Berichte 03.02.2017 | 12:50von Colin McGourty

Tradewise Gibraltar: Nakamura schafft den Hattrick

Hikaru Nakamura hat zum dritten Mal in Folge das Gibraltar Masters gewonnen. Nach seinem Sieg in Runde 10 gegen Romain Edouard schlug er im Stechen auch noch Yu Yangyi und David Anton und sicherte sich erneut den Titel. Bei den Damen konnte Ju Wenjun selbst eine Niederlage nicht mehr stoppen, wobei die Schlagzeile des Tages zweifellos Hou Yifan lieferte. Die Weltmeisterin kam 25 Minuten zu spät, spielte 1.g4 und gab fünf Züge später auf, um heftig, aber schwer nachvollziehbar dagegen zu protestieren, dass sie so oft gegen andere Damen gelost worden war.

Hikaru Nakamura neben Tradewise-CEO James Humphreys und dem Turnierbegründer Brian Callaghan bei der Siegerehrung | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Die Schlussrunde des Tradewise Gibraltar Masters begann vier Stunden früher als sonst, und gleich zu Beginn erlebten die Schachfans und anderen Spieler ein bizarres Spektakel. Weltmeisterin Hou Yifan kam 25 Minuten zu spät zu ihrer Partie gegen Lalith Babu und eröffnete mit 1.g4. Erst nahm ihr Gegner an, sie wolle ihn aus der Eröffnungsvorbereitung bringen, daher überlegte er mehr als vier Minuten an 1…d5 – doch wie sich später zeigte, hätte er mit 1…e5! vermutlich für das kürzeste Matt gesorgt, das beim Schach möglich ist: 1.g4 e5 2.f3 Dh4# 2.f3 kam trotzdem, und nun war auch Lalith klar, dass sich was anbahnte. Es folgte noch 2…e5 3.d3 Dh4+ 4.Kd2 h5 5.h3 hxg4 und Hou Yifan gab auf.

Hou Yifan war die Einzige, die wusste, warum sie das getan hatte  | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Was, um Himmels willen, war vorgefallen? Peter Heine Nielsen spekulierte, dass es sich um einen Protest handeln müsse, und Magnus Carlsen hatte auch gleich eine Idee:

Hou Yifans Gegner war zumindest genauso verwirrt wie der Rest der Schachwelt:

Wie sich schließlich herausstellte, war die Weltmeisterin darüber verärgert, dass sie in den ersten neun Runden siebenmal gegen Frauen antreten musste – andere hätten das sicher als amüsanten Zufall verstanden…  


In einem Video, das erst nach langwierigen Verhandlungen mit dem Veranstalter zustande kam, entschuldigte sich Hou Yifan immerhin teilweise dafür, dass “sie eine solche Partie verursacht” hatte, doch hörte sie nicht auf, „die unfassbaren und merkwürdigen Paarungen zu kritisieren“, und fügte hinzu, „dass es in Zukunft eine absolut faire Lösung geben müsse“. Der Begründer des Tradewise Gibraltar Masters Brian Callaghan reagiert im selben Video mit dem Hinweis darauf, dass der Damenweltmeistertitel eine gewisse Verantwortung mit sich bringe und „sie sich heute ein wenig hängen gelassen habe“. Gleichzeitig baute er ihr aber eine goldene Brücke und machte klar: „Ich möchte sie in Gibraltar wieder dabei haben.“ 

Ein wenig Unterstützung erhielt Hou Yifan dann aber doch…

"Seit unserem ersten Treffen ist Hou Yifan mein Vorbild. Sie ist nicht nur ein Genie, sondern auch sehr freundlich und bescheiden. Natürlich denkt sie, dass bei den Paarungen etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Ob sie recht hat oder nicht, man sollte ihr Verhalten respektieren."

…aber dabei werden die Veranstalter zu Unrecht angegangen, da die Paarungen abgesehen von der Beteiligung israelischer und iranischer Spielern ohne menschliches Zutun vom Computer erstellt wurden. Der Veranstalter des Qatar Masters sah es so:

"Was Hou Yifan heute getan hat, hat nichts mehr mit sportlichem Verhalten zu tun. In jeder anderen Sportart würde sie unabhängig von der Begründung gesperrt werden. Hoffentlich findet sie bald wieder zu sich. Es gibt so viele Möglichkeiten des Protests, aber die Veranstalter, Fans und der Schachsport müssen respektiert werden."

