Berichte 16.04.2016 | 19:51von Colin McGourty

US-Meisterschaft (2): Caruanas "sahniger" Sieg

Fabiano Caruana genießt seine allererste US-Meisterschaft! In der zweiten Runde degradierte er Sam Shankland in einem langsam vorgetragenen strategischen Meisterstück zum hilflosen Zuschauer, womit er bei 100 % bleibt. Zu ihm gesellten sich Wesley So, nachdem Akshat Chandra eine einzügige Gelegenheit zu einem sensationellen Sieg ausgelassen hatte, und Ray Robson, der Alexander Onischuk in einer Partie bezwang, die GM Pepe Cuenca für uns analysiert hat. Hikaru Nakamura kam gegen Gata Kamsky, der sich von seiner Erstrundenniederlage erholen wollte, nicht über ein Remis hinaus.

Caruana und St. Louis scheint etwas Besonderes zu sein... | Foto: Lennart Ootes, Saint Louis Chess Club

Hikaru Nakamura wird den mit 64.000 Dollar dotierten Fischer-Preis für ein Ergebnis von 11 aus 11 nicht erobern, nachdem er gegen Gata Kamsky - der alle bis auf fünf seiner Züge in weniger als zehn Sekunden ausführte (seine längste Nachdenkpause war eine kolossale Minute und acht Sekunden!) -, nach 30 Zügen ins Remis einwilligte. 

Schnell gegangen! Die Schlüsselpartie der Runde verlief enttäuschend | Foto: Lennart Ootes, Saint Louis Chess Club

Die Spieler hatten sich zwar an die Regeln gehalten, doch das bewahrte die Betroffenen in den anschließenden Interviews mit dem ausgesprochenen Remiskritiker Maurice Ashley nicht davor, sich unbehaglich zu fühlen. Gata räumte ein, dass sein 10. Se5 kein ehrgeiziger Zug war:

Ich wollte einfach etwas Solides spielen. Ich bin die Sorte Spieler, die wirklich langsam in Turniere starten, und ich denke, dass ich extremes Pech hatte, in den ersten zwei Runden gegen Wesley und Hikaru ausgelost worden zu sein, da ich gerade erst angekommen bin und man Zeit zur Erholung, zur Akklimatisierung und zur Vorbereitung braucht.

Gata verband seine auf Sicherheit ausgerichtete Vorgehensweise mit seinem Alter:

Es ist Teil der Strategie. Es ist nicht nur diese Partie oder die von gestern, es ist das ganze Turnier. Ich muss meine Kräfte schonen, da ich neu in der Hall of Fame bin!

Nakamura fühlte, dass Kamsky, der dem Rat der sowjetischen Schule folgte - nach einer Niederlage um jeden Preis den Aderlass stoppen -, eine kluge Wahl getroffen hatte, unabhängig von einer Weiß- oder Schwarzpartie.

Die Befragung nach dem Remis | Foto: Lennart Ootes, Saint Louis Chess Club

Robson 1-0 Onischuk

Nur um zu beweisen, dass es nicht die Schuld dessen war, was Gata "meine Eröffnung" nannte, zeigte Ray Robson, dass das Londoner System mit d4 und frühem Lf4 auch zu feinem Angriffsschach führen könnte. Großmeister Pepe Cuenca führt uns durch eine kleine, feine Miniatur, die er als Partie des Tages bezeichnete:

Damit erreichte Ray 2 aus 2, wo er von den üblichen Verdächtigen Gesellschaft bekam:

Chandra 0-1 So

Es sah so aus, als ob Wesley So seinen jungen Gegner Akshat Chandra in einer komplexen Stellung problemlos überspielte, aber als die Zeitkontrolle - Akshat hatte bedenklich wenig Zeit übrig - näher rückte, verlor Wesley die Kontrolle:


Akshat hätte sich mit 33. Txe6+! fxe6 34. Dxe6+ Kf8 35. Td3!, was bedeutend Material gewinnt, einen bedeutenden Skalp sichern können, da es - wie Wesley erst im Anschluss herausfand - kein rettendes Th3+ gibt, weil die Dame auf e6 dieses Feld kontrolliert. Selbst 35. Te3 hätte So nichts Besseres als Dauerschach ermöglicht. Doch stattdessen investierte Chandra 42 Sekunden, um 33. Kg4 zu spielen, und ging sang- und klanglos unter.

Akshat Chandra (hier während der ersten Runde) überstand in jeder seiner zwei Partien bisher fast (aber nicht ganz) furchtbare Zeitnot | Foto: Spectrum Studios, Saint Louis Chess Club

Wesley hatte keinerlei Bedenken, das Ergebnis zu genießen:

Es ist das Ergebnis, das zählt... Glaub mir, ich habe in den letzten paar Monaten viele gewonnene Partien verloren! Ich bekomme keine Nachsicht, wenn ich gewinne, es mir aber nicht gelingt, den Sieg einzufahren, daher übe ich jetzt auch keine Nachsicht

.

