Berichte 06.10.2018 | 22:40von Colin McGourty

Viermal olympisches Gold für China: 17 Schlussfolgerungen

Die chinesischen Teams gewannen bei der Olympiade Gold im offenen und im Damenturnier, außerdem bekamen Ding Liren und Ju Wenjun individuelle Goldmedaillen für die besten Ergebnisse an Brett 1. Beide Mannschaftsturniere wurden im Tiebreak entschieden. Im offenen Turnier war China punktgleich mit den USA (Silber) und Russland (Bronze), während Polen viel Pech hatte und nur Platz vier belegte.  Im Damenturnier bedeuteten unglaublich dramatische Partien in der letzten Runde letztendlich Silber für die Ukraine, Bronze für Georgien und nur Platz vier für Russland. Einige Schlussfolgerungen zu den Turnieren:

Zweimal Gold für China - im offenen und im Damenturnier! | Foto: Turnierseite

1. China gewann alles

China ist seit der Sowjetunion vor 32 Jahren in Dubai das erste Team, das bei der Olympiade in beiden Turnieren - offenes Turnier und Damen - Gold gewann. Natürlich erhielten sie damit auch den Nona Gaprindashvili Cup in der kombinierten Wertung. Außerdem bekamen Ding Liren (5.5/8, TPR 2873 ) und Ju Wenjun (7/9, 2661) individuell Gold an Brett 1.

China knüpfte damit an andere Erfolge in Mannschaftswettbewerben an: die Damen waren nach ihrem Sieg in Baku 2016 Titelverteidiger bei der Olympiade, die Herren enttäuschten in Baku aber siegten 2015 und 2017 bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft.

2. Es war keinesfalls einfach

Keiner der beiden Siege war glatt und ungefährdet. Die Herren verloren in Runde 5 sensationell 1-3 gegen die Tschechische Republik, spielten 2-2 gegen die Ukraine und gewannen drei andere Matches nur knapp 2,5-1,5. Im direkten Duell China-USA hätte jedes der beiden Teams sich mit einem Sieg Gold sichern können. Aber angesichts des hohen Preises einer Niederlage war es nicht überraschend, dass die Spieler - jedenfalls an drei Brettern - betont solide agierten. Bemerkenswert dabei, dass die Eröffnung an zwei Brettern identisch war!

Nakamura-Bu Xiangzhi war die einzige Partie, die eventuell Sieger und Verlierer haben konnte. Bu Xiangzhi gewann die Bronzemedaille an Brett 4, aber sein Beitrag zum Teamerfolg war noch wichtiger - drei seiner Siege in Matches, in denen die drei anderen Partien remis endeten. Hikaru Nakamura hatte dabei die für ihn ungewöhnliche Rolle des Schwachpunkts im Team. In der ersten Runde gewann er gegen Elo 2391, danach sechs Remisen in Serie. Diese schadeten seinem Team kaum, aber danach war seine Niederlage gegen den Polen Kacper Piorun matchentscheidend zu Ungunsten der USA. Am Ende verlor Nakamura in Batumi 17,3 Elopunkte, stürzte ab auf Platz 17 der Live-Weltrangliste und hat nun "nur noch" Elo 2745.7.

Melikset Khachiyan, Kapitän des US-Damenteams, muntert Hikaru Nakamura vor dem Match gegen China auf | Foto: Alina l'Ami, Turnierseite

Hikaru pausierte in Runde 10, aber konnte sich in der letzten Runde potentiell rehabilitieren. Früh in der Partie opferte Bu Xiangzhi einen Bauern, Nakamura konnte dieses Opfer annehmen mit einem offenen Kampf. Stattdessen lehnte er ab und landete in einer unangenehmen Stellung. Anish Giri, zu diesem Zeitpunkt zu Gast beim Livekommentar, hatte diesen Dialog mit seiner Frau Sopiko Guramishvili:


Giri: An Hikarus Stelle hätte ich diese Variante nicht gewählt - sehr zweischneidig und so viel Druck lastet nun auf ihm

Sopiko: Er kann der Held sein!

Giri: Man ist lieber der Held in einem risikofreien Endspiel als in einer scharfen Stellung - er kann auch nicht der Held sein!