Eine freiwillige Niederlage kann in jeder Sportart ernste Konsequenzen nach sich ziehen, aber in diesem Fall, wo zum Beispiel keine Sportwetten betroffen sind, ist der Schaden recht begrenzt. Lalith Babu rückte durch seinen Sieg in die 14-köpfige Gruppe vor, die sich Platz 10 teilte, was natürlich gewisse Auswirkungen hatte. Den größten Schaden aber erlitt Hou Yifan selbst – hätte sie die Partie gegen den um 64 Elo-Punkte schwächeren Gegner mit Weiß gewonnen, hätte sie den zweiten Damenpreis und damit £10.000 gewonnen.

Die lustigste Reaktion auf den Vorfall kam jedenfalls von Nikita Vitiugov:

"2013, 2014 und 2015 spielte ich beim Gibraltar Masters acht oder sogar neun Partien gegen Männer. Wollte unbedingt jemanden umbringen, habe es aber nicht geschafft."

Unterm Strich kam Hou Yifans Protest wie aus heiterem Himmel, denn sie pflegt eine enge Zusammenarbeit mit den Veranstaltern und gewann 2015 als Dritte mehr Preisgeld als der Sieger Hikaru Nakamura. Dieses Jahr gab sie ein Seminar, spielte die schönste Partie des Turniers und gab Tania Sachdev ein langes Interview:

Dieser Vorfall überschattete die letzte Runde, kommen wir nun aber zum Schach.

Runde 10: Nakamura und Yu Yangyi mit Siegen auf Bestellung

Mit einem Weißsieg gegen Mickey Adams hätte David Anton ein Stechen verhindern können, doch obwohl er zunächst einer Zugwiederholung aus dem Weg ging, willigte er im 32.Zug ins Remis ein. Damit hatte Adams keine Chance mehr auf den Turniersieg, doch gab es noch sieben andere Spieler mit 7 aus 9, die mit einem Sieg ins Stechen einziehen konnten. Remis endeten die Partien Gelfand-MVL und Matlakov-Cheparinov, doch die beiden anderen Partien fanden einen Sieger.

Gelfand und MVL trennten sich später remis! | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Romain Edouard kam zu seiner Partie gegen Hikaru Nakamura 14 Minuten zu spät und vermutlich bereute er dies, wenn der Amerikaner ihn als Weißen direkt unter Druck setzte. Der weiße König fand nie Ruhe, und nach 26…Lb4! ließen sich die vielen Drohungen schon nicht mehr parieren:


Romain spielte bis zum 35.Zug weiter, konnte aber nicht verhindern, dass Hikaru abermals in der Schlussrunde des Gibraltar Masters einen entscheidenden Sieg landen konnte.

Yu Yangyi & Ju Wenjun nach ihrer Partie | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Noch überzeugender gewann Yu Yangyi gegen Ju Wenjun. Als Beispiel hier die Stellung nach 31.e6, in der Weiß auf g7 Matt droht:


          

Verschwörungstheoretiker würden vermutlich darauf hinweisen, dass der Sieg von Yu Yangyi den chinesischen Interessen zupass kam, da Ju Wenjun bereits den Damenpreis von £15.000 in der Tasche hatte, aber natürlich sorgen die weißen Steine und ein Vorteil von 155 Elo-Punkten dafür, dass der Sieg des Chinesen alles andere als eine Überraschung war.   

Ju Wenjun mit dem Siegerpokal der Gibraltar Masters | Foto: John Saunders, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Nach dem Turnier sprach Ju Wenjun über ihren Erfolg und ihre Chancen bei der kommenden K.O.-WM in Teheran:

Eine herausragende Leistung zeigte zudem Emil Sutovsky bei seinem Sieg gegen Igor Kovalenko, der dem ACP-Präsidenten noch den geteilten 4.Platz einbrachte. Und so sah der Endstand aus:

