Interviews 26.06.2015 | 16:31von Colin McGourty

Vladimir Kramnik: "Eigentlich bin ich 52 und nicht 40!"

Der ehemalige Weltmeister Vladimir Kramnik wurde heute 40 Jahre alt und erklärt in einem umfassenden Interview, warum er noch nicht bereit ist, das Schachspielen aufzugeben, er aber vermutlich auch nicht in Vishy Anands Fußstapfen treten wird. Er erstellt außerdem eine Liste der Top 10 Schachspieler aller Zeiten, denkt über seinen sich ändernden Stil nach und vergleicht Starspieler mit Komponisten, wobei Magnus laut ihm kein Mozart ist, Kasparov aber Rammstein sein könnte. Eine Pflichtlektüre für jeden Schachfan!

Vladimir Kramnik schlug Michael Adams in seiner ersten Partie in Shamkir, verlor aber später im Turnier drei Partien in Folge | Foto: Shamkir Chess

Das Sparkassen Chess Meeting in Dortmund beginnt diesen Samstag. Vladimir Kramnik wird dabei auf Spieler wie Fabiano Caruana und Wesley So treffen, wenn er unglaublicherweise versuchen wird, das Event zum 11. Mal zu gewinnen. Die russische Nummer Eins bzw. der aktuelle Weltranglistensechste reflektierte in einem langen Interview mit Boris Levin für die russische Schachwebseite ChessPro über seine Karriere. Wir haben einige der Highlights für euch übersetzt:

Schach und Alter

Boris Levin: Vierzig… Das war früher im Schach der Höhepunkt der Karriere, nun ist das Sportlerleben aber so komprimiert, dass es bereits an der Zeit ist, über die Ziellinie nachzudenken. Vor allem, da du dieses Alter mehrmals selbst als kritisch bezeichnet hast.

Vladimir Kramnik: Ich habe nie gesagt, dass ich sofort aufhöre, wenn ich vierzig werde. Es ist mehr ein Meilenstein, nach dem es sich lohnt, einmal innezuhalten und nachzudenken. Was ich aber sagen kann, ist, dass ich definitiv nicht plane, bis ins hohe Alter hinein zu spielen. Ich möchte wirklich nicht erleben, wie es ist, immer weiter abzufallen, nachdem ich bereits ganz oben war. Es geht auch um die Spielqualität. Solange ich meinen Anforderungen genüge, spiele ich weiter, sonst höre ich auf.

Als wir noch jung waren! Vladimir Kramnik und Vishy Anand auf einem Squashfeld | Foto: ChessPro

Schließlich ist es auch wichtig, Spaß zu haben, obwohl das vielleicht nicht das richtige Wort ist, da die heutige Schachwelt sehr hart ist. Aber irgendwie sollte man einen Antrieb und Interesse daran haben. Sobald das verschwindet, höre ich sofort auf, denn ich spiele Schach nicht für Geld, sondern weil ich weiß, dass ich immer noch zu etwas fähig bin.

Wem fühlst du dich eher verbunden: Kasparov, der seine Karriere mit 42 beendete, oder Anand, der im Alter von 43 Jahren ein Weltmeisterschaftsmatch gewann und weiterhin tolle Ergebnisse einfährt?

Es hängt stark von der Physiologie ab. Anand hat eine klare buddhistische Lebenseinstellung, das bedeutet einen durchdachten Energieverbrauch und einen problemlosen Ablauf. Außerdem denke ich nicht, dass irgendjemand Vishys Regenerationsfähigkeit hat. In dieser Hinsicht bin ich eher mit Kasparov verbunden - wir sind sehr viel emotionaler. Ich verbrauche mehr Energie. Und ich habe gesehen, wie er sein letztes Turnier in Linares gespielt hat - es war wirklich hart für ihn, der Schweiß strömte ihm nur so übers Gesicht.

In diesem Fall war das wohl auch seiner sehr energieintensiven Spielweise geschuldet?          

Vermutlich, aber das ist nicht die Hauptsache. Jemand hat einmal treffenderweise gesagt, dass das Alter nicht die Anzahl von Jahren ist, die man gelebt hat, sondern die man erlebt hat. Die Intensität eines Lebens und einer Karriere, all diese Weltmeisterschaftsmatches… Boris Spassky sagte einmal, dass ein Weltmeisterschaftsmatch das Leben um drei Jahre verkürzt. Wenn ich vier davon gespielt habe, bin ich also eigentlich 52, nicht 40! (lächelt)

Generell denke ich, dass ich definitiv noch zwei oder drei Jahre spielen werde, aber weiter in die Zukunft will ich noch nicht schauen. Geller sagte einmal, dass das Alter im Grunde kein Problem ist, man muss einfach immer mehr arbeiten. Ich habe aber eine Familie, Kinder und soziale Projekte und es ist schwer für mich, soviel Zeit zu finden. Daher stehen die Chancen gut, dass ich mit 45, wie Anand, nicht mehr auf einem Toplevel bleiben kann, und dann - wozu weitermachen?