Am Ende hat allerdings keiner der beiden Spieler viel riskiert, das daraus resultierende Mannschaftsremis bedeutete, dass die Kapitäne begannen zu rechnen.

3. Niemand dominierte…

Die chinesischen Teams wurden von Ding Liren und Ju Wenjun angeführt, die beide an Brett 1 individuell Gold gewannen. Aber beide Teams hatten an den anderen Brettern ihren Schwachpunkt. | Foto: David Llada, Turnierseite

In 2016 waren die USA und die Ukraine fast perfekt, beide gaben in 11 Runden nur 2 Mannschaftspunkte ab – die USA durch zwei Mannschaftsremisen, die Ukraine gewann 10 Matches aber verlor das direkte Duell gegen die USA. Diesmal gaben die drei Teams, die am Ende punktgleich vorne lagen, 4 Mannschaftspunkte ab, jedes Team hatte seinen Schwachpunkt. Nakamura (TPR 2602) haben wir bereits erwähnt, bei China war es Wei Yi. Wir schrieben vor dem Turnier:

Die Nummer 3 der Setzliste China bietet die Nummer 4 der Welt Ding Liren am Spitzenbrett auf, und hat exzellente Chancen auf Gold, wenn er seine ungeschlagene Serie fortsetzen kann. Yu Yangyi ist ebenfalls in Topform, aber viel wird davon abhängen, wie Wei Yi sich präsentiert.

Ding Liren ist tatsächlich seit nun 87 Partien mit klassischer Bedenkzeit ungeschlagen, aber nach einem guten Start erlitt Wei Yi vernichtende Niederlagen gegen Jorge Cori und Jiri Stocek und wurde daraufhin in den sechs verbleibenden Runden nur noch zweimal eingesetzt. Seine Turnierleistung: 2578.

Für das an zwei gesetzte Russland verlor Dmitry Jakovenko zwei seiner fünf Partien (TPR 2413). Nikita Vitiugov blieb zwar ungeschlagen, aber seine Turnierleistung (2645) war ebenfalls mässig.

Ähnlich lief es im Damenturnier. Obwohl Hou Yifan und Tan Zhongyi fehlten, gewann China Gold. Dabei verlor Shen Yang, eine der Ersatzspielreinnen, drei Partien was jeweils Mannschaftspunkte kostete. Auch hier war es nicht fatal, da die anderen Teams ebenfalls Probleme hatten. Für die Ukraine verlor Anna Ushenina drei Partien, für Russland verlor Natalia Pogonina (TPR 2222) zwei wichtige Partien.

4. …außer Polen, das eine Medaille verdient hatte

Polen hatte dagegen ein glänzendes Turnier, am Ende war Platz 4 das beste Ergebnis bei einer Olympiade seit Silber in 1939. Sie hatten dabei mehr verdient, da sie die USA (Silber) und Russland (Bronze) besiegten und womöglich die stärksten Gegner jemals bei einer Olympiade hatten. In den letzten acht Runden spielten sie gegen die ersten acht der Setzliste!

‌Wie schade. Alle Spieler überragten individuell.

Duda traf bei der Olympiade auf alle 2800+ Spieler

Es gab keinen Schwachpunkt im Team. Jan-Krzysztof Duda (der im Turnier gegen alle drei 2800+ Spieler spielte) und Radek Wojtaszek hielten an den beiden vorderen Brettern stand, die drei anderen Spieler überragten. Jacek Tomczak (TPR 2808) gewann Silber an Brett 4, Kacper Piorun (TPR 2765) Bronze an Brett 3, Kamil Draguns TPR 2687 an Brett 5 war mehr als 100 Punkte besser als seine aktuelle Elozahl.

‌Sehr traurig damit, wie es endete, wir gaben unser Bestes aber diesmal war es einfach nicht genug. Sicher können (und werden!) wir es in der Zukunft besser machen! Vielen Dank (an Teamkollegen und andere) für die grossartige Atmosphäre.

Auch vielen Dank für die Unterstützung. Hoffentlich hat es Spass gemacht, unsere Partien zu verfolgen!