Es gab zwei Kandidaten für die bemerkenswerteste Partie der Runde, aber nur eine davon war eine großartige Begegnung:

Caruana 1-0 Shankland

Fabiano Caruana scheint in St. Louis bester Dinge zu sein. Er ist bislang der einzige Spieler, der den Beichtstuhl besucht hat, und in jeder seiner zwei Partien erzielte er erst einen riesigen Vorteil und spielte dann mit seinen Gegnern Katz und Maus. Er hat sogar ein seltsames Vokabular angenommen. Gegen Akobian beschrieb er 8. b3 als "maßgeschneidert", und sein 18. f3 gegen Sam Shankland brachte ihn erneut ins Schwärmen:


Ich dachte, ich hatte eine ausgezeichnete Stellung, nachdem ich 18. f3 gezogen hatte. Was ist ein gutes Wort, um f3 zu beschreiben, sagen wir... sahnig!

Zu diesem Zeitpunkt befürchtete Shankland bereits das Schlimmste und räumte ein, dass er bei der Vorbereitung des Winawer-Franzosen das Abspiel mit 10. Sh3, welches sein Gegner gespielt hatte, übersehen hatte (Caruana bezeichnete schon 11. ... c4 als Fehler). Als der weiße Läufer die Diagonale a3-f8 erreicht hatte und die Dame auf b7 gelangte, schien das Ende der Partie nicht mehr fern zu sein:


Einfach 37. Sxe6 sieht vernichtend aus, aber Fabiano befand, dass das einfach zu viele Gelegenheiten für Gegenspiel bieten würde. Oder vielleicht war es einfach nur zu unterhaltsam, die Stellung zu spielen, die er nach dem 43. Zug erreichte!


Schwarz ist auf Nichtzüge wie Kh7 und dem Bewegen des Läufers von f7 nach g8 und zurück beschränkt, während Weiß das ganze Brett zur freien Verfügung hat, um den Königsmord vorzubereiten. Der Vollständigkeit halber sollten wir anmerken, dass Caruana Recht hatte, als er sein 49. Ke3? als "einfach schlechten Zug" bezeichnete - was 49. ... Df7! erlaubt und ein Endspiel erzwingt, das Weiß noch immer gewinnen kann, aber nicht mit Stil - aber von diesem Ausrutscher abgesehen war es ein wundervolles Beispiel für beherrschendes Spiel.

Für Sam war das Leiden endlich vorbei...

In der Schlussstellung ist die Springerreise zu Ende, und Schwarz hat von der Aufgabe abgesehen wenig Auswahl:


Das ist eine ordentliche Lehrstunde für einen GM über 2650! Es ist fabilös, @FabianoCaruana! chess24.com/en/...

Ein Meisterstück einer Partie durch @FabianoCaruana; wow. #USChessChamps

Bisher läuft für Caruana alles nach Plan, aber seine Gegner in den nächsten zwei Runden, So und Nakamura, werden wohl etwas dagegen haben, dass er so guter Dinge ist! Shankland tröstete sich unterdessen mit dem Gedanken, dass er noch immer das Potential hat, in die Höhen vorzustoßen, in denen sich auch Caruana befindet, sofern er sich auf Schach konzentrieren kann:

Ich denke, dass der große Unterschied zwischen mir und ihm die Menge an Zeit ist, die er in das Spiel gesteckt hat. Als ich mein erstes Turnier spielte, hatte er, glaube ich, schon 2200 Elo.

Die zwei noch übrigen Partien waren ein weiteres umkämpftes Remis für Jeffrey Xiong, diesmal gegen Varuzhan Akobian, und ein unglaubliches Remis zwischen Aleksandr Lenderman und Alexander Shabalov. 

Jeffrey Xiong zeigte sich bislang am Brett und bei der Kleiderwahl furchtlos | Foto: Spectrum Studios, Saint Louis Chess Club

Der viermalige US-Meister Shabalov stand auf Gewinn, bis er um die Zeitkontrolle herum den Faden verlor und dann den Verlustzug 42. ... f5? spielte. Lenderman antwortete richtig mit 43. Lxf5, doch nach 43. ... e2 ließ er beim blitzartigen Ausführen von 44. Tb1? eine Gelegenheit aus:


44. ... Tc3!! erwies sich als stark genug, um Dauerschach zu erzwingen, aber falls Lenderman zuerst 44. Le6+ gespielt hätte, wäre er auf Gewinn gestanden - z.B. nach 44. ... Kf8 45. Tb1 Tc3 hätte er 46. Dxf4+ gehabt. Es war für beide Spieler eine Partie zum Abhaken und Vergessen!

Daher haben wir nach zwei Runden bei der US-Meisterschaft drei Führende:

Im Turnier der Frauen gab es Beginn wie aus dem Märchen für die jüngste Spielerin, die 12-jährige Carissa Yip. 

Die 12-jährige Carissa Yip, Führende der US-Frauenmeisterschaft nach zwei Runden | Foto: Austin Fuller, Saint Louis Chess Club

Sie liegt mit 2 aus 2 gemeinsam mit Tatev Abrahamyan, nachdem sie Ashrita Eswaran nach 71 Zügen besiegt hatte, und nun spielen die beiden Führenden in der dritten Runde gegen einander.

Im Männerturnier werden alle Augen auf So - Caruana gerichtet sein, während man für Akshat Chandra mitzittern kann. Nach zwei Niederlagen Schwarz gegen einen ausgeruhten Nakamura zu haben, ist nichts, das irgendjemand als Spaß bezeichnen würde! Die Live-Sendung beginnt ab 20:00 Uhr MEZ - unterhalb könnt ihr die Sendung zur zweiten Runde noch einmal sehen:

Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:  

         

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