Berichte 15.01.2018 | 11:27von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R2: Giri geht in Führung

Mit seinem ersten Sieg in einer Turnierpartie gegen Vladimir Kramnik hat Anish Giri nach zwei Runden die Führung bei den Tata Steel Masters 2018 übernommen. Ihm auf den Fersen ist Weltmeister Magnus Carlsen, der witzelte, dass Giris „perfekter“ Start dieses Mal nicht aus zwei Remis bestanden habe, und einen scheinbar mühelosen Endspielsieg gegen Adhiban errang. Den dritten Sieg des Tages holte Shakhriyar Mamedyarov gegen Hou Yifan, während Gawain Jones und Peter Svidler gegen Fabiano Caruana und Wei Yi 69 bzw. 124 Züge brauchten, um ihre Partien remis zu halten.

Svidler, Giri und Caruana sorgten für spannende Partien in Runde 2 | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Auch die zweite Runde des Tata Steel Chess-Turniers fand am Wochenende großen Publikumszuspruch:

Wieder fanden drei Begegnungen einen Sieger, alle Partien könnt ihr mit einem Klick auf das Ergebnis hier nachspielen:

Traumstart für Anish Giri

Von wegen Angstgegner - Giri besiegt erstmals Kramnik | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Ein Sieg in Wijk aan Zee wäre für Anish Giri das, was für Andy Murray sein erster Wimbledon-Sieg war, denn er nimmt seit seinen Kindertagen an diesem Turnier teil. Außerdem wäre dies sein erster Sieg bei einem Supergroßmeisterturnier seit 2011/12, als er in Reggio Emilia gewann. Allerdings sind noch elf Runden zu spielen, doch bisher lief es optimal für Giri. Erst stellte Hou Yifan in einem Remisendspiel die Partie ein, und dann patzte ausgerechnet Vladimir Kramnik in einer komplizierten Stellung.

Bisher hatte Giri eine verheerende Bilanz von 0:7 Gewinnpartien gegen den Ex-Weltmeister, die er sich gegenüber Chess-News.ru so erklärte:

Zunächst ist er sehr groß. Seine Körpergröße schüchtert mich wirklich ein. Außerdem war ich (nicht nur in puncto Körpergröße) noch sehr klein, als wir erstmals aufeinandertrafen, und er war von der Eröffnung bis ins Endspiel in allen Belangen überlegen. Offenbar habe ich aufgeholt, aber dieses Kindheitstrauma hält an. Das Phänomen ist bekannt: Wenn man als sehr junger Spieler an starken Turnieren teilnimmt, trifft man automatisch auf einige Spieler, die einen permanent besiegen, und anschließend ist es schwer, sich von diesem Komplex zu erholen.

Nun muss ich nur noch Levon besiegen, dann ist alles gut. Er ist zwar nicht so groß, doch dafür hat er andere Tricks auf Lager wie seine Hemden und seine Bewegungen (macht nach, wie Aronian seine Arme streckt)    

Witzigerweise lautet Giris Bilanz gegen Aronian ebenfalls 0:7, doch gegen Kramnik hat er auf 1:7 verkürzt. Giri bezeichnete es als “großes Glück”, dass Kramnik von seinem normalen Repertoire abwich und wie im vergangenen Jahr in Leuven gegen ihn 1.c4 e6 2.Sc3 Lb4 spielte. Statt 3.Dc2 spielte der Niederländer dieses Mal 3.Db3, und nach 3…La5 waren die beiden bereits in einer selten gespielten Nebenvariante unterwegs. Giri räumte hinterher ein, dass die Eröffnung nicht in seinem Sinne verlaufen sei und er zeitweilig mit einem Remis zufrieden gewesen wäre, doch nach Kramniks 13…De7 statt 13…Dc7 hatte er den Eindruck, dass Weiß mit dem Vormarsch und Abtausch des a-Bauern ohne Risiko auf Gewinn spielen konnte. Wie kompliziert die Stellung für Kramnik, der sich in Zeitnot befand, zu spielen war, zeigte sich nach 23.Da8+:


Hier spielte Kramnik das für Giri überraschende 23…Kf7!, das der Niederländer als “brillanten Trick” bezeichnete, da Schwarz zwar 24.Dxb7?! zulässt, nach 24...Dxb7 25.Sd6+ Ke7 26.Sxb7 Tc7! aber den Springer fängt. Giri selbst hatte einen Trick beabsichtigt, denn er wollte nach 23…Sd8 24.Lxf6 Dxf6 25.Txd5! spielen, wonach Weiß nach 25…exd5 26.Dxd5+ den Turm auf c4 gewinnt und klar besser steht.

