Berichte 29.04.2016 | 11:47von Colin McGourty

Ultimate Blitz, Tag 1: Kasparov ist zurück!

Hikaru Nakamura und Wesley So liegen nach neun Runden der Ultimate Blitz Challenge in St. Louis einen halben Punkt vor Garry Kasparov, aber der 13.Weltmeister ist der unbestrittene Star der Veranstaltung. Nur wenig kann in der Schachwelt die erste Niederlage des amtierenden Weltmeisters nach 43 Partien in den Schatten stellen, doch Kasparovs Comeback mit brillantem dynamischem Schach gegen die Stars der neuen Generation war die Sensation des gestrigen Tages. In den ersten 18 Partien gab es Patzer und Diskussionen – kurzum einen unterhaltsamen Abend!

Garry Kasparovs Blick ist im Weltschach immer noch einzigartig! | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Wer das gestrige Hauen und Stechen tatsächlich verpasst hat (die Zuschauerzahlen auf chess24 waren höher als bei der WM 2014 und der Schacholympiade), kann sich hier die Live-Show noch einmal komplett ansehen:

Garry Kasparov und die drei Erstplatzierten der US-Meisterschaft  – Fabiano Caruana, Wesley So und Hikaru Nakamura – trugen gestern die ersten neun von 18 Runden aus, gespielt wird Blitzschach mit 5 Minuten Bedenkzeit plus drei Sekunden Zeitgutschrift. Alle Partien könnt ihr hier nachspielen, indem ihr mit dem Selektor entsprechend auswählt:

Was die Resultate angeht, ging es in St.Louis am ersten Tag drunter und drüber. Garry Kasparov holte in der ersten Runde +1, dann 50 Prozent und schließlich -1, womit er nach dem ersten Tag vom Platz an der Sonne auf den dritten Platz zurückfiel. Fabiano Caruana began ebenfalls stark, verlor dann aber die letzten drei Partien. Nach sieben Runden hatten alle Spieler 3,5 Punkte, doch am Ende lagen Hikaru Nakamura (drei Siege in den Runden 6-8) und Wesley So (zwei Siege in den letzten drei Runden) in Führung. 

Die Führenden Wesley So und Hikaru Nakamura holten gegeneinander alle drei möglichen Ergebnisse| Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Der aktuelle Zwischenstand:

Jetzt aber Schluss mit Statistiken! Das wirklich Grandiose war, dass Garry Kasparov wieder am Brett saß und sich nicht mit seinen alten Rivalen Anatoly Karpov oder Nigel Short duellierte, sondern mit drei absoluten Top-Spielern der Gegenwart.

Schauen wir uns zunächst einige Faktoren an, die für bzw. gegen ein gutes Abschneiden Kasparovs in diesem Turnier sprechen:

Pro

1. Motivation

Seine Leistung gab Kasparov viele Gründe, sich die Hände zu reiben | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Für die Profis ist das Turnier einfach nur ein Schaukampf, bei dem es nach Beendigung der US-Meisterschaft um den Spaß und einiges Geld geht, der aber deutlich unwichtiger ist als das Kandidatenturnier. Nakamura sagen dann auch: „Vermutlich nehme ich das Turnier nicht so ernst wie er!“

Für Kasparov derweil ist dies die größte schachliche Herausforderung seit seiner letzten Partie als Schachprofi, die er 2005 in Linares gegen Veselin Topalov austrug. Es geht um Ruhm und Ehre, und die Motivation spielt beim Blitzen eine vermutlich noch größere Rolle als beim normalen Schach. Dieser Punkt war schon immer eine große Stärke Kasparovs.

2. Vorbereitung

Kasparov war immer berühmt für seine gute Vorbereitung und er würde nie an einem solchen Turnier teilnehmen, wenn er nicht das Gefühl hätte, mithalten zu können. Während die anderen Spieler an der US-Meisterschaft teilnahmen, konnte sich Kasparov konkret auf seine vermutlichen Gegner vorbereiten. Er erklärte auch, warum so scharfe Eröffnungen wie Königsindisch oder Sizilianisch mit Schwarz und Schottisch mit Weiß spielte:

Natürlich wollte ich die Berliner Mauer vermeiden, da diese Kerle sie Tag und Nacht spielen. Aus meiner Sicht hat es keinen Sinn, sich in Eröffnungen mit ihnen anzulegen, die sie kennen.

