geringeren als Garry Kasparov die Krone entriss? Damals bezeichnete Kasparov dich als extrem pragmatischen Mann…

Vladimir Kramnik: Als pragmatischen Mann? Ehrlich gesagt war ich immer ein Bohemien und bleibe das auch, obwohl ich langsam ins "Rentenalter" komme. Ich habe viele andere Interessensgebiete abgesehen vom Schach. Die Zeit, in der ich nur fürs Schachspiel lebte und damit 20 Stunden pro Tag verbrachte, ist vorbei und das finde ich auch ganz normal, obwohl es mich nicht daran hindert, weiterhin in den Top 10 zu sein. Jetzt möchte ich wirklich gerne ins Kandidatenturnier kommen und der World Cup ist mir wichtig. Ich habe beim letzten World Cup gesiegt, aber bis jetzt hat es noch niemand beides gewonnen…

Die Olympiade spielt in meinen Schachplänen ebenfalls eine große Rolle. Mit der russischen Mannschaft war ich dreimal Olympiasieger, aber das war in den 90er Jahren. In den letzten zehn Jahren habe ich ein paarmal gespielt und wir waren oft buchstäblich ein paar Millimeter vom Sieg entfernt - das war sehr ärgerlich. In der Türkei erkannten alle, auch die Sieger, an, dass wir objektiv die Besten waren, aber wir verfehlten den Sieg um einen Millimeter… Das ist also ein sehr ernstzunehmendes Ziel für mich: endlich die Olympiade zu gewinnen!

Was für ein unerwartetes Geständnis! Ich würde mich freuen, wenn du erklären könntest, was ein Dasein als Bohemien für dich bedeutet und wie du dieses "Rentenalter" empfindest.

Das Alter verändert uns alle. Anscheinend erfordert Schach zwar kein übermäßiges physisches Pensum, aber hinsichtlich des Energieverbrauchs ist es eine harte Betätigung. Manchmal spielen wir sechs oder sieben Stunden lang und das bedeutet dann sieben Stunden lang intensive Konzentration. Natürlich ist das für Jüngere einfacher - das versteht sich von selbst –, aber die Hauptsache ist, dass ich Schach immer noch interessant finde. Ich gehe mit Leidenschaft und Entschlossenheit daran, obwohl ich einfach auch zugeben muss, dass meine Motivation bereits geringer ist als vorher. Schließlich habe ich zwei Kinder und eine Familie. Wenn man jung ist, hat man nichts anderes als Schach im Leben... Ich erkenne, wie Carlsen oder Caruana, die jetzt an der Spitze sind, nur an ihrem Schachspiel arbeiten und nur daran denken. Sie haben außerdem mehr Energie, was mit 20 oder 25 auch normal ist. Auf der anderen Seite habe ich eine Art Weisheit. Natürlich muss man den Nachteil des Alters ausgleichen. Irgendwie.

Mit 25, als ich selbst Weltmeister wurde - Magnus Carlsen ist jetzt im selben Alter -, war das Schachspielen viel einfacher als jetzt mit 40. Und trotzdem bin ich immer noch in den Top 10 und habe das Gefühl, dass ich die Kraft habe, weiterhin auf Augenhöhe mit den weltbesten Spielern zu konkurrieren. Das erfordert jedoch mehr Disziplin, mehr Anstrengung. Selbst wenn man alles gibt, ist das Gedächtnis in physiologischer Hinsicht mit 40 einfach schon etwas schlechter, die Geschwindigkeit der Denkprozesse ist niedriger und es gibt ein paar Sachen, die man sich einfach nicht mehr leisten kann. Das ist reine Physiologie. Mit zunehmendem Alter muss man neue innere Ressourcen finden.   

Zum Beispiel?

Wenn man sich zum Beispiel Vishy Anand anschaut – der in letzter Zeit sehr erfolgreich gespielt hat –, sieht man, dass es tatsächlich möglich ist. Neue Ideen: die Herangehensweise an eine Partie, die Vorbereitung für Turniere. Als ich jung war, spielte das keine Schlüsselrolle – ich arbeitete einfach und spielte Schach. Jetzt muss ich sehr viel stärker analytisch arbeiten, um mein Level beizubehalten. Ich verbringe viel mehr Zeit damit als vorher und analysiere jede meiner Performances und jede Partie. Ich denke dauernd über die Ursache meiner Fehler nach und darüber, wie ich sie ausmerzen kann. Ist es möglich, sie auszumerzen, und wenn nicht, wie kann ich solche Situationen vermeiden?

Da kommt dann deine Erfahrung ins Spiel?

Man fängt an, bewusster zu handeln, strategischer zu denken. Aber ich wiederhole es nochmal, es ist größtenteils eine Frage der Physiologie, sogar der Gene. Es kann einen starken Rückgang geben und man kann ihn nicht aufhalten. Kasparov hörte mit 42 Jahren mit dem Schachspielen auf, als er das Gefühl hatte, nicht mehr damit zurechtzukommen. Anand ist 45, spielt aber sehr gut. Andere sind mit 35 bereits am Ende… Der Stress, der mit dem Schachspiel verbunden ist, laugt einen aus und irgendwann ist der Schaden vielleicht einfach zu groß.