In der Partie vollführte Kramnik zunächst einen wahren Drahtseilakt, doch dann griff er mit 28…Sd7? fehl:


Damentausch mit einem Minusbauern ist nur selten gut, aber hier hat Weiß einen tödlichen Pfeil im Köcher: 29.Lxe7! Sxb8 30.Lb4! und der schwarze Turm hat keine Felder mehr! Kramnik schleppte die Partie zwar noch einige Züge weiter, am Ausgang der Partie änderte das aber nichts. 

Im Interview nach der Partie meinte Giri, er werde nun wieder in seine alten Muster verfallen und jede Partie remis halten - “außer in Runde 4, da schlage ich zu!”

Der Journalist fragte, gegen wen er denn spiele, da Loek van Wely dieses Jahr schließlich nicht dabei sei, doch Giri wollte nicht verraten, dass sein Gegner in Runde 4 niemand Geringerer ist als ein gewisser Magnus Carlsen…!

Carlsen mit seinem ersten Sieg im Jahr 2018

Carlsen beendete Adhibans Erfolgsserie in Wijk aan Zee | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Magnus Carlsen hatte in Runde 1 bereits Fabiano Caruana in einer völlig ausgeglichenen Position überspielt, dann aber den Sack nicht zugemacht, doch gegen Adhiban holte er den ganzen Punkt. Nach der Partie meinte er:

Er spielte eine Eröffnung, die vermutlich zu Recht als sehr remislich gilt, doch dann wurde es unerwartet kompliziert und er stellte recht schnell die Partie ein.

Der Weltmeister stellte die weiße Stellung mit 22…c4! und dem starken 23…a4! auf die Probe:


Weiß blieb hier kaum etwas anderes übrig, als Schwarz mit 24.bxa4 die b-Linie zu überlassen und seine Bauern zu schwächen. Seit letztem Jahr war Adhiban beim Tata Steel Masters zehn Partien lang ungeschlagen gewesen, doch nun ging es nach 24…Lf5 25.Lf3? schnell den Bach runter. Weiß setzte alles auf den Vormarsch des a-Bauern, doch nach 25…d4 26.a5?! Lxc2 entschieden die verbundenen Freibauern des Schwarzen die Partie. Mit dem natürlichen 25.c3! hätte Weiß noch großen Widerstand leisten können.

Die dritte entschiedene Partie des Tages war ein weiterer Beweis dafür, dass Shakhriyar Mamedyarov ein ernster Anwärter auf den Sieg beim Kandidatenturnier im März dieses Jahres ist. Zum ersten Mal seit sieben Jahren spielte er Französisch und überspielte in der Folge überzeugend seine Gegnerin Hou Yifan. Die Partie dauerte zwar 48 Züge, war im Grunde aber schon nach 30 Zügen entschieden. 

Für Mamedyarov fing das neue Jahr so an, wie das alte geendet hatte| Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Zwei ruhige und zwei hart umkämpfte Remis

Welche Partie der 2.Runde war als erste beendet?

"Prognose: Karjakin-Anand ist die Partie der 2.Runde, die als erste vorbei ist."

Diese Vorhersage war nicht schlecht, aber Matlakov-So war noch schneller vorbei. Maxim Matlakov war offenbar froh, nach der Partie vom Vortag einen halben Punkt einzufahren, während Wesley So vor allem mit den schwarzen Steinen für seinen Pragmatismus bekannt ist.

Schnelles Remis zwischen den beiden letzten WM-Herausforderern  | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Die Partie Karjakin-Anand dauerte nur einen Zug länger, obwohl Karjakin Anand mit dem selten gespielten Zug 9.Sfd2 überrascht hatte, den Magnus Carlsen bei der Blitz-WM gegen Harikrishna ausgepackt hatte.


Vishy wich im 11.Zug ab, und es kam eine Stellung aufs Brett, in der Karjakin zeitweilