Allgemein 03.01.2018 | 14:53von chess24 staff

Vladas Mikėnas, der Großmeister-Killer

Vladas Mikėnas zählte fünf Jahrzehnte lang zu den besten Schachspielern der Welt. Er traf auf alle Weltmeister von Lasker bis Kasparov und schlug Alekhine, Botvinnik, Petrosian, Smyslov und Tal. Bei fünf Schacholympiaden vertrat er zudem Litauen am Spitzenbrett und nahm an zehn Meisterschaften der Sowjetunion teil. Doch nicht nur als Spieler tat er sich hervor – er war zudem ein anerkannter Theoretiker, er arbeitete als Trainer von Paul Keres und er wirkte als Schiedsrichter bei so wichtigen Wettkämpfen wie Karpov-Kasparov 1985. In Laurynas Barkauskas’ Artikel über die baltische Schachlegende findet ihr nicht nur seine „unsterbliche Partie“, sondern auch einige Anekdoten aus seinen Begegnungen mit anderen Weltklassespielern.


Der "Großmeister-Killer” und seine unsterbliche Partie 

von Laurynas Barkauskas

Vladas Mikėnas (1910 – 1992) war einer der bekanntesten Schachspieler des Baltikums und mehrfacher Meister Estlands und Litauens. Er war IM und Ehrengroßmeister und nahm vor dem Zweiten Weltkrieg fünfmal als Spitzenbrett Litauens an Schacholympiaden teil. Nach der sowjetischen Annexion Litauens im Jahr 1940 spielte er zudem bei vielen Meisterschaften der UdSSR mit. Außerdem leistete Mikėnas einen wesentlichen Beitrag zur Schachtheorie, denn gleich in mehreren Eröffnungen taucht sein Name auf.

"44. Meisterschaft der UdSSR, Moskau 1976. Beim Ende der Partie Tal-Sveshnikov schauen Mikenas (Schiedsrichter) und Petrosian zu."

In seinen letzten Lebensjahren amtierte er bei vielen wichtigen Wettkämpfen als Hauptschiedsrichter, wie etwa beim Kandidatenfinale zwischen Kasparov – Smyslov 1984 oder dem WM-Match 1985 zwischen Karpov und Kasparov. Sowohl Karpov als auch Kasparov hatten eine hohe Meinung von Mikėnas: Karpov nannte ihn Maestro und bezeichnete ihn als einzigartig, da er außer Steinitz allen Schachweltmeistern begegnet war (bis Kasparov).

Mikėnas eröffnet das Kandidatenfinale 1984 zwischen Kasparov-Smyslov  | Foto: chess.lt

Von Estland nach Litauen

Mikėnas im Jahr 1931 | Foto: Wikipedia

Mikėnas wurde in Estland geboren und entwickelte sich rasch zu einem der stärksten Spieler des Landes, ehe er 1930 den Landestitel gewann. Ein Jahr später reiste er in sein Heimatland Litauen, um an der ersten Baltischen Schachmeisterschaft teilzunehmen. Obwohl er bis dahin kein Litauisch konnte, blieb er im Land und setzte sich zum Ziel, Litauischer Meister zu werden. Auf dem Weg dorthin bekam es Mikėnas 1932 mit einem trickreichen Gegner zu tun, Alexander Macht.

Macht war nicht nur auf dem Schachbrett trickreich: Zum Beispiel bestellte er in der Zeit, in der Mikėnas nachdachte, eine Tasse Tee und schlürfte diesen laut hörbar. Mikėnas bat als Gegenmaßnahme um ein leeres Glas und einen Teelöffel und “rührte” mit diesem immer wieder "um". Macht hatte die Botschaft verstanden, und der Wettkampf konnte ohne weitere Vorkommnisse absolviert werden. Trotzdem unterlag Mikėnas und musste noch ein Jahr länger auf seinen ersten Litauischen Meistertitel warten – ein Erfolg, den er bis zu seinem 67.Lebensjahr noch zwölfmal wiederholte. 

Großmeister-Killer

Als die Welt sich im 20.Jahrhundert an ihrem Tiefpunkt befand, erreichte Mikėnas seinen schachlichen Zenit. Gemäß Chessmetrics war er 1945 der zwölftbeste Schachspieler der Welt. Mikėnas nannte als Hauptgrund, warum er nie die absolute Spitze erreichte, dass er dem Rat von GM Savielly Tartakower nicht gefolgt sei: “Im Schach gibt es nur einen Fehler – den Gegner zu unterschätzen.” Gleichwohl hat Mikėnas diesen Fehler gegen Großmeister offenbar nicht zu begangen, da er im Verlauf seiner Karriere Alekhine, Botvinnik, Keres, Petrosian, Smyslov und Tal schlagen konnte. Diese Siege brachten ihm den Spitznamen Großmeister-Killer ein (1950 zum Beispiel gab es nur 27 Großmeister auf der Welt).

