Berichte 28.04.2018 | 15:10von Colin McGourty

US-Meisterschaft, R8-9: Sensationelle Führung für Shankland & Wang

Sam Shankland hat bei der US-Meisterschaft 2018 mit nur noch zwei Runden zu spielen einen halben Punkt Vorsprung, dabei war noch mehr möglich: In Runde 8 war Shankland nahe an einem überraschenden Sieg gegen Hikaru Nakamura, und in Runde 9 verpasste Nakamura den Sieg gegen den Zweitplazierten Fabiano Caruana und damit die Chance, sein miserables Turnier etwas zu reparieren. Bei den Damen ist die 15-jährige Annie Wang noch näher am sensationellen Triumph, derzeit hat sie einen vollen Punkt Vorsprung auf Nazi Paikidze.

Können Sam und Annie durhhalten und überraschende US-Meister 2018 werden? | Fotos: Lennart Ootes, Turnierseite 

Du kannst alle Partien der US-Meisterschaft 2018 (offenes Turnier) im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf ein Ergebnis öffnet die Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt seine Paarungen und bisherigen Resultate:

Shankland kurz vor dem Triumph

Seit 2009 wurden nur Weltklassespieler US-Meister: Hikaru Nakamura (3-mal), Gata Kamsky (4-mal) und je einmal Fabiano Caruana und Wesley So. Der 26-jährige Sam Shankland hat nun die große Chance, Teil dieses Clubs zu werden. Mit seiner bisherigen Turnierleistung von 2853 hat er jetzt Live-Elo 2693 und Platz 50 in der Live-Liste:


Noch wichtiger ist allerdings, dass er nur zwei Runden vor Schluss einen halben Punkt Vorsprung bei der US-Meisterschaft hat. Sein Restprogramm sind Alexander Onischuk und Awonder Liang, derzeit Letzter und Vorletzter. In Shanklands eigenen Worten:

Wenn ich mein bestes Schach spiele, gewinne ich wahrscheinlich, und wenn nicht, dann wohl nicht. So einfach ist es! Ich hatte zuletzt zwei sehr, sehr starke Gegner, die in ihren letzten Partien alles geben werden... Ich kann es aus eigener Kraft schaffen, aber das bedeutet nicht, dass es eintreten wird.

Sam Shankland mit "Plusremis" gegen Hikaru Nakamura | Foto: Austin Fuller, Turnierseite 

Erstaunlich dabei, dass Shanklands Ausgangsposition durchaus noch besser sein könnte. In Runde 8 spielte Hikaru Nakamura 1.b3 - ein Versuch, im Turnier nach sechs Remisen und dann einer Niederlage gegen Zviad Izoria durchzustarten. Es funktionierte gar nicht, mit natürlichen Zügen bekam Schwarz starken Angriff:

‌Maurice Ashley: "Nakamura wird verprügelt!"

Form ist dabei allerdings vorübergehend und Klasse bleibend, Hikaru war am Rande des Abgrunds balancierend extrem zäh. Shankland nannte ihn "einen sehr erfindungsreichen Verteidiger" und fügte hinzu "er widerstand wirklich so gut wie es möglich war". Die letzte Chance auf mehr als Remis kam nach 34.Td6:


Nach 34…Df4!? 35.Txc6! Dxb4 36.Dd5+ Kh8 scheitert 37.Dxh5 an 37…Tf1+, und die Partie wurde remis. Computer empfehlen 34…Tf6!?, aber Sam betrachtete es als wahnsinnig riskant, die Königsjagd 35.Td8+ Kf7 36.Db3+ zu erlauben - völlig unabhängig davon, wie die Stellung objektiv zu beurteilen ist, ist es nachvollziehbar!

Sam Shankland zeigt diese Partie (davor und danach der komplette Livekommentar zu Runde 8):

Die anderen Partien in Runde 8 liefen nach Wunsch für Sam, u.a. ein ruhiges Remis bei So-Caruana. Nur Aleksandr Lenderman deutete mit seinem zweiten Sieg nacheinander an, dass er eventuell noch in den Titelkampf eingreifen könnte, heute besiegte er Awonder Liang. 

