Berichte 15.01.2019 | 17:21von Colin McGourty

Tata Steel 2019, 2: Die Holländer schlagen zurück

Anish Giri gewann seine dritte Partie in Folge gegen Vladimir Kramnik und Jorden van Foreest konnte Jan-Krzysztof Duda in Zeitnot überspielen, womit die niederländischen Vertreter in Runde 2 der Tata Steel Masters ein erfolgreiches Comeback hatten. Die anderen Partien endeten Remis, wodurch Magnus Carlsen seine Remis-Serie auf 19 erhöhte, Magnus genoss nach eigener Angabe seinen “kurzen aber aufregenden” Kampf gegen  Ian Nepomniachtchi. Sam Shankland kam gegen Richard Rapport erneut quälend nah an einen Sieg und bereute gegen Ende des 7-Stunden-Kampfes mit Sicherheit, dass Bauern nicht rückwärts ziehen können. 

Traue niemals deinem Gegner| Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite

Du kannst alle Partien hier nachspielen:

Unser Kommentatoren-Duo mit Jan Gustafsson and Peter Svidler blieb bis zum bitteren Ende:

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Die Holländer schlagen zurück

Team Giri vor der Runde - seine Sekundanten Vidit und Erwin l'Ami spielen auch beide in Wijk aan Zee | Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite 

„Nach dem Desaster gestern war heute wieder eins, also war ich mental darauf vorbereitet", so fasste Anish Giri die Eröffnung gegen Vladimir Kramnik zusammen. Der ehemalige russische Weltmeister spielte einen umgedrehten Sveshnikov (mit den Weißen Steinen, nicht den Schwarzen!), bereitete clever den Durchbruch seines f-Bauern vor und hätte große Chancen gehabt die Partie zu ihrem logischen Ende zu führen, hätte er in Zug 19 eine andere Entscheidung getroffen:


19.g3! hätte den Druck auf den schwarzen König weiter erhöht, doch stattdessen spielte Kramnik etwas, das Giri als „sehr schlechten Zug" bezeichnete., 19.e5?! 


Ich war sehr froh als er e5 spielte, denn ich sah bereits jetzt die Konturen eines Qualitätopfers à la Petrosian vor mir und dachte für mich selbst, dass ich wahrscheinlich sowieso verlieren würde, aber anders als gestern, wo ich wie ein betrunkener Tal spielte, würde ich heute wie ein betrunkener Petrosian spielen - etwas um ein wenig Freude nach zwei Niederlagen in Folge zu finden. Und dann habe ich nicht einmal verloren, also war ich sehr glücklich!


Das Qulatitätsopfer kam aufs Brett nach 19…b6 20.Lf3 La6 21.Tf2 c5!?

Carlsen glaubt, dass er jede Runde gegen Giri spielt und jetzt glaubt Giri, dass er Carlsen ist und tritt dem „Opfer-die-Qualität"-Club bei!


Giri und die Computer glauben, dass Kramnik den Turm auf a8 hätte schlagen sollen, aber stattdessen entschied er sich jetzt 22.g3? zu spielen, ein Zug der nach 22…cxd4 or 22…Rc8 mehr oder weniger sofort verlieren sollte. Giri spielte stattdessen 22…fxg3!? und gab zu, dass der Grund für diesen Zug ein Rechenfehler war, denn nach 23.Txg3 cxd4 24.cxd4 funktioniert 24…Qxd4 wegen  25.e6! nicht. Doch nach 24…Rc8 brannten bei Kramnik erneut die Sicherungen durch und er spielte 25.Qf5?!


Die Drohung ist das sehenswerte 26.Qxf7+ Kxf7 27.Bd5#, aber Giri kommentierte:

Nachdem ich gerade auf einen Trick reingefallen bin, hat er wohl gehofft, dass ich wieder patze und hat das sehr hübsche Dxf7+ nebst Abzugsmatt gedroht. Aber meistens gewinnt man seinen Fokus nach einem Patzer wieder zurück und versucht einen weiteren zu vermeiden.

25…Lc4! stoppte den weißen Spaß und wenn man eine letzte Stellung zum Abschluss zeigen möchte, ist es die nach 30…Sf4!:


Schwarz „übersieht” die einzige weiße Idee 31.Lf8 zu spielen, doch Schwarz kann einfach seine Dame mit 31...Txf8 abgeben und hat eine gewonnene Stellung. Kramnik versuchte mit 31.Rd4 in der Parie zu bleiben, aber sein Erfolg wurde darauf beschränkt es, auf Inkrement spielend, bis zur Zeitkontrolle zu schaffen. Schlussendlich gab er sich nach 42 Zügen geschlagen, die beiden Wenigerbauern waren zu diesem Zeitpunkt schon seine geringste Sorge.