Als Anhänger der Alekhine-Verteidigung war Mikėnas einer der wenigen Spieler, die gegen Alekhine ein ausgeglichenes Ergebnis (+1 -1 =3) erzielten. In seiner Autobiographie erzählt Mikėnas eine unvergessliche Anekdote von einem ihrer Zusammentreffen. Nachdem Mikėnas 1937 die ersten drei Partien beim Turnier in Kemeri verloren hatte, saß er niedergeschlagen in einem Restaurant, in dem viele Menschen um ihn herum tanzten und lachten. Als er diese Szene sah, ging Alekhine zu ihm und machte ihm mit einigen hilfreichen Ratschlägen Mut. Als er fertig war, fragte er, gegen wen Mikėnas als Nächstes antreten müsse. “Sie,” antwortete Mikėnas, und Alekhine nahm dies als schlechtes Omen wahr.

Tatsächlich verlief die Partie am nächsten Tag nicht gut für Alekhine. Nach seinem Zug 23.Se4 wurde Kaffee serviert, und Alekhine versuchte ohne seine Augen vom Schachbrett abzuwenden, ein Stück Würfelzucker hineinzuwerfen. Stattdessen erwischte er einen weißen Bauern und begann, nervös umzurühren. Als er seinen Fehler erkannte, schob er verärgert die Tasse weg und verschüttete dabei ein wenig Kaffee.

23...Tc2! wäre tatsächlich ein Killerzug gewesen, da 24.Dxc2 Dxf3+ 25.Kg1 Lh3 zu baldigem Matt führt.

Mikėnas erklärte sich Alekhines Nervosität so: “Vielleicht erkannte er, dass ich in ein für ihn ungünstiges Endspiel abwickeln konnte.“ Mikėnas spielte stattdessen 23…Lxe4, wonach Alekhine seine Erleichterung nicht für sich behalten konnte. Mit zitternder Hand zeigte er auf das Feld c2 und sagte zu Mikėnas, “Junger Mann, nach Tc2 wäre die Partie vorbei gewesen.” Trotz der verpassten Möglichkeit ließ Mikėnas jedoch nicht locker und gewann am Ende die Partie.

Einer von Mikėnas' Spitznamen lautete Micky Maus!

Baltische Verbindungen

Als Mikėnas 1929 in Estland eine Simultanvorstellung gab, verlor er überraschend gegen einen 13-jährigen Jungen, gegen den er anschließend noch ein paar weitere Partien spielte. Der Name des Jungen war Paul Keres, und dies sein erster Auftritt, der Aufsehen erregte. Einige Jahre später musste Mikėnas 1936 bei der inoffiziellen Schacholympiade in München erneut gegen Keres antreten. Vor der Partie kam der ungarische Meister Géza Maróczy ans Brett und sagte, “Ich habe gehört, Meister Keres, dass ihr heutiger Gegner ihnen einst Schachunterricht gegeben hat.“ „Ja, aber ich bin froh, dass ich nichts von ihm gelernt habe!“, antwortete Keres, und alle drei mussten lachen. Allerdings gewann Mikėnas die folgende Partie und fragte Keres hinterher ironisch, “Und, Paul, wie war der Unterricht?” “Ich hoffe, das war ihr erster und letzter Sieg gegen mich”, antwortete Keres.

Keres respektierte Mikėnas als Mensch und als Spieler und bat ihn 1955, sein Trainer zu werden. Während der Zeit, in der Mikėnas ihn trainierte, stellte Keres einen unerreichten Rekord von zweiten Plätzen bei Kandidatenturnieren auf (vier in Folge!) und erhielt den Spitznamen “Paul II”. Nach dem Kandidatenturnier 1959, das Tal vor Keres gewonnen hatte, sann Mikėnas in seinem Hotelzimmer dem Turnier nach, als plötzlich ein Kellner hereinkam und einige Desserts und teuren italienischen Vermouth servierte. Auf der beiliegenden Karte stand: „Für das schlechte Training mit Keres. Tal!“ Ein typischer Witz für den späteren Weltmeister.

