Berichte 22.01.2020 | 17:05von Colin McGourty

Tata Steel 9: Carlsen zeigt Firouzja, wo der Hammer hängt

Weltmeister Magnus Carlsen hat Alireza Firouzja mit den schwarzen Steinen geschlagen und liegt damit mit 5,5/9 nur einen halben Punkt hinter dem neuen alleinigen Spitzenreiter Fabiano Caruana. Beim Tata Steel Masters-Showdown zeigte Magnus seine strategische Meisterklasse und demonstrierte damit perfekt das Thema Angreifen ohne Opfern seiner kürzlich erschienenen Video-Serie auf chess24, auch wenn es zum Ende einen kleinen Schönheitsfehler gab. Die restlichen Partien endeten im Masters ohne Sieger, wobei Jorden van Foreest eine goldene Chance verpasste, Caruana zu schlagen und die Führung zu erobern.

So schnell wird es also voraussichtlich keinen Wechsel an der Spitze der Schachwelt geben | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Alle Partien des Turniers kannst du hier nachspielen:

Und hier findest du den Live-Kommentar von Peter Svidler und Jan Gustafsson:

Magnus stoppt den Alireza-Express

Der womöglich historisch Wettkampf zwischen Carlsen und Firouzja beginnt mit der ersten klassischen Partie | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

"Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal aufgeregter war, eine Partie zu sehen, an der ich nicht beteiligt bin", sagte der 8-fache Russische Meister Peter Svidler vor Beginn der Partie Firouzja-Carlsen. Die Partie selbst enttäuschte dann auch nicht, außer vielleicht die vielen Fans von Alireza Firouzja. Auch wenn sich der 16-jährige Iraner gut geschlagen hatte, sah Peter keinen Grund, seine Meinung über das Wunderkind zu revidieren:  

Es gab einige Aufschreie bezüglich eines "übertriebenen Hypes" oder ein "gebt mir Bescheid, wenn er mal etwas gewonnen haben sollte", was eine Art von Verdrießlichkeit ist, die ich als mürrischer alter Mann im Allgemeinen unterstütze. Aber ich denke, es ist sehr, sehr schwierig, Firouzja nicht übertrieben zu hypen, weil er, wie ich glaube, ganz klar vielversprechendste Wunderkind der Schachwelt derzeit ist. Verglichen mit jemandem wie Wei Yi, der in diesem Alter die Gegner absolut zerstören würde, wenn er die Chance auf einen Mattangriff hatte, aber wenn man sich dazu entschließen würde, ein langweiliges Endspiel gegen ihn zu spielen, würde er auseinanderfallen. Ich denke, Alireza mit 16 Jahren ist ein viel ausgeglichenerer Spieler, und es ist sehr, sehr schwierig, nicht aufgeregt zu sein, wenn man ihm beim Spielen zusieht.    

Verpasse auf keinen Fall Peters detaillierte Analyse der Partie:

Für diejenigen, die noch keine Zeit hatten, sich die Partie anzusehen, lasst uns einen kurzen Blick auf einige der Schlüsselmomente werfen. Zuerst gab es die Eröffnung, bei der Magnus eine Überraschung im Gepäck hatte, indem er nicht nur 1.e4 mit 1...e5 beantwortete, sondern auch die Berliner Verteidigung 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 wählte. Hatte Magnus Angst vor dem jungen Mann und spielte die solideste Eröffnung, die möglich war? Unwahrscheinlich. Vielmehr vertraute er darauf, dass Alireza das Berliner Endspiel mit 4.d3 ablehnen würde, sodass er mit 4...d6 die Partie so strategisch komplex wie möglich anlegen konnte:

Ich war froh, das zu sehen. So bekomme ich eine komplexe Partie mit vielen Figuren auf dem Brett.

Die Partie leitete bald in einen d3-Spanier über, was die perfekte Möglichkeit ist, noch einmal an Peters Videokurs zu dieser Variante zu erinnern:

Danach entwickelte sich bald eine Stellung aus der Zaitsev-Variante im Spanier. Einer Eröffnung, dessen Theorie bereits in den 70er Jahren ausgearbeitet wurde und womit Magnus in seinen jungen Jahren viel Erfahrung gesammelt hat. Es folgten einige Ungenauigkeiten von Alireza, unter anderem 13.a3?!, 14.d5? (statt 13.d5! sofort). Mit Zug 20 stand Firouzja bereits mit dem Rücken zur Wand:


Hier spielte Firouzja 20.Sf1?!, wozu Svidler sagte:

Scheinbar der natürlichste Zug in der Stellung, aber danach, mit präzisem Spiel, kann man das Argument vorbringen, dass die Partie nicht mehr zu retten ist. Insbesondere gegen Magnus an einem guten Tag.

Ein besserer Versuch bestand in 20.Sb1! mit der Idee, 21.Sa3 zu spielen und zu hoffen, die Defensivreihen am Damenflügel zu schließen. Stattdessen signalisierten die Computer in der Partie, obwohl es keine auffälligen taktischen Möglichkeiten gab, dass Weiß mit den restlichen Figuren alsbald auf Verlust stand.