Ich denke, Gellers Aussage trifft im Grunde zu, aber das moderne Schach unterscheidet sich stark von dem Schachspiel zu Efim Petrovichs Zeiten. Wenn man an die Liebe denkt, mit der Lev Polugaevsky über das Perfektionieren der nach ihm benannten Variante sprach...Seine kreativen Entdeckungen brachten ihm mehr Genugtuung ein als die Punkte, die er damit später erzielte. Aber jetzt? Man hat eine Stellung auf einem Computer und muss es nur noch schaffen, sich daran zu erinnern…

Nicht ganz: man muss noch seine eigenen Ideen entwickeln, aber sie werden von der Maschine perfektioniert. Wenn ich jetzt zehn Stunden oder so pro Tag arbeiten würde, könnte ich lange mithalten, aber woher bekomme ich diese 10 Stunden?! Indem ich die Kindheit meiner Tochter und meines Sohnes nicht erlebe? Oder alles andere im Leben vernachlässige? (…)

Auf dem Level, auf dem ich spiele, hat jeder ein grundlegendes Eröffnungswissen. In meiner Jugend musste dieses Wissen manuell erworben werden - indem man Bücher las, den Informator studierte, die eine oder andere Stellung analysierte - daher konnte große Erfahrung eine niedrigere Energie ausgleichen.

Aber jetzt macht man den Computer an und erhält alles auf einem Silbertablett präsentiert, solange man sich nur daran erinnern kann. Der Vorteil von Erfahrung wird also größtenteils aufgewogen, während die Vorteile der Jugend sehr viel spürbarer sind. Die Energie, die man mit 20-22 hat, ist einfach ganz anders als die, die man mit 40 hat – das merke ich auch an mir selbst.

Wenn du jetzt die Chance erhalten würdest, 50 Jahre oder so in die Zeit zurückzureisen und in der Ära vor der Erfindung des Computers Schach zu spielen, würdest du es tun?

Weißt du, Schach ist jetzt interessanter - es ist komplizierter, dynamischer und schärfer. Aber das ist gut für die Zuschauer, während es für die Spieler damals alles viel einfacher war. Daher würde ich wahrscheinlich ohne zu zögern zustimmen. (lächelt)

Ich erinnere mich an mein erstes Linares-Turnier – 1993. Was für ein Spaß im Vergleich zu den heutigen Turnieren! Die Vorbereitung auf eine Partie dauerte eine, maximal zwei Stunden. Mein damaliger Trainer Vitaly Tseshkovsky und ich bewegten die Steine ein bisschen hin und her, eine kleine Idee kam uns in den Sinn - dann war alles gut und ich konnte spielen.

Jetzt verbringt man zwei Stunden damit, eine Variante am Computer durchzuklicken und erkennt auf einmal, dass sie nicht funktioniert. Und die andere auch nicht. Und die nächste auch. Das Endergebnis ist, dass die Vorbereitung während eines Turniers fast die gesamte Zeit zwischen den Partien in Anspruch nimmt.

Levon Aronian und Vladimir Kramnik bei der letzten Russischen Mannschaftsmeisterschaft | Foto: Russischer Schachverband

Eine Frage der Schachstile

Ich weiß, dass du bereits mit ähnlichen Fragen gequält wurdest, aber trotzdem: könntest du ausformulieren, inwiefern sich der Kramnik von 2015 von dem Kramnik aus dem Jahr 2000 unterscheidet, der die Weltmeisterschaft gewann?

Ich glaube schon. Meine Motivation ist nicht mehr so verrückt hoch und meine Energie, wie ich schon sagte, eben auch nicht. Auf der anderen Seite verstehe ich das Spiel besser und habe mehr Erfahrung.

Das sind alltägliche Sachen, die jeder versteht. Mich interessieren jedoch die Veränderungen in deiner Spielweise, in deiner Herangehensweise an eine Partie.