Giri gewinnt seine 3. Partie in Folge gegen Kramnik und ihm gelingt ein mitreißendes Comeback nach seiner gestrigen Niederlage - wie Jan es ausdrückte: „Zurück in seine Komfortzone, 50%!" :)


Es ist eine beeindruckende Wende für Giri in seinen Zusammentreffen mit Kramnik. Giri sieht den Grund  darin, dass der Spieler den er beim Kandidatenturnier in Berlin unterstützte ein wenig seiner Qualität eingebüßt hat. 

Es ist ziemlich unglaublich, denn wenn man die Remise nicht mitzählt, habe ich sieben mal in Folge gegen ihn verloren (und es gab nicht viele Remise) und jetzt habe ich die letzten 3 Partien gewonnen, was erstaunlich ist. Ich denke es hat hauptsächlich damit zu tun, dass sein Level deutlich abgefallen ist und ich das auch gesehen habe. Heute war es in seiner Hand, er hätte gewinnen können. Zu seiner besten Zeit hätte er es gewonnen, er hätte g3 statt e5 gespielt. Aber gut - es ist normal. Menschen werden älter und natürlich wird er hin und wieder eine brillante Partie spielen, aber alles in allem ist sein Level wohl gefallen. 

Hier könnt ihr Anish sehen, wie er über seine Partie und auch seine Niederlage am Vortag spricht.

Er könnte auch wieder auf Spur kommen und Magnus trollen, der in einem Interview nach seiner Partie zum zweiten Mal in Folge den Eindruck erweckte, dass er seinen Gegner für Giri hielt.

Carlsen über die heutige Partie gegen Nepomniachtchi, der Giri in R1 schlug: „Er überraschte mich mit der Eröffnung, vielleicht weil er die erste Runde verloren hat und sich revanchieren wollte.

Eine verloren, eine gewonnen und zwei interessante Remise gegen @MagnusCarlsen, der weiterhin daran zu glauben scheint. Soweit ein solider Start in @TataSteelChess.


Ein Spieler der sich mit Sicherheit nicht verschlechtert, ist der 20-jährige polnische Großmeister Jan-Krzysztof Duda, aber am Sonntag verlor er gegen den 19-jährigen Jorden van Foreest. 

Duda-Van Foreest in Wijk aan Zee | Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite

Was der Holländer anscheinend von seiner Niederlage gegen Vishy Anand mitgenommen hat war „Spiele Caro-Kann", aber er war nicht zufrieden mit der Eröffnung:

Ich dachte ich stand klar schlechter im frühen Mittelspiel, dann geriet ich in Zeitnot und habe irgendwie überlebt.

Wahrscheinlich hat die Niederlage am Vortag an seiner Zuversichtlichkeit gerüttelt, denn obwohl die Stellung auf Messers-Schneide war, war sie doch nie wirklich besser für Weiß. Weiß war tatsächlich nahezu dazu verpflichtet Matt zu setzen, um die strukturellen Schwächen zu rechtfertigen, aber es gab keinen klaren Weg das zu tun und in beiderseitiger Zeitnot war es Jorden der besser herauskam.


Wäre der weiße Bauer schon auf g5, würde Jan-Krzysztof auf Gewinn stehen, doch nach 38…g5! steht Schwarz überall besser. 39.Dh2 Sd2 40.Tc3 (beschleunigt das Ende) 40…Da4! und die weiße Sache war bereits hoffnungslos, auch wenn die Aufgabe erst in Zug 50 kam. Es sieht wieder besser aus für Jorden! 

Es fühlt sich großartig an, vor allem weil es so unerwartet ist – Ich dachte ich würde verlieren.

Wie sicher sind wir, dass Duda kein Bier auf der Arbeit getrunken hat? 

Nein, Duda hat kein Pale Lager in der 2. Runde von Tata Steel Chess ans Brett gebracht.



Fünf sehr verschiedene Remise

Mamedyarov-Radjabov wurde das 12. schnelle Remis zwischen den beiden Spielern aus Aserbaidschan, zumindest von außen sah es jedoch nach einem taktischen Gemetzel im frühen Mittelspiel aus, bevor es später ruhig ausklang.