Alireza wird von Carlsen überspielt und er scheint das auch zu wissen

Es war ein perfektes Beispiel für "Angreifen ohne zu opfern", das Thema von Carlsens allererster Video-Serie, die (zufällig) am Morgen der Partie veröffentlicht wurde (mit einem Premium-Account kannst du diese Videoserie sehen - nutze also den Gutscheincode TATA2020, um 30% auf die Mitgliedschaft zu erhalten... zumal die Preise nächste Woche ansteigen werden!)

Magnus sagt in der Einleitung, dass er etwas überrascht war, als ihm das Thema für eine Serie vorgeschlagen wurde, denn "angreifen, ohne Material aufzugeben, das klang für mich, als ob das genau das ist, was alle wollen - das ist der Traum!" Wie er aber auch erkannt hat, ist das viel leichter gesagt als getan.

Magnus hatte es am Tag zuvor auch gegen Nikita Vitiugov getan, aber es gab eine weitere kuriose Parallele zwischen den beiden Partien. Nikitas Aufgabe sah verfrüht aus, da das Material noch ausgeglichen war und es keinen unmittelbaren K.o.-Schlag gab. Alirezas Aufgabe war verständlicher, da er in großer Zeitnot eine Figur zu verlieren drohte:

Noch nicht jetzt, Kindchen! Magnus Carlsen holt einen absolut dominanten Sieg gegen den 16 Jahre alten Alireza Firouzja, den er in der Tabelle nun eingeholt hat

40.Sxf1 verliert natürlich wegen der Gabel 40...Sxe4+, aber wie Svidler betont, "ist dies wohl bei weitem die beste Stellung, die [Firouzja] in den letzten 10 Zügen hatte". Nach 40.Kxf1! Lxd2 41.Lxe5! ist die Fesselung des Springers auf f6 unangenehm. Magnus hätte nichts Besseres als 41...Lc3 42.Tc1 Lxe5 43.Txc8 und plötzlich gibt es ein Endspiel Springer und Läufer gegen Turm, das Schwarz gewinnen sollte. Aber wie Peter anmerkte, "ab und zu werden diese Stellungen von dem Spieler mit dem Turm doch noch gerettet". Er fasste zusammen:

Mit diesem kleinen Schönheitsfehler ist es immer noch ein positionelles Meisterwerk, aber da er weiß, wie sehr er ein Perfektionist ist, wird er etwas verärgert sein, dass er die Partie nicht stilvoll beendet hat.

So oder so, ein Traumergebnis für den Weltmeister. Damit hat er nicht nur seinen ärgsten Konkurrenten signalisiert, dass mit ihm noch zu rechnen ist, sondern er hat auch Kontakt zum Führenden hergestellt.

Magnus weiß, was ein Weltmeister tun muss. Vishy hat ihn auch häufig verprügelt, als Magnus noch ein Kind war und während er erwachsen wurde...

Magnus sagte zur Partie:

Offensichtlich bin ich jetzt sehr glücklich... so glücklich, wie man sein kann, wenn man einen 16-Jährigen schlägt und nach 9 Runden nun bei +2 steht!

Es war einer jener Tage, an denen es fast so aussah, als wollten die anderen Spieler nicht von der Hauptattraktion ablenken, auch wenn einige von ihnen es versuchten. Hier ist die After-Show des kanadischen GM Pascal Charbonneau, der das Geschehen des Tages als Ganzes betrachtet:

Jorden, Artemiev und Duda verpassen Siege knapp

Fabiano Caruana war der größte Nutznießer von Carlsen Sieg, da er nach einem kurzen Abgleich der Eröffnungsanalysen mit Nikita Vitiugov remisierte und damit die alleinige Tabellenführung eroberte.

Fabiano Caruana hatte einen ruhigen Tag vor sich und ist nun in der angenehmen Situation, dass alle seine restlichen Gegner jeweils am Tag zuvor gegen Magnus antreten müssen! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

So-Giri unterschied sich erst im 28. Zug von der ersten WM-Partie Kramnik-Anand in Bonn und wurde drei Züge später remis gegeben, während Anand-Dubov mit nur 19 Zügen die kürzeste Partie des Tages war. Vishy hatte die Niederlage gegen Caruana aus Gewinnstellung heraus noch nicht verdaut und kommentierte folgendermaßen seine Situation:

Im Allgemeinen war es nach der letzten Partie sehr schwierig, zu spielen. Hätte ich etwas Interessanteres bekommen, hätte ich mich vielleicht selbst überzeugt, aber das war ein bisschen fad..

"Heute habe ich versucht, nicht zu lachen", sagte Daniil Dubov darüber, wieder im Rossolimo-Sizilianer getestet zu werden. Daniil sagte, er sei auf Plan A umgestiegen, als Vishy die Variante wiederholte, die Caruana zwei Runden zuvor gegen ihn gespielt hatte. Er hatte damals Plan B gewählt, da er seine Notizen vor der Partie nicht überarbeitet hatte und etwas Einfacheres wählen wollte. Plan A wäre vielleicht nach hinten losgegangen, aber nur, wenn Vishy die Lust gehabt hätte, weiterzuspielen.

