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Berichte 20.01.2018 | 12:09von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R6: Hätte, Wenn und Aber

“Hätte, Wenn und Aber”, meinte Wesley So zu der Tatsache, dass er in Runde 6 des Tata Steel Masters gegen Wei Yi auf Verlust stand. Statt der möglichen Niederlage holte er seinen zweiten Sieg in Folge und verbesserte sich auf Platz 3 in der Live-Elo-Rangliste. Für die Führung im Turnier reichte das aber nicht, da Shakhriyar Mamedyarov aus schlechter Stellung heraus gegen Adhiban ebenfalls den vollen Punkt holte und seine Elo auf den neuen persönlichen Rekord von 2813,3 verbesserte. An den anderen Brettern verpasste Vladimir Kramnik eine gute Chance gegen Gawain Jones, Höhepunkt der Runde war aber das spektakuläre Remis zwischen Svidler und Carlsen, das Jan Gustafsson für euch analysiert hat.

Mamedyarovs übernahm durch seinen Sieg gegen Adhiban die alleinige Führung | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Sämtliche Partien des Tata Steel Masters könnt ihr mit Klick auf das Ergebnis bzw. die Runde hier nachspielen:

Svidler ½-½ Carlsen: “Ein guter Tag”

Svidler mit seinem neuen Armbändchen | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Nach zwei Partien zum Vergessen verbrachte Peter Svidler den Ruhetag bei der Hearthstone-WM in Amsterdam (hier geht es zu sämtlichen Twitter-Einträgen):

Diese doch eher ungewöhnliche Vorbereitung auf die Partie gegen den Weltmeister musste er hinterher nicht bereuen:  

Diese Partie zeigt exakt, warum es die richtige Entscheidung war, denn selbst wenn ich mich anderthalb Tage vorbereitet hätte, wäre 1.c4 e6 2.Sc3 Lb4 nicht auf mein Analysebrett gekommen. Da ich auf diese Zugfolge nie gekommen wäre, bin ich mit meiner Entscheidung umso zufriedener. Das war gestern ein sehr schöner Tag.

Der Eröffnungsverlauf war jedoch keineswegs so ausgefallen, denn bei seinem Sieg gegen Vladimir Kramnik hatte Anish Giri zunächst die selbe Stellung auf dem Brett, ehe Big Vlad mit 3…La5 das bei Svidler-Carlsen gespielte 3…c5 4.Nb5 verhinderte. Svidler kritisierte sein “unglaublich dummes“ Spiel in der Eröffnung, das aber zu “einer tollen Partie mit vielen Möglichkeiten für beide Seiten führte”. Wie Kramnik in der Runde zuvor dachte auch Svidler, dass er Magnus am Rande der Niederlage hätte, doch der Weltmeister fand eine brillante Verteidigung.

Magnus löste seine Stellungsprobleme in den beiden letzten Partien auf brillante Weise  | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Svidler fasste zusammen:

Bei einem Remis kann man unabhängig vom Gegner nie begeistert sein. Natürlich ist es gegen Magnus ein gutes Ergebnis, verändert aber nicht mein Leben. Die Partie hat Spaß gemacht ... ich spiele gern Partien, die in ästhestischer Hinsicht gelungen sind. Insofern war es ein guter Tag.

Die Post-mortem-Analyse wurde live übertragen, sie beginnt an der Stelle, an der Magnus seinen Zug 12…h5 (den der Computer als besten ansieht) “als absoluten Hirnfurz” bezeichnete:

Jan Gustafsson hat diese unterhaltsame Partie für euch kommentiert:


Am Vortag hatte Magnus sich noch mit Basketball vergnügt:

Wei Yi 0-1 Wesley So: "Ein Fehler und ich bin tot" (So)

Seine Zeiteinteilung macht Wei Yi auch in Wijk aan Zee immer wieder zu schaffen | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Noch spannender als Svidler-Carlsen war diese Partie, in der Wei Yi statt der normalen Rochade mit g4 wüste Verwicklungen anzettelte. So räumte ein, dass er die Stärke dieser Idee unterschätzt habe, und setzte schließlich voll auf einen Gegenangriff gegen den in der Mitte stecken gebliebenen weißen König. Die Stellung war extrem scharf, was sich etwa darin zeigt, dass 25.bxa6! der einzige Zug war (25.Dd6 Tc1+!), denn Weiß brauchte das Damenschach auf b5, um das Feld f1 zu verteidigen. Wei Yi griff aber einmal mehr in Zeitnot fehl und fand nicht die richtige Antwort auf das giftige 25…Dh8!?


Plötzlich droht Schwarz mit Da1+ nebst Schlagen auf f1 mit Matt, und die Frage lautet, was die richtige Antwort ist. 26.d4 sofort oder 26.Db5+ und danach d4 wären gute Züge gewesen, obwohl Schwarz in der Folge forciert einen gefährlichen Freibauern auf der h-Linie bekommt. 26.Dd4 wäre vermutlich am einfachsten und sichersten gewesen, doch stattdessen spielte Wei Yi 26.Td4?, und der gesamte Vorteil war futsch. 