Es läuft nicht für Wesley So - gegen Caruana erreichte er nichts, tags darauf verpasste er den Sieg gegen Varuzhan Akobian | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Lenderman war nahe dran an 3/3, womit er wirklich in den Titelkampf eingreifen könnte, aber er verdarb dann in Runde 9 eine Gewinnstellung gegen Ray Robson. Das Glück ist derzeit auf der Seite von Ray, in der bei weitem längsten Partie aus Runde 8 konnte er mit Läufer und Springer gegen Varuzhan Akobian mattsetzen:

‌Geschafft - 144 Züge!

Zuvor hatte Akobian zu Unrecht Remis durch dreimalige Stellungsiederholung reklamiert.

Aber zurück zu Sam Shankland. Nach seinem Remis gegen Nakamura meinte er:

Wesley und Fabiano spielen noch gegen Hikaru, ich hoffe, dass er mein Held wird! Ich werde ihm im Rest des Turniers sicher die Daumen drücken. 

Nakamuras Eröffnung und wie er den Gegner anstarrte war auf hohem Niveau. Aber er liess Fabi entwischen und hat nun nicht einmal mehr eine theoretische Chance auf den Meistertitel - er kann gar noch Letzter werden. | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Beinahe konnte Nakamura Shankland Schützenhilfe leisten, obwohl er in Runde 9 mit der Berliner Mauer gegen Caruana zuerst wenig erreichte. Fabiano wollte kein Remis und spielte Anti-Berlin, damit landete er dann in gegnerischer Vorbereitung:

Seine Vorbereitung war einfach besser, nach der Eröffnung war ich völlig tot!

Der erste Schlüsselmoment war nach dem im Blitztempo gespielten 14…Sd7:


Fabiano erklärte:

15.Sxg7 war sehr verlockend - 15…Lxg7 16.f5 Dd6 17.Dh5 - aber ich sah nicht, wie es nach 17…h6 weiter geht.

17.f6!? war vielleicht ein besserer Versuch, wonach Weiß offenbar nicht schlechter steht - im Gegensatz zur Partie nach 15.Sg3!? f6. Caruana musste nun leiden: “meine Stellung bleibt einfach unangenehm, egal was ich mache - sie wird einfach niemals besser!” Er beschloss, aktiv zu spielen, da er sonst langsam erdrückt wird, aber auch das funktionierte nicht. Danach kann man die gesamte Partie auf den Moment nach 46.Te1 reduzieren:


Schwarz gewinnt nach zwei vorübergehenden Figurenopfern, es stellte sich heraus, dass beide Spieler dies gesehen hatten! 46…Dxe4!! 47.Dxe4 Lxe4 48.Txe4 Sxb2 49.Ke2 Sxc4! 50.Lc3 b2 51.Lxb2 Sxb2 52.Sd2:

‌Caruana war "total schockiert", dass Nakamura auf 46...Dxe4! verzichtete - zumal nach der Partie als sich herausstellte, dass Hikaru alles bis 52.Sd2 gesehen hatte.

"Auch wenn man sich nicht sicher ist, dass es gewinnt, es sind zwei Mehrbauern. Mach es einfach, und wenn es doch Remis ist ist es eben Pech!

Stattdessen kam 46…Td8? 47.h4!? h6?! (47…Dxe4!? war immer noch stark) 48.hxg5 hxg5 49.Kg3 Td7 50.Qh2 nebst Remis durch Stellungswiederholung. 

‌Fabiano Caruana entwischt! Wenn Shankland ebenfalls nicht gewinnt (danach sieht es aus) läuft alles nach Wunsch für Fabi

Das war eine weitere Enttäuschung für Nakamura, während Caruana im Interview mit Maurice Ashley nach der Partie erleichtert war:

Nach diesem Remis konnte Shankland die alleinige Führung übernehmen, so kam es letztendlich! Zunächst schien es ein erstaunlich einfacher Arbeitstag, nachdem Yaroslav Zherebukh 20.Sd1! offenbar komplett übersehen hatte:


Die Drohung ist einfach 21.Sf2 mit Figurengewinn - so kam es in der Partie, da Yaro nach 32 Minuten nichts Besseres fand als 20…Df7. Stattdessen versprach 20…f4! starkes Gegenspiel. 