Am Ende kostete die 3-1 Niederlage gegen China in der vorletzten Runde Polen eine Medaille, wobei tags darauf noch alles möglich war. Sie spielten Remis gegen Indien, das hätte eine Medaille bedeutet wenn das Match am Spitzentisch einen Sieger gehabt hätte. Bei einem Sieg gegen Indien hätte Polen bessere Tiebreaks als China, Russland und die USA und absolut verdient Gold gewonnen. Es kam aber anders!

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4 
13ChinaCHN1182118372,528,5149
21United States of AmericaUSA1182118360,529,0147
32RussiaRUS1182118354,529,0144
411PolandPOL1173117390,028,0158
59EnglandENG1181217340,027,5142
65IndiaIND1172216388,029,0156
727VietnamVIE1164116379,530,5138
88ArmeniaARM1172216371,027,5152
97FranceFRA1172216366,028,5153
106UkraineUKR1172216337,026,0152
1132SwedenSWE1180316333,029,0135
1215Czech RepublicCZE1172216331,527,5143
1316GermanyGER1156016317,527,0139
1435AustriaAUT1180316300,527,0133
154AzerbaijanAZE1171315402,529,5159
1636UzbekistanUZB1163215341,030,5135
1723IranIRI1171315337,028,5138
1812HungaryHUN1171315321,026,5139
1940EgyptEGY1163215298,526,0135
2025GreeceGRE1171315295,026,5134
2137KazakhstanKAZ1171315289,026,0137
2246MongoliaMGL1163215279,027,0126
2328CanadaCAN1163215277,025,0133
2450LithuaniaLTU1163215272,523,5136

5. Ein Fluch lastet auf den russischen Damenteams…

2016 belegte Russland vor der letzten Runde Platz 2 und wusste, dass sie mit einem Sieg gegen China Gold gewinnen würden. Etwa bei Halbzeit im Match schien genau dies zu passieren, aber dann ging alles schief: Russland verlor und wurde nur Vierter. Zwei Jahre darauf bis auf einige Details dasselbe Szenario. Diesmal belegte Russland vor der Runde Platz 5, aber wäre nach einem Sieg im direkten Duell gleichauf mit China und würde eine Medaille gewinnen. Stattdessen wurden sie nach einem nervenaufreibenden Match erneut Vierte.

Der neugewählte FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich macht den ersten Zug für Russland | Foto: David Llada, Turnierseite

Zuerst lief es für Russland wunderbar, Aleksandra Goryachkina hatte das reine Vergnügen einer Glanzpartie in einem extrem wichtigen Mannschaftskampf:


33…Sxc5! 34.dxc5 (natürlich 34.Sxc5 Db1#) 34…Le5! 35.La6 (wieder 35.Dxe5 Dxb3+ 36.Kc1 Db1#) 35…Dxa6 36.Dxe5 Dd3+ und Shen Yang musste wenig später aufgeben.

Gunina-Huang Qian wurde remis, Kosteniuk-Ju Wenjun am Spitzenbrett war unklar aber scheinbar irrelevant, da Olga Girya (mit 7.5/9 individuell Silber an Brett 5) gegen Lei Tingjie (8.5/11 und Silber an Brett 4) total auf Gewinn stand. Schwarz hatte zwei verbundene freie Mehrbauern, das Computer-Urteil erreichte -10, aber plötzlich verdunstete der ganze Vorteil:


Wenn Weiß automatisch wieder auf f6 schlägt gewinnt Schwarz immer noch, aber 54.Tf5! rettete den Tag. Schwarz kann Dauerschach nicht verhindern, nach 54…Db6 55.Dc4+ Kb7 56.Txf6 a2 57.Tf7+ war es offensichtlich. Nach dem Remis in dieser Partie war matchentscheidend, ob Alexandra Kosteniuk eine leicht schlechtere Stellung gegen Ju Wenjun halten konnte. Der plötzliche und immense Druck war für alle spürbar.

