Berichte 17.01.2017 | 12:35von Colin McGourty

Tata Steel Chess 2017, Runde 3: Brillanz und Fehler

Wesley So ist nun die Nummer Drei der Welt und seit 46 Partien ungeschlagen, aber alles wäre ganz anders gewesen, hätte Richard Rapport eine brillante Angriffspartie nicht mit einem rätselhaften Zusammenbruch ohne Zeitnot verdorben. Ian Nepomniachtchi unterlief ebenfalls ein Fehler, als die Rettung in Sicht war - es war aber nur passend, dass Wei Yis glänzender Angriff mit dem ganzen Punkt belohnt wurde. Sergey Karjakin erzielte den dritten Sieg des Tages, indem er Loek van Welys Entscheidung bestrafte, sich von seiner Dame zu trennen. Pavel Eljanov liegt daher mit 2,5 aus 3 noch immer allein Führung. Im Challengers-Turnier steht Markus Ragger nun bei 3 aus 3; in allen Partien (bis auf eine) gab es einen Sieger.


Tata Steel Chess Masters - Runde 3 

Es gibt nur eine Stelle, um mit der Zusammenfassung der dritten Runde zu beginnen: der außergewöhnlichen Partie Wesley So - Richard Rapport. Es war klar, dass Wesley - sofern er nicht nur seine Serie 45 ungeschlagener Partien verlängern, sondern das Turnier in Wijk gewinnen möchte - in Begegnungen wie dieser auf Sieg spielen musste. 

Bis zu einem bestimmten Punkt spielte Rapport eine der besten Partien seiner Karriere... | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess (Facebook)

Rapport überraschte anfangs allerdings die Schachfans und vielleicht auch Wesley, indem er Standard-Schach spielte ("Er spielt Hauptvarianten-Theorie - ich fühle mich betrogen!" - Svidler) und dann aus dem Nichts einen taktischen Schlag anbrachte:

Erstaunlich, wie es Richard Rapport gelingt, mit seinen einzigen zwei (etwas) aktiven Figuren einen taktischen Trick zu erzeugen!

Weiteres inspiriertes Schach bedeutete bald, dass der 20-jährige Rapport nur noch einen direkten letzten Schlag finden musste, um den am schwersten zu schlagenden Spieler der Schachwelt zu besiegen. Der folgende Zusammenbruch verschlug unserem Kommentatoren-Team die Sprache, allerdings kam Lawrence Trent später zurück, um von der außergewöhnliche Wende zu erzählen:

Richard Rapport musste seine zweite herzzerreißende Niederlage in drei Partien hinnehmen, während Wesley So nun vor Vladimir Kramnik auf Platz Drei der Live-Weltrangliste steht. 

Wesley So ist heute von den Toten auferstanden.

Er räumte jedoch ein: "Ich muss von dieser Partie lernen":

Die andere Partie, in der der Weißspieler klar auf Gewinn spielen würde, war Sergey Karjakin - Loek van Wely, in der Loek die Pirc-Ufimzev-Verteidigung wählte.

Loek brachte einen Gast zu seiner Schlacht gegen Sergey Karjakin | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess (Facebook)

Vielleicht hätten sie die Rollen tauschen sollen!!

Es war ein Spiel in eine Richtung, allerdings hätte die Partie völlig anders verlaufen können, wenn Loek sich nicht von seiner Dame getrennt hätte:


16. ... De6 ist absolut spielbar, wie Karjakin nach der Partie erklärte, aber Loek brach mit 16. ... Sxe5?! 17. Sxe5 Dxd1+ 18. Txd1 Txd1+ 19. Kc2 Lxe5 alle Brücken hinter sich ab, da 20. Lxg6! die schwarzen Hoffnungen auf Schadensbegrenzung zunichte machte. Die Computer sind der Meinung, dass Sergey eine ernsthafte Ungenauigkeit begangen habe, als er nach weniger als einer Minute 21. Dxg4 (21. Ld3!) spielte, jedoch hätten nur mutige Leute im folgenden Spielverlauf gegen die Technik des Russen gewettet. Sergey kletterte mit diesem Sieg ebenfalls die Weltrangliste hinauf und belegt nun vor Nakamura und Anand Platz Sechs.