Stattdessen entschied er sich für “etwas offenere Stellungen, mit denen er in einer früheren Partiephase für kritische Momente sorgen konnte“. Natürlich zählte zu seiner Vorbereitung auch, viele Blitzpartien auszutragen.

3. Renommee

Erst muss man an seinem Renommee arbeiten und dann arbeitet das Renommee für einen! Man spielt nicht jeden Tag gegen einen der größten Schachspieler aller Zeiten – und das unter den Augen vieler Schachfans auf der ganzen Welt – und daher ist es nachvollziehbar, dass Kasparovs Gegner Probleme mit ihren Nerven hatten. Wesley So sah während der ersten Partie so aus, als fühlte er sich im Rampenlicht höchst unwohl:

"Kasparov ist wieder da! In der ersten Runde schlägt er So."

Wesley So gab hinterher zu, dass er nervös war, und stellte sich vor, dass es zu Kasparovs Hochzeiten "ein schreckliches Gefühl gewesen sein musste", gegen ihn anzutreten.

Nakamura war durch seine Zusammenarbeit mit Kasparov nicht so beeindruckt:

Ich hatte eine größere Intensität erwartet. Ich hatte mit etwas mehr Energie und Hingabe gerechnet, aber Garry spielt natürlich gut, es ist ja auch Garry!


Contra

1. Fehlende Praxis

Es ist ein Unterschied, im Internet zu blitzen oder gegen die besten Spieler der Welt ernsthafte Partien auszutragen. Nakamura behauptete zudem, Kasparov mangele es in einem Bereich an Erfahrung:

Er hat meines Wissens nie an Turnieren wie der Blitz-WM teilgenommen. Ein wichtiger Punkt, wenn man viele Blitzpartien spielt, ist, dass man Fehler macht und Niederlagenserien erleidet, die man beenden muss. Gelingt ihm das und er reißt sich zusammen, hat er gute Chancen.

Kasparov ging darauf auch ein:

Die Pause zwischen den Runden ist so kurz, dass ich mich von meinem Patzer gegen Wesley kaum erholen konnte…

2. Schachtheorie

Bisher war das kein Problem, und vielleicht spielt es im Blitzen auch keine so große Rolle, aber die aktuellen Spitzenspieler sind mit den letzten Entwicklungen sicher besser vertraut als Garry Kasparov, der vor elf Jahren seine Karriere beendet hat.

3. Alter

Kasparov ist mittlerweile 53 Jahre alt, und damit ist Hikaru Nakamura der einzige Gegner, der nicht höchstens halb so alt ist. Allerdings litt Kasparov noch nie unter Energiemangel, doch vielleicht hat er andere Probleme.

Nigel Short etwa sagte kürzlich in einem Interview zum Thema Alter:

In den ersten drei Stunden gibt es zwischen einem 20-Jährigen und einem 40-Jährigen keine Qualitätsunterschiede. Aber danach schleicht sich bei den älteren Spielern geistige Müdigkeit ein. Man kann Schachpartien in einem Zug versauen, und wenn ältere Spieler eher die Konzentration verlieren, machen sie auch eher Fehler.

Gut für Kasparov ist natürlich, dass die Konzentration in einzelnen Blitzpartien nicht die entscheidende Rolle spielt, aber auf Dauer ist Müdigkeit natürlich ein Faktor. Und auch wenn beim Blitzen jeder patzt, unterliefen Kasparov mehr Fehler, als man früher erwarten konnte.

