Interviews 02.10.2019 | 06:16von Colin McGourty

Vitiugov: “Das KO-System ist tückisch"

Nikita Vitiugov besiegte in Khanty Mansiysk erst Sergey Karjakin und dann Wesley So, nur um dann in der Armageddon-Partie gegen Yu Yangyi den Kürzeren ziehen, wobei das Ende dieses Matchs wohl der Moment des FIDE World Cups 2019 sein wird, an dem man sich später am ehesten erinnern wird. Dass Nikita niedergeschlagen war, erschien offensichtlich, und in einem Interview mit Boris Khodorovsky für die Zeitung St. Petersburg Sport Weekend gab Nikita zu, dass er die Geschehnisse immer noch nicht überwunden hat. Er muss aber darüber hinweg kommen, denn er nimmt am Grand Swiss Turnier auf der Isle of Man teil - ein Turnier, bei dem er der gleichen Meinung wie Magnus Carlsen ist: Der Weltmeister und Fabiano Caruana sollten kein Recht haben, mitspielen zu dürfen.

Nikita Vitiugov gab ein langes Interview nach seiner Niederlage gegen Yu Yangyi | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Nikita gab auf Russisch Boris Khodorovsky vom Sport Weekend ein Interview, das wir ins Deutsche übersetzt haben:


Nikita Vitiugov: Es ist wirklich schade, meinen Auftritt beim World Cup in dieser Form zu beenden. Das KO-System ist tückisch - zwei Wochen lang spielt man gut, und dann endet alles innerhalb von einer Partie. Für jeden Schachspieler, der in einem so späten Stadium aus dem World Cup ausscheidet, ist das ein Schock, und wenn die Entscheidung dann auch noch im Armageddon fällt, dann ist es ein doppelter Schock.

Olimpiu G. Urcan: Die Schmerzen nach dem Armageddon. Du magst beim Schach auf höchstem Level ein paar Kalorien verbrennen, aber womöglich verbrennst du dir auch deine Seele

Boris Khodorovsky: Wer wählte die Farbe für die entscheidende Partie?

Mein Gegner. Er gewann den Münzwurf und wählte die weißen Steine.

Wann hast du während des Turniers in Khanty-Mansiysk Müdigkeit verspürt?

Bereits in den frühen Runden. Vergleicht man das KO-System mit dem normalen Schweizer System oder Rundenturnieren, dann spielt du praktisch nur entscheidende Partien. Das ist ein großer Test für dein Nervenkostüm. Man sagt ja, dass das im Tennis absolut normal ist, aber für Schachspieler ist dieses Format ungewöhnlich. Es wird eigentlich nur im World Cup praktiziert, einmal in zwei Jahren.

Ivan Ljubicic: Willkommen zu dem Gefühl, dass Tennisspieler jede Woche haben. Nur einer geht nicht als Verlierer nach Hause. 

Nikita Vitiugov: Der Unterschied ist, dass es im Tennis nur dieses eine System gibt, aber im Schach spielen wir das vielleicht wichtigste Turnier für die meisten Spieler alle zwei Jahre ein Mal. Und nur der World Cup wird nach diesen Regeln gespielt. Von daher ist es eher wie Olympia für die Tennisspieler, denke ich.

War die Finalpaarung eine Überraschung für dich?

Von Beginn an hatte ich Ding Liren als Favorit auf der Rechnung. Bereits in den ersten Runden bekam man das Gefühl, dass er ein Schachspieler aus einer anderen Liga ist - vielleicht hat der Sieg des Chinesen gegen Magnus Carlsen beim kürzlich gespielten Turnier in St. Louis noch seinen Einfluss auf diesen Eindruck. Radjabov meinte in einem Interview, dass er nicht davon ausging, ins Finale zu kommen. Aber es gab wohl keinen Spieler in Khanty-Mansiysk, der das im Vorhinein des Turniers von sich sagen konnte.

Gibt es irgendwelche Geheimnisse, um sich auf ein KO-Turnier vorzubereiten?

Es ist klar, dass viel von deinen Energiereserven und vor allem von der nervösen Energie bestimmt wird, aber das Problem ist, dass niemand weiß, wie man diese Energie kreiert. Analog zu den Europaligen im Fußball könnte man sagen: Die führenden Vereine bereiten sich mental schon auf die späteren Runden vor, aber sie scheitern vielleicht in der Gruppenphase. So ist es auch beim World Cup. Wenn man sich auf das Viertel- und Halbfinale vorbereitet, kommt man vielleicht einfach nicht weit, obwohl es immer sehr starke Spieler sind, die die letzten Runden erreichen. Das Problem ist, dass es im Moment eine große Anzahl sehr starker Schachspieler auf der Welt gibt.


Hätte man dir vor dem Turnier gesagt, dass du bis ins Viertelfinale vordringst, hättest du das dann als Erfolg gewertet?

Schon vor zehn Jahren überstand ich drei Runden des World Cups und die stärkeren Spieler, auf die ich laut dem Paarungsbaum hätte treffen sollen, waren bereits ausgeschieden. Dieses Mal erreichte ich nicht nur Runde 4, sondern besiegte auch zwei Topspieler und das Match mit Yu Yangyi, einem weiteren Topspieler, war ausgeglichen. Eine sehr gute Leistung, aber den Schock der Armageddon-Partie habe ich immer noch nicht verarbeitet. Ich muss das aber tun, denn drei wichtige Turniere stehen für mich an: Das Grand Swiss auf der Isle auf Man, die Europamannschaftsmeisterschaft in Batumi und der für mich letzte Grand Prix in diesem Zyklus in Hamburg.