Es war eine Achterbahn, aber am Ende ein wichtiger Sieg für Shankland gegen Zherebukh | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite 

Sam gab zu, dass er nach dem Figurengewinn "etwas entspannte" - mehrere Fehler vergaben potentiell den Sieg, aber Zherebukh machte dann den letzten Fehler in dieser Partie.

‌Achterbahn in dieser Runde!

Der Zwischenstand vor den beiden letzten Runden:


Caruana, der noch gegen Zherebukh und Onischuk spielt, kann Sam wohl am ehesten gefährden. Möglich ist allerdings auch, dass Wesley So aufwacht und seinen Titel verteidigt - seine beiden letzten Gegner sind Robson und ein gewisser Nakamura.

Annie Wangs Lauf geht weiter

Annie Wang mit wichtigem Sieg gegen Irina Krush | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Es war wieder Chaos im Damenturnier, mit 10 Entscheidungen in Runde 8 und 9. Die 15-jährige Annie Wang wirkt dabei wie der ruhende Pol, mit nun 7,5/9 hat sie weiterhin einen vollen Punkt Vorsprung.

In der Schlüsselpartie in Runde 8 gegen die 7-malige Meisterin Irina Krush schien es zunächst, als ob ihr Lauf doch ein Ende haben würde:


42…Tc5! 43.Db4 Ta8 und Schwarz gewinnt eine Figur (oder zwei Leichtfiguren für einen Turm). Irina dachte jedoch, dass sie einen schöneren Sieg fand: 42…Txc4? 43.bxc4 Tb8 44.Dd5 und nun gewinnt 44…Sf6 … nicht:


Weiß hat 45.Dxd6!, das hatte Irina zuvor übersehen: da der Tb8 angegriffen ist, kann Schwarz kein Material gewinnen. Nach 44...Tb2 war die Stellung etwa ausgeglichen, aber Irina war erschüttert und Annie nun gnadenlos - sie fand die besten Züge und gewann die Partie:

‌Mit einem brillianten Finish gegen die 7-malige Meisterin Irina Krush behält die 15-jährige Annie Wang einen Punkt Vorsprung!

In Runde 9 hatte Nazi Paikidze die Chance, mit einem Sieg Annie Wang einzuholen, aber in der Schusstellung stand Annie mit Schwarz etwas besser. 

Wenn Annie Wang nervös ist, zeigt sie es noch nicht | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Paikidze meinte "mit Schwarz hätte ich wahrscheinlich weitergespielt“, aber Annie sah nicht, wie sie Fortschritte machen konnte. Angesichts des Standes in Turnier und Partie zögerten beide Spielerinnen bei der abschliessenden Stellungswiederholung und vollendeten sie dann.

‌Zwei Runden vor Schluss hat die 15-jährige Annie Wang immer noch einen vollen Punkt Vorsprung im Damenturnier, nach Remis durch Stellungswiederholung gegen Nazi Paikidze

Das ist der komplette Tabellenstand zwei Runden vor Schluss:


Annie hat noch Weiß gegen Anna Zatonskih und danach Schwarz gegen Sabina Foisor, falls sie aus diesen Partien einen halben Punkt erzielt kann sie nur noch von Nazi Paikidze eingeholt werden. Paikidze hat Schwarz gegen Tatev Abrahamyan und danach Weiß gegen Rusudan Goletiani.

In beiden Turnieren kann die Entscheidung bereits Samstag fallen, verpasse daher nicht diese vorletzte Runde ab 20:00 MESZ (13:00 Ortszeit in St. Louis), mit Livekommentar von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley hier auf chess24.   

Siehe auch:


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