Die übrigen Partien waren viel härter umkämpft und drehten sich alle um das Thema Festungen. Vladislav Artemiev schien auf Kurs zu sein und Yu Yangyi zu besiegen, verpasste aber den Moment und konnte trotz eines zusätzlichen Bauern keine Fortschritte machen.

Duda-Xiong war die längste Partie des Tages im Masters| Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Duda-Xiong dauerte 79 Züge, aber auch hier reichte ein zusätzlicher Bauer nicht für Jan-Krzysztof Duda, der nicht mehr jeden Tag das gleiche Ergebnis wie Magnus erzielen konnte. Bleibt nur noch Kovalev-van Foreest, die andere Partie des Tages in der Masters-Gruppe:

Jorden sagte danach, dass er "improvisiert" habe, als ihm dieses Damenopfer in den Sinn kam und er auf die 6.De2 Variante im Najdorf mit 6...g6 antwortete. Sein Gegner sagte ihm danach, dass er sich daran erinnere, dass ...g6 "sehr schlecht" sei, weil es das "sehr starke" 9.e5 zulasse. Kovalev hatte 9...Da5 erwartet, was zumindest erklärte, warum er nach 9...dxe5 in ein 29-minütiges Nachdenken verfiel!

Jorden hätte zu Caruana in der Führung aufschließen können | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Es ist wahrscheinlich, dass Vladislav etwas verwechselt hat, denn in der Tat ist das Spiel von Schwarz in Ordnung. Aber Schwarz muss auch die Dame nach 10.Se6 oder 10.Nf5 opfern, wonach das dynamische Gleichgewicht ungestört ist. Stattdessen verfiel er auf 10.Sf3?! und stand bald deutlich schlechter. Es folgten jedoch seltsame Wendungen in der Partie und Jorden landete in einer Stellung mit Turm gegen Läufer:


Trotz Mehrqualität kann Schwarz hier nicht gewinnen, auch wenn er die weißen a-Bauern gewinnt. Jorden realisierte, dass Weiß hier eine Festung hat - versuchte es aber noch weitere 36 Züge. Im Anschluss kommentierte der Niederländer:

Meine Stellung war sehr gut, vermutlich an einigen Stellen gewonnen, aber was soll ich sagen... ich habe vergessen, dass es diese Festung gab.

Das Nutzen des Worts "vergessen" zeigt, dass Jorden auf dem besten Weg ist, ein Super-GM zu werden!

Wie klingt man wie ein Super-GM, Lektion 1: Nutze immer "ich habe vergessen" und niemals "ich übersah" :)

In der Tabelle half das Remis nicht weiter, da Jorden Caruana so nicht einholen konnte. Stattdessen bleibt er im bärenstarken Verfolgerfeld, zu dem noch Carlsen, So und Firouzja gehören:


Eljanov wurde eingeholt

Pavel Eljanovs alleinige Tabellenführung endete, als er gegen Dinara Saduakassova über ein Remis nicht hinauskam und sie somit ihre Serie von fünf Niederlagen in Folge stoppen konnte. Eljanov wurde von der Nr. 1 der Setzliste, David Anton, der sich mit Schwarz gegen Nils Grandelius in weniger als 20 Zügen eine Gewinnstellung erarbeitete und Erwin l'Ami, der in einem scheinbar harmlosen damenlosen Mittelspiel gegen Rauf Mamedov einen vernichtenden Sieg erzielte, eingeholt. 

Eine der denkwürdigsten Partien des Tages war die Partie zwischen dem 18-jährigen Australier Anton Smirnov und dem 15-jährigen Nodirbek Abdusattorov aus Usbekistan. Die meiste Zeit der Partie lief für den Spieler aus Down Under wie am Schnürchen. Mit Mehrqualität verpasste er jedoch einige Möglichkeiten zum direkten Gewinn:

Mit dem 80. Zug verflüchtigte sich der weiße Vorteil und mit Zug 90 stolperte Anton sogar in eine Verluststellung. Das lag an einem wunderschönen taktischen Detail, das man leicht übersehen kann:


Wenn Schwarz auf d3 schlägt, wird das Bauernendspiel mit einer Punkteteilung enden. Aber Nodirbek spielte stattdessen sofort 89...Ke6!! Das macht einen großen Unterschied (die Dame geht nirgendwo hin). Schwarz gewann in 96 Zügen und ließ Abdusattorov vier Runden vor Turnierende nur einen Punkt hinter den Führenden zurück.

Die wichtigen Partien am Mittwoch werden Caruana-Firouzja (niemand hat gesagt, dass es für Alireza leicht sein wird!) und Carlsen-Kovalev sein, wobei Magnus zweifellos drauf aus sein wird, seinen dritten Sieg in Folge unter Dach und Fach zu bringen.

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