In den letzten Jahren gab es starke Turniere auf der Isle of Man. Was ist daran so besonders?

Man nennt es das stärkste Schweizer System Turnier in der Geschichte des Schachs, auch wenn einige sehr starke Großmeister sich entschlossen haben, nicht daran teilzunehmen. Dieses Jahr gab es ohne Zweifel viel mehr starke und prestigeträchtige Turniere als in der Geschichte des modernen Schachs. Es ist unmöglich, so viele Turniere am Stück zu spielen! Ich bin mir sicher, dass die Organisation auf der Isle of Man großartig sein wird und selbst vor dem Hintergrund der Rückzieher mancher Spieler wird es ein bärenstarkes Schweizer System Turnier sein.



iomchess: Zwei Spieler nehmen noch doch nicht am Grand Swiss Turnier der FIDE teil: Anish Giri und Leinier Dominguez haben sich abgemeldet

Ein Grund für die Absage Giris mag darin liegen, dass es ihm hilft, sich über das Elo-Rating für das Kandidatenturnier zu qualifizieren (der Tweet, der hier vorher stand, wurde gelöscht) - auch wenn das noch kontrovers diskutiert werden mag:

Peter Heine Nielsen: Ich preise dich dafür, dass du rational handelst. Die beste Strategie, um vom Grand Swiss und dem World Cup zurückzutreten besteht darin, zwei schnelle Remis zu machen und im Schnellschach so schnell wie möglich rauszufliegen. Die Regeln sollten Spieler niemals zu solchem Verhalten zwingen, aber derzeit tun sie das.

MVL: Ich stimme dir fast zu, aber die FIDE-Regeln für das Grand Swiss verbieten es den Teilnehmern eigentlich, ohne triftigen Grund nicht teilzunehmen, wenn sie ihre Teilnahme bereits zugesagt haben. Ansonsten hätte ich mich im Juli für das Turnier angemeldet, hätte ich gewusst, dass ich mich einfach später hätte abmelden können.


Ist ein Platz im Kandidantenturnier ein großer Anreiz?

Wie beim World Cup ist es unmöglich, den Sieger des Grand Swiss vorherzusagen. Ein Platz im Kandidatenturnier ist natürlich ein großer Anreiz, keine Frage, er ist eine ernsthafte Motivation, auch wenn es nicht absolut klar ist (und dabei geht es darum, dass das Folgende aus sportlicher Sicht falsch ist), warum Weltmeister Magnus Carlsen und der bereits für das Kandidatenturnier qualifizierte Fabiano Caruana mitspielen dürfen. Sie brauchen so oder so kein Ticket für Jekaterinenburg, aber sie können das Turnier ernsthaft beeinflussen.

In Jekaterinburg wird ein Platz von den Organisatoren vergeben und die Spatzen pfeifen den Namen Sergey Karjakin von den Dächern...

Soweit ich weiß, hat die FIDE strenge Kriterien für die Vergabe der Wildcard. Die Organisatoren können einen Spieler einladen, der beim World Cup Dritter oder Zweiter auf der Isle of Man wird. Ein Kandidat kann auch ein Spieler sein, der im Laufe des Jahres konstant unter den Top 10 der Welt war. Zum jetzigen Zeitpunkt erfüllt Karjakin keine dieser Anforderungen. Bei den russischen Spielern ist es wahrscheinlicher, dass Ian Nepomniachtchi oder Alexander Grischuk nominiert werden, aber ich hoffe, dass sie sich aus eigener Kraft für das Turnier qualifizieren werden.

Sergey Karjakin fand keinen Weg zurück nach seiner Auftaktniederlage gegen Nikita | Foto: Kirill Merkuryev, Turnierseite

Wie reagieren die Menschen innerhalb der Schachwelt darauf, dass für Sergey Karjakin so unverhohlen von den russischen Medien Werbung gemacht wird?

In den letzten Jahren schaffte es von den russischen Spielern nur Sergey, ein WM-Match zu spielen. Die Werbung für ihn ist größtenteils auf alle gängigen PR-Regeln zurückzuführen. Schachspieler bewerten den Schachspieler Karjakin als sehr positiv. Was das etwas aufdringliche Bild angeht - das kann jeder für sich selbst entscheiden.  

Wie siehst du die Chancen des russischen Teams bei den Europäischen Mannschaftsmeisterschaften in Batumi?

Es ist jedes Mal eine große Verantwortung und besondere Motivation, für das Team spielen zu dürfen. Dieses Mal haben wir in Batumi ein sehr junges Team - ich bin mit meinen 32 Jahren der älteste und erfahrenste Spieler.

1. Russland (Elo-Schnitt: 2734 | Mannschaftsführer: Alexander Motylev)
BoardNameRtgFED
1GMVladislav Artemiev2746
2GMDmitry Andreikin2741
3GMNikita Vitiugov2732
4GMMaxim Matlakov2716
5GMDaniil Dubov2699

Wie das Turnier verlaufen wird, ist schwer vorherzusagen, obwohl alle Mannschaften durch Spieler vertreten sein werden, die wie wir den World Cup und die Isle of Man Grand Swiss in den Knochen haben. Das moderne Schach ist sehr intensiv geworden. Zu seiner Zeit behauptete Mikhail Botvinnik, dass man nicht mehr als 50 Partien pro Jahr spielen sollte. Jetzt können Sie diese Marke in wenigen Monaten reißen


Eine neue Frisur für Nikita!

Nikita Vitiugov: In den letzten Tagen bekam ich einige unerwartete Nachrichten, warme Worte der Unterstützung und liebe Wünsche. Vielen Dank dafür! Das bedeutet mir viel und es geht mir gut. Naja, fast...

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