Stilistisch gesehen bin ich ein sehr ungewöhnlicher Charakter. Mir fällt kein anderer Weltmeister ein, dessen Stil sich mindestens zweimal so stark verändert hat in seiner Karriere. In den 90ern spielte ich sehr aktives, aggressives Schach und entschied mich immer für taktische Komplikationen. Irgendwann um 1998 veränderte sich alles auf dramatische Weise - meine Partien sehr viel positioneller. Das blieb bis 2005 so, als ich wieder zu einer schärferen Spielweise zurückkehrte. Jetzt wechselt alles wieder langsam hin zu einer klassischeren Herangehensweise. Außerdem kann man nicht sagen, dass diese Wechsel bewusst stattfanden oder gar geplant waren - ich habe selbst keine klare Erklärung dafür.

Es muss aber doch ein paar Gründe geben.

In den 90ern hing es vermutlich mit meiner Arbeit mit Sergey Dolmatov zusammen – einem deutlich positionellen Schachspieler. In jeder Situation suchte er zunächst nach einem ruhigen Zug, der auf das Endspiel ausgerichtet war.

Warum ich zu einem schärferen Schach zurückgekehrt bin, ist schwer zu sagen. Höchstwahrscheinlich fühlte ich mich endlich befreit, nachdem ich 2008 den Weltmeistertitel verlor. Die Krone bringt eine große Verantwortung mit sich - man muss sich ständig beweisen und reduziert manchmal das gesamte Risiko auf ein Minumum.

Und was geschieht nun, da du wieder zum positionellen Stil zurückkehrst?

Zunächst erkannte ich, dass dies immer noch die Grundlage meiner Spielweise ist, die mir in meiner Kindheit eingeflößt wurde. Und zweitens werden meine Gegner immer jünger und in komplexen, energieintensiven Partien wird es immer schwerer, sie zu überspielen. Außerdem sind die meisten modernen, jungen Talente eindeutig Variantenberechner. Es lohnt sich, sie in langsame, positionelle Spielweisen zu verwickeln, wo ich meine Trümpfe ausnutzen kann.

Können Veteranen heute allein aufgrund ihres positionellen Verständnisses Ergebnisse erzielen, wie es Smyslov tat – immerhin qualifizierte sich Vasily im Alter von 63 Jahren für ein Kandidatenfinale?

Es ist jetzt viel schwerer, wenn es überhaupt noch möglich ist, hauptsächlich aufgrund der größeren Intensität der Turniere - wir haben z.B. Hängepartien längst abgehakt. Es liegt aber auch an der schieren Fülle taktischer Stellungen, dem Ergebnis einer globalen Computerisierung.

Um dieses Gespräch stilvoll ausklingen zu lassen, könnte es sich anbieten, die wohlbekannte Meinung von Michail Tal anzusprechen. Er präsentierte eine Analogie zwischen Schachspielern und Komponisten. Dabei verglich Tal Botvinnik mit Bach, Smyslov mit Tchaikovsky und sich selbst mit dem König der Operette, Kalman. Angesichts der Ausbildung deiner Mutter im Konservatorium solltest du doch keine Probleme haben, diese Reihe fortzuführen?

Probieren wir es.

Welcher Komponist ähnelt Kramnik vom Wesen her am stärksten?

Es ist schwer, sich selbst einzuschätzen, vor allem angesichts der Stilwechsel, die wir bereits angesprochen haben. (Pause) Vielleicht Rachmaninoff.

Sehr präzise! Er veränderte sich auch oft.

Ja, und außerdem hatte Sergei Vasilievich Perioden, in denen er nichts komponieren konnte - auch dahingehend ähnele ich ihm. (lächelt)

Machen wir weiter mit deinen engsten Rivalen. Carlsen?

Jeder vergleicht ihn mit Mozart - wir nennen ihn oft auch unter uns so, im Scherz. Es ist zu einer Art Klischee geworden, obwohl Magnus' Schachspiel der Musik des Österreichers nicht im Geringsten ähnelt. Er ist eher ein Techniker.

Carlsen besiegte Kramnik in Shamkir und zeigte kein Mitleid | Foto: Shamkir Chess

Kasparov?

Definitiv kein Mozart. (lächelt) Beethoven vielleicht.

Übrigens sagte Tal auch, dass die Junioren (er dachte an Kasparov) eher moderneren Komponisten ähneln – Prokofiev, Shostakovich. Vielleicht ist es nun an der Zeit, zur Popmusik überzugehen?

Ah, ja: Kasparov ist ein typischer Rammstein. (lacht)

Anand?

Hier passt Mozart teilweise - was die Leichtigkeit, die Natürlichkeit und das angeborene Talent angeht. Hinsichtlich letzterem gehört Vishy zu den größten Schachspielern der Geschichte.

Aber gleichzeitig ist er kein Genie? Ich denke da an eines deiner Interviews, in dem du nur vier Genies aufgezählt hast – Kasparov, Fischer, Capablanca und Tal.

