Allgemein 29.01.2019 | 16:06von Colin McGourty

Vladimir Kramnik beendet seine Schachkarriere

Der 14. Weltmeister Vladimir Kramnik hat heute bekannt gegeben, dass er seine Schachkarriere im Alter von 43 Jahren beendet. Seine letzte professionelle Partie war eine Niederlage gegen Sam Shankland in Wijk aan Zee, aber die Entscheidung traf er bereits einige Monate vorher. Kramnik sagt seine „Motivation als Schachspieler hat stark nachgelassen in den letzten Monaten" und er möchte sich nun auf Projekte „im Bereich Schach für Kinder und Bildung" fokussieren. Vladimir Kramnik wird als der Mann aus der Schachszene austreten, der Garry Kasparov 2000 schlagen konnte, bevor er seinen Weltmeisterschaftstitel für 7 Jahre behielt.

Vladimir Kramniks professionelle Schachkarriere ist vorbei. | Foto: Jose Huwaidi

Vladimir Kramnik gibt bekannt aufzuhören

Vladimir Kramnik gibt heute eine Simultanveranstaltung im holländischen Parlament und nutzte die Gelegenheit für eine Nachricht, die wie eine Bombe einschlug und die Schachwelt traurig machen wird.  In der Pressemitteilung der Tata Steel Chess website kommentiert er:

Ich habe das  Ende meiner professionellen Schachkarriere bereits vor ein paar Monaten entschieden und jetzt wo ich mein letztes klassisches Turnier gespielt habe, würde ich es gerne öffentlich bekannt geben. 

Er fügt hinzu:

Das Leben eines professionellen Schachspielers war eine großartige Reise und ich bin sehr dankbar für all das, was Schach mir gegeben hat. Manchmal war es schwierig und manchmal erfolgreicher als ich es mir hätte vorstellen können, aber in jedem Fall war es eine unbezahlbare menschliche Erfahrung für mich. Ich habe immer versucht mein Bestes zu geben und immer ganz dabei zu sein, wenn ich mit Schach gearbeitet oder Schach gespielt habe. 

Aber ich habe auch in Interviews ausgedrückt, dass ich eines Tages gerne etwas anderes machen würde und da meine Motivation für Schach in den letzten Monaten stark nachgelassen hat, fühle ich, dass es der richtige Moment dafür ist. Ich würde mich gerne auf Projekte konzentrieren, die ich in den letzten Monaten begonnen habe, besonders im Bereich Schach für Kinder und Bildung. Ich werde bald detailliertere Informationen darüber geben.

Ich werde vielleicht bei Zeiten ein Schnellschach- oder Blitzturnier spielen oder eine Simultanvorstellung geben, wie das Tata Steel Chess Simultan im holländischen Parlament diesen Nachmittag, und ich werde bei verschiedenen Events, die etwas mit Schach zu tun haben, teilnehmen, um dieses großartige Spiel zu popularisieren.

Die Bekanntgabe ist vergleichbar mit der von Garry Kasparov, der nach der letzten Partie des  Superturniers in Linares 2005 mit 41 seine Schachkarriere beendete. Garry verlor diese Partie auch, gegen Veselin Topalov, aber er gewann das Turnier. Traurigerweise endete Kramniks Karriere mit einem geteilten letzten Platz bei den Tata Steel Masters, ein Turnier, das er 1998 gewann:


Im Nachhinein hätten wir vielleicht realisieren sollen, dass so etwas zu erwarten war, denn viele der schachlichen Entscheidungen, die Kramnik getroffen hat, besonders in seiner letzten Partie, trotzten logischen Erklärungen. Die Partie gegen Sam Shankland, die er nur noch verlieren konnte und sich trotzdem gegen ein Remis entschied, schien beinahe wie ein letztes Toben vor dem Ende. Das denkwürdigste Interview des Turniers (nach dem Remis gegen Magnus Carlsen) gewinnt auch noch an Bedeutung:

