Berichte 26.04.2016 | 21:41von Colin McGourty

US-Meisterschaft (10/11): Caruana und Paikidze triumphieren

Fabiano Caruana hat die US-Meisterschaft dank ungeschlagener +6 mit einem ganzen Punkt Vorsprung gewonnen. Wesley So und Hikaru Nakamura spielten in ihren Schlussrundenpartien remis und sicherten so den geteilten zweiten Platz ab, womit auch die Qualifikation für ein 18-rundiges Blitzturnier mit Garry Kasparov am Donnerstag und Freitag verbunden war. Der Sieg von Nazi Paikidze im Frauenturnier verlief viel dramatischer: die zu Beginn der Runde noch führende Tatev Abrahamyan verlor gegen die 15-jährige Ashritha Eswaran, während sich Paikidze mit Schwarz gegen Irina Krush durchsetzte.

Alexandra Wiener macht mit ihrer Gratulation zum Triumph Lawrence Trent eifersüchtig | Foto: Lennart Ootes

Die Fabiano Caruana Show

Es war beinahe ein perfektes Turnier für Fabiano Caruana! Das einzige Mal, dass er in Schwierigkeiten geriet, war "ein schwacher Moment" gegen Gata Kamsky in der vorletzten Runde, als er einräumte, "langsam überspielt worden zu sein, was nicht allzu oft vorkommt".


Kamsky hätte seinem Gegner mit 36. ... Le6! das Leben schwer machen können, doch nach 37. ... Lxd7 stellte sich heraus, dass das Turmspiel mit einem entfernten Freibauern theoretisch remis war.

Gata Kamsky könnte einer der wenigen sein, der genauso hart am Schach arbeitet wie Fabiano | Foto: Lennart Ootes

In der letzten Runde hatte Fabiano Schwarz gegen Akshat Chandra, der mit 1,5 aus 10 am Tabellenende dahin dümpelte. 

Wie das Fußballklischee lautet, spielten Männer gegen Jünglinge... | Foto: Lennart Ootes 

Der 16-jährige zimmerte eine schöne Stellung, aber der Klassenunterschied wurde nach Caruanas 18…bxc3 ersichtlich:


Maurice Ashley sprach von der großen Gefahr, in der sich Schwarz nun befindet, da Weiß 19. Tad1 Dc6 20. Lxf7+! spielen könnte, aber Caruana offenbarte hinterher, dass er die 13 Minuten auf das Schlagen des Bauers verwendete, weil er dieses Abspiel - und noch viel tiefer - gesehen hatte, es aber als nur etwas schlechter für Schwarz einschätzte. Das Hauptmerkmal war, dass es für seinen Gegner sehr schwierig zu spielen ist.

Ob er dieses Abspiel nun übersehen oder sich dagegen entschieden hatte, Akshat spielte 19. bxc3, nach dem er von Caruana langsam überspielt wurde. Chandras Zeitnöte halfen dabei, doch wie es ein kiebitzender Garry Kasparov ausdrückte: "Es geht auch um die Qualität der Züge!" Fabiano unterstrich seinen Status als "Mr. Beichtstuhl", indem er ihn während der Begegnung zweimal aufsuchte. Das zweite Mal war denkwürdig:

Caruana äußerte nur einen Satz: "Ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gewinne!"

Caruana verriet im Anschluss, wie wichtig ihm dieser Sieg war, und stimmte sogar zu, dass er für sein knappes Scheitern beim Kandidatenturnier in Moskau entschädige:

Natürlich war das Kandidatenturnier ebenfalls extrem wichtig für mich, doch ich würde sagen, dass dieses Turnier immens wichtig war und ich wirklich antrat, weil ich den Titel gewinnen wollte. Ich bin mir nicht sicher, ob das mein größter Erfolg bisher war, aber es ist wahrscheinlich einer der Siege, der mich am meisten zufrieden gestellt hat.

Caruana verdiente 50.000 Dollar, und der Sieg brachte ihn passenderweise auch wieder zurück auf den zweiten Platz in der Live-Weltrangliste (zumindest bis Carlsen-Kramnik morgen!), während sein Status als Nummer Eins der USA nun fürs Erste einzementiert scheint. 

Absolut begeistert davon, US-Meister 2016 zu sein! Gratulation an @NaziPaiki für einen hochverdienten Sieg und Tatev Abrahamyan für ein großartiges Turnier.

US-Meister 2016! @FabianoCaruana mit dem ersten von vielen Meisterschaften @USchesschamps

Gratulation an Fabiano Caruana zum ersten Sieg bei der US-Meisterschaft! Er ist erst 23, es könnte daher der erste von vielen sein!

Garry Kasparov teilte diese Ansicht und erklärte, dass Caruanas soliderer Stil und seine Konstanz bedeuten, dass er die beste amerikanische Weltmeisterschaftshoffnung bleibt.

Fabiano nimmt auf den Straßen von St. Louis Gratulationen entgegen | Foto: Lennart Ootes

Der zweite Platz ging an Wesley So, der in der letzten Runde beinahe Aleksandr Lenderman bezwingen konnte. Die vergebene Chance hatte schlussendlich keine Auswirkung auf die Tabelle, und Wesley war mit seinen ungeschlagenen +4 zufrieden:

Letztes Jahr spielte ich zweimal in St. Louis, und wie er wisst, ist das nicht so gut gelaufen. Ich spielte bei der US-Meisterschaft und beim Sinquefield Cup und habe jeweils vier Partien verloren. Dieses Mal habe ich mich dazu entschieden, solider zu spielen!

Wesley So konnte seinen St. Louis-Fluch endlich ablegen, obwohl er knapp am ersten Platz vorbeischrammte | Foto: Lennart Ootes

Hikaru Nakamura lag zu Turnierende mit So punktegleich auf, seine Chancen auf eine Titelverteidigung waren jedoch schon durch seine Niederlage gegen Caruana in der vierten Runde torpediert worden (nachdem er eingeräumt hatte, sein Remis gegen Akshat Chandra in der dritten Runde habe ihn "durcheinandergebracht"). Er lieferte noch einen guten Kampf und erzielte in den letzten sieben Runden 5,5 Punkte, in der letzten Runde war er jedoch relativ froh darüber, mit Schwarz ein ereignisloses Remis gegen Ray Robson zu erreichen. 

Was soll man machen? | Foto: Lennart Ootes

Damit blieb Ray mit ungeschlagenen +3 an vierter Stelle:

Hätte Nakamura auf mehr spielen können?

Vielleicht, hätte es da nicht diesen zusätzlich Anreiz gegeben, wenn man unter die Top 3 kommt...

Schachfans auf der ganzen Welt können für Nakamuras Pragmatismus sehr dankbar sein, da im Falle einer Niederlage Ray Robson in die Ultimate Blitz Challenge mit Garry Kasparov gerutscht wäre, in der sich nun Caruana und So zu Nakamura gesellen, um sich mit dem womöglich größten Schachspieler aller Zeiten zu messen.

Das Format sieht am Donnerstag und Freitag drei Rundenturniere pro Tag vor, was anscheinend bedeutet, dass Caruana, So und Nakamura nicht weniger als jeweils sechs Partien gegen Garry Kasparov - und unter einander - spielen, insgesamt also 18 Partien pro Spieler! Zur Zeitkontrolle wird das eigenartige amerikanische System verwendet, bei dem jeder Spieler 5 Minuten hat, doch statt eines Aufschlages gibt es nach jedem Zug eine drei Sekunden dauernde Verzögerung, bevor die Zeit zu laufen beginnt. Der Preisfonds beträgt 50.000 Dollar, der in Anteilen von 20.000, 15.000, 10.000 und 5.000 Dollar auf die Plätze verteilt wird. Garry sagte, dass er sein Preisgeld als Unterstützung der US-amerikanischen Olympiamannschaft spenden wolle.

Garry Kasparov während der letzten Runde des Haupt(?)-Turniers im Studio des Schachklubs in St. Louis - er war froh darüber, dass sich Nakamura qualifizierte, da er "einen der besten Blitz-Spieler der Welt" fordern wolle | Foto: Lennart Ootes

Was können wir also erwarten? Nun, Kasparov merkte an, dass die Gegner "dieses Jahr stärker" sind, er meinte jedoch, dass Nigel Short - das Opfer vom Vorjahr - zuschauen werde. Garry hat während der Vorbereitung auf diese Veranstaltung Gewicht verloren, aber kann er mit 53 Jahren noch mit den Top 10 der Welt mithalten?

Habt ihr je ein Blitzturnier erlebt, in dem Kasparov Erster oder Letzter werden könnte? Das könnte eines sein:

Ich sage voraus, dass @Kasparov63 mehr Probleme haben wird als gegen diesen nutzlosen alten Deppen, gegen den er letztes Jahr gespielt hat.

Wesley So scherzte, "Ich hoffe, dass er etwas eingerostet ist!", während Hikaru dachte, es würde vielleicht dabei helfen, die hitzig geführte Debatte über Weiterentwicklung im Schach zu klären, etwa die Theorie, dass "die Spieler einfach besser sind als die vorherige Generation". Es hört sich so an, als ob Nakamura glaube, dies könnte stimmen. In jedem Fall erwartet uns ein Kampf der Generationen und ein Aufeinandertreffen verschiedener Ären!

Die Ultimate Blitz Challenge wird von chess24 live übertragen.

Paikidze triumphiert allen Widrigkeiten zum Trotz

Nazi Paikidze: "Ich fühle mich wie im Traum!" | Foto: Lennart Ootes

Das offene Turnier endete mehr oder weniger erwartungsgemäß, doch das Frauenturnier endete auf hochdramatische Weise. Die vorletzte Runde brachte bereits eine Sensation, als die 10-jährige Vorherrschaft von Anna Zatonskih und Irina Krush ein Ende fand. Beide benötigten einen Sieg, um noch im Rennen zu bleiben, doch die 14-jährige Jennifer Yu kam aus einer verlorenen Stellung noch zurück und besiegte Anna. Die gleiche Geschichte, wenngleich noch spektakulärer, lieferte die 12-jährige Carissa Yip, die Krush - der Gewinnerin bei den vorherigen vier Meisterschaften - ihre erste Niederlage im Turnier 2016 zufügte. 

