Berichte 23.11.2019 | 18:13von Colin McGourty

Tata Steel India Tag 1: Magnus zurück an der Spitze

Genau sechs Jahre nach seinem WM-Sieg in Chennai führt Magnus Carlsen mit 5/6 und einem Punkt vor Hikaru Nakamura nach dem ersten Tag des Tata Steel Chess India Rapid & Blitz in Kalkutta. "Ganz offensichtlich habe ich nichts gegen das Ergebnis einzuwenden und die Partien haben auch viel Spaß gemacht", sagte Magnus nach drei Sizilianern, bei denen Siege gegen Ian Nepomniachtchi und Levon Aronian sowie ein ein Remis gegen Wesley So heraussprangen. Anish Giri und Vishy Anand gingen zu Beginn des Tages in Führung, verloren aber beide die letzte Partie des Tages.

6 Jahre nach dem Eintauchen in Chennais Pool führt Magnus Carlsen (hier zusammen mit Tania Sachdev) vor Vishy Anand und dem Rest des Feldes | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Und hier kannst du dir den Live-Kommentar von Peter Svidler, Jennifer Shahade, Maurice Ashley (von St. Louis aus übertranged) und Tania Sachdev (vor Ort) noch einmal anhören:

Schauen wir uns das Turnier Runde für Runde an.

Runde 1: Giri wieder einmal mit gutem Start

Anish Giri gab Ian Nepomniachtchi in der ersten Partie das Nachsehen | photo: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Anish Giri begann beim kürzlichen gespielten Superbet Rapid & Blitz in Bukarest stark mit 7/8, gewann dann aber sage und schreibe 20 Partien in Folge nicht. Dadurch fiel er aus dem Rennen um die ersten Plätze und hatte am Ende 50% auf dem Konto. Auch in Kalkutta war er schnell aus den Startblöcken gekommen, wo er den einzigen Sieg der ersten Runde erzielte. Anish lobte Vladimir Kramnik, den er für das Kandidatenturnier 2018 unterstützt hatte, weil er ihm die Nebenvariante im Katalanen zeigte, die in der Partie aufs Brett kam. Der Niederländer wollte dann eigentlich nur eine Festung errichten, doch dann traf Ian Nepomniachtchi mit 19 Minuten auf der Uhr eine folgenschwere Entscheidung:


28.Lxa1! sollte gut für Weiß sein, aber überraschend verliert 28.Dxa1? Nach 28…De6! hat Weiß keine Verteidigung gegen die Doppeldrohung, den e-Bauern voranzuschieben und ...De4 zu spielen mit Mattdrohung auf e2. Nepo gab mit 29.Df1 e3 30.Dxb5 Zwar eine Figur für etwas Gegenspiel. Das konnte die Niederlage aber nicht abwehren. Anish erklärte das wie folgt: "Wenn man sich mit der Vorteilsverwertung zu viel Zeit lässt, ist es manchmal clever, dem Gegner Gegenchancen zu geben!"

Runde 1 in der Indischen Nationalbibliothek ind Kalkutta | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

In den anderen Partien schien Ding Liren eine Chance zu verpassen, auf Vishy Anand richtig Druck auszuüben. Magnus gab später zu, dass er beim Remis gegen Wesley um Gnade winseln musste. Wenn er für die schmerzhafte Niederlage im WM-Finale beim Chess960 Revanche nehmen möchte, so musste er diese auf später im Turnier verschieben.

Runde 2: Anand und Carlsen schließen zu den Führenden auf

Die Fans müssen natürlich festhalten, wie sie Vishy getroffen haben | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der erste Sieg für den ehemaligen Weltmeister | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Ein Aufwärmtraining für dieses Turnier fand 2018 in Kalkutta statt. Obwohl es noch nicht Teil der Grand Chess Tour war, folgte es fast genau dem gleichen Format. Damals blieb Vishy Anand bemerkenswerte 12 Partien vor seinen Heimfans ohne Sieg. Im Schnellschach holte er 8 Unentschieden und eine Niederlage, während er dann im Blitz 2 Unentschieden und eine Niederlage beisteuerte. Doch dann legte Vishy im Blitz so richtig los und teilte noch den ersten Platz in der Blitzwertung mit Hikaru Nakamura. Dieses Mal jedoch brauchte er nicht so lange zu warten. Vishy bekam eine Runde Applaus vom Publikum in der Nationalbibliothek Indiens, nachdem er Wesley So in der zweiten Partie des Tages besiegt hatte:


Für Wesley war es ein trickreiches Endspiel. Die Verteidigung des e-Bauern mit 57...Sc6 oder 57...Sf7 hält wohl noch immer Remis. So oder so, nach 57..Se6? 58.Lxe5 Kxh6 geben die 7-Steiner Tablebases bereits an, dass Weiß auf Gewinn steht. Das Verwerten war dann locker für den 15. Weltmeister und die Kommentatoren im Studio in St. Louis zogen Tania damit auf, dass sie nicht auf Vishy als Sieger des Turniers getippt hatte:

Tania erklärte ihre Wahl wie folgt: Weil Vishy nicht zwingend das Turnier gewinnen muss, um beim Finale in London mit dabei zu sein, sondern einfach ein paar Punkte reichen sollten, wird er ganz pragmatisch an die Sache herangehen.