Trotz der schlechten Ergebnisse bei den Tata Steel Masters ist sein Rücktritt ein großer Verlust für Schach, denn es war fantastisch den aggressiven und wild optimistischen Kramnik der letzten Jahre zu verfolgen und er zeigte auch, dass er immer noch in der Lage ist, jeden zu schlagen. Es wäre großartig gewesen ihn in dem Knockout-Turnier dieses Jahr für die Qualifikation des nächsten Kandidatenturniers zu sehen. Der einzige Trost ist, dass Kramnik erwähnt hat, dass er Schnellschach- und Blitzturniere spielen werde und so scheint es, dass es nicht ganz so schwer wird ihn zurück ans Brett zu holen, wie bei Garry.

Eine glorreiche Karriere

Es ist nicht die Zeit einen Nachruf des 14. Schachweltmeisters zu schreiben, aber es mag es wert sein jüngere Schachfans an die Karriere eines der besten Spieler unserer Zeit zu erinnern. Vladimir Kramnik wurde am 25. Juni 1975 am Schwarzen Meer in Tuapse, Russland geboren. 

Ein frühes Foto des 14. Schachweltmeisters Vladimir Kramnik (Foto aus Kramniks Familienarchiv).


Als das Kind zu gut für seine lokalen Berater wurde, übernahm Großmeister Vitaly Tseshkovsky (ein Mann über den Kramnik sagte, dass er „Schach zu sehr liebte”) bis Vladimir die Aufmerksamkeit der Botvinnik Schule in Moskau bekam. Garry Kasparov verbürgte sich dann für die Aufnahme des 16-jährigen Kramniks bei der Olympiade 1992. Das unerprobte junge Talent erzielte 8.5/9 und nach Rating die beste Leistung des Turniers und danach gab es kein Zurückblicken mehr. Drei Jahre später wurde er mit 23 die jüngste Nummer 1 weltweit, ein Rekord der erst später von Magnus Carlsen gebrochen wurde. 

Große Rivalen: Garry Kasparov und Vladimir Kramnik | Foto: Grigory Filippov, Sport Express

Der Moment, der Kramniks Karriere zeichnete, kam 2000 bei seinem Match gegen Garry Kasparov, ein Spieler der zu dieser Zeit noch nah an seinem phänomenalen Hochpunkt war. In der Vorbereitung zu dem Event transformierte Kramnik seinen Stil von dem furchtlosen Angriffsspieler seiner Jugend zu jemanden, der nahezu unmöglich zu schlagen ist. Er wandte bekannterweise die Berliner Mauer mit Schwarz an und machte Kasparov zum ersten Spieler, der das frustrierende Erlebnis hatte gegen die Mauer anzulaufen, die die nächsten zwei Jahrzehnte des Spitzenschachs dominieren sollte. Auf der anderen Seite des Brettes zeigte Kramnik immer wieder tiefe neue Eröffungsideen, die ihm dabei halfen zwei Partien und den ganzen Kampf zu gewinnen. Garry gewann nicht eine einzige Partie.

Kramniks Herrschaft war während einer Spaltung der Schachwelt, aber er behielt seinen Titel gegen Peter Leko im Jahr 2004 und gewann dann einen sehr erbitterten Kampf bei dem Match der „Wiedervereinigung" gegen Veselin Topalov im Jahr 2006 und holte sich den unumstrittenen Titel. Schießlich verlor er ihn an Vishy Anand, der den Titel 2007 bei einem Turnier in Mexiko gewann und ihn 2008 bei einem Match in Bonn verteidigen konnte.

