Berichte 15.11.2018 | 21:38von Colin McGourty

Vishy! MVL! Abdumalik!

Bei Tata Steel Chess India gewann Vishy Anand keine einzige Schnellschach-Partie, danach begann sein Blitzturnier mit zwei Remisen und einer Niederlage. Seine indischen Fans in Kolkata hatten die Hoffnung vielleicht bereits aufgegeben, aber dann gewann er plötzlich die nächsten drei Partien. Vor allem durch einen sehr starken zweiten Tag qualifizierte er sich für einen Stichkampf gegen Hikaru Nakamura, siegte und gewann damit das Blitzturnier! Derweil ruinierte Anish Giri im chinesischen Shenzhen ein perfektes Turnier mit zuvor neun Remisen durch einen Sieg in der letzten Runde gegen Radek Wojtaszek, nach Tiebreak hatte allerdings Maxime Vachier-Lagrave die Nase vorne. In Khanty-Mansiysk erreichten vier der Favoritinnen das Halbfinale der Damen-WM. Die 18-jährige Zhansaya Abdumalik verpasste dieses nur knapp und zeigte dabei großen Kampfgeist.

Spitzenschach nicht nur bei Carlsen-Caruana! | Fotos: Lennart Ootes/Tata Steel India, qipai.org.cn, ugra2018.fide.com

1. Vishy gewinnt zu Hause

Garry Kasparov sagte einmal, dass die Schachwelt “ein besserer Platz ist, wenn Aronian gut spielt”. Das gilt auch für Vishy Anands gutes Spiel im eigenen Land! Das gestern beendete Tata Steel Chess India Turnier war eine gut organisierte Feier von Schach in einem Land, das seit Jahrzehnten keine vergleichbar starken Turniere hatte. Indien entwickelte sich zur Supermacht im Schach - dank Vishy Anand, der ganz alleine tausende junge Spieler inspirierte. Aber zunächst hielt der fünfmalige Weltmeister sich zurück. Im Schnellschach remisierte er acht Partien und verlor in der letzten Runde. Nach zwei Remisen im Blitzturnier gab er zu, dass seine Partie gegen Sergey Karjakin voller Fehler war - am Ende überschritt er in Remisstellung die Bedenkzeit. Alle Hoffnung schien dahin.

Nakamura gewann im Schnellschach, aber Anand gewann das Blitzturnier nach Stichkampf | Foto: Lennart Ootes/Tata Steel India

Derweil marschierte Schnellschach-Sieger Hikaru Nakamura und begann sein Blitzturnier mit 4.5/5. Nach der dritten Runde wachte Vishy auf und gewan die nächsten drei Partien, auch wenn eine Niederlage zum Schluss gegen Levon Aronian seinen ersten Tag etwas ruinierte. Tags darauf erzielte Vishy allerdings beeindruckende 7.5/9 (6 Siege, 3 Remisen), und das reichte für einen Stichkampf.


Vishy war doppelt überrascht: zum einen dachte er, dass Nakamura in der letzten Partie gegen den 13-jährigen Praggnanandhaa für den alleinigen Turniersieg nur ein Remis brauchte. Die andere Überraschung war, dass Hikaru eine Gewinnstellung nicht gewinnen konnte:


Der Gewinnplan ist offenbar Kd4 und Sg3 (Reihenfolge egal) und dann (mit schwarzem König auf h6) ein Springeropfer auf f5 nebst Königswanderung zum Bauern auf a6. Zwei weisse Freibauern auf der a- und e-Linie wären dann zuviel für Schwarz. 

Hikaru opferte stattdessen mit 64.Sd4 Kf7 65.Sxb5, aber diese Version war aufgrund eines hübschen Patt-Tricks nur Remis.

‌Nach einem hübschen Patt-Ende von Praggnanandhaa muss Nakamura Platz eins mit Anand teilen!

Das war Praggnanandhaas zweites Remis aus Verluststellung gegen Nakamura, dagegen verlor er beide Partien gegen Vishy und leistete seinem Landsmann so Schützenhilfe!

Damit war dies der Endstand:


Ein Stichkampf folgte, zwei Blitzpartien mit statt zuvor 5 Minuten 3 Minuten Bedenkzeit (immer noch 3 Sekunden Inkrement). Danach käme Armageddon, aber dazu kam es nicht. Vishy gab später zu, dass er in der ersten Partie vor allem versuchte, gegnerische Tricks zu vermeiden. Aber plötzlich gewann er:


Solange der weisse König die a-Linie nicht verlassen kann, kann Weiß den a-Freibauern nicht umwandeln. Aber nach Nakamuras 47…Ta3? konnte Vishy seinen König aktivieren (48.Kb7!), Schwarz konnte den a-Bauern nun nicht mehr aufhalten und gab weniger als 10 Züge danach auf.

In der zweiten Partie brauchte Vishy nur ein Remis, und er bekam es - am Ende mit einer hübschen Wendung:


Schwarz kann mit fast allen Zügen Remis halten, aber 68…Te4! war elegant, die Pointe ist 69.Txe4 Ld5. Die Partie und das Turnier war 3 Züge später vorbei:

‌Gratulation an Vishy Anand zum Sieg beim Tata Steel Chess India Blitzturnier, nach Sieg im Stichkampf gegen Hikaru Nakamura!

Vishy war natürlich mit diesem Ende des Turniers hocherfreut!

‌Danke Kolkata. Danke Tata Steel Chess India. Es war eine wunderbare Woche. Fantastischer Auftritt von Hikaru in beiden Turnieren. Meine indischen thambis (kleine Brüder) machten ihre Sache hervorragend, vor allem Harikrishna. Die kleinsten Nihal Sarin und Praggnanandhaa kämpften tapfer. Sehr gut für das indische Schach!

Und alles Lob war absolut verdient:

‌Svidler: "Ich gratulierte Vishy... schön zu sehen, dass es immer noch Hoffnung gibt für die 'ältere' Generation!"

Wie Vishy sagte, er ist im indischen Schach nicht mehr alleine!

Es war ein Vergnügen, beim sehr starken Tata Steel Chess India mitzuspielen. Ich hatte einige gute Siege und schmerzhafte Niederlagen. Aber insgesamt eine sehr lehrreiche Erfahrung. Besonderen Dank an die Einwohner von Kolkata für die großartige Unterstützung!

‌Total glücklich mit Platz 2 beim Tata Steel Chess India Schnellturnier. Ich habe in Kolkata genossen. Leider spielte ich am zweiten Tag des Blitzturniers schlecht. Was für eine inspirierende Leistung von Vishy am letzten Tag zum Sieg im Blitzturnier. Hoffentlich gibt es mehr Superturniere in Indien.

2. MVL gewinnt in Shenzhen

Seit unserem letzten Bericht über das Shenzhen Masters erfüllte eine Runde die Erwartungen: alle drei Partien endeten Remis. In der letzten Runde gab es zwei Remisen, aber Anish Giri besiegte Radek Wojtaszek - nur die 6. Entscheidung in 30 Partien. In gewisser Hinsicht war es keine Überraschung, da Radek seine auf der Isle of Man gezeigte Form nicht konservieren konnte und in China seine drei letzten Schwarzpartien verlor. Andererseits war Anish nahe an 10 Remisen in 10 Partien!

Anish Giri ruiniert sein Turnier ganz zum Schluss!

12.000$ für Giri und 10.000$ für Ding Liren, aber MVL bekam für seinen Sieg gegen Ding Liren einen fetten Bonus! | Foto: qipai.org.cn 

Bei seinem Banter Blitz am Ruhetag der WM, sorgte Peter Svidler dafür, dass alle Mitglieder des chess24 Teams Witze über Anish machen, bevor dieser zusammen mit ihnen die letzten vier Partien des Matches und einen möglichen Stichkampf kommentiert

‌Svidler: "Sobald er auftaucht, werde ich Anish Giri sehr, sehr ernsthaft zu seinem unterirdischen Resultat heute befragen. Was zum Teufel war das? Ich meine, komm schon, was hast Du da gemacht?"

Ich beisse mir auf die Zunge, aber da ich 'das Büro mit dem Typ teilen werde' verzichtete ich auf eine freche Antwort auf berechtigte Kritik.

