Berichte 18.04.2016 | 10:11von Colin McGourty

US-Meisterschaft (3/4): Caruana mit glattem Sieg gegen Nakamura

Fabiano Caruana hat bei seiner ersten US-Meisterschaft einen Traumstart hingelegt. Nachdem er in Runde 3 gegen Wesley So lange, aber vergeblich Gewinnversuche unternahm, bezwang er tags darauf locker Hikaru Nakamura. Mit diesem Sieg überholte Caruana auch Vladimir Kramnik in der Live-Weltrangliste und rückte auf Platz 2 vor. Wie wir im Interview nach der Partie feststellen konnten, scheint es dem Italo-Amerikaner auch abseits des Bretts gut zu gehen.

Fabiano Caruana macht in St. Louis einen sehr gelösten Eindruck | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Fangen wir diesen Bericht mit Musik an:

In Runde 3 stand für Caruana die erste echte Prüfung bei der US-Meisterschaft an: er hatte Schwarz gegen Wesley So. Caruana ließ sich zu Beginn auf einen riskanten Bauernraub ein, konnte den Bauern aber später mit leichtem Vorteil zurückgeben. Dann aktivierte er den Carlsen in sich und quälte So 92 Züge, davon zwanzig Züge mit Turm gegen Springer, ehe die Partie mit einem Patt endete.

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Eine so lange Partie war sicher nicht die ideale Vorbereitung auf die wichtige Partie gegen Hikaru Nakamura in Runde 4, aber der Titelverteidiger hatte einen zähen Start hingelegt. Nach seinem Sieg in der ersten Runde remisierte er schnell gegen Gata Kamsky und war sichtlich frustriert, als er gegen den 16-jährigen Akshat Chandra in Runde 3 nichts herausholen konnte. Nakamura meinte später:

Einfach gesagt, ist dies das zweite Turnier in Folge, bei dem ich in einer ungünstigen Turniersituation Schwarz gegen Caruana hatte. Ich beschloss, heute etwas zu riskieren.

Hikaru spielte Najdorf mit frühem h5, und es kam eine sehr scharfe und interessante Stellung aufs Brett. 18.f5 statt 18.e5 war der einzige Zug von Caruana, den man kritisieren kann, aber er führte dazu, dass Nakamura die Qualität gab. 21…Kb8 bezeichnete Fabiano als "sehr guten Zug":


Das mag stimmen, aber Nakamura kam wenig später vom richtigen Weg ab: 22.Sxf7 h4 23.Sxh8 Txh8 24.Df2:


Nun hätte das direkte 24…d5 oder 25...d5 nach Damentausch, wie Nakamura nach der Partie vorschlug, zu einem harten Kampf geführt, aber 24…Db4? basierte auf der falschen Idee: 25.Sd5! Sxd5 26.Lxd5 Lxa4?


Und hier ließ Caruana praktisch ohne vorheriges Nachdenken den tödlichen Schlag 27.Ta3! vom Stapel, wonach die Partie im höheren Sinne vorbei war. Der Läufer auf a4 kann wegen der Drohung Tb3 nicht wegziehen (oder es folgt Db6!, wenn der Läufer nach b5 geht), wonach wegen der unabwendbaren Drohung c3 nebst b3 einfach kompensationslos eine Figur verloren geht.

Nakamura weiß, dass die Partie gelaufen ist.

Caruana hatte zwar nicht mehr viel Zeit, konnte sich aber bereits entspannen ... und sich seine Worte für die Pressekonferenz überlegen.

Nakamura gab vier Züge später auf. Caruana führte seinen Sieg teilweise auf seinen Gegner zurück:

Ich glaube, Hikaru hatte heute einfach einen sehr schlechten Tag. Er stand vermutlich gut, verdarb seine Stellung aber in wenigen Zügen.

Das Interview nach der Partie von Maurice Ashley wird aber aus anderen Gründen im Gedächtnis haften bleiben. Wir haben bereits mitbekommen, wie Caruanua die Liebe zu seinem Manager gestand und Züge als „maßgeschneidert“ oder „sahnig“ bezeichnete, und auch dieses Mal ging das Gespräch über das rein Schachliche hinaus:

Caruana: Bislang läuft alles ziemlich glatt (Anm. d. Ü.: Engl: „smooth“ wie der Song von Santana) … Ich würde sogar sagen, sehr glatt, wie das Meer im Mondschein!