Mikenas schlug Tal bei der 30.Meisterschaft der UdSSR 1962 in Yerevan - er gewann auch gegen den Sieger Korchnoi und wurde 10. von 20 Spielern | Foto: chess.lt

Noch im selben Jahr revanchierte sich Mikėnas in Tals Heimat Riga mit einer Gewinnpartie. Mikėnas tröstete Tal: “Mach dir keine Gedanken, Misha – diese Niederlage ist ein gutes Zeichen. Ich habe Alekhine, Botvinnik und Smyslov geschlagen, bevor sie Weltmeister wurden.” Prophetische Worte, denn Tal entriss Mikhail Botvinnik im Jahr danach die Schachkrone.

Mikėnas’ unsterbliche Partie

Mikėnas war ein Angriffspieler, der vor allem halbgeschlossene Eröffnungen wählte, da ihm diese mehr Möglichkeiten zum Manövrieren boten und taktische Schläge erleichterten. Mit diesem Stil erreichte Mikėnas bei der UdSSR-Meisterschaft 1944 einen ehrenvollen fünften Platz. Der Turniersieger, Botvinnik, der das positionelle Spiel der Taktik vorzog, verglich Mikėnas mit Johann Strauss, dem Komponisten „leichter Muse”.

Mikėnas spielte nur selten 1.e4, und das schlägt sich auch in seinen Beiträgen zur Eröffnungstheorie nieder. Er entwickelte die Mikenas-Carls-Variante (A18) der Englischen Eröffnung mit den Zügen 1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4. Außerdem gibt es die Mikenas-Variante im  Modernen Benoni (A66), die zu scharfem Angriff führt: 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 4.Sc3 exd5 5.cxd5 d6 6.e4 g6 7.f4 Lg7 8.e5.

Mikėnas’ Stil lässt sich am besten mit seiner unsterblichen Partie nachvollziehen, die er 1941 bei der Georgischen Meisterschaft gegen N. Lebedev spielte. Der Zug der Partie ist das paradoxe 20.f4!, da er ein scheinbar vernichtendes Schach zulässt, aber zu einem siegreichen Angriff führt.


Hier die gesamte Partie mit Mikėnas' eigenen Anmerkungen:

1. d4 ♘f6 2. c4 e6 3. ♘c3 d5 4. ♗g5 ♗e7 5. e3 h6 6. ♗h4 O-O 7. ♖c1 c6 8. ♗d3 ♘bd7 9. ♘f3 dxc4 10. ♗xc4 ♘d5 11. ♗g3 ♘xc3 12. bxc3 c5 13. O-O a6 14. ♗d3 ♘f6 15. ♘e5 ♗d6 Dieser Zug schwächt die schwarze Stellung noch mehr.

15... ♗d7 war notwendig.

16. ♗h4! ♗e7 17. ♗b1 ♕e8 Mein junger Gegner versucht das Feld g6 zu decken, damit er nach 18. Dc2 den Zug 18...g6 spielen kann.

18. dxc5! g5 Besser war

18... ♘d7 aber nach19. ♗xe7 ♕xe7 20. ♘xd7 ♗xd7 21. ♕d6 hätte Weiß einen Mehrbauern und die bessere Stellung.

19. ♗g3 ♗xc5 20. f4! Ich entdeckte diesen interessanten und scharfen Zug sofort, dachte vor der Ausführung aber lange nach. Schließlich garantieren 40 gute Züge nicht den Sieg, aber ein schlechter Zug ist oft entscheidend.

20... ♗xe3+ 21. ♔h1 ♗xc1 22. fxg5! Der gegnerische König ist weitere Opfer wert.

22... ♗xg5 23. ♖xf6! Der Turm kann nicht geschlagen werden, da das Matt nach 24.Dd3 nicht mehr zu verhindern ist.

23... ♔g7

23... ♕b5 wäre die richtige Verteidigung gewesen, um 24. ♕c2 mit (nach 24. ♘g4! hätte Weiß nach 24... ♗xf6 25. ♘xf6+ aber immer noch starken Angriff) 24... ♕xb1+ 25. ♕xb1 ♗xf6  zu beantworten.

24. ♕d3! h5 Er konnte den Turm nicht mit dem König schlagen, da 25. Sg4+ zum Matt geführt hätte. Nun ist der Turm angegriffen, aber ich hatte noch eine Überraschung parat...

25. h4! ♔xf6 26. ♘g4+! hxg4 27. ♗e5+! ♔xe5 28. ♕d4#

1-0

Eine litauische Gedenkmarke mit der Mikenas-Carls-Eröffnung im Hintergrund  | Bild: Wikipedia

Zum Schluss noch ein Zitat von Mikėnas:

Das Leben eines Schachspielers ist voller Freude und Sorgen, Hoffnungen und Enttäuschungen, doch niemand, der es mit voller Hingabe geführt hat, würde es gegen ein anderes eintauschen.  

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