Plötzlich kämpft Wesley So um den Turniersieg |Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Es sollte noch schlimmer kommen. Nach 26...Lxf1 spielte Wei Yi mit 27.Db5+?! den Zug, der in vielen Varianten notwendig gewesen wäre, doch hier waren 27.Lxf1! und 27.Txd8+ stärker und hätten zum Remis geführt. Stattdessen folgte 27…Sc6 28.Lxf1 Txf1+ 29.Kxf1 Dh1+ 30.Ke2 Dh5+!


Wesley So erzwingt damit Damentausch, doch der unglückliche Turm auf d4 wird mit einem Zwischenschach geschlagen, ehe Schwarz zurücknimmt. Mit einer Qualität mehr gewann So nach 41 Zügen, und nach einem durchwachsenen Start lag der Titelverteidiger plötzlich mit +2 an der Spitze des Feldes (Mamedyarovs Partie lief da noch).

Auf den Hinweis, dass er durchaus verlieren konnte, antwortete Wesley:

So ist es eben beim Sport! Hätte, Wenn und Aber – es hätte viel passieren können. Er hätte das Remis forcieren können, er hätte 1.e4 spielen können, und natürlich hätte ich verlieren können, doch am wichtigsten ist das Ergebnis, das am Ende herauskommt… Die Partie war sehr kompliziert, und der Herr hat mich mit diesem Sieg beschenkt, wofür ich ihm danke.

Adhiban 0-1 Mamedyarov: "Zu viele Fehler" (Shak)

Wie es aussieht, wird Adhiban seine letztjährigen Glanztaten dieses Mal nicht wiederholen können | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Nach Sos Sieg stellte sich im Grunde nur die Frage, wie viele Spieler nach der Runde gemeinsam in Führung liegen würden, doch dann gelang es auch Shakhriyar Mamedyarov mit Schwarz eine Verluststellung zum Sieg zu führen. Zuvor hatte Shak noch über seinen neuen Stil, das “Rentnerschach”, gewitzelt, gegen Adhiban war er aber wieder ganz der Alte:

Vor zwei Tagen lag ich richtig. Ich musste sehr solide spielen und hätte mich in ausgeglichener Stellung auf ein Remis eingelassen. Heute war die Stellung remis, aber ich wollte weiterspielen und stand auf Verlust.

Shak hatte keine Erklärung, warum er seine Türme auf die Felder d7 und e7 gestellt hatte, meinte aber, dass er in Zeitnot sehr schlecht gespielt habe und nach dem 40.Zug wegen der starken weißen Freibauern einfach auf Verlust stand. 44…Td3! jedoch drehte die Partie zu seinen Gunsten:


Die überraschende Drohung ist h5 mit Damenfang. Die richtige Antwort war 45.Te3!, doch Adhiban spielte das natürliche 45.Le3?, um seine beiden Türme auf der Grundreihe zu behalten und den b-Bauern zu stoppen. Das erlaubte aber 45…Ta3 (bzw. das noch spektakulärere 45…Dxe1+! 46.Txe1 Txe3!), wonach wieder alles offen war. Auch danach wäre ein Remis das vermutlich “gerechte Ergebnis“ gewesen, doch Mamedyarov hat einen Lauf und konnte den ganzen Punkt einfahren:

"Mamedyarovs Mut zahlt sich aus. Nach seinem Sieg gegen Adhiban übernimmt er zur Halbzeit die alleinige Führung und hat eine Live-Elo von 2813,3!" 

Nach der Partie sprach er mit Fiona Steil-Antoni:

Vor Turnierbeginn war Caruana die Nummer 2, Mamedyarov die Nummer 3 und So die Nummer 6, doch nun sieht das Bild so aus:

Mamedyarov unaufhaltsamer Aufstieg geht weiter | Quelle: 2700chess

Die anderen Partien endeten remis, wobei Kramnik-Jones durchaus einen Sieger hätte finden können, nachdem der Russe einige brillante Momente hatte:


18.Le3!! Ld3 19.Lxd4 Lxf1 20.Lxf1 und Weiß hatte seine Dame für Turm und Läufer geopfert. 

Kramnik verpasste wieder eine gute Chance | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Gawain Jones räumte hinterher ein, dass er nur noch auf seine Hinrichtung gewartet habe, doch Kramnik trieb seinen b-Bauern zu schnell nach vorne und ließ zu, dass der Brite ihn eliminieren konnte:  


28…Txb6! 29.Lxb6 Sxb6 30.Sxe7+ Kf8 31.Sd5 Lxe5 (von Kramnik übersehen) 32.Sxb6 Lxb2, wonach eher Kramnik aufpassen musste, bis das Remis im 41.Zug unterschriftsreif war. 

Sergey Karjakin spielte gegen Hou Yifan zum ersten Mal in seinem Leben Caro-Kann, doch die entstandene Stellung schätzte er als "recht knifflig" ein. Mit dem Remis in 32 Zügen verdoppelte er Hou Yifans Punktzahl und sprach Anish Giri ein Kompliment aus: “Er ist der neue König des soliden Schachs!”

Hou Yifan konnte die dritte Niederlage in Folge vermeiden | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Anish Giri trennte sich von Vishy Anand remis, nachdem der Inder ein Bauernopfer gebracht hatte, das er bei der Analyse einer Carlsen-Partie bei den London Chess Classic 2017 entdeckt hatte. Giri zeigte sich aber blendend vorbereitet und brachte die Partie mit dem Gegenopfer 15…d3! zu einem raschen Ende:


Ohne diesen Zug würde das Schlagen auf c5 wegen Tc1 verlieren, doch jetzt fällt der Bauer mit Schach, und nach 16.exd3 Dxc5+ 17.Dxc5 Lxc5+ 18.Kg2 Ld4 19.Sc3 Kd7 20.Tae1 reichte man sich die Hände.

Remis zwischen den beiden Spitzenreitern | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Vishy gab hinterher noch ein Interview!

Angesichts der vielen Zuschauer könnte man meinen, dies wäre die Partie des Tages gewesen | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Die letzte Partie, Caruana-Matlakov, verlief sehr scharf, und die Spieler dachten zum Teil länger nach, doch Maxim Matlakov erklärte hinterher, dass er einfach nur in seinem Gedächtnis nach seiner Vorbereitung gekramt hatte und alles schon auf dem Brett hatte:

Der Schlüsselmoment der Partie kam nach 27.Lf1:


Es sieht auf den ersten Blick so aus, als würde Weiß nach dem Gewinn des Bauern auf b3 auf Gewinn stehen, doch wenn es Schwarz gelingt, seinen Springer nach e3 zu manövrieren, sieht die Sache anders aus. Live-Kommentator Eric Hansen fand denn auch nach kurzem Nachdenken die Lösung 27…Sd7! 28.Txb3 Sb6!, und wenn Weiß den a-Bauern deckt, folgt Sc4-e3. Fabiano überlegte 45 Minuten, ehe er den Bauern mit 29.Kf2 aufgab, und bald darauf wurde Remis vereinbart.

Kurz vor der Halbzeit des Turniers sieht die Tabelle so aus:


Korobov baut seine Führung aus

Giri und Carlsen (sowie Bassem Amin) verfolgen eine Partie bei den Challengers | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Bei den Challengers konnte Anton Korobov seine Führung mit einem weiteren Sieg in Runde 6 auf einen Punkt ausbauen. 

Junioren-Weltmeister Aryan Tari war sein jüngstes Opfer, der Norweger kam mit der Neuerung 10.Nh3 nicht zurecht:


Anton meinte nach er Partie:

Heute brachte ich mit 10.Sh3 eine Neuerung, um meinen Gegner einzuschüchtern. Ich hatte diesen Zug schon lange vorbereitet und war sehr froh, dass ich sie nun aufs Brett bringen konnte. Das Problem ist, dass Schwarz sich ohne Vorbereitung auf sehr scharfe Komplikationen einlassen müsste, daher spielte mein Gegner 10…Lxh3, wonach Weiß aus meiner Sicht besser steht.

Richtig lustig wurde es in dem Interview aber erst nach der Frage:

Du scheinst gut in Form zu sein, Anton?

Um ehrlich zu sein, bin ich zu dick und zu alt, um gut in Form zu sein. Vielleicht war das mein letzter Erfolg vor der Beerdigung. Wer weiß?

Hier das gesamte Interview mit Korobov, der dieses leider abrupt beendete, als es ums Rauchen ging!

In den anderen Partien der Challengers passierte recht wenig, aber es lohnt sich, noch einmal einen Blick auf Bassem Amins hübschen Sieg in Runde 5 zu werfen. Robin van Kampen erzählte während der gestrigen Live-Übertragung eine nette Geschichte. Beim Frühstück gratulierte er dem Ägypter zu dessen schöner Idee in einem 2…Sf6-Sizilianer. Doch Amin entgegnete “Nein, ich danke dir”, da er die Neuerung in Robins chess24-Videoserie entdeckt hatte!



In der 7.Runde hat Carlsen Weiß gegen Hou Yifan, und mit So-Giri, Anand-Kramnik und Mamedyarov-Wei Yi stehen weitere interessante Partien auf dem Programm! 

Das war doch ein guter Tag! | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Ches

Weiter geht es am Samstag um 13:30 Uhr mit Live-Kommentar auf Englisch und Spanisch: Masters | Challengers. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


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