Nach zwei Niederlagen in Folge bezwang Kasparov in der letzten Partie des Tages Caruana | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Damit kommen wir zu den Partien, die ein seltsames Muster aufwiesen. Alle drei Gewinnpartien Kasparovs waren glatte Positionssiege mit Weiß – Schottisch gegen So und Nakamura und in der Wiener Partie gegen Caruana, bei denen er seine Gegner langsam überspielte. Die Partien, die taktischer waren und damit eigentlich eher Kasparovs Stil entsprachen, blieben unvollendete Meisterwerke.

In Runde 6 gegen Caruana etwa startete Kasparov einen tollen Gegenangriff, mit Zügen wie 36…Tf3+, von denen jeder Schachfreund träumt:


Caruana hielt diese Partie nach großem Kampf remis, und Kasparovs Miene danach spiegelte die Mischung aus verpasster Gelegenheit und großer Partie perfekt wider.


So gut ging es aber nicht immer aus. Die Partie des Tages war womöglich Kasparovs Aufeinandertreffen mit Wesley So in Runde 7. Kasparov spielte Sizilianisch mit frühem b3 und erhielt eine positionell überlegene Stellung. Das gab ihm taktische Möglichkeiten, und nach 21.Sf6! konnte  Kasparov Springer auf d6 und e7 etablieren:


Er dominierte auf dem ganzen Brett und wechselte schließlich vom Königsangriff zum Damenflügel, wo er einen Freibauern hatte. So ließ sich aber nicht so leicht niederringen. Hinterher meinte er:

Ich kämpfte um mein Leben, sonst würde ich schlicht Letzter werden. Ich spiele gegen einen früheren Weltmeister und zukünftige Meister!

Als Kasparov die Partie einstellte, war die Stellung schon schwierig (41.Sc4! war der einzige Zug):


41.b7?? Dxd6 und Weiß gab auf.

Wesley So war der einzige Spieler, der ein positives Resultat gegen Kasparov erzielte| Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Das war das zweite Geschenk, das Wesley von Garry erhielt, der bereits in Runde 4 in guter Stellung einen Springer eingestellt hatte.  So scherzte:

Morgen muss ich auf seine Läufer achten, denn er weiß jetzt, dass er seine Springer einstellt!

Die Springer spielten auch in Kasparovs Partien gegen Nakamura eine große Rolle, das Duell in der 8.Runde war extrem spannend und das Schlachtenglück wogte mehrfach hin und her. Nakamura stellte danach fest, “Ich verlor den Verstand und versaute die Partie… aber Garry machte den letzten Fehler”. Kasparov hatte einen recht leichten Gewinn ausgelassen und dann machte er statt des Schlagens auf d8 einen verhängnisvollen Zwischenzug:


Nakamuras 44.Sxf7! war der beste Zug (44…Txd3 45.Se5+), aber 44.Sc6 oder 44.Sb7 mit derselben Idee wären auch gegangen.

Einen Vorfall müssen wir noch erwähnen. In Runde 2 spielte Kasparov Königsindisch, aber Nakamura hatte nach 26.fxe4 einigen Druck:


Nun stellte Kasparov seinen Springer nach b4. Nakamura wollte gerade 27.Lc5!, mit Doppelangriff auf Springer und Turm ausführen, als Kasparov vor dem Drücken der Uhr innehielt. 

Der Springer steht eindeutig auf b4, was auch das DGT-Brett bestätigte...

Er nahm den Springer wieder in die Hand und stellate nach längerem Nachdenken nach f4. Der Regelverstoß war so klar, dass man keine Zeitlupe oder Screenshots brauchte, auch wenn Yasser Seirawan meinte, dass es in Ordnung sei kann, wenn man vor dem Drücken der Uhr beim Blitzen einen Zug zurücknimmt. Der Hauptschiedsrichter Tony Rich erklärte später aber, dass diese Regel nicht gelte, weshalb Nakamura auf den ursprünglich gemachten Zug hätte bestehen können.

Mit vielsagendem Blick und einem Lächeln erklärte Nakamura später seine Reaktion:

Es war immerhin Garry! Und zweitens nehme ich das Turnier vermutlich nicht so ernst wie er. Ich wollte einfach nett sein und  ihm einen Vertrauensbonus geben. Man will einfach nicht, dass eine Partie durch solch einen Fehler entschieden wird.