Alexandra Kosteniuk probiert, ruhig zu bleiben - russische Medaillenhoffnungen ruhen auf ihren Schultern | Foto: David Llada, Turnierseite

Für Russland ging es schrittweise bergab. Erst gewann Schwarz einen Bauern, wobei die Stellung danach immer noch objektiv remis war. Dann erlaubte Alexandra mit 72.Qb8?! unnötigerweise den Vormarsch des schwarzen Bauern (fast jeder Zug, der die Blockade auf d5 aufrecht erhält, war gut genug):


72...d5! 73.Kg2 d4 74.Sc2 d3 75.Se3 d2 folgte schnell. 8 Züge später wurde die Partie unterbrochen, da Kosteniuk Remis durch dreimalige Stellungswiederholung reklamierte. Der Wunsch, absolut jede Remischance zu nutzen, war völlig nachvollziehbar, aber der Moment war merkwürdig. Der schwarze König stand auf einem Feld, das er seit dem Vormarsch des d-Bauern nie eingenommen hatte, scheinbar konnte die Reklamation sofort abgelehnt werden (zuvor wurde die Stellung zweimal, aber nicht dreimal wiederholt). Stattdessen versuchten die Schiedsrichter, die Lage am Nachbarbrett zu erfassen, während die Spielerinnen regelwidrig bei nicht laufender Uhr nachdenken konnten. Dann beschlossen die Schiedsrichter, dass die Spielerinnen helfen müssen…

‌Aus der Reklamation Remis durch dreifache Stellungswiederholung bei Kosteniuk-Ju Wenjun wird eine Farce...die Schiedsrichter versuchten es zunächst selbst, und nun gehen die Spielerinnen durch die Züge!

Nachdem die Reklamation endlich abgelehnt wurde, bekam Ju Wenjun zwei zusätzliche Minuten auf ihrer Uhr, aber zu diesem Zeitpunkt flatterten offenbar Kosteniuks Nerven. Statt passiver Verteidigung versuchte sie, durch einen Angriff auf den schwarzen König Remis zu erzwingen. Aber dieser Schuss ging völlig nach hinten los, nach 95 Zügen gab sie mit einer Figur weniger auf.

‌Eine herzzerreissende Niederlage für Alexandra Kosteniuk bedeutet keine Medaille für Russland - offenbar doppeltes Gold für China, und [bei den Damen] nur Silber für Ukraine!

Das war die letzte noch laufende Partie im gesamten Damenturnier! 

6. …und verhindert Gold für die Ukraine

Russlands Versagen bedeutet eine Stufe tiefer auf dem Podium für die Ukraine | Foto: Goga Chanadiri, Turnierseite

Bei einem Sieg von Russland im Match gegen China hätte die Ukraine einen Mannschaftspunkt mehr als China und die insgesamt verdiente Goldmedaille. Ukraine hatte gegen seine direkten Konkurrenten unnötigerweise Mannschaftspunkte verloren, Anna Ushenina verlor eine todremise Stellung gegen China und Natalia Zhukova eine Gewinnstellung gegen Georgien. Am Ende waren sie mit China punktgleich, aber mussten sich mit Silber begnügen. Das Wunder (aus chinesischer Sicht) gegen Russland bedeutete auch, dass statt Russland Gastgeber Georgien Bronze gewann:

Rk.SNo TeamTeamGames  +   =   -  TB1  TB2  TB3  TB4 
13ChinaCHN1174018407,030,5153
22UkraineUKR1174018395,530,0154
34Georgia 1GEO11173117375,028,0153
41RussiaRUS1172216379,530,5146
513HungaryHUN1172216372,029,5141
612ArmeniaARM1172216366,027,0155
710United States of AmericaUSA1172216359,527,5152
85IndiaIND1164116352,529,5142
914Georgia 2GEO21172216351,528,5142
1011AzerbaijanAZE1164116347,528,5145
118KazakhstanKAZ1164116346,528,5144
126FranceFRA1172216315,529,0130
1315SpainESP1163215343,527,5133
1428IranIRI1171315340,028,0145
1519VietnamVIE1163215338,530,5136
167PolandPOL1163215324,529,0134
1731UzbekistanUZB1163215316,526,5144
1836BelarusBLR1171315308,028,5128
1929SlovakiaSVK1171315283,028,0121

