Berichte 17.01.2018 | 11:45von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R4: Giri lässt sich von Carlsen nicht aufs Glatteis führen

Anish Giri liegt beim Tata Steel Masters weiterhin gleichauf mit Vishy Anand an der Spitze. Dank einer nächtlichen Eingebung hatte sich der Niederländer auf Carlsens überraschende Eröffnungswahl vorbereitet – der Weltmeister spielte zum ersten Mal seit sechs Jahren in einer Turnierpartie Französisch. Einen Sieger fanden die Partien von Vladimir Kramnik, der nach einem Schnitzer Peter Svidlers nach nur 24 Zügen den vollen Punkt holte, Wei Yi, der Gawain Jones überlistete, und Maxim Matlakov, der Hou Yifan niederrang. Fabiano Caruana verpasste dagegen die Chance, Wesley So in einer verrückten Partie zu besiegen.

Auftakt zu einer interessanten Partie! | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Auch in Runde 4 des Tata Steel Masters gab es drei Sieger, es hätten aber durchaus mehr sein können:

Die einzige Partie, die wir schnell hinter uns lassen können, ist Karjakin-Mamedyarov, da Sergey Karjakin in einer symmetrischen Stellung gegen seinen Sekundanten Shakhriyar Mamedyarov nie auch nur einen Hauch von Vorteil hatte. Überraschend war allerdings, wie lange sich die Partie hinzog.

Giri 1/2-1/2 Carlsen: Sticheleien

Anish Giri hatte seit Turnierbeginn immer wieder über dieses Duell in Runde 4 gesprochen und erklärte nun den Grund:

Ich wollte die Partie ein wenig aufbauschen, da er Druck nicht mag, außerdem bekommt man so ein wenig Aufmerksamkeit. Als ich das erste Mal gegen ihn gespielt habe, war ich klarer Außenseiter. Das gab mir ein gutes Gefühl, daher wollte ich wieder die Rolle des Außenseiters innehaben. Immerhin habe ich eine Menge Elo verloren, das hilft (lacht), und zudem habe ich mich mit absurdem Gerede umso mehr in die Außenseiterposition gebracht. Wie man sieht, ließ er sich heute auf schräge Ideen in der Eröffnung ein, man könnte also sagen, dass ich näher an einem Sieg dran war, als es wirkte. Natürlich ist er ein guter Spieler, und die Witzeleien machen Spaß.

Die “schräge Idee” von Magnus war, dass er auf 1.e4 nicht das erwartete 1…e5, sondern mit 1…e6 Französisch spielte - eine Eröffnung, die er zuvor jahrelang nur im Blitzen angewandt hatte:

Als die beiden Spieler in der extrem scharfen Winawer-Variante landeten, sah es so aus, als wäre Carlsen die Überraschung gelungen, doch Giri hatte am Abend vor der Runde eine Eingebung gehabt:

Natürlich bereitete ich mich im Grunde nur auf 1.e4 e5 vor, da alles andere eine Überraschung gewesen wäre, doch kurz vor dem Einschlafen kam mir in den Sinn, dass er vielleicht Winawer spielen könnte. In bestimmter Weise habe ich ihn also durchschaut, wobei ich diese konkrete Variante nicht vorbereitet hatte…

Erst dachte ich, ich will jetzt einfach einschlafen, aber dann hielt ich es für eine gute Idee und beschloss, mir das am nächsten Tag anzuschauen. Heute Morgen habe ich es mir angesehen … und als er 1…e6 spielte, war ich begeistert, da ich dachte, ich könnte 30 vorbereitete Züge aufs Brett knallen, aber dann ließ er überraschenderweise das Schlagen auf g7 zu.

GM Jan Gustafsson erklärt in seiner Partieanalyse nicht nur den Verlauf der Partie, sondern auch, was Giri vermutlich im Sinn hatte:


Nach der Partie gingen die Sticheleien weiter. Magnus Carlsen lächelte, als er gefragt wurde, ob ihn das bisherige Abschneiden Giris überrascht habe:

Nicht sonderlich. Er hat in den beiden ersten Runden sehr gut gepunktet und dabei eine Remisstellung (gegen Hou Yifan) und eine sehr dubiose Stellung nach der Eröffnung (gegen Kramnik) gewonnen.

