Berichte 22.01.2017 | 13:42von Colin McGourty

Tata Steel Chess, Runde 7: Magnus' peinlichster Moment?

Weltmeister Magnus Carlsen übersah auf dem Weg zu einem 123-zügigen Remis ein Matt in 3 (bzw. sofortige Aufgabe) gegen seine ehemalige Nemesis Anish Giri, der es als "den peinlichsten Moment" der Karriere seines Gegners bezeichnete. Bemerkenswerterweise war das jedoch nicht unbedingt das Übersehen der Runde, da sowohl Levon Aronian als auch Sergey Karjakin einen sofortigen Gewinn im elften Zug verpassten. Dazu kam noch, dass Wesley So nun seit 50 Partien ungeschlagen ist, Wei Yi gewann eine weitere Sizilianische Partie, Adhibans Aufschwung wurde auf bizarre Weise fortgesetzt und Dmitry Andreikin begann eine Partie mit 1. c3. Was für ein Tag!

Wie Jan Gustafsson später bemerkte: "Magnus könnte bedauern, das Matt in 3 nicht gegeben zu haben..." | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

In einer außergewöhnlichen siebenten Runde des Tata Steel Chess Masters gab es drei entschiedene Begegnungen:

Nachdem eine Zusammenfassung nicht leicht fällt, widmen wir uns den sieben bemerkenswertesten Ereignissen der Runde. Wir beginnen von hinten mit einem Moment des letzten Tages, an dem Peter Svidler live kommentierte, bevor er nach Gibraltar weiterreiste. Es war schwierig, die Entscheidung Peters und Jans außen vor zu lassen, nach sieben Stunden Krawatten zu tragen, aber wir entschieden uns für…

7. Svidler sieht 115. ... Kh4!! – Giri spielt es nicht

Achtung Spoiler: wir werden noch auf diese Partie zurückkommen! Magnus muss um den 60. Zug bemerkt haben, dass seine Siegchancen gering waren, aber der letzte Abschnitt kam erst nach 115. Tf5+


Auf den ersten Blick sieht das tödlich aus, aber der Weltmeister war sich natürlich bewusst, dass 115. ... Dxf5 116. gxf5 Kxf5 - wie von Giri gespielt -, Remis bedeutete, da der Läufer den h-Bauern bei der Umwandlung nicht unterstützen konnte. Anish hätte stattdessen jedoch das "viel coolere" 115. ... Kh4 spielen können, das "eine glorreiche Art ist, die Partie zu beenden", da das Schlagen der Dame natürlich sofort Patt setzt. Hier ist Peters Reaktion zu sehen, als er das entdeckte, und danach, als Giri den Zug nicht spielte:

6. Wojtaszek opfert eine Figur und verliert

Adhibans Aufschwung wurde mit einem zweiten Schwarzsieg gegen einen Spitzenspieler in Folge fortgesetzt, aber zu behaupten, dass es auf und ab ging, wäre eine Untertreibung. 

Plötzlich lief alles für Adhiban, während Radek eine bittere Niederlage einstecken musste | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Radek Wojtaszek gewann die Eröffnungsschlacht und es schien nur noch darum zu gehen, wann er seine Figuren in Stellung gebracht hat, um auf Sieg zu spielen. Stattdessen ließ er Adhiban einen Turm auf die zweite Reihe platzieren und die Initiative übernehmen. Hätte Schwarz diesen Vorteil verwertet, wäre es eine gewöhnliche Geschichte gewesen, aber stattdessen verlief die Partie wieder zugunsten von Wojtaszek, bis er den Vorteil erneut aus der Hand gab und schließlich Harakiri beging.


48. c7?!, das eine Figur opfert, war absolut nicht notwendig. Nach 48. ... exf2 49. Kxf2 La6 saß Schwarz im Fahrersitz. Radek hätte sich vielleicht noch studienartig retten können, aber die Partie bot keine weiteren Wendepunkte. Adhibans gestiegenes Selbstbewusstsein hatte sich wieder gelohnt!