7. Das Tiebreak-System ist immer noch verwirrend

Nach der letzten Olympiade war eine unserer Schlussfolgerungen “Das Tiebreak-System muss geändert werden”, aber nichts änderte sich - bis auf die dafür relevanten Matches:

‌Und damit hängt die Goldmedaille bei der Schacholympiade ab von Tisch 38 Panama-Bangladesch

Immergrüner Schachtweet. Dass olympische Medaillen der weltbesten Teams durch Tiebreaks entschieden werden, die von Schlussrunden-Ergebnissen ihrer schwachen Gegner aus Runde 1 abhängen ist alle zwei Jahre wieder peinlich für den Sport.

Alternativen wären leicht verständliche Tiebreaks wie direktes Resultat und dann Brettpunkte, ein KO-Turnier der besten vier in den letzten beiden Runden während der Rest weiterhin nach Schweizer System spielt, oder nichts ändern bis auf einen Schnellschach-Stichkampf zwischen punktgleichen Teams. Natürlich ist kein System perfekt, aber es scheint wünschenswert zu wissen, wer gewonnen hat nachdem die Spitzenkämpfe vorbei sind…

Dennoch, so ist das System - manchmal gewinnt man, manchmal verliert man!

‌Bei der letzten Olympiade profitierten wir vom Tiebreak-System, diesmal leider nicht. Dennoch ist Silber ein gutes Ergebnis, ich danke allen meinen Mannschaftskollegen für ihre engagierte Arbeit. Gratulation an China für Gold im offenen und im Damenturnier!

8. Die Spitzenteams fanden einen Weg…

Nach all dem Drama belegten im offenen Turnier die ersten drei der Setzliste Platz eins bis drei, und im Damenturnier die ersten vier der Setzliste die ersten vier Plätze der Abschlusstabelle. Das war für Russland immer noch enttäuschend: wie 2016 wurden sie Vierte bei den Damen und gewannen nur Bronze im offenen Turnier.

Russland besiegte Frankreich und gewann wie bei der Olympiade vor zwei Jahren noch Bronze | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Der Kommentar von Magnus Carlsen zum russischen Team ohne Peter Svidler und Alexander Grischuk:

Sie haben sich keinen Gefallen getan, indem sie dieses Jahr zwei ihrer stärksten Spieler [Svidler and Grischuk] nicht aufgestellt haben – ein Luxus, den sich fast kein Team leisten kann. Und es könnte sich zeigen, dass auch sie sich diesen Luxus nicht leisten können.

Das Experiment mit Dmitry Jakovenko and Nikita Vitiugov scheiterte, aber das Comeback zum Ende des Turniers war dennoch beeindruckend - Russland gewann seine letzten vier Matches. Kramnik kompensierte seinen Patzer gegen Polen mit fünf Siegen, Ian Nepomniachtchi gewann ebenfalls fünf Partien aber fühlte, dass mehr möglich war:

Insgesamt war das Turnier ziemlich hart. Ich erzielte am Ende +5 (5 Siege und 5 Remisen). Im Match gegen Peru spielte Jorge Cori zynisch auf Remis, aber in meinen anderen Remispartien vergab ich laut Engine-Urteil einen Vorteil von etwa +30-35. Zum Beispiel stand ich gegen McShane auf Gewinn, aber beschloss solider zu spielen, um den Matchsieg gegen England nicht zu gefährden. Gegen Anand stand ich überragend aber verpasste einen nicht allzu schwierigen Gewinn. Dasselbe in den Matches gegen Italien und Georgien. Ich kann mich wahrscheinlich nicht wirklich beschweren, aber dennoch, natürlich sollte ich viel mehr Punkte erzielen. Das ist ein Grund, warum unser Tiebreak schlechter ausfiel als die von China und den USA.  

Nepomniachtchi beendete das Turnier jedoch mit einem Höhepunkt, durch einen Sieg gegen Etienne Bacrot in der letzten Runde wurde er Russlands Matchwinner gegen Frankreich. An der Eröffnungsvariante in dieser Partie hatte das russische Team im Trainingslager vor der Olympiade gearbeitet. Das vermutete Anish Giri als Gast beim Livekommentar:

Nepo kann so viele Ideen spielen und hat, denke ich, im ganzen Leben keine einzige selbst gefunden. Er ist so ein grossartiger Parasit, im positiven Sinne... ich denke, selbst arbeitet er überhaupt nicht.