Carlsen gibt gegen Kramnik auf beim Norway Chess 2017 | Foto: Lennart Ootes

Wenn Kramniks Karriere dann einfach ausgeklungen wäre, würde er trotzdem einer der größten Schachspieler aller Zeiten sein, doch stattdessen gelang es ihm wieder zu dem draufgängerischen Spieler seiner Jugend zu werden. Er stellte sich als ernster Gegner der aufsteigenden Schachstars heraus und ließ Magnus Carlsen während seines Aufstiegs zur Spitze hart arbeiten. Am denkwürdigsten ist das Kandidatenturnier 2013 in London, bei dem es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kramnik und Carlsen wurde. Am Ende scheiterte Kramnik erst an der Feinwertung, da er mit 4 Siegen und einer Niederlage weniger Siege als Carlsen mit 5 Siegen und 2 Niederlagen hatte. Magnus schlug Vishy Anand in ihrem  Match 2013 und eine neue Ära im Schach begann, aber bis heute war Vladimir Kramnik einer der konkurrenzfähigsten und farbigsten Teile dieser Ära. 

Neben der Weltmeisterschaftskrone gewann Kramnik auch fast alles andere, was es zu gewinnen gibt: Olympiagold, den World Cup und unzählbare Superturniere, darunter einen Rekord mit 10 Titeln in Dortmund. Es gab Sorgen im Jahr 2006, als er für die Behandlung einer Form von Arthritis für 6 Monate aussetzte, aber obwohl Kramnik konstant behauptete mit 40 oder früher auszusteigen, blieb er für neue Generationen von Schachspielern da. Er wird sehr vermisst werden!

Lang lebe der König! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess 2019

Reaction to the news

Hier sind nur einige Reaktionen auf Kramniks Bekanntgabe:

Levon Aronian:

Es ist ein trauriger Tag für Schach. Ein weiterer Riese verlässt das Spiel früher als wir alle gehofft haben. Vladimir Kramnik hinterlässt ein unglaubliches Vermächtnis hinter sich. Fast jede Eröffnungsvariante der letzten 25 Jahre wurde von ihm geprägt. Danke Meister


Jorden van Foreest:

Ich lese das gerade als ich meine erste und einzige Partie gegen ihn analysiere. Einer der großartigsten Schachspieler aller Zeiten. 


Tata Steel Chess:

Heute gibt Vladimr Kramnik das Ende seiner Schachkarriere bekannt.  Er hat nahezu alle Top-Turniere gewonnen, einschließlich Tata Steel Chess (1998). Wir würden ihm gerne für seine vielen Teilnahmen danken und wünschen ihm all das Beste!


Tarjei J. Svensen:

Einer meiner besten Kramnik-Erinnerungen war, als er eine Flasche Gin (!) („Es ist besser als nichts“) von seinem Hotelzimmer in Stavanger mitbrachte und in der Nähe der Lobby Blitz gegen MVL, Nakamura und einige andere mitten in der Nacht spielte.  #Legend


Sebastian Mazé:

Was eine Karriere, was ein Spieler! Hut ab Vladimir Kramnik #Weltmeister


David Howell: 

Es ist sehr schade zu hören, dass er seine Schachkarriere beendet. Es war eine Ehre mehrmals gegen ihn zu spielen, unter anderem als 11-jähriger (siehe unten). Er  lehrte mich auch bei der Olympiade letztes Jahr eine Lektion. Ein echter Gentleman und einer meiner Lieblingsspieler #legendofchess


Anish Giri: 

Legende


Lennart Ootes: 

Eine der wahren Legenden des Spiels und einer der freundlichsten Spieler der Tour. Genieße deinen Ruhestand, Big Vlad!


Nigel Short:

Vladimir Kramnik steigt nach einer umwerfenden Karriere aus. Sein Schach war oft vorzüglich und immer lehrreich. Ich könnte hinzufügen, dass ich genau weiß, was er mit nachlassender Motivation meint. 


Viswanathan Anand:

Vlady, ein Freund, ein Rivale und ein Vertrauter. Einer der prägenden Spieler unserer Zeit. Seine Rivalität war immer eine Inspiration. Ich werde seinen trockenen Humor bei Turnieren vermissen.  Für mich wird er immer der große Vlad von 1989 sein. Nur das Beste Vlady für deine neue Laufbahn.


Mehr zu Kramniks Rücktritt in den nächsten Tagen!


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