Da galten die strengsten Kriterien und außerdem dachte ich dabei an Schachspieler, die ihre Karriere bereits beendet hatten. Wenn man die Latte minimal tiefer legt, gehören Anand und Carlsen dazu. Außerdem beginnt Magnus' Karriere gerade erst - in einem Jahrzehnt oder so wechselt er vielleicht wirklich in die Kategorie der allergrößten Schachspieler.

Wenn du der Trainer eines Teams aus den besten Schachspielern aller Zeiten mit 10 Brettern wärst: wen würdest du aufstellen? Du könntest übrigens auch als Coach spielen.

Interessant, darüber habe ich noch nie nachgedacht… Die Top 4 haben wir schon erwähnt…

Wie wäre die Reihenfolge an den Brettern?

Das wäre sehr schwer, und in dieser Situation wäre die Reihenfolge ohnehin unwichtig. Anand und Carlsen wären auch dabei, und dann… Definitiv Karpov. Definitiv Aljechin. Lasker, ohne Frage. Und beim zehnten Platz gibt es viele Kandidaten – Botvinnik, Smyslov und viele andere.

Aber ausschließlich Weltmeister?

Warum? Ich würde eine Kandidatur von Akiba Rubinstein ernsthaft in Erwägung ziehen. Eine sehr bedeutende Persönlichkeit.

Würde so eine Ansammlung von Stars als einheitliches Team spielen?

Bei ihrer individuellen Stärke wäre das unwichtig. Sie würden alle Gegner zerreißen.

Kramniks beste Partien

Welche Partie wird in zukünftigen Schachenzyklopädien die Visitenkarte von Großmeister Kramnik darstellen?

Es ist schwer, eine auszuwählen - unter anderem, weil mein Stil sich so verändert hat. Man könnte versuchen, charakteristische Partien für jede Schaffensperiode zu finden. In den 90ern wäre es vermutlich der Schwarzsieg gegen Kasparov im Jahr 1996 in Dos Hermanas. Übrigens war das die einzige entschiedene Partie zwischen uns, in der Schwarz gewann; alle anderen Siege wurden von Weiß erzielt.

1. d4 d5 2. c4 c6 3. ♘c3 ♘f6 4. ♘f3 e6 5. e3 ♘bd7 6. ♗d3 dxc4 7. ♗xc4 b5 8. ♗d3 ♗b7 9. O-O a6 10. e4 c5 11. d5 c4 12. ♗c2 ♕c7 13. ♘d4 ♘c5 14. b4 cxb3 15. axb3 b4 16. ♘a4 ♘cxe4 17. ♗xe4 ♘xe4 18. dxe6 ♗d6 19. exf7+ ♕xf7 20. f3 ♕h5 21. g3 O-O 22. fxe4 ♕h3 23. ♘f3 ♗xg3 24. ♘c5 ♖xf3 25. ♖xf3 ♕xh2+ 26. ♔f1 ♗c6 27. ♗g5 ♗b5+ 28. ♘d3 ♖e8 29. ♖a2 ♕h1+ 30. ♔e2 ♖xe4+ 31. ♔d2 ♕g2+ 32. ♔c1 ♕xa2 33. ♖xg3 ♕a1+ 34. ♔c2 ♕c3+ 35. ♔b1 ♖d4

0-1

Es gab jedoch auch zwei spektakuläre Siege mit Schwarz gegen Topalov – 1995 und 1997, und einen Schnellschach-Sieg gegen Kasparov im Jahr 1994. Diese würde ich auch auswählen.

In meinem nächsten Lebensabschnitt würde ich die letzte Partie des Weltmeisterschaftsmatches gegen Leko herausheben - es ist schwer, sich für einen Sportler ein wichtigeres Event vorzustellen, und die Qualität der Partie war auch exzellent. 

1. e4 c6 2. d4 d5 3. e5 ♗f5 4. h4 h6 5. g4 ♗d7 6. ♘d2 c5 7. dxc5 e6 8. ♘b3 ♗xc5 9. ♘xc5 ♕a5+ 10. c3 ♕xc5 11. ♘f3 ♘e7 12. ♗d3 ♘bc6 13. ♗e3 ♕a5 14. ♕d2 ♘g6 15. ♗d4 ♘xd4 16. cxd4 ♕xd2+ 17. ♔xd2 ♘f4 18. ♖ac1 h5 19. ♖hg1 ♗c6 20. gxh5 ♘xh5 21. b4 a6 22. a4 ♔d8 23. ♘g5 ♗e8 24. b5 ♘f4 25. b6 ♘xd3 26. ♔xd3 ♖c8 27. ♖xc8+ ♔xc8 28. ♖c1+ ♗c6 29. ♘xf7 ♖xh4 30. ♘d6+ ♔d8 31. ♖g1 ♖h3+ 32. ♔e2 ♖a3 33. ♖xg7 ♖xa4 34. f4 ♖a2+ 35. ♔f3 ♖a3+ 36. ♔g4 ♖d3 37. f5 ♖xd4+ 38. ♔g5 exf5 39. ♔f6 ♖g4 40. ♖c7 ♖h4 41. ♘f7+

1-0

Es gab auch einige sehr gute Partien wie den Sieg gegen Anand in Wijk aan Zee.

