Berichte 19.04.2018 | 13:10von Colin McGourty

US-Meisterschaft, R1: Wesley So startet mit einem Sieg

Wesley So dankte nach seinem Schwarzsieg gegen Yaroslav Zherebukh dem lieben Gott, da “er aktuell nicht allzu oft gewinnt”. Während der Titelverteidiger also gut ins Turnier startete, schafften Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura jeweils nur ein Remis gegen den 15-jährigen Awonder Liang bzw. Ray Robson, wobei Nakamura als Weißer nach zehn Zügen bereits schlechter stand. Varuzhan Akobian gelang gegen Alexander Onischuk der zweite Sieg des Tages bei den Herren, während Nazi Paikidze bei den Damen glänzte, als sie Jennifer Yu komplett überrollte.

Wesley So fand in St. Louis in die Erfolgsspur zurück | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Die gesamte Live-Übertragung mit den Kommentaren von Jennifer Shahade, Yasser Seirawan und Maurice Ashley sowie Interviews mit dem Großteil der Spieler könnt ihr euch hier noch einmal ansehen:

Alle Partien könnt ihr mit Computeranalyse nachspielen, wenn ihr auf das Ergebnis bzw. die Runde klickt:

Awonder Liang ½-½ Fabiano Caruana

Awonder Liang hatte Carlsens Herausforderer genug entgegenzusetzen | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Fabiano Caruana kam mit der Empfehlung zweier Siege beim Kandidatenturnier und beim GRENKE Chess Classic nach St. Louis, und da schien ein 15-jähriger Debütant genau der richtige Auftaktgegner zu sein. Awonder Liang erwies sich aber keinesfalls als Kanonenfutter. Der Youngster erklärte, dass er erst nach der Gründung des St. Louis Chess Club mit dem Schach begonnen habe und mit 14 Jahren, 1 Monat und 20 Tagen der elfjüngste Großmeister der Welt wurde. (So brauchte acht Tage länger, Caruana zehn Monate mehr.)

Seitdem hat er sich weiter gesteigert und meinte zu Maurice Ashley:

Vor der Partie wusste ich nicht recht, was mich erwartete, aber ich glaube, es war besser, dass ich schon in der ersten Runde auf ihn traf. Man muss sich dann während des restlichen Turniers keine Gedanken mehr darüber machen.

Nachdem Caruana zuletzt mit Russisch sehr erfolgreich war, entschied er sich dieses Mal für Sizilianisch. Liang ging mit 3.Lb5 aber den schärfsten Varianten aus dem Weg. Nach Zug 22 war Caruana laut eigenen Angaben “sehr optimistisch”, hatte aber den gegnerischen 27.Zug übersehen:


27.Ta2! sieht merkwürdig aus, droht aber ganz konkret Da1 mit Damentausch. Caruana ging diesem mit 27…Dh6 28.Sg5 Tad8 aus dem Weg, und nach Liangs 29.Sxe6 endete die Partie trotz einer nervösen Zeitnotphase recht unaufgeregt remis.

Caruana meinte, sein Gegner hätte mit 29.Dc1! “ambitionierter” spielen können, und wies auf die Pointe hin, dass 29…f6 Schwarz nach 30.Dxf4! fxg5 31.Txg5 mit der Drohung Tg8+ zu drastischen Maßnahmen zwinge:


Caruana meinte zusammenfassend, “Ich war von seinem heutigen Spiel beeindruckt – keine ernsten Fehler”. Er sagte, das er “sich geistig bereits auf das Match gegen Magnus Carlsen vorbereitet", die besten Sprüche zu diesem Thema kamen aber von anderen Spielern.

Hikaru Nakamura stellte die Theorie auf, dass Magnus Sergey Karjakin nicht ernst genommen habe und man das Gefühl hatte, “er sei nicht voll und ganz bei der Sache gewesen”.

Ich denke, es wird ein sehr interessantes Match … Viel wird von Magnus abhängen und wie ernst er es nimmt, denn in der Vergangenheit, etwa gegen Anand, hat er das durchaus gemacht. Auf ihn war er sehr gut vorbereitet und erzielte gute Ergebnisse, während man bei Sergey das Gefühl hatte, dass er einen Spaziergang erwartete. Im Gegensatz dazu war es sehr knapp, und in gewisser Weise hatte er Glück, dass er nicht verloren hat. Viel wird also davon abhängen, wie ernst Magnus das Match nimmt, aber wenn Fabiano so spielt wie etwa beim Sinquefield Cup vor ein paar Jahren, hat er auf jeden Fall eine gute Chance.