Shakhriyar Mamedyarov kam dieses Jahr noch nicht ins Rollen | Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite 

Ding Liren-Vidit beinhaltete eine Neuerung in Zug 6 von der chinesischen Nummer 1 und ein enorm kompliziertes Mittelspiel, das, wie sie sagten, „genauer studiert werden müsste". Fürs erste kann man hier Vidit kommentieren sehen.

Anand-Fedoseev wärmte Peter Svidler’s Herz denn es war, “einer der seltenen Fälle in denen ich und die Jungs Arbeit geleistet haben, die den Test der Zeit bestanden hat". Bis hin zu  17.Lf4 folgten die Spieler im Petroff der Partie Svidler-Ivanchuk von Linares/Morelia 2007:


Peter erklärte die Idee dahinter mit Weiß in dieses Endspiel zu gehen. Bei Schwarz wäre alles in Ordnung, wenn er das Feld b8 kontrollieren würde, aber da der Läufer das Feld angreift, kann Weiß von einem Bauernsturm am Damenflügel träumen mit Zügen wie a4, b4 und b5. Fedoseev’s 17…Tfc8 statt Ivanchuks 17…Tfe8 war der erste neue Zug, doch obwohl der Kampf spannungsgeladen war, wurde schlussendlich ein Remis nach 34 Zügen vereinbart.

Die Jacke wurde früh ausgezogen | Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite

Carlsen-Nepomniachtchi erhellte erneut den Rundenanfang, denn fast bevor wir es wussten, hatte Carlsen es geschafft eine weitere Qualität zu opfern.

Das wird wild! Nepomniachtchi gibt einen Bauern ab und Carlsen antwortet, indem er  eine Qualität opfert - schon wieder!


Die Geschwindigkeit war die einzige Sache, die den Enthusiasmus dämpfte. Ian Nepomniachtchi sagte er habe 1.d4 nicht erwartet, konnte aber ein Remis machen mit der Variante, die er vor 2 Jahren gegen Levon Aronian bei der gleichen Veranstaltung vorbereitet hatte. Er erinnerte sich an den Schlüsselzug 20…f5!


Aus menschlicher Sicht, besonders wenn man diese Stellung zum ersten mal sieht, wirkt es so als sei Schwarz in großen Schwierigkeiten - zwei Läufer, schwache schwarze Felder und so weiter, aber tatsächlich ist die Idee f5 sehr stark- Ich habe schnell eine Schwäche auf d5 geschaffen. 

Magnus kommentierte, „Offen gesagt, Ich habe mich nicht wirklich an viel erinnert, abgesehen davon, dass das Qualitätsopfer als spielbar gilt"  und behauptete „wahrscheinlich etwas geblufft zu haben", indem er so schnell zog." In der Partie gab es einen sehr denkwürdigen Moment:


Nichts ist verkehrt mit 28.Sxf1, doch Magnus entschied sich für ein weiteres Opfer mit 28.bxa6!? und nach  28…Sxg3 29.hxg3 hat Weiß einen Turm für drei Bauern weniger. Einer der Bauern ist kurz davor sich umzuwandeln, doch die Aufregung war kurzlebig. Magnus:

Zuerst war ich aufgeregt diese Idee zu sehen, doch als er 29…Rb8 zog beruhigte ich mich schnell und sah, dass eine ziemlich tot-remise Stellung entsteht.

Schwarz gibt eine Figur zurück – 30.Txb8 Txb8 31.Lxf6 und nach 31…Ta8 32.Sd1 gab es einen Handschlag.

Nepomniachtchi und Carlsen scheinen beide zufrieden mit dem Turnierstart zu sein.| Foto: Alina l'Ami, offizielle Turnierseite

Ian war zufrieden mit 1.5/2 gegen die beiden Spieler, die letztes Jahr geteilt Erster wurden.

Ding Liren hat seinen eigenen Rekord mit 100 Partien in Folge ohne Niederlage und ich habe dieses Jahr schon zwei Partien in Folge nicht verloren, ist das nichts?

Und hier ist Carlsens Blick auf die Partie:

Damit bleibt die Partie übrig, die unsere Kommentatoren für volle 7 Stunden beschäftigte und wegen der keine Zeit für eine Zusammenfassung blieb: Rapport-Shankland. Bis zu einem bestimmten Punkt war die Partie recht symmetrisch und standardmäßig und dann kam 13.c4?!

