Berichte 23.01.2017 | 02:38von Colin McGourty

Tata Steel Chess, Runde 8: Rapport schockt Carlsen

Richard Rapport behielt die Ruhe und erzielte in der achten Runde des Tata Steel Chess Masters einen sensationellen Sieg über Magnus Carlsen. Der Weltmeister überzog nach dem vergebenen Sieg gegen Anish Giri am Vortag, während der Holländer ebenfalls verlor, nachdem er in eine teuflische häusliche Vorbereitung von Levon Aronian gelaufen war. Der letzte Sieger des Tages war Adhiban, der nun bei unglaublichen 3,5 aus 4 steht und Dmitry Andreikins sieben Partien umspannende Remisserie beendete. Wesley So spielte remis und liegt weiterhin allein in Führung, nachdem Pavel Eljanov einen Gewinn verpasste.

Die Fotografen waren vor Ort, um den historischen Moment einzufangen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Es schien unmöglich, dass die Runde am Sonntag ebenso aufregend verlaufen würde wie jene am Samstag, aber wir erlebten einen weiteren Tag mit spektakulärem Schach:

Die einzige klare Ausnahme bildete Karjakin - So, in der die Spieler ihre Armeen in Stellung brachten, dann aber im 22. Zug in ausgeglichener Stellung Remis vereinbarten - womit Wesleys ungeschlagene Serie 51 Partien umfasst. Harikrishna - Wei Yi dauerte ebenfalls nur bis zum 27. Zug, war jedoch eine zäh verlaufende und rätselhafte Begegnung. Hari fasste sie zusammen:

Ich begann mit Weiß und erreichte eine etwas bessere Stellung beim #tatasteelchess. Aber Wei verteidigte sich sehr gut und begnügte sich schlussendlich mit Remis.

Wei Yi liegt fünf Runden vor Schluss nur einen halben Punkt hinter Tabellenführer Wesley So | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Alle anderen Partien waren ein Vergnügen!

Rapport schockt den Weltmeister

Magnus Carlsen verlor 2016 nur drei klassische Partien (gegen Aronian beim Norway Chess, Nakamura in Bilbao und natürlich Karjakin in New York), aber er musste bereits seine erste Niederlage im neuen Jahr quittieren. Die Identität seines Gegners ist eine Überraschung, jedoch keine große, da Richard Rapports augenfälliges Talent und Feuer ihn zu einem Spieler gemacht haben, den es zu beobachten gilt. 

Der 20-jährige Richard Rapport hat gegen den Weltmeister nun 1 aus 1 | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

In einem Interview mit Dorsa Derakshani während der Schacholympiade im letzten Jahr sprach er über den Titel:

Glaubst du, dass du ein Herausforderer für die Weltmeisterschaft sein könntest?

Das ist eine interessante Frage. Um ehrlich zu sein, habe ich eine Zeit lang darüber nachgedacht, aber so viele negative Dinge sind in unserem Leben passiert, dass ich darüber nicht mehr nachdenke. Um einen gewissen Anspruch auf den Thron zu haben, muss man gegen gewisse Gegner antreten und stabiler sein, aber ich spiele gegen normale Gegner und in normalen Turnieren. Ich habe nicht wirklich die Möglichkeit auf höherem Niveau gegen stärkere Gegner zu spielen. Außerdem habe ich keinen Trainer und ich arbeite nur alleine. Ich habe wirklich keine Unterstützung. Auch wenn ich als talentierter als andere Spieler angesehen werde, so haben sie doch entscheidende Vorteile abseits vom Schach. Daher betrachte ich mich nicht als Herausforderer des Weltmeisters.

Wie Richard selbst bereitwillig zugab, war sein Spiel beim Tata Steel Chess bis dahin (3 Niederlagen, 4 Remisen) seinem Anspruch, ernst genommen zu werden, nicht förderlich gewesen; seine erste Begegnung mit Magnus Carlsen hätte jedoch nicht besser verlaufen können.

Richard neckte die Schachwelt, indem er mit dem "Standardzug" 1. Sf3 begann, ehe er 1. ... d5 mit 2. b3 beantwortete, der Nimzowitsch-Larsen-Eröffnung. Wie er es schon gegen Wesley So getan hatte, spielte er jedoch weiterhin solide, bis Magnus im 21. Zug vor einem Dilemma stand:


Wie Richard später bemerkte, würde 21. ... dxc4 sehr wahrscheinlich zu einem schnellen Remis führen und hätte auch Magnus' Herangehensweise an seine Schwarzpartien beibehalten, in denen er jeweils gewillt war, um den 30. Zug herum ein stilles Remis anzunehmen. Magnus beschloss jedoch, womöglich angespornt durch den verpassten Gewinn am Vortag, auf mehr zu spielen. 