Als Hikaru Prozentzahlen nennen sollte, griff er überraschend hoch:

Ich würde Magnus etwa 75-80 Prozent geben. Eigentlich würde ich die Wahrscheinlichkeit etwas niedriger, etwa auf 65-70% ansetzen, aber da Fabiano in einem Stechen absolut keine Chance hätte, trifft 75-80% eher zu.

Wesley So meinte dazu:

Er ist nicht sonderlich patriotisch – vielleicht ist er ja Norweger. 80%. Im Ernst, wenn man unvoreingenommen und ein neutraler Zuschauer ist, dann ist 80% zu viel, da Fabi in guter Form sehr stark ist. Ist er wie in Wijk in schlechter Form, hat Hikaru vielleicht Recht, aber wenn beide in guter Form sind, stehen die Chancen bei 60:40.

Hikaru Nakamura gibt Caruana keine großen Chancen | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Hikaru Nakamura selbst hatte gerade eine komplizierte Remispartie gegen Ray Robson hinter sich, in der er in einem Schotten "nicht ganz durchblickte" und die Zugreihenfolge durcheinanderbrachte. Die Stellung war bereits nach 11 Zügen kritisch:


Hier spielte Nakamura 12.Ld2 und remisierte nach 33 Zügen, räumte aber ein, dass sein Gegner mit 15…d5 statt 15…d6 vielleicht mehr gehabt hätte. Nakamura meinte zudem, in der Diagrammstellung hätte er an einem “anderen Tag” 12.Kd1!? gezogen, da sich Weiß als Ausgleich für seine schlechte Königsstellung rasch entwickeln kann. Die Gründe, nicht so zu spielen, waren:

Das wäre sehr, sehr interessant gewesen, aber in der ersten Runde will man nichts Verrücktes machen und durch einen Einsteller schon nach 20 Zügen als Weißer verlieren!

Nakamura war enttäuscht, verwies aber darauf, dass es ein langes Turnier sei, in dem niemand "11 aus 11 holen wird"! Darüber wird sich Rex Sinquefield freuen, der ansonsten einen Scheck über $64.000 ausstellen muss!

Yaroslav Zherebukh 0-1 Wesley So

Wesley So in feinem Zwirn|Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Wesley So erlebte beim Kandidatenturnier mit zwei Niederlagen in den beiden ersten Runden den denkbar schlechtesten Start, doch als er in Runde 7 Levon Aronian schlug, konnte man ihm noch ein Comeback zutrauen. Alle Hoffnungen wurden aber bereits in der nächsten Runde zerstört, als er ein remisliches Endspiel gegen Sergey Karjakin verlor und danach auch nicht mehr ambitioniert wirkte. Die restlichen Partien endeten allesamt remis. Er sprach mit Maurice Ashley und lobte Caruana:

Im Rückblick muss ich sagen, dass ich kaum eine Chance hatte, das Kandidatenturnier zu gewinnen. Weder meine Vorbereitung noch meine Erfahrung reichten aus. Hoffentlich wird dies eines Tages anders sein.

Ein erfolgreicher Start in St. Louis war daher umso erwünschter:

Das ist ein guter Auftakt, und ich danke dem lieben Gott, denn aktuell gewinne ich nicht allzu oft. Ich weiß nicht, wann ich die nächste Partie gewinnen werde.

Auch hier kam ein 3.Lb5-Sizilianer aufs Brett, in dem Zherebukh zunächst gut stand, doch nach Sos 21…b5! stand bereits Schwarz besser. Einige Züge später wäre sogar der Schönheitspreis drin gewesen:


24…Sf5!! und nach 25.exf5 geht 25…Sd5!, wonach Weiß wegen der Drohung Se3 und Ld4 nichts Besseres hat, als den Turm auf a1 zu geben. Wesley Sos erste Reaktion war “Wie bitte!?”, als ihm die Zugfolge gezeigt wurde, und als er die Stärke des Zuges erkannte, meinte er: „Das ist der Grund, warum ich nur die Nummer 7 der Welt bin.“

Nichts Schlimmes war aber passiert, denn nach 24…cxb4 war die Stellung für Zherebukh in Zeitnot sehr schwierig zu behandeln, und nach 25.Dxb4 Sd7 26.Kh1? (26.Ta2!) 26…Sc2! war die Partie im höheren Sinne gelaufen. 53…Kg7! war ein schöner Schlusszug, der die weiße Aufgabe erzwang:


Schwarz geht aus der Fesselung und kann im nächsten Zug g5 spielen, aber was ist mit dem Bauern auf h4? Nach 54.Sxh4 kommt 54…e5!, was einfach e4 droht und den Springer fängt.