Peter: „Das ist ein Richard Rapport Zug. Ich sage nicht, dass er schlecht ist. Es ist nur so, dass mein kompletter Ansatz an Schach mich daran hindern würde zu sehen, dass dieser Zug eine Option ist"

Jan: "Und Sam hat ein Buch geschrieben, das verdeutlicht, dass Bauern nicht rückwärts ziehen können."

Peter: "Also trollt Richard ein bisschen?"



Trotz des Chaos das Richard anschließend auf dem Brett säte, gelang es Shankland methodisch die weißen Schwächen in Augenschein zu nehmen und es wäre geradezu poetische Gerechtigkeit gewesen, wenn sein Zug hier in einem klaren Sieg von Schwarz münden würde:


50…Sxc4?! sieht nach einer Bestrafung dafür aus den c-Bauern vorgezogen zu haben (obwohl dieser c-Bauer tatsächlich auf b2 gestartet ist), doch nach dem unerwarteten 51.Lf2!! musste Sam die Partie plötzlich noch einmal von vorne gewinnen, in einem sehr trickreichen 3 gegen 2 Springerendspiel. 

Ob es nun objektiv gewonnen war oder nicht, In Zug 74 hatte Schwarz einen Endspieldatenbank-Sieg, doch 74…h5 verdarb alles:

Selbst wenn man ein Buch über Bauern geschrieben hat, bleibt Schach unfassbar hart! 74...h6! war ein Sieg laut Endspieldatenbank, aber nach 74...h5 hält Rapport (bei bestem Spiel).


De Unterschied mit 74…h6! scheint zu sein, dass der schwarze König nach wie vor das Feld h5 zur Verfügung hat uns somit die Festung eines Springers auf g6 und eines Bauern auf h4 brechen kann, die wir später in der Partie zu sehen bekamen. 

Mit dem Bauern noch auf h6 gewinnt Schwarz den h-bauern mit Kh5.

Nach 6 Stundem am Brett war dieser Fehler völlig verständlich, auch wenn man den US Star sicherlich dafür kritisieren kann, dass er für diese kritische Entscheidung nur 2 seiner verbleibenden 25 Minuten verbrauchte. In der Partie konnte Schwarz den h-Bauern nur auf Kosten des c4-Bauern gewinnen und Rapport hatte keine Schwierigkeiten ein 94-Züge Remis in einer 7-Stunden-Partie zu halten. Das sind bereits 2 verpasste Chancen für Sam in Wijk aan Zee, aber er lässt seine Gegner definitiv hart arbeiten. 

Keymer und Maghsoodloo gewinnen

Überraschenderweise gab es auch bei den Herausforderern nur 2 entschiedene Partien:

Das war eine Überraschung, denn Praggnanandhaa and besonders Lucas van Foreest mussten sich gegen Vladislav Kovalev and Dinara Saduakassova aus scheinbar hoffnungslosen Stellungen zurückkämpfen. 

13-year-old Praggnanandhaa managed to avoid starting with two defeats | photo: Alina l'Ami, official website


Gewinnen konnte der 14-jährige Deutsche Vincent Keymer,der überzeugend den Letztgesetzten Stefan Kuipers schlug und Parham Maghsoodloo, der von seiner Niederlage am Tag zuvor zurückkam und Elisabeth Paehtz besiegte. Sie leistete Widerstand, doch  56.g5+! war ein hübscher letzter Feinschliff des Jugendweltmeisters:


Geht der König auf ein weißes Feld, wird Parham mit Schach Material einsammeln und geht er auf ein schwarzes Feld, kann er die Partie stilvoll mit einer Springergabel beenden - z.B. 56…Kg7 57.Dxd8! Dxd8 58.Se6+. Stattdessen gab Elisabeth auf.

Somit haben wir immer noch zwei Führende bei den Tata Steel Masters, Ian Nepomniachtchi und Vishy Anand mit 1.5/2, und ihre 3. Runde wird sicherlich sehenswert sein: Nepomniachtchi-Kramnik und Shankland-Anand. Vidit-Carlsen wird ein weiterer faszinierender Kampf, also stellt sicher morgen ab 13:20 MEZ nichts mit Jan und Peter auf chess24 zu verpassen: Tata Steel Masters | Challengers

Siehe auch:


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