Die meisten Schachfans gingen sicher davon aus, dass Kasparov seine Korrektur mit der Tatsache, dass er die Uhr noch nicht gedrückt habe, erklären würde, doch stattdessen behauptete er, er sei sich nicht sicher gewesen, ob er die Figur schon losgelassen habe:

Ashley: Beschreib bitte den Moment in der Partie gegen Hikaru, als du den Zug zurückgenommen hast?

Kasparov: Ich war nicht sicher und schaute zum Schiedsrichter. Im Blitzen kann man sehr schwer sagen, ob man schon losgelassen hat oder nicht.

Auf den Bildern ist es aber klar zu sehen… du aber sagst…

Nein, nein. Ich wusste es nicht, daher habe ich Hikaru und den Schiedsrichter angesehen, und sie sagten nichts.  

Und wenn sie reklamiert hätten?

Dann hätte ich natürlich aufgegeben.  Das wäre der nächste Springer gewesen! Schließlich fand ich noch Sf4 und konnte remis halten…

Dieser Mann weiß offenbar von nichts...| Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Schauen wir uns das Turnier noch kurz aus der Sicht der einzelnen Spieler an.

Fabiano Caruana

Der neue US-Meister hatte einen sehr schlechten Start. In einer einst gewonnenen Stellung wickelte er gegen Nakamura ins Bauernendspiel ab:


Das Problem war nur, dass die Stellung nach 59…Dxd7+?? 60.Txd7+ Kxd7 61.Kxh4 schlicht verloren war. Danach erholte sich Caruana mit 3,5 aus 5, ehe in den letzten drei Partien alles schiefging:

Alles verlief mehr oder weniger normal, bis ich drei Partien in Folge verlor. Das geht recht schnell, denn eine Partie folgt auf die nächste. Blitz eben…


Wesley So

Wesley So legte mit Niederlagen gegen Kasparov und Caruana einen schwachen Start hin, erholte sich dann aber und verlor dank Kasparovs Einstellern nur noch eine Partie. Seinem schwachen Start ließ er 3,5 aus 4 folgen und schlug dabei Kasparov und Caruana mit Schwarz.

Hikaru Nakamura

Nakamura ist die Nummer 2 in der Blitz-Weltrangliste, schöpfte am ersten Tag aber nicht sein Potential aus | Foto: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Nakamura schätzte sein bisheriges Spiel so ein:

Insgesamt spielte ich heute nicht gut. Es ging rauf und runter und ich konnte einige Partien gewinnen, aber es war nicht toll.

Er fügte hinzu: “Morgen werden wir vermutlich alle besser spielen!”

Garry Kasparov

“Nicht toll, aber keine Katastrophe” beurteilte Kasparov seine Leistung, freute sich aber, dass er trotz seiner krassen Fehler noch 50 Prozent holte:

Mit meiner Leistung bin ich recht zufrieden, da ich sie in Schwierigkeiten gebracht habe. Drei Springer einzustellen ist aber zu viel.

Auf geht's! | photo: Lennart Ootes, St. Louis Chess Club

Was wird heute passieren? Wird Kasparov noch stärker spielen, seine Fehler abstellen und die Gegner zerstören? Oder zeigen die Top-Ten-Spieler ihm, warum sie derzeit das Weltschach anführen? Wer das Ergebnis richtig vorhersagt, kann etwas gewinnen!

Genau so ist es - wer heute eine einjährige Premium-Mitgliedschaft abschließt, bekommt ein zweites Jahr gratis, wenn er den Endstand richtig vorhersagt. Viel Glück!

Weiter geht es mit den restlichen 18 Partien heute Abend um 20:00 Uhr, wie üblich gibt es dazu unsere Live-Übertragung. Davor könnt ihr euch mit der letzten Runde des Altibox Norway Chess-Turnier ab 16:00 Uhr vergnügen!  

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