Nepo vermutete einen anderen Faktor in dieser Partie, "Ich bin kein Spezialist in Morgenrunden, aber Etienne offenbar noch weniger als ich". 16…f5? verlor sofort:


Nepo sagte hinterher, dass er hier inne hielt und alles berechnete, wenn das der Fall ist brauchte er dafür 55 Sekunden! (für die nächsten beiden Züge verwendete er 11 Minuten): 17.gxf6! S7xf6 18.Sg5! Sxe4 19.Dxe4 (Nepo sagte, dass er auf die “überflüssige Schönheit” 19.Lxg7+! Kxg7 20.Sxe6+ verzichtete):

Die Partie dauerte insgesamt 24 Züge.

‌Wechselhaftes Spiel, hartes Turnier, aber... Ende gut alles gut. Fast.

9. …bis auf Aserbaidschan

Das einzige Spitzenteam, das nicht oben landete, war das an vier gesetzte Aserbaidschan - nach fast perfektem Start ins Turnier am Ende nur Platz 15. Die ersten sechs Runden hatten sie einen perfekten Score. Shakhriyar Mamedyarov erreichte neue persönliche Elorekorde durch Siege nacheinander gegen Mickey Adams, Levon Aronian und David Navara. Nach einem Mannschaftsremis gegen Polen brach jedoch alles zusammen. Aserbaidschan verlor die drei nächsten Matches gegen die USA, China und Ukraine. Erneut enttäuschten sie bei einer Olympiade, unklar warum eigentlich:

‌Team Aserbaidschan spielte bis Runde 8 großartig, dann ging etwas schief und wir konnten dieses Niveau nicht halten. Viel Arbeit und viele Schlussfolgerungen liegen vor uns, und wir kommen viel stärker zurück! Bronzemedaille für mich am zweiten Brett der Schacholympiade in Batumi

10. Der indische Traum kam nie wirklich zustande

Vielleicht waren unsere Erwartungen an Teams, die zuvor bei Olympiaden bereits unter den ersten fünf landeten, nach der Rückkehr von Vishy Anand und Humpy Koneru zu hoch. Sie hatten eventuell Außenseiterchancen auf Gold, aber obwohl niemand individuell enttäuschte (im Herrenteam gewannen bis auf Vidit alle Elopunkte) konnten sie nie in den Kampf um Gold eingreifen. Beide Teams waren an fünf gesetzt, die Herren wurden 6. und die Damen 8. .

Vishy Anand war wieder bei der Olympiade dabei | Foto: David Llada, Turnierseite

Ähnlich lief es bei anderen Teams: Die Rückkehr von Vassily Ivanchuk führte nicht dazu, dass die Ukraine ihr Ergebnis von 2016 wiederholen konnte. Stars wie Levon Aronian und Maxime Vachier-Lagrave konnten ihre Teams nicht zu heroischen Siegen führen. Die Olympiade ist oft kein Platz für Romantik, jedenfalls nicht am Brett!

Eine indisch-kolumbische Verlobung bei der Olympiade in Batumi

11. Deutschland blieb ungeschlagen

2016 blieben im offenen Turnier neben dem Sieger USA nur ein Team ungeschlagen: Griechenland. 2018 machte es Deutschland “wie die Griechen”, fünf Siege und sechs Remisen, das reichte letztendlich für Platz 13. Daniel Fridman war der Held des Teams, 7.5/9 (TPR 2814) bedeutete individuelles Gold an Brett 4.

Die deutschen Damen enttäuschten dagegen und belegten, an neun gesetzt, Platz 28. Neben zu vielen Remisen gegen nominell unterlegene Teams und der wohl einkalkulierten aber (0.5-3.5) hohen Niederlage gegen Russland lag es an einer überraschenden Niederlage gegen .... Griechenland.