5. Loek van Wely verbraucht 50 Minuten für 13. ... Sc5?

Eines des großen Rätsel im Weltschach ist, warum der 17-jährige Wei Yi weiterhin im offenen Sizilianer auf die Probe gestellt wird. In Wijk aan Zee hatte er Ian Nepomniachtchi bereits im Najdorf auseinander genommen, aber Loek van Wely marschierte - wie so oft in seiner Karriere - geradewegs in die Höhle des Löwen. 

Jan bemerkte, dass er 15 Jahre lang vergebens versucht hatte, Loek davon zu überzeugen, dass Najdorf vielleicht nicht die beste Eröffnung des holländischen Starspielers ist, da ihm allgemein ein Sinn für Gefahren fehlt... | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Das Ergebnis war vorhersehbar, aber auch rätselhaft. Wei Yi konnte seinen Gegner mit 9. Ld5 überraschen, einem Zug, der zuvor bereits rund ein Dutzend Mal gespielt wurde - auch von Wei Yi selbst bei der chinesischen Mannschafts-Meisterschaft 2015. Opfer lagen in der Luft und Wei Yi trennte sich schließlich auf e6 von seinem Läufer, wonach die folgende Stellung erreicht wurde:


Diese Stellung war bereits sechs Mal zu sehen, darunter auch bei Adhiban ½ - ½ Swiercz beim Bieler Open 2014. Jeder Schwarzspieler antwortete mit dem natürlichen 13. ... Kf7, Loek versank hier aber noch tiefer in Gedanken: er investierte über 50 Minuten, um dann die Verlust-Neuerung 13. ... Sc5? zu spielen.

Es gab mehrere Gewinnwege, von denen sich Wei Yi für 14. b4 Dxb4 15. Sc7+ entschied. Eine sorglose Zugfolge hätte die Partie für den chinesischen Star beinahe noch verdorben...

Entkommt Loeky noch zu einem haltbaren Endspiel? Nach 12 Zügen sah es so aus, als ob er den 20. Zug nicht erleben würde.

... aber schlussendlich zeigte er das Endspiel-Können, um die Begegnung zu ihrem logischen Schluss zu führen.  

4. Dmitry Andreikin beginnt mit 1. c3

Richard Rapport spielte zu einem früheren Zeitpunkt im Turnier 1. b3, Adhiban natürlich das Königsgambit, aber Andreikins 1. c3 sticht dennoch hervor. Es passiert nicht jeden Tag, dass es gelingt, den Gegner im ersten Zug drei Minuten nachdenken zu lassen!

Andreikin hatte nach der Partie einiges zu erklären... | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Die Statistiken untermauern Harikrishnas Überraschung. Laut der chess24-Datenbank (in den Reitern "Eröffnungsbaum" und "Datenbank" unterhalb der Live-Übertragung) ist 1. c3 der 14.-beliebteste Eröffnungszug. Der Spieler mit der höchsten Wertungszahl, der diesen Zug je gespielt hat, scheint Ian Rogers zu sein, der 2007 2624 Elopunkte hatte, als er James Morris (2330) besiegte. Der australische Großmeister hat den Zug aber nicht nur gegen schwächere Gegner versucht, sondern auch (erfolglos) gegen Viktor Korchnoi bei der Schacholympiade 1982 in Luzern - einer jener Momente, in denen man gerne das Gesicht des großen Mannes gesehen hätte! Eine weitere hervorstechende Partie ist Vlastimil Hort (2605) 1 - 0 Pia Cramling (2405) aus Biel 1984; wie ihr jedoch sehen könnt, ist das kein alltägliches Ereignis!

Der Rest der Partie konnte mit dem anfänglichen Interesse nicht mithalten. Nach 1. c3 e5 waren die Spieler in einem verkehrten Caro-Kann gelandet, in dem Weiß ein Mehrtempo hat; Harikrishna konnte zwar etwas Vorteil erzielen, der fiel jedoch so gering aus, dass er bei der kleinsten Ungenauigkeit weg war - Remis nach 43 Zügen.

Solide Partie mit vielen Abtauschen beim #tatasteelchess. Ich bekam im Match gegen Dmitry nicht viele Chancen und musste Züge wiederholen, um Remis zu spielen.