Der Applaus für Vishy störte die anderen Spieler nicht, weil diese Partien bereits vorbei waren. Das einzige andere Resultat war ein Sieg Carlsens. Dazu meinte er später:

Die Partie gegen Jan war wohl offensichtlich recht sauber, da er aus der Eröffnung praktisch total auf Verlust stand.

Ians Meinung zum Eröffnungsausgang seines Sizilianers konnte man leicht von seinem Gesicht ablesen…

Wenn deine Stellung schon so hässlich ist, dass du sie gar nicht ansehen magst.

Die Schlussstellung war dann pure Dominanz:

Carlsen schließt zu Giri in der Führung bei der Grand Chess Tour in Kalkutta auf! Nepo, der alleiniger Sieger werden muss, um eine Chance zu haben, beim Finale in London mit dabei zu sein, startete mit 2 Niederlagen ins Turnier

Bei den drei Remis stach die Partie Vidit-Namakura heraus, die beide Spieler Chancen auf den Sieg verpassten.

In Nakamura-Vidit ging es hoch her | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Runde 3: Alles läuft perfekt für Carlsen

Es passt einfach, dass Magnus am 22. November nach Indien zurückkehrte. Denn am 6. Jahrestag seines WM-Siegs gegen Vishy Anand mit 6,5:3,5 begann die Carlsen-Ära. Damals schrieben wir über den Sieg des 22 Jahre alten Norwegers, während chess24 noch eine Beta-Version war. Einige Bilder von damals wird man wohl schwerlich vergessen können!

Endlich Weltmeister! Danke für all eure Unterstützung!

In der letzten Runde lief alles für ihn wie am Schnürchen. Der Co-Führende Vishy Anand versteht natürlich immer noch verdammt viel vom Schach, aber die Partie gegen Ian Nepomniachtchi war absolut zum Vergessen. Nach zwei Niederlagen gewann der Russe erst das Eröffnungsduell und schlug dann in 18 Zügen mit seinem Angriff durch!


18.Sh6+! war nicht der einzige Gewinnzug, aber es war definitiv der schönste, insbesondere nach dem, was folgte: 18…Kh8 19.Txf6!

Die Partie war dann auch bald vorbei: 19…gxf6 20.Df3! Kg7 21.exd5! Lxd5 22.Sf5+. Vishy gab auf, denn das Endspiel nach dem Damentausch auf d5 ist völlig hoffnungslos für Schwarz.

Der andere Co-Führende Anish Giri ging zwar nicht in Flammen unter, aber als er die bekannte Theorie verließ, hatte er bald ein unschönes Endspiel zu verteidigen. Hikaru Nakamura meinte im Anschluss, dass er "überraschend leicht" gewann, da "Anish meinen König einfach nach d5 hat kommen lassen":


Giri gab auf, bevor ein Turmendspiel mit zwei Minusbauern auf dem Brett stand.

Wenn du in dieser Partie dein Geld auf rot gesetzt haben solltest, hast du verloren! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Magnus Carlsen nutzte das Stolpern der anderen perfekt aus und besiegte Levon Aronian, auch wenn es nicht der gradlinigste aller Siege war! Auf Tanias Frage, ob Magnus immer alles unter Kontrolle gehabt hätte, sagte er:

Nein. Ich dachte, dass ich nach der Eröffnung völlig platt stünde!

Ein kritischer Moment kam dabei nach 25…Db5?!:


26.c4! war der richtige Zug für Weiß, weil 26…Lxc4? 27.Sxc4 Txc4 wegen 28.hxg6! verliert, da keiner mehr h7 verteidigt. Magnus kommentierte das wie folgt:

Ich sah c4 und wollte 26…Db6 spielen. Keine Zweifel, das ist gut für Weiß, aber ich sah einfach nicht, was ich sonst tun sollte.