Ashley: Deine romantische Seite kommt heraus. Erzähl uns bitte nichts mehr über deine unsterbliche Liebe zu Lawrence Trent!

Nein, das ist der momentane Lieblingssong einer sehr guten Freundin.

Meinst du diese Alexandra? Willst du uns was zu Alexandra erzählen? Wie ist ihr Nachname?

Wiener.

Ah, jetzt erfahren wir Genaueres.

Nein das war es erstmal!

Während die meisten Zuhörer in diesem Moment sicher direkt googleten, durfte Lawrence wenig später erleichtert sein, denn sein Schützling fügte an: „Ich habe so viel Liebe in mir, dass sie auch für ihn reicht!“

Diesen Teil des Interviews findet ihr etwa bei 3 h 24 min:

Durch den Sieg gegen Nakamura machte Caruana einen großen Schritt, um seinen Status als amerikanische Nummer 1 zu bestätigen und übernahm gleichzeitig die alleinige Führung im Turnier. In der Live-Eloliste liegt er nun mit 2805,3 auf Platz 2.

Lawrence Trent redete daher nicht lange herum, als es im Gespräch zum Thema Schachweltmeister kam:

Mit etwas mehr Reife und einigen Verbesserungen kann er "unspielbar" werden. Er kann jede Stellung spielen und rechnet besser als alle anderen Spieler.

Als Maurice meinte, ein gewisser Magnus Carlsen sei bereits “unspielbar,” fügte Lawrence hinzu:

Das ist doch großartig! Es gibt so viele Top-Spieler, aber wer schafft es, dass Carlsen nicht automatisch als Weltmeister gesehen wird?

Natürlich dachte er dabei an Fabiano, und in dieser Form hat er sicher enormes Potential. Aktuell allerdings führt er nach vier Runden bei der US-Meisterschaft mit einem halben Punkt Vorsprung:

Außer Caruana gab es in Runde 3 und 4 wenig Spektakuläres zu bewundern. Die einzigen anderen Siege errangen Sam Shankland und Alexander Onischuk, wobei Letzterer einen wunderschönen Zug übersah:


Aleksandr Lenderman hatte 23…Qb6 gespielt, was den exquisiten Zug 24.Te6!! erlaubte, wonach 24…fxe6 an 25.Lf8 Matt scheitert, und 24…Dxb5 ebenfalls wegen 25.Lf8+ die Dame kostet. Onischuk spielte stattdessen 24.Txd4 Dxd4 25.Lc3 und wickelte in ein gewonnenes Endspiel ab, verpasste aber die Aufnahme in die Taktiklehrbücher.

Lenderman verlor die Partie, obwohl sein Gegner einen Traumzug verpasste... | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club 

Beim Damenturnier übernehmen allmählich die Favoritinnen das Kommando, denn die 12-jährige Carissa Yip büßte in Runde 4 durch eine Niederlage die Führung ein. 

Irina Krush und Carissa Yip überstanden in Runde 3 äußerst kritische Momente | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Titelverteidigerin Irina Krush liegt nun gemeinsam mit Nazi Paikidze (weiter ungeschlagen) und Tatev Abrahamyan an der Spitze, aber in ihrer Partie in Runde 2 brauchte sie eine Menge Glück:


Alisa Melekhina hatte die Favoritin nach allen Regeln der Kunst überspielt und sämtliche Tricks umschifft, doch dann geschah es! 39.f6?? vergab einzügig den gesamten Vorteil, denn nach 39…Txd6! läuft kein Bauer zur Dame.

Alisa verlor danach auch gegen Anna Zatonskih, womit diese nur einen halben Punkt hinter ihrer Dauerrivalin Irina Krush liegt:

Am heutigen Montag geht es mit Runde 5 weiter, und wie üblich könnt ihr die Partien auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen: 

         

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