Obwohl Levon Aronian erst 32 ist, hat er in letzter Zeit auch Probleme, sein bisheriges Level beizubehalten | Foto: Russischer Schachverband

Glücklicherweise habe ich noch Lust darauf und die Energie und habe nicht das Gefühl, dass ich der jüngeren Generation in einem reinen Schachkampf unterlegen bin. Wenn es natürlich in ein paar Jahren so weit ist, dass es für mich schon schwer ist, ihnen am Brett gegenüberzusitzen, ist die Sache erledigt.

Vladimir, lebst du ein normales Leben oder hältst du eine strenge Diät, einen gesunden Lebenswandel ein? Kann der Lebenswandel die Geschwindigkeit der Denkprozesse beschleunigen?

Ich versuche es, aber manchmal funktioniert es nicht wirklich…

Warum nicht?

Wie ich schon sagte, bin ich von Natur aus Bohemien. Wenn ich einen interessanten Film sehen will, aber eigentlich bereits schlafen müsste, schaue ich mir den Film trotzdem an! Wenn ich mich mit jemandem treffen will, aber am nächsten Tag ein Match habe, ist das für mich kein Grund, ein gutes Gespräch zu verschieben. Man muss auch auf sich selbst hören. Manche Leute können einen gesunden Lebenswandel führen und nicht im Geringsten davon abweichen, aber für mich wäre das so eine Qual, dass ich danach nicht mehr normal spielen könnte. Botvinnik ging sein ganzes Leben lang zur gleichen Zeit ins Bett und nahm seine Erholung sehr ernst. Er warnte mich, nicht fanatisch an solche Sachen heranzugehen: "Volodya, du kannst das nicht machen!" Aber er war ein ganz anderer Mensch und für ihn war es normal.

Einige Fotos vom jüngeren Kramnik haben mittlerweile Kultcharakter...

Früher brauchte ich das auch nicht wirklich zu tun. Egal, was ich aß, egal, wie wenig ich nachts schlief, ich hatte eine grenzenlose Energie. Jetzt muss ich natürlich aufpassen, aber ich werde nie über längere Zeit hinweg eine strenge Routine einhalten können. Wenn man emotional erschöpft ist und sich schlecht fühlt, macht das die ganze Wirkung zunichte! Mit guter Laune und innerer Harmonie spielt man besser. Genau reglementierte Typen wie Botvinnik oder Vishy Anand – er ist auch streng reglementiert - haben es in mancher Hinsicht leichter. Natürlich ist es nützlich, beim Schlafen und Essen eine Routine einzuhalten, aber nur, wenn das zu deinem psychologischen Profil passt. Ich strebe eine Art Gleichgewicht an, um nicht vor lauter übermäßiger Disziplin depressiv zu werden, aber ich kann es mir nicht mehr leisten, so unkonventionell zu leben wie in meiner Jugend. Ich suche nach der goldenen Mitte... (...)

Hast du einen Trainer oder bist du seit langem unabhängig?

Manchmal lade ich einen ein, aber ich habe bereits mein eigenes Arbeitssystem entwickelt - ein insgesamt strategisches Spielsystem. Dazu gehört unabhängige Arbeit mit dem Computer und die Hilfe von Trainern ist dabei weniger wichtig. Carlsen hat eine andere Herangehensweise. Für ihn arbeitet ein Stab von nicht weniger als zehn Leuten. Das ist natürlich ein sehr ernstzunehmendes Team. Ich habe das nicht, denke aber aus verschiedenen Gründen, dass ich das nicht brauche.

Also trittst du alleine gegen ganze "Denkfabriken" an?

Zum Teil ja. Aber wir sprechen hier über Eröffnungen. Eröffnungen sind wichtig, aber es ist auch wichtig, gut zu spielen. Das Spiel an sich bleibt weiterhin die Hauptsache.

Wie wird der Augenblick aussehen, in dem es für dich Zeit wird, aufzuhören? Kannst du ihn dir vorstellen?

Wenn man das Interesse am Schach verliert, wenn es anfängt, langweilig zu werden. Im Moment bin ich noch interessiert und motiviert. Wenn das aufhört, was ist denn dann der Zweck? Ich habe viele Optionen, um etwas Anderes zu machen und nicht weniger zu verdienen. Und zweitens – wenn ich denke, dass ich schwächer bin als die Topspieler und ihren Trümpfen nichts entgegensetzen kann. Normalerweise hängen diese zwei Sachen zusammen und ich vermute, dass sie gleichzeitig auftreten werden. Auf jeden Fall habe ich nicht vor, wie Korchnoi bis 80 zu spielen. Das ist für mich total unrealistisch! Höchstens noch ein paar Jahre… Langsam aus den Top 10 zu fallen, dann aus den Top 20, dann aus den Top 100, in Turniere mit niedrigeren Levels abzusteigen… Nein, das ist nichts für mich.


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