Rk.SNoNameFEDRtgPts. TB1 w-we
124GMAnton Guijarro David26508,028592,69
23GMNakamura Hikaru27858,028470,87
38GMYu Yangyi27388,028301,17
42GMVachier-Lagrave Maxime27967,528040,33
55GMAdams Michael27517,527970,67
628GMSutovsky Emil26287,527591,78
713GMCheparinov Ivan26897,527550,91
87GMTopalov Veselin27397,527490,23
910GMGelfand Boris27217,527290,30
1020GMHowell David W L26557,027321,13
1138GMJu Wenjun25837,027312,07
1216GMShort Nigel D26757,027220,79
131GMCaruana Fabiano28277,02709-0,98
27GMAkobian Varuzhan26337,027091,16
1512GMMatlakov Maxim27017,026990,13
1611GMNaiditsch Arkadij27027,026960,04
179GMVitiugov Nikita27247,02679-0,44
1818GMFressinet Laurent26607,026770,33
1921GMIturrizaga Bonelli Eduardo26527,026750,42
2026GMSethuraman S.P.26377,026730,63
216GMSvidler Peter27487,02671-0,74
2237GMLalith Babu M R25877,026400,90
2330GMEdouard Romain26137,026390,61

Stechen

Wie ihr seht, lag David Anton nach Wertung vorn und erhielt auch das entsprechende Kompliment von Hikaru Nakamura: “Anton spielte mit Abstand am besten bei diesem Turnier.” Hikaru hob vor allem das fehlerlose Turmendspiel gegen Boris Gelfand hervor. Vor dem Stechen hatte der Spanier immerhin den Vorteil, dass er abwarten konnte, ob sich Nakamura oder Yu Yangyi für das entscheidende Duell qualifizieren würde:

Anton schaut sich mit Caruana und Topalov die erste Runde des Stechens an | Foto: Sophie Triay, Tradewise Gibraltar Chess Festival

Gespielt wurden zunächst zwei Schnellpartien mit 10 Minuten + 5 Sekunden pro Spieler, und wenn nötig folgten zwei Blitzpartien (3+2) bzw. eine Armageddon-Partie (5+4). Hier könnt ihr alle Partien nachspielen:

Nakamura zeigte seine ganze Erfahrung. In der ersten Partie hatte Yu Yangyi Weiß, konnte aber nicht verhindern, dass sie nach 21 Zügen remis endete. Die zweite Partie verlief sehr einseitig, aber der Chinese konnte sich mit zäher Verteidigung ins Blitzen retten. Wieder kämpfte Yu Yangyi dort um sein Leben, stellte aber mit wenigen Sekunden auf der Uhr einen Bauern ein und verlor. Anschließend brauchte er einen Sieg, überzog aber in Remisstellung und verlor.

Nakamura und sein Vater| Foto: Sophie Triay, Tradewise Gibraltar Chess Festival

David Anton wurde vor Paco Vallejo spanischer Blitzmeister und liegt auch in den chess24-Blitzranglisten ganz weit vorn:


Für Nakamura würde es also nicht leicht werden, und in der ersten Partie stand er mit Schwarz dann auch gleich unter Druck:


Es sah so aus, als könnte Anton seinen König zentralisieren und den isolierten c-Bauern erobern, doch schließlich kam nicht mehr als ein Remis heraus.

Viele Zuschauer beim Finale | Foto: Sophie Triay, Tradewise Gibraltar Chess Festival

In der zweiten Schnellpartie bekam David mit Schwarz eine gute Stellung, aber nach gegnerischem b4 bekam er Probleme:


Der Zug 26…Sd7 kostete den Spanier mehr als 2 Minuten, wonach die Zeit ein ernsthafter Faktor wurde. Er öffnete den Königsflügel, was angesichts der eingeklemmten Türme auf der anderen Seites des Bretts wie Selbstmord anmutete:


39.Df1! war der Todesstoß Nakamuras, da die Drohung 40.Th3 nicht zu parieren ist. Bald hatte Anton eine Figur weniger und gab im 55.Zug auf.

Ein bitterer Abschluss für Anton, doch im Gegensatz zum Vorjahr, als er nach einer Schlussrundenniederlage gegen Nakamura £600 mitnahm, gab es dieses Mal £18.000 für Platz 2! Hinterher meinte er:

Im Moment bin ich wegen der Niederlage noch ein wenig sauer, aber unterm Strich war das ein fantastisches Turnier für mich.

Hikaru gewann den 1.Preis und £23.000 für seinen dritten Sieg in Folge in Gibraltar!

Nachher sprach er mit Tania Sachdev:

Nach der Siegerehrung ging es natürlich erst richtig los!

Vielen Dank, dass ihr dieses Turnier auf chess24 verfolgt habt. Die nächste Austragung steht bereits fest: vom 22.Januar bis 1.Februar 2018 wird dann vermutlich auch Vladimir Kramnik am Start sein!

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