12. Man verneige sich vor England, Schweden, Vietnam, Ägypten, der Mongolei und anderen Teams

David Howells einzige Niederlage war gegen Vladimir Kramnik | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Viele Teams hatten Grund zum Feiern. England belegte Platz 5, ihr bestes Ergebnis seit 22 Jahren, David Howell fehlt nach dem Turnier nur ein Punkt zu Elo 2700:

‌Großartiges Ergebnis für das englische Schachteam! Platz fünf ist unser bestes Ergebnis seit Ewigkeiten. Offensichtlich spielen sie ohne mich besser. Gut gemacht!

Vietnam belegte an 27 gesetzt Platz 7, Nguyen Ngoc Truong Son bekam für 8.5/10 (TPR 2804) Gold an Brett 2. Österreich (35. der Setzliste) wurde 14., Ägypten (an 40 gesetzt) 19. .

Der Ägypter Ahmed Adly zeigt, wie man feiert! | Foto: David Llada, Turnierseite

Kasachstan, Litauen, die Mongolei und weitere Länder übertrafen ebenfalls die nominellen Erwartungen, natürlich hatten dann auch andere Teams enttäuschende Ergebnisse. Zum Beispiel gewann die Mongolei in der letzten Runde gegen die Niederlande, die dadurch an 13 gesetzt auf Platz 40 abstürzten. Dennoch gab es aus niederländischer Sicht gute Nachrichten:

‌Beeindruckendes Doppelgold für China! Ein hartes Turnier für unser Team Niederlande, aber mit meinem Ergebnis am Spitzenbrett kann ich zufrieden sein.

Sie hatten auch Gesellschaft von Israel, das an 10 gesetzt Platz 39 belegte.

Das an 32 gesetzte Schweden belegte Platz 11, Nils Grandelius erzielte am Spitzenbrett ungeschlagene 8.5/11. Wir nennen sie auch für eine außergewöhnliche und zuvor nicht erwähnte Partie – Tiger Hillarp Persson 1-0 Tomas Laurusas. So eine hübsche Version des Themas "Königsangriff mit dem König" sieht man selten:


30.Kf4! Dxf2+ 31.Kg5 Kg7 32.Tf4 Dxh2 33.Df6+ Kh7


34.Dxg6+! Kh8 35.Kh6 Schwarz gab auf

13. Usbekistan ist der neue Iran

Wir erwähnten das junge iranische Team als Geheimfavorit dieser Olympiade. Sie landeten zwar leicht oberhalb ihres Platzes in der Setzliste (Platz 17 statt Platz 23), aber eine Schwächephase mitten im Turnier bedeutet, dass sie nun zwei Jahre warten müssen um wirklich Schlagzeilen zu schreiben.

Ein weiteres furchterregend talentiertes Team, das man im Auge behalten sollte, ist Usbekistan. An 36 gesetzt wurden sie 16., mit dem 13-jährigen Nodirbek Abdusattorov spielte der drittjüngste Großmeister aller Zeiten an Brett 2. Die Farbverteilung wirkt etwas wie Kindesmisshandlung, aber er kam damit zurecht und blieb ungeschlagen:


Und dann Nodirbek Yakubboev (*2002) an Brett 3:


Der 12-jährige 2500er Javokhir Sindarov fehlte in Batumi, aber wenn der erfahrene Rustam Kasimdzhanov in zwei Jahren die Kids weiterhin unterstützt, wird es ein starkes Team.

14. Jorge Cori besser als alle

Ju Wenjun und Jorge Cori hatten die besten individuellen Ergebnisse (TPR) dieser Olympiade | Foto: Goga Chanadiri, Turnierseite

Peru belegte einen enttäusschenden 49. Platz, aber hatte das individuell beste Ergebnis dieser Olympiade. Der 23-jährige Jorge Cori war mit TPR 2925 an Brett 3 noch besser als Ding Liren (2873) und Fabiano Caruana (2859). Ian Nepomniachtchi sollte vielleicht dankbar sein dass er gegen ihn nur Remis wollte!


Wie Du siehst, ist ein völlig akzeptabler "Trick", bei der Olympiade die Mannschaft so aufzustellen, dass ein Spieler fast immer dieselbe Farbe bekommt!