Stattdessen wählte Levon 26.Tc3!? 26.Tbc8 27.Txc7, und Magnus wies darauf hin, dass nun das Pendel der Partie wohl in seine Richtung ausgeschlagen wäre:

Ich war sehr überrascht. Ich dachte, es könnte eine der Ideen sein, 25.Td3 zuerst zu spielen. Aber ich fühlte, dass der Abtausch der Türme im Allgemeinen so schlecht für ihn war, dass er es nicht tun würde. Wahrscheinlich war er hier schon ein bisschen an einem toten Punkt - es sieht für Weiß extrem schön aus und ich habe keinen Angriff. Er probierte es, fand aber keinen Weg, und wenn man keinen Plan findet, dann wählt man oftmals einen schlechten.

Magnus, der in der Partie zuvor selbst einen Springer auf a5 hatte, konnte hier die Partie beginnend mit 32…Ld8! drehen. Das haut den Springer am Rand an und als dieser nach c6 floh, zeigte sich der teuflische Plan:


34…Lxg5! 35.Dxg5 Df1+ 36.Kc2 Lc4! und auch wenn Magnus ein wenig enttäuscht war, nach 37.De3 nicht sofort zu gewinnen, war sein Sieg im Endspiel dank beeindruckender Technik (wie gewöhnlich) niemals zweifelhaft:

Abgesehen von einem ungewöhnlichen Fehlgriff (48...Tg7) wieder ein feines Beispiel für die grandiose Endspieltechnik des Weltmeisters.

Auf einen Fehlgriff müssen wir aber hinweisen! Magnus spielte 48…Tg7?, was den Turm zurückzieht und c7 deckt:


Die Fliege in der Suppe?

Aber nicht diese! | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

49.Sf4+! hätte den ansonsten tödlichen h-Bauern gewonnen, weil Schwarz dank der Fesselung den Springer nicht schlagen kann. Dazu Magnus:

Ja, das war in der Tat ziemlich ärgerlich! Ich habe es sofort gesehen, als ich den Zug machte. Ich spielte den Zug intuitiv, weil ich Sc7 verhindern wollte, aber nach einem offensichtlichen Zug wie 48...Tf8 habe ich die Partie natürlich unter Kontrolle. Aber nach Sf4 hätte es mich nicht erfreut, dass ich plötzlich ein wenig ums Remis kämpfen muss!

Stattdessen gewann er nach 68 Zügen locker.

Für Ding Liren hätte es ein super Tag werden können. Doch es sollte nicht sein... | Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour

Der wirkliche Patzer passierte in der letzten Runde aber Ding Liren. Der chinesische Starspieler tat sich erstaunlich schwer und verpasste Chancen in den ersten beiden Runden. Aber nachdem Vidit zugab, dass er "die Eröffnung wie ein völliger Idiot" gespielt hätte, bekam Ding schnell eine Gewinnstellung mit zwei verbundenen Freibauern:


Dass es mit den beiden Bauern am Rand nicht ganz simpel ist und es Möglichkeiten zum Fehlgreifen gab, zeigte auch diese Partie: 79.a7?? Ka8 80.b6 (mittlerweile ist die Stellung sowieso remis) 80…Tf5+! 81.Ka6 Ta5+! 82.Kxa5 mit Remis durch Patt.

"Es kann schief gehen..."

"Was soll ich sagen? Das ist lächerlich!" kommentierte Hikaru Nakamura und fügte hinzu: "Ding sollte das in 100 Partien 100 mal gewinnen." Hikaru kommentierte dabei vor allem non-verbal und Peter Svidler fasste das wie folgt zusammen: " Ich möchte nur sagen, dass ich jeden einzelnen dieser Gesichtsausdrücke unterstütze, wenn du über dieses Turm-Endspiel sprichst."

Vidit selbst äußerte sich wie folgt:

Zuallererst glaube ich, dass Hikaru noch mehr verärgert darüber ist als Ding selbst. Ding lächelte nach der Partie zumindest noch, aber Hikaru konnte es gar nicht fassen.

Er wurde gefragt, warum er weiterspielte:

Ich spielte wegen Trägheit. Ich war einfach verärgert und wollte nicht aufgeben. Ich erwartete nicht, dass das geschieht, aber natürlich bin ich froh darüber. Und zu allen Ding Fans, die nun vermutlich verärgert sind, möchte ich sagen, dass ich gegen Ding im World Cup vor seiner Serie von 100 ungeschlagenen Partien eine +6-Stellung nur remisierte!

Zum Abschluss also ein gutes Ergebnis für Vidit!

Eine großartige Skizze. Ich bin dankbar, so viel Liebe von den Menschen in Kalkutta zu bekommen

Nach Tag 1 sieht es damit so aus:


Der zweite Tag beginnt perfekt mit der Partie Carlsen-Nakamura, worauf sich viele auch freuen würden, wenn es nicht das Aufeinandertreffen des Führenden und des ersten Verfolgers wäre. Verfolge die Partien hier mit englischem und russischem Kommentar ab 9:30 MEZ!

Weitere Links:


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