Lenderman-Shankland: Niemand hat behauptet, dass es einfach wird... | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Die anderen beiden Remis des Tages kamen bei Lenderman ½-½ Shankland, der kürzesten und ereignislosesten Partie des Tages, und bei Xiong ½-½ Izoria, der längsten Partie des Tages, zustande. Dem 17-ährigen Jeffery Xiong gelang es in seiner Partie nicht, gegen Zviad Izoria einen Mehrbauern zu verwerten:


57…g4! war der sichere Weg zum Remis. Nach 58.Kxc7?? gxf3 gewinnt Schwarz sogar, während 58.fxg4 an 58…Lxg3! scheitert, da der schwarze König alle weißen Bauern abholt. Die Partie verlief mit 58.f4 Lxf4! ähnlich, denn auch hier verschwanden vier Züge später alle Bauern.

Damit bleibt nur die letzte Gewinnpartie des Tages übrig.

Alexander Onischuk 0-1 Varuzhan Akobian

Alexander Onischuk stand letztes Jahr gegen Wesley So im Stichkampf um den Meistertitel und wurde anschließend in die Hall of Fame des Weltschachs aufgenommen, doch gestern war nicht sein Tag. Seine Niederlage hatte nichts mit der Eröffnung oder dem frühen Mittelspiel tun, denn, wie Wesley So anmerkte, „heute stand er einfach besser und hat dann verloren.“

Akobian führt den Gewinnzug aus| Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Varuzhan Akobian ist ein sehr gefährlicher Konterspieler, der sich bereits sehr wohl fühlte, als er mit einem Qualitätsopfer den Druck abschütteln konnte. Letztlich wurde die Partie durch einen hübschen Trick entschieden, als Onischuk seine Probleme mit 25.Te2? (25.f3! Lxf3 26.Td7! hätte ungefähren Ausgleich ergeben) zu lösen versuchte:


25…Lxe2 26.Sxe2 oder 25…Sxc3 26.Txd2 ergäbe ungefähren Ausgleich, aber Akobian fand 25.d1=D+! Nach 26.Txd1 Sxc3 gewinnt Schwarz einfach eine Figur, da beide weißen Türme angegriffen sind. Onischuk gab auf, und Akobian feierte den ersten Sieg gegen seinen Freund in einer Turnierpartie.

Toller Start für Paikidze

Tatev Abrahamyan schaut sich die anderen Partien an | Foto: Austin Fuller, Turnierseite

Bei den Damen gab es ebenfalls nur zwei Siege:

Das lag aber weniger am soliden Spiel, sondern an den Nerven, denn Anna ZatonskihIrina Krush und Dorsa Derakhshani verpassten allesamt gute Gewinnchancen. Titelverteidigerin Sabina-Francesca Foisor gab gegen Tatev Abrahamyan mutig zwei Bauern für Kompensation und erzielte damit nach 29 Zügen ein Remis, obwohl es bei bestem Spiel dazu wohl objektiv nicht gereicht hätte. Die 15-jährige Annie Wang schlug die 17-jährige Maggie Feng in einem komplizierten Endspiel, die turnierübergreifende Partie des Tages war aber Nazi Paikidzes brillanter Sieg gegen die 16-jährige Jennifer Yu.

Yu-Paikidze war definitiv die Partie des Tages | Foto: Lennart Ootes, Turnierseite

Paikidze hatte die weiße Stellung bereits mit 8…b5! aufgerissen und nutzte hier die Chance, weiteren Schaden anzurichten: 


12…Sxf2! 13.gxf5 Sxh1. Die einzige weiße Hoffnung war bereits hier, sich zu konsolidieren und den Springer auf h1 abzuholen, doch mit dem Bauernopfer g5 im rechten Moment sorgte die Schwarze dafür, dass ihr Springer nicht umsonst vom Brett verschwand. Paikidze blieb auch in gegnerischer Zeitnot cool und beendete die Partie stilgerecht.

Als Maurice sie nach ihrer Turniervorbereitung befragte, kam Überraschendes zutage:

Um ehrlich zu sein, ich war mit anderen Dingen beschäftigt. Da ich mein letztes Turnier im Juni 2017 gespielt hatte, hatte ich ein wenig befürchtet, eingerostet zu sein! 

In Runde 2 der US-Meisterschaft haben So, Caruana und Nakamura Weiß gegen Spieler, die mindestens 100 Elo-Punkte weniger haben, es könnte also sein, dass Blut fließt! Ab 20 Uhr könnt ihr wieder alle Partien live mit den Kommentaren von Yasser Seirawan, Jennifer Shahade und Maurice Ashley auf chess24 verfolgen.   

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