Um ehrlich zu sein, ist es schwer für mich, Partien auszuwählen, wenn es keine klaren Kriterien gibt. Ich tue mir auch schwer damit, Fragen zu meinem Lieblingsschriftsteller oder - komponisten zu beantworten, vor allem weil man in verschiedenen Abschnitten unterschiedliche Vorlieben hat. Man könnte zehn davon auswählen, genau wie bei Schachgenies, aber nur einen davon auszuwählen… Bei Partien ist es genauso.

Je ne regrette rien?

Wenn du deine Karriere noch einmal erleben könntest, aber mit der Erfahrung, die du jetzt hast, würdest du viel ändern?

Natürlich. Da gab es so viele Fehler!

Obwohl du eine der erfolgreichsten Karrieren hattest?

Mit meinem jetzigen Wissen und der Energie, die ich als junger Mann hatte, wäre sie noch erfolgreicher! Mindestens +50 Ratingpunkte, abgesehen von allem anderen. Weißt du, was ich besonders vermisst habe?

Nein?

Die Präsenz eines Spielers an meiner Seite, wie es Nikitin für Kasparov oder Furman für Karpov war. Einen weisen Mentor, der mich durchs Leben geleitet hätte, mir in schwierigen Situationen Tips gegeben hätte und mir erlaubt hätte, von den Fehlern anderer zu lernen und nicht von meinen eigenen. Ich erreichte alles durch systematisches Ausprobieren - wenn ich jetzt der Trainer meines 17-jährigen Ichs wäre, hätte ich einfach viel verboten.

Auf der anderen Seite gibt es insgesamt nichts, was ich bereue: alles verlief recht gut und erfolgreich.

Kramnik - Kasparov | Foto: Grigory Filippov, Sport Express

Ein Event, das die Schachgeschichte hätte verändern können

Jeder erinnert sich an Momente, in denen er wirklich Angst hatte.

Mein kritischster Augenblick hatte nichts mit einem Verbrechen oder einer Art Skandal zu tun, sondern es war ein normaler Trip von Linares zum Flughafen, bei dem die Schachwelt mich und Kasparov mit einem Schlag verloren hätte.

Erzähl uns bitte mehr darüber!

Ich weiß nicht mehr genau, in welchem Jahr es war, ich glaube 96. Oder 98. Das letzte Linares-Turnier war zu Ende, unsere Flüge gingen am frühen Morgen des nächsten Tages und die Fahrt zum Flughafen dauerte drei Stunden. Daher fuhren Kasparov und ich etwa um sechs Uhr früh im selben Auto. Und wie sich später herausstellte, schlief der Fahrer einfach am Lenkrad ein, während er mit einer recht ordentlichen Geschwindigkeit fuhr.

Wir saßen da, sprachen über etwas und merkten gar nichts, da der Fahrer eine dunkle Sonnenbrille trug. Die Straße war leer, als schienen 120km auf dem Tacho völlig normal zu sein. Dann erschien ein Auto vor uns und wir hetzten darauf zu. Es waren nur noch ein paar Meter und wir flogen direkt darauf zu!

Kasparov war auf dem Beifahrersitz (was noch schlimmer hätte ausgehen können) und ich saß hinten, aber wir spürten die Gefahr absolut gleichzeitig und sprangen simultan auf. Unsere plötzlichen Bewegungen weckten den Fahrer und er schaffte es wirklich in der letzten Sekunde, das Lenkrad herumzureißen.

Kasparov, ein leidenschaftlicher Mann, sagte dem Fahrer genau, was er davon hielt. Der Typ wiederum hielt an, schüttete sich mit zitternden Händen etwas Kaffee aus einer Thermoskanne ein und beruhigte sich ein paar Minuten später einfach. Dann gelangten wir ohne weitere Zwischenfälle an unser Ziel, aber ich weß auch heute noch genau, wie ich mich in dieser Sekunde gefühlt habe.


Siehe auch:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 4

Guest
Guest 7840932830
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options