Zwischen den Knüller-Partien gab es hart umkämpfte Remisen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess (Facebook)

Jene Partien, in denen die Favoriten die schwarzen Steine führten - Adhiban - Aronian, Wojtaszek - Giri und Andreikin - Carlsen -, waren hart umkämpft, endeten jedoch allesamt remis. Dmitry Andreikin brachte jedoch seine Überraschung zum Ausdruck, dass Magnus hier nicht weitergespielt hatte:


Die Partie endete mit einer Stellungswiederholung (24. ... La6 25. Ta3 Lb5 26. Tb3 ...), aber Dmitry schlug vor, mit 24. ... Ld7 weiterzuspielen, während der Computer 24. ... Lc4 spielen möchte. Dmitry, der bei Superturnieren selten mitwirkt, hat nicht ganz das Englisch-Niveau seiner Kollegen auf Elite-Niveau, aber das sorgt für einige einprägsame Momente - er verrät unterhalb, dass er nach Partien gerne auf dem Wasser geht!

Wie um zu zeigen, dass das Nehmen einer Punkteteilung die kluge Entscheidung gewesen wäre, lehnte Pavel Eljanov eine dreifache Stellungswiederholung im verbleibenden Remis ab und hatte schließlich einfach einen Bauern weniger. Er hatte jedoch genug Gegenspiel, um gegen Harikrishna zu bestehen:

Remis gegen den Führenden im Turnier Eljanov mit Schwarz. Kein schlechtes Ergebnis. Morgen gegen Karjakin beim #tatasteelchess. Mit Weiß... :)

Das war für den Zwischenstand im Turnier entscheidend, da Pavel mit 2,5 aus 3 weiterhin allein in Führung liegt, gefolgt von einer aus fünf Spielern bestehenden Gruppe mit 2 aus 3. 

Eljanov - nach drei Runden noch immer in Führung | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess (Facebook)

Einer aus der Verfolgergruppe ist der 17-jährige chinesische Starspieler Wei Yi, der seinem Ruf mit einem brillanten Sieg über Ian Nepomniachtchi gerecht wurde.

Nepomniachtchi ist ein guter Taktiker, aber Wei Yi ist vielleicht noch besser | Foto: Tata Steel Chess (Facebook)

Es muss gesagt werden, dass man in einem offenen Sizilianer mit Schwarz gegen Wei Yi Ärger sucht. Ein Zeichen kommender Dinge war, als er die Variante 6. Lg5 wählte, mit der bei den London Chess Classic so viel Schaden angerichtet wurde (Caruana 1 - 0 Nakamura, Nakamura 1 - 0 MVL), und nicht jene mit 6. a3, die Karjakin und Carlsen in früheren Runden spielten:

Drei Züge zu spät fand Wei Yi 9. a3! gegen Najdorf

Einige Züge später waren die Spieler jedoch in einer äußerst komplexen Stellung auf sich gestellt.


Hier ist Wei Yis Springer soeben auf f5 geschlagen worden, aber er verzögerte den Rückgewinn des Materials ruhig mit 14. 0-0. In der Folge wurde viel Material getauscht, aber die Stellung blieb stets gefährlich. Nepomniachtchi muss gedacht haben, nach dem Damentausch auf d7 einen direkten Angriff überstanden haben, dabei führte dieser ins Verderben:


26. e6+!!, das beinahe sofort gespielt wurde, bedeutete, dass Nepo eine Qualität preisgeben musste, um den Verlust des e7-Läufers zu vermeiden:  26. ... fxe6 27. Tf7 Tg5

Wei Yi gegen Nepomniachtchi ist eine Partie zwischen einem Spieler mit dem ultimativen Pokerface und einem, der dazu nicht fähig ist.