3. Wesley So seit 50 Partien ungeschlagen

In einer anderen Runde wäre das die Geschichte des Tages gewesen, da Wesley So seit 16. Juli 2016 ungeschlagen ist und nun bei 50 Partien ohne Niederlage steht. 

Magnus schaut seinem stärker werdenden Rivalen zu | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Wir können seine Statistik nach den London Chess Classic aktualisieren:

Bilbao Masters (ab Runde 5): 6 Partien, +1
Sinquefield Cup: 9 Partien, +2
Schacholympiade Baku: 10 Partien, +7
Isle of Man Open: 9 Partien, +4
London Chess Classic: 9 Partien, +3
Tata Steel Chess Masters: 7 Partien, +3

Insgesamt: 50 Partien, +20

Es war jedoch nicht immer einfach, da Rapport in der dritten Runde gegen So den Sieg verpasste, während in der siebenten Runde Pavel Eljanov beinahe ein brillanter Sieg gelungen wäre. Es begann mit 24. ... h5!


Eine brillante Ablenkung der Dame, dank der Schwarz nach 25. Dxh5 den weißen Königsflügel aufreißen konnte, ohne die Dame auf d7 zu tauschen. Es folgten weitere scharfe Taktiken, aber für Schwarz war der Sieg nie einfach. Eljanov sinnierte:

Ich verpasste einen Sieg gegen So (jedoch war es in Zeitnot nicht einfach), aber im Vergleich zu dem, was heute in anderen Partien passierte - war es makelloses Remis :)

Somit kommen wir zu...

2. Aronian and Karjakin verpassen im 11. Zug einen Gewinn

Es ist schwer, Peter Svidler die Sprache zu verschlagen, aber Levon gelang das, als er nach 13 Minuten und 31 Sekunden Nachdenkpause 10. ... f6?? spielte:


Danach verbrauchte Sergey Karjakin über neun Minuten - womöglich die längsten neun Minuten in Aronians Leben, falls er sah, was er angerichtet hatte -, ehe er die "natürliche Antwort" 11. d4?? spielte. Das nutzt den hängenden Läufer auf e6 aus, aber Karjakin hätte stattdessen 11. c4! Sdb4 12. c5! spielen können, wonach Weiß einfach eine Figur gewinnt. Schwarz kann etwas Kompensation reklamieren, aber unser Kommentatoren-Team fühlte, dass die sofortige Aufgabe eine gültige Option gewesen wäre.

Zum Glück für Sergey - der seinen Fehler nicht gesehen hatte - konnte er Aronian in einer schönen positionellen Partie überspielen; Levon hätte jedoch Remis erreichen können, falls er im 25. Zug alle Figuren auf e4 abgetauscht hätte. Karjakin twitterte:

Es ist immer fantastisch, eine gute Partie in Folge zu spielen, aber manchmal ist es wirksamer, einen guten Zug in Folge zu spielen. #11.c4!!!

Er verriet im Interview nach der Partie mehr über seine Gefühle:

An jedem anderen Tag wäre dies der denkwürdigste Moment der Runde gewesen, am Samstag konnte er es jedoch nicht mit der Partie des Weltmeisters aufnehmen.

1. Carlsen und Giri übersehen ein faktisches Matt in 3

Magnus Carlsen konnte seinen Anish Giri-Fluch letztes Jahr in Bilbao endlich beenden, indem er eine Partie gewann, um so ihr Karriere-Ergebnis gegen einander auszugleichen. In Wijk aan Zee sah es danach aus, als ob er endlich ein positives Ergebnis gegen seinen Erzrivalen erreichen könnte. 