Auf die Frage, ob ein Sieg gegen Giri auf niederländischem Boden etwas Besonderes für ihn gewesen wäre, meinte er:

Da ich ihn nur selten geschlagen habe, wäre ein Sieg natürlich etwas Besonderes gewesen, aber Anish ist ein sehr starker Spieler. Ungeachtet der ganzen Sticheleien, des ganzes Unsinns, den er erzählt, ist er immer noch sehr stark, und mit dem Remis heute bin ich absolut zufrieden.

Entschiedene Partien gab es an anderen Brettern... 

Kramnik 1:0 Svidler: Nicht schon wieder…

Auf dem Weg zum Desaster... | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Peter Svidler hatte am Tag vor der Partie erwähnt, dass er bei einem Rückblick auf sein Abschneiden in Wijk aan Zee festgestellt habe, wie schlecht seine Resultate gegen Vladimir Kramnik mit Schwarz waren. Seine Niederlagen aus den Jahren 2004 und 2005 liegen zwar schon 13 Jahre zurück, doch gestern verlief die Partie ganz ähnlich, als Kramnik seine Bilanz gegen seinen Landsmann auf 9 zu 1 Siege in Turnierpartien verbessern konnte.

Kramnik erklärte:

Ich spielte das recht neue 9.Sc3 und erhielt ziemlich klaren Vorteil. Die Stellung und das entstehende Endspiel sind für Schwarz ziemlich unangenehm, und als Peter die Stellungsprobleme taktisch lösen wollte, hat er sich offenbar verrechnet.

Big Vlad liegt nach vier Runden wieder bei +1 | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Kramnik enthüllte hinterher, was Svidler bei 18…Rc7? übersehen hatte:


Peter hatte 19.Txa7! gesehen und darauf 19…Txa7 20.Td8 Kf8 21.Lxa7 Lxe5 mit Lösung seiner gesamten Probleme geplant, doch dann wäre 22.Lb8! Tc5 23.b4! mit einem ähnlichen Turmfang gefolgt, den Kramnik gegen Giri noch übersehen hatte. 


In der Partie entschied sich Svidler stattdessen zu 19…Tb8, gab aber mit Minusbauer und kaum Bewegungsspielraum fünf Züge später auf.

Nach der Partie sprach Kramnik über seine Fehler gegen Giri (“es war schwer, diese Stellung zu verlieren”) und drückte die Hoffnung aus, dass sein Sieg gegen Svidler der Wendepunkt im Turnier sein möge.

Wei Yi 1:0 Jones: Starke Leistung des chinesischen Wunderkinds

Wei Yi scheint in Wijk aan Zee warm gespielt zu sein| Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Gawain Jones hatte bei seinem Debüt beim Tata Steel Masters bisher alles richtig gemacht, und in Runde 4 sah es lange so aus, als würde dies so bleiben. Er spielte erneut Königsindisch und verzichtete auf das aggressive 12…f5!, hatte aber klaren Zeitvorteil, da Wei Yi nach 25 Zügen nur noch etwa fünf Minuten auf der Uhr hatte. Dann griff er aber mit 25…Lf6? fehl (25…h6! hätte das Feld g5 gedeckt):


Wei Yi brauchte für 26.Tg5! weniger als eine Minute (26.a3 zuerst wäre sogar noch stärker gewesen, um den Springerausflug nach c2 zu verhindern), wonach die Partie im höheren Sinne entschieden war. Schlägt Schwarz, geht der Läufer auf h5 verloren (26…Lxg5 27.hxg5 Lg6 28.Lxg6 und der h-Bauer ist gefesselt), aber nach der Partiefolge 26…Lg6 27.Lxg6 hxg6 28.Txg6 hatte Weiß bei besserer Stellung einen Bauern mehr. Gawain gab zwar nicht wie Svidler direkt auf, doch Wei Yi brachte den Punkt sicher nach Hause.

Hou Yifan 0-1 Matlakov: Besser spät als nie

Ein harter Tag für die Damen! Olga Girya, Harika Dronavalli und Hou Yifan verloren allesamt ihre Partien. | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Maxim Matlakov verbesserte sich mit seinem ersten Sieg auf 50%, doch der war schwer erkämpft. Zunächst überspielte er Hou Yifan als Schwarzer in einem Spanier, ehe die Nummer 1 der Damen mit einem Qualitätsopfer in schlechter Stellung drastische Maßnahmen ergriff, danach aber klar auf Verlust stand. Im letzten Zug vor der Zeitkontrolle kam die überraschende Wende.