15. Bei den Damen stolperten USA und Armenien am Ende

Platz 6 für Armenien und Platz 7 für die USA zeigt nicht ansatzweise, wie gut diese beiden Teams spielten. Armenien remisierte gegen China, besiegte nacheinander Russland und die USA, und hätte vor der letzten Runde Platz eins geteilt, wenn nicht eine ihrer Spielerinnen auf einen Patt-Trick hereingefallen wäre. In der letzten Runde verloren sie 1-3 gegen das starke georgische Team. 

‌Das großartige Abschneiden der US-Damen anhand des Endstandes zu beurteilen ist wie am Ende des Tages sein Gewicht zu messen. Unsere vier besten Spielerinnen gewannen insgesamt 79 Elopunkte

Die USA führten nach sechs Runden, beeindruckend gute Ergebnisse vor der letzten Runde vor allem von Irina Krush (ungeschlagene 7.5/9) und der 16-jährigen Jennifer Yu (8/10). Danach verloren beide beim 1-3 gegen die Ukraine. Dennoch bekam Jennifer eine IM-Norm und Bronze an Brett 5, und Irina Krush Silber an Brett 2.

Ukraine-USA vor Beginn des Matches | Foto: David Llada, Turnierseite

16. Ein neuer FIDE-Präsident

Alle vier Jahre wird bei der Olympiade auch der FIDE-Präsident gewählt, und seit vielen Jahren verlief die Wahl so: ein harter Wahlkampf, und dann gewinnt der amtierende Präsident klar gegen seinen neuesten Herausforderer. Diesmal gewann der neue FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich allerdings 103:78 gegen den geschäftsführenden Präsidenten Georgios Makropoulos (ausführlicher Bericht hier).

‌Für die meisten von Euch ist es wohl irrelevant, aber der neue FIDE-Präsident ist irgendwie auch fotogen - was meine Arbeit etwas erleichtert

Hoffentlich ist das der Beginn von positiven Veränderungen in der Schachwelt. Schliesslich, wer "echte Meerjungfrauen" produzieren kann, für den sollten eine funktionierende FIDE und dauerhaftes kommerzielles Sponsoring ein Kinderspiel sein!


17. Magnus ist immer noch König

Dieser Status schien zwischendurch gefährdet, da Fabiano Caruana innerhalb von vier Runden Vishy Anand, Boris Gelfand und Shakhriyar Mamedyarov besiegte und dann gegen Jan-Krzysztof Duda ein forciertes Matt übersah. Aber am Ende der Olympiade geht Magnus Carlsens 7-jährige "Amtszeit" als Nummer 1 der Weltrangliste weiter. Sein Vorsprung beträgt 6,7 Elopunkte.

Die Top 10 nach der Olympiade | Quelle: 2700chess

Mit einem Sieg gegen Ding Liren in der letzten Runde konnte Caruana die Lücke fast schliessen, aber er nahm in diesem Sinne kein Risiko:


17.g3 kam nach 27 Minuten, und erlaubte Ding Liren, mit 17…Tg6 18.Sxc6 Txg3+ 19.hxg3 Dxg3+ Remis durch Dauerschach zu forcieren.

Ivan Sokolov im Livekommentar: "Er ist vom Fahrrad gefallen, aber eindeutig nicht auf seinen Kopf gefallen!" | Foto: Eteri Kublashvili, Russischer Schachverband

Aktualisierte Turnierleistungen der Weltklassespieler für 2018:

Fabiano Caruana spielt wohl bis zum Beginn des WM-Matches in London in nur noch etwas mehr als einem Monat keine weiteren Partien mit klassischer Bedenkzeit. Aber in weniger als einer Woche spielt der amtierende Weltmeister beim Europacup für Vereinsteams. Chess24 wird live übertragen!

Davor hat Magnus noch einen anderen Termin, die PlayMagnus Challenge in Hamburg am Montag. Einige seiner Gegner sind überraschend!

Aber wir brauchen alle einige Tage, um uns von der Olympiade zu erholen!

Wir hoffen, dass Euch die Show gefallen hat! 

Siehe auch:


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