Carissa Yip beendete die Hoffnungen Irina Krushs auf einen fünften Titel in Serie | Foto: Lennart Ootes

Carissa schaffte das mit einem wunderschönen Schlusszug:


53. Tg5!! Der Läufer kann nicht mehr nach d5 ziehen, um den Vormarsch des Bauern zu stoppen, und 53. ... Kxg5 54. f7! gewinnt natürlich ebenfalls.

Damit hatten nur noch Tatev Abrahamyan und Nazi Paikidze Chancen auf den Titelgewinn, wobei Tatev vor der Schlussrunde einen halben Punkt Vorsprung hatte. Sie hatte die leichtere Aufgabe, doch die 15-jährige Ashritha Eswaran punktete erneut für die Jugend, indem sie die Najdorf-Verteidigung der 28-jährigen problemlos auseinander nahm.

Tatev Abrahamyan kam dem Titel erneut zum Greifen nah, nur um ihn dann noch auszulassen | Foto: Lennart Ootes

Das bedeutete, dass Paikidze mit einem Remis ein Tiebreak erzwingen konnte, während ihr ein Sieg direkt den Turniersieg sichern würde. Das Problem lag jedoch daran, dass sie gegen die topgesetzte Titelverteidigerin Irina Krush Schwarz hatte. Sie erklärte ihre Herangehensweise später so:

Als ich zur Partie kam, wollte ich alles auf eine Karte setzen, und ich hatte mit der Eröffnung keine Freude, da wir eine sehr positionelle Stellung erreichten und sie besser stand. Ich war ziemlich enttäuscht, aber sobald ich die Gelegenheit hatte, die Stellung komplizierter zu gestalten, dachte ich darüber nicht einmal nach. Ich spielte es einfach... es war einfach Intuition!

17. ... b5! wirkt inspiriert, und nach 25 Zügen hatte Paikidze eine überwältigende Stellung erreicht:


Das von ihr gespielte 25. ... Se3 war gut, doch 25. ... Sd3!! wäre noch stärker gewesen; sie erklärte jedoch hinterher, nicht das Risiko eingehen zu wollen, nach 26. Lxd5+ mit entweder weißer Dame oder Turm auf der h-Linie irgendwie Matt gesetzt zu werden.

Es gab noch viel mehr Drama, wie sie zu Beginn des Interviews nach der Partie erklärte:

Ich zittere immer noch, ich kann noch immer nicht glauben, was passiert ist! Entschuldigung, das wird wahrscheinlich ein sehr emotionales Interview. Ich fühle mich wie im Traum, weil ich vor der Partie wusste, dass die Chancen auf einen Schwarzsieg von mir und eine Niederlage von Tatev extrem gering waren. Und dann erreichte ich eine gute Stellung und habe vielleicht schon irgendwo vorher gewonnen, aber mir ist das vermutlich irgendwo entgangen, und dann sah ich auf Tatevs Partie und sie gibt auf, und ich drehte beinahe durch! Es war, als ob ich meine Partie, vermutlich,  gerade verdorben hatte, und dann musste ich mich beruhigen und sie wieder gewinnen. Es ist alles einfach nur verrückt.

Der Moment, in dem Abrahamyan aufgegeben hatte und Paikidze realisierte, dass ein Sieg den Titel bedeuten würde | Foto: Lennart Ootes

Es sah sogar zu Ende danach aus, als ob Irina ein paar Gelegenheiten hatte, um mit zwei Türmen und einem Läufer gegen eine Dame und einen Turm eine Festung zu errichten, Paikidze behielt jedoch die Nerven und gewann so ihren ersten US-Meistertitel. Sie hat ihn absolut verdient, da sie seit der US-Meisterschaft 2015 (bei der sie Zweite wurde) keine einzige Partie mehr verloren hat.

Paikidze bezeichnete später ihren Mann als die eine Person, die wirklich an sie geglaubt hatte | Foto: Lennart Ootes

Als ob der Gewinn der US-Frauenmeisterschaft 2016 nicht schon genug wäre, gewinne ich auch noch neben meinem Lieblingsspieler @FabianoCaruana! Träume werden wahr!

Der Endstand bei den Damen lautet wie folgt:

Ihr könnt das ganze Letztrundendrama hier noch einmal miterleben:

Wir erleben also bei den US-Meisterschaften zur Abwechslung keinen Tiebreak, womit jeder Beteiligte etwas Zeit bekommt, um sich auf eines der größten Schachereignisse des Jahres vorzubereiten. Wir werden von Garry Kasparovs Rückkehr zum Spitzenschach am Donnerstag zur selben Zeit (20 Uhr) live berichten. Denkt nicht einmal daran, es euch entgehen zu lassen!

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