Es stellte sich heraus, dass die entstehende Stellung gar nicht einfach zu gewinnen ist, und der russische Spieler leistete starken Widerstand... zumindest eine Weile. Gerade als er korrekterweise einen Bauern geopfert hatte, um ein Tablebase-Remis zu erreichen, traf er nach nur 1 Minute 17 Sekunden (bei über einer Stunde Bedenkzeit auf der Uhr) eine schicksalhafte Entscheidung:


Wie Peter Svidler erklärte, ist es nicht trivial zu sehen, dass 66. ... Lc1! der einzige Zug ist, der zum Remis führt; allerdings hätte etwas Überlegung zum Schluss geführt, dass Nepomniachtchis 66. ... Lc3?? sofort wegen 67. Tc4! verliert. Der Läufer kann nicht nach b4, da er sofort geschlagen wird und der a-Bauer zur Dame läuft. Ian dachte 15 Minuten lang über sein Verhängnis nach, ehe er 67. ... Le5 spielte, worauf 68. Tc5 den a-Bauern und die Partie gewinnt. 

Eine bittere Niederlage für Nepomniachtchi, aber ein schöner Sieg für Wei Yi, der nun gleich viele Siege erzielt hat wie beim Tata Steel Masters im Vorjahr. Seine nächste Partie? Mit Schwarz gegen Magnus Carlsen. Die Spieler liegen derzeit gleichauf auf dem zweiten Platz:


Ragger in Fahrt

Im Challengers-Turnier gab es mehr vom selben, allerdings wurden hier nicht weniger als sechs Partien entschieden:

Markus Ragger konnte im Gegensatz zu Eljanov seine Siegesserie auf drei Partien ausbauen, indem er Eric Hansen brutal zerlegte. Ilia Smirin liegt weiterhin alleine auf dem zweiten Platz, nachdem er Gawain Jones dafür bestrafte, zu wenig prophylaktische Maßnahmen getroffen zu haben... für den Engländer waren es zwei ausgefallene Tage!


Lei Tingjie hatte am Vortag 84 Züge lang versucht, gegen Ragger zu überleben; in der dritten Runde wurde sie aber mit einem 65-zügigen Sieg über Jorden van Foreest belohnt, als der Holländer in einem unkonventionellen Caro-Kann etwas zu kreativ vorging.

Die 19-jährige Lei Tingjie zeigt, dass sie es im Challengers-Turnier ernst meint | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess (Facebook)

Der dramatischste Moment des Tages war jedoch, als Benjamin Bok ein Turmendspiel mit Mehrbauern gegen Vladimir Dobrov noch verlor. Über dem weißen König schoben sich dunkle Wolken zusammen, aber bis zum allerletzten Moment war es Bok mit Weiß, der besser stand!


37. b6? war der Verlustzug, da nach 37. ... Thh5 38. Te4 Tf2 die Drohung ... f5# nicht abgewehrt werden kann. Die Partie endete mit 39. Tf4 Tg5+ und Weiß gab auf, statt 39. Kxh4 Txf4# zu spielen.

Benjamin hätte hingegen immer noch 37. bxa6! spielen können, und der große Unterschied ist, dass nach 38. ... Tf2 Weiß 39. Tb6! hat, was den f6-Bauern fesselt und die Partie gewinnt. Damit teilt sich Dobrov trotz unbeständigen Schachs in seinen Eröffnungen mit Grandelius den dritten Platz.

Fesseln und gewinnen... falls Bok 37. bxa6! gespielt hätte.

Ihr könnt die ganze Live-Sendung zur dritten Runde unterhalb nachholen:

In der vierten Runde ist Jan Gustafsson zurück und berichtet live mit Peter Svidler von der letzten Runde, ehe der erste Ruhetag folgt. Am Dienstag geht es ab 13:30 MEZ weiter. Ihr könnt alle Partien auch über unsere kostenlosen Apps mit verfolgen:

         

Weitere Links:


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