Drei Spieler teilten den ersten Platz:

Ein weiterer Sieg in einem Superturnier für Maxime Vachier-Lagrave | Foto: qipai.org.cn

Aber Maxime Vachier-Lagrave bekam die sehr ordentlichen 20.000$ aufgrund von Tiebreaks, entweder Sonneborn-Berger oder Sieg im "Mini-Turnier" der drei Spieler mit 5.5/10. Egal was entscheidend war, er hat es wohl verdient, da er Ding Lirens Serie von 100 Partien ohne Niederlage beendete. Ding Liren wurde so Dritter, seine neue Serie besteht derzeit aus 3 Partien!

3. Viertelfinale der Damen-WM

Das andere grosse Schachturnier ist die Damen-WM in Khanty-Mansiysk, die nun die entscheidende Phase erreicht hat. Wiederum sehen wir in einem grossen KO-Turnier, dass Ergebnisse bei weitem nicht so zufällig sind wie Kritiker oft behaupten. Nur Spielerinnen mit Elo über 2500 stehen im Halbfinale.


Die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun kam bisher ohne Stichkämpfe aus. Mit einem Sieg in der zweiten Partie mit klassischer Bedenkzeit beendete sie den Höhneflug der 19-jährigen Gulrukhbegim Tokhirjonova. Kateryna Lagno hatte sich derweil als erste qualifiziert, durch ein 2-0 gegen die 21-jährige Chinesin Lei Tingjie. In den beiden anderen Matches fiel die Entscheidung in Stichkämpfen, die einzige "formale" Überraschung war der Sieg von Alexandra Kosteniuk (Elo 2543) gegen Anna Muzychuk (2564).

Nach zwei Remisen mit klassischer Bedenkzeit gewann Alexandra die erste Schnellpartie (25+10) mit Weiß, aber danach schien Anna nahe am Ausgleich: sie spielte 1.f4 und erhielt eine überragende Stellung. Dann fand sie allerdings nicht den Gnadenstoss, und am Ende wurde es selbst ein Plusremis für Kosteniuk, die dadurch das Halbfinale erreichte.

‌Manchmal sieht Freude so aus. Kosteniuk erreicht das Halbfinale der Damen-WM und qualifiziert sich für das Damen-Kandidatinnenturnier des WM-Zyklus 2019-2020.

Das bei weitem aufregendste Match war allerdings das der 18-jährigen Kasachin Zhansaya Abdumalik gegen Mariya Muzychuk:


8 Entscheidungen in 8 Partien war durchaus möglich, da Mariya in der letzten Partie in Gewinnstellung Remis forcierte. Der bei weitem dramatischste Moment war jedoch in der fünften Partie, in der Abdumalik sich mit Turm gegen Turm und Springer verteidigen musste. Nach 135 Zügen war etwas schief gelaufen und Weiß stand auf Gewinn, aber Zhansaya konnte 135…Tf1 spielen und dann nach jedem weissen Zug Remis aufgrund der 50-Züge Regel reklamieren (50 Züge ohne Abtäusche oder Bauernzüge):

‌Ein verblüffender Moment, da Zhansaya Abdumalik Remis aufgrund der 50-Züge Regel reklamieren konnte. Stattdessen gab sie auf, da Matt unvermeidlich war!

Einen Versuch war es auch dann wert, wenn Zhansaya keine Ahnung hatte, wieviele Züge gespielt waren (im Blitz sicher der Fall), da es allenfalls etwas peinlich wäre. Sie zeigte Kampfgeist und gewann die nächste Partie, aber am Ende sollte es nicht sein.

Mariya Muzychuk konnte Zhansaya Abdumalik endlich überwinden | Foto: ugra2018.fide.com

Damit ist das Feld im Halbfinale hochkarätig: die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun, mit Alexandra Kosteniuk und Mariya Muzychuk zwei Ex-Weltmeisterinnen sowie die Nummer 4 der Weltrangliste und Nummer 1 in Russland Kateryna Lagno!


Alle vier Spielerinnen haben sich bereits für das nächste Kandidatinnenturnier qualifiziert. Wie Du siehst, steht Ju Wenjun nach einem Schwarzsieg in 77 Zügen in der ersten Halbfinal-Partie bereits mit einem Bein im Finale. Auch im Halbfinale werden nur zwei Partien mit klassischer Bedenkzeit gespielt. Nur das Finale, in dem die neue (oder neue und alte) Weltmeisterin ermittelt wird, geht zunächst über vier Partien.

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