Für die große Partie am Samstag in Wijk waren die Fotografen zahlreich erschienen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Anish schien alle seine Probleme gelöst zu haben, doch ein Endspiel, das er als "völlig in Ordnung" einschätzte, stellte sich als viel trickreicher heraus als gedacht - Magnus häufte schrittweise Zugeständnisse an, bis er eine klar gewonnene Stellung erreicht hatte. Giri räumte ein, nach 53. Lf3! (das er übersehen hatte) mit dem Drang aufzugeben gerungen zu haben; ein paar Züge später erreichte die Partie stattdessen jedoch einen außergewöhnlichen Kulminationspunkt:


56. Tc8+! ist im Grunde Matt in 3, da 56. ... Te8 oder 56... Sd8 beide einer Aufgabe gleichkommen. Das Matt ist einfach, falls man es sieht: 56. ... Kg7 (oder 56. ... Kh7) 57. Tf7+ Kh6 58. Th8# Es ist beinahe so, wie Carlsen das Weltmeisterschafts-Match in New York beendet hatte!



Magnus hatte alle Zeit der Welt, um das zu berechnen, spielte aber stattdessen nach nur 13 Sekunden 56. Lf7+?. Damit hätte er noch immer ein für ihn erfreuliches Ende erreichen können, aber es war bereits schwierig, und nach 56. ... Kh8 57. Th5+ Kg7 58. Lxe6+ Kf6 59. Th6+? (59. Lc4! scheint den Kampf fortzuführen) 59. ... Ke5 60. Lh3 hatte es Giri geschafft:


60. ... Dd2+! 61. Lg2 Dxh6 62. Txc6 und wie uns die Endspiel-Tablebases hilfreich informieren, ist die Stellung ein mathematisches Remis. Anish gab das Remis nicht mehr aus der Hand, womit die übrigen 60 Züge nicht mehr absolut notwendig gewesen wären.

Man muss einfach lachen! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Nach der Partie konnte sich Magnus mit dem Umstand trösten, dass auch Giri das Matt in 3 übersehen hatte:

Das war jedoch der ganze Trost, da Giri sichtlich Spaß hatte!

Das ist wirklich der peinlichste Moment in Magnus Carlsens Schachkarriere, da sich niemand um mich kümmert, aber der Kerl, ihr wisst schon, ist irgendwie eine Legende, daher tut es mir führ ihn sehr leid. Es tut mir wirklich leid für ihn...

Er ist ein sehr, sehr starker Spieler, und wenn er sein Bestes zeigt, ist es unmöglich, mit ihm fertig zu werden, aber gegen mich macht er das alles selbst. Er hat mich oft überspielt, aber er hat Schwierigkeiten... Ich weiß nicht wirklich warum, aber das ist sein Problem!

Dieses allgemeine Chaos bedeutete, dass Wei Yi zu Carlsen und Eljanov auf dem zweiten Platz aufschließen konnte, nur einen halben Punkt hinter dem Führenden Wesley So:


Das Challengers-Turnier war im Vergleich dazu eine Oase der Vernunft.

"Nicht schon wieder" ist Sopiko Guramishvili vielleicht durch den Kopf gegangen, als sie gegen den ex aequo Führenden Markus Ragger spielte | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Die üblichen Favoriten wie Ragger, Smirin und Xiong (2 Niederlagen, aber 4 Siege) gewannen ihre Partien, während Gawain Jones die Stärke von Dame und Springer zeigte, um einen vierten Sieg in Folge zu erzielen - Jorden van Foreest erlitt hingegen die fünfte Niederlage hintereinander. 

Jorden van Foreest erlebt schwierige Zeiten, während Gawain Jones die Chance hat, im nächsten Jahr bei einem Superturnier mitzuwirken! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess

Gawain Jones führt noch immer gleichauf mit Markus Ragger und hält bei 5,5 aus 7. Wir wurden jedoch von Akshat Chandra auf einen bemerkenswerten Moment hingewiesen:

Gestern zog Nils seinen König bis nach a8. Heute zog er ihn bis nach h1!

In der achten Runde könnte die sehenswerteste Partie Rapport - Carlsen sein, in der Magnus sicherlich seine Strategie ändern (oder dazu gezwungen) wird, mit den schwarzen Figuren schnell Remis zu spielen. Karjakin - So sieht unterdessen wie ein Schwergewichts-Kampf aus.

Hier geht es direkt zur achten Runde: Jan Gustafsson und Lawrence Trent berichten am Sonntag ab 13:30 Uhr live. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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