Magnus' gewagtes Spiel wurde zur Abwechslung nicht belohnt | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Nach 21. ... d4!? 22. Lh3 d3?! 23. e3 stand Weiß plötzlich kurz vor einem strategischen Sieg, und Fabiano Caruana beklagte das Schicksal des Läufers auf h7:

Giri begräbt seinen Läufer auf a8, Carlsen stellt seinen auf h7 und spielt d3. Warum denkt niemand an die Läufer?

Nach 24. ... Tc8 zögerte Richard nicht lange, ehe er die natürlichste Expansion der Welt spielte:


25. f4! Seg4 26. e4 Te8!? 27. e5 Sxe5 28. fxe5 Txe5


Nur Ungenauigkeiten konnten Magnus jetzt noch retten, aber Richard war unbarmherzig... und schnell. Die letzten Züge wurden von beiden Spielern im Blitztempo ausgeführt: 29. Tb6! De7 30. Tb8+! Se8 31. Lc6! Te1+ 32. Dxe1 Dxe1+ 33. Sf1


Magnus gab auf. Es ist eigenartig zu bemerken, dass Schwarz in dieser Stellung besser gestanden wäre, hätte er seinen Läufer im elften Zug nach g6 (und nicht h7) gezogen.

Rapports großer Moment, miterlebt von Aryan Tari, Wei Yi, Lu Shanglei und Harikrishna.

Richard blieb nach der Partie am Boden und räumte ein, dass er auf Grund seiner Ergebnisse vor Ort kaum erwartet hatte, in Wijk eine Partie zu gewinnen:

Für Magnus bedeutet das einen ungewohnten Grund, in der Weltrangliste über die Schulter zu blicken, da er nur noch 8,6 Punkte vor dem Zweitplatzierten Fabiano Caruana liegt:

Die Lücke zwischen Magnus und der Meute wurde geschlossen | Quelle: 2700chess

Fabi spielt ab Dienstag in Gibraltar und könnte den Februar - abhängig von den Ereignissen in Wijk und Gibraltar - als Nummer Eins der Welt beginnen.

Falls es etwas Trost für Magnus gab, lag er darin, dass jener Spieler ebenfalls bemerkenswert schnell verlor, mit dem er sich am Vortag eine 123-zügige Schlacht geliefert hatte.

Sexy Schach

Levon Aronian kommentierte seine Niederlage gegen Sergey Karjakin in der siebenten Runde:

Ein Freund von mir, Gabriel Sargissian, hat mir einmal erzählt, dass er diesen Traum hatte, in dem er aufwacht und einfach vergessen hat, wie man Schach spielt. Das war gestern der Fall.

In der achten Runde verliefen die Dinge wie im Traum für die armenische Nummer Eins, die auf eine frühe Neuerung ein Qualitätsopfer und eine Verwertung folgen ließ, die wie ein heißes Messer durch Butter glitt. 

Der alte Levon war zurück! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Oder um es anders auszudrücken:

Wenn es so etwas wie sexy Schach gibt, muss Aronian - Giri die Definition davon sein.

Jan Gustafsson führt uns durch diese Begegnung:

Hier sind Levons Kommentare zur Partie:

Mr. Inspiriert

Der dritte Sieg stammte von Adhiban, der einfach stark spielt, seit er beschlossen hat, seinen Instinkten zu trauen und seine eigene Art aggressiven Schachs gegen die allerbesten Spieler der Welt zu spielen. Einmal mehr gelang ihm eine gewisse Überraschung mit seiner Eröffnungswahl, da er gegen Dmitry Andreikin die Wiener Partie spielte (1. e4 e5 2. Sc3). Er hatte sie jedoch zur Abwechslung nicht das erste Mal in seinem Leben gespielt, aber sie funktionierte perfekt. 

Nichts scheint im Moment für Adhiban falsch laufen zu können | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Bis zum 17. Zug hatte er eine Batterie gegen den schwarzen König in Stellung gebracht, und als er Verstärkungen heranholte, indem er den Damenspringer auf den Königsflügel überführte, fiel die schwarze Stellung wie ein Kartenhaus zusammen:


Hier konnte Adhiban ein seltenes doppeltes Qualitätsopfer spielen: 21. Txf5! Sxf5 22. Txf5! Der zweite Turm konnte nicht geschlagen werden, weil nach weiteren Abtauschen auf f5 der Zug Sf6+ die Partie entscheiden würde. Andreikin gelang es stattdessen, weiter zu kämpfen und Chancen zu bewahren, seine 100%-ige Remisquote beizubehalten, aber Adhiban spielte einfach zu scharf:


40. Sc2! Nach 40. ... Txc2 gewinnt der a-Bauer die Partie, während jegliche Hoffnungen, die Dmitry auf 40. ... g4+ gesetzt hatte, zunichte gemacht wurden. Der h-Bauer wurde als Zweiter umgewandelt, und es war für Adhiban eine leichte Aufgabe, einen Mattangriff zu starten und die Aufgabe zu erzwingen. Eine umwerfende Leistung des indischen Qualifikanten, der nun mit 4,5 aus 8 gleichauf mit den früheren Turniersiegern Aronian, Karjakin und Carlsen liegt. Er hofft nach dem Ruhetag auf mehr vom Selben:

Vergebene Siege

Wir hätten noch zwei weitere Siege sehen können. Pavel Eljanov war in einem messerscharfen Najdorf-Sizilianer knapp dran, zu Wesley So an die Tabellenspitze vorzustoßen. Eljanov stand am Damenflügel strategisch auf Gewinn, aber Radek Wojtaszek hatte jeden Grund zu hoffen, dass sein Angriff am Königsflügel durchschlagen würde. 

Eljanov & Wojtaszek bereiteten uns mit einem Schlagabtausch alter Mode mit entgegengesetzten Rochaden eine Freude | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Der Höhepunkt kam im letzten Zug vor der Zeitkontrolle:


40. Df3! gewann für Eljanov, aber er muss Gespenster gesehen haben, da er 40. b6 spielte. Radek spielte das rettende 40. ... e4! 41. Dxe4 f3! und konnte so die Partie halten.

Van Wely - Nepomniachtchi ähnelte unterdessen einer Kneipenschlägerei zu später Stunde zwischen zwei Leuten, die sich im Turnier abmühen. Nepo übte Druck aus, bis er im Zug vor der Zeitkontrolle strauchelte und dadurch gezwungen war, sich bis zum 74. Zug zu verteidigen.

Loek liegt noch immer am Tabellenende, aber zumindest stand er in der achten Runde kurz vor einem Sieg | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Nach der achten Runde sieht der Zwischenstand vor dem zweiten Ruhetag nun wie folgt aus. Magnus' derzeitige Platzierung fällt ins Auge, aber auch der zweite Platz von Wei Yi - könnte der 17-jährige Chinese ein großes Statement abgeben, indem er sein erstes Superturnier gewinnt?


Reichlich Remisen

Zur Abwechslung kann Sopiko damit prahlen, Remis gespielt zu haben, während ihr Ehemann verlor! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Genau wie am Vortag bot das Challengers-Turnier einen unwahrscheinlichen Zufluchtsort vor den wilden Partien im Masters. Durch eine Laune des Schicksals trafen die Spieler an fast jedem Brett auf einen gleich starken Gegner; Jorden van Foreests Kämpfe in Wijk ließen sein Remis gegen Sopiko weniger überraschend erscheinen, als es sonst gewesen wäre:

In der einzigen entschiedenen Begegnung stellte Vladimir Dobrov eine Falle:


26. Lc4! beabsichtigt, die Türme von einander zu trennen und sie zu erobern; Lei Tingjie kämpfte noch bis zum 39. Zug weiter, bevor sie ihre sechste Niederlage im Turnier hinnahm.

Nach einem wohlverdienten Ruhetag am Montag gibt es in Runde 9 wieder viele faszinierende Paarungen: So - Aronian, Wei Yi - Adhiban, Giri - Rapport und Carlsen - Van Wely. Man kann davon ausgehen, dass Magnus darauf aus sein wird, gegen seinen alten Freund Loek wieder Fahrt aufzunehmen! 

Ihr könnt die Berichterstattung der achten Runde unterhalb nachholen:

Lawrence Trent und Jan Gustafsson sind am Dienstag ab 13:30 MEZ wieder zurück. Ihr könnt alle Partien auch über unser kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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