Hou Yifan droht mit Txh7+ Matt in 2 Zügen, außerdem die Springergabel Sg4+, aber mit dem simplen 40…g5, das dem König das Feld g6 räumt, wäre Schwarz klar in Vorteil geblieben. 41.Sg4+ ist nur eine Pseudo-Drohung, da Schwarz mit 41…Kg7 den Turm auf h8 angreifen kann.

In Panik geraten, gab Matlakov aber mit 40…Txf6? die Qualität zurück und musste noch hart kämpfen, ehe er den ganzen Punkt eingefahren hatte. Hou Yifan hingegen hat mit 0,5/4 einen Fehlstart hingelegt.

Adhiban 1/2-1/2 Anand: Indisches Duell

Adhiban hielt gegen Landsmann Anand Remis | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Vishy Anand liegt nach seinem Remis gegen Landsmann Adhiban weiter punktgleich mit Giri an der Tabellenspitze, die Partie war aber nicht sonderlich überzeugend. Laut Adhiban hatte Vishy 15.Sb4! übersehen, wonach Weiß in Vorteil kam, während Adhiban von 21…Dc8 überrascht wurde:


22.Sxf6+ gxf6 23.Lh6 sieht gut für Weiß aus, aber nach 18 Minuten spielte Adhiban 22.Se5!?, und Vishy konnte mit 22…De6! wieder die Initiative übernehmen, ehe die Partie nach kompliziertem Verlauf remis endete. Adhiban meinte hinterher zu seinem verkorksten Start:

Letztes Jahr sah es nach vier Runden genauso aus! Ich hatte gleich viele Punkte auf dem Konto, und nach dem Ausflug startete ich meine Siegesserie. Ich hoffe, dass mir das morgen auch wieder gelingt!

Mit dem Ausflug bezieht er sich auf das "Institut für Bild und Ton" in Hilversum, in dem die fünfte Runde stattfindet.

Adhibans letzte Antwort im Interview bezog sich auf sein Verhältnis zur indischen Nummer 1 Vishy Anand:

Hoffentlich gelingt es mir, ihn irgendwann zu beerben!

Caruana 1/2-1/2 So: Sos grandiose Rettung

Caruana-So war ein echter Thriller | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Das rein US-amerikanische Duell zwischen Fabiano Caruana und Wesley So faszinierte die Schachfans an den Rechnern:

"Welch ein Handgemenge zwischen Caruana und So - enormer Einfallsreichtum, irre Verwicklungen in Zeitnot, absurde taktische Varianten..." 

Der spanische GM Pepe Cuenca hat sich den Durchblick verschafft und kommentiert (auf Englisch) für euch die Partie!

Nach Runde 4 sind also weiterhin Giri und Anand in Führung, aber Kramnik sitzt ihnen wieder im Nacken, während Wei Yi und Matlakov nun 50% haben:


Vidit und Korobov unaufhaltsam

Jeffery Xiong und Jorden van Foreest trennten sich in einer dramatischen Französisch-Partie remis | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Vidit und Anton Korobov konnten ihre Bilanz durch Siege gegen die beiden Damen auf 3,5 aus 4 ausbauen und liegen nun mit einem Punkt Vorsprung an der Spitze. Vidit kam gegen seine Landsfrau Harika Dronavalli in einem 3.Lb5-Sizilianer Sicilian in Vorteil und gewann souverän, während Korobov hart kämpfen musste, bis er Olga Girya in 72 Zügen niedergerungen hatte.

Ein Überraschungssieg gelang dem 16-jährigen Lucas van Foreest, der nach seiner Erstrundenniederlage gegen seinen Bruder wie befreit aufspielt. Er war gegen Bassem Amin glänzend vorbereitet und nutzte dann einen Fehler des Ägypters aus, als dieser mit der falschen Figur auf g7 schlug:


43.De8! Zwar kann Schwarz den Damenverlust mit 43…Dc5+ verhindern, doch nach 44.Kh1 Te5 45.Td7+ Kf6 46.Tf7+ musste Amin wegen des bevorstehenden Matts dennoch aufgeben.

Lucas van Foreest hat seinen Bruder Jorden mittlerweile trotz der Auftaktniederlage im direkten Duell überholt | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Die vierte Runde in Hilversum beginnt ausnahmsweise erst um 14:00 Uhr, dabei trifft Carlsen auf Kramnik und bei Mamedyarov-Caruana geht es um Platz 2 in der Weltrangliste. 

Alle Partien könnt ihr live bei uns verfolgen: Masters | Challengers. Das ist auch mit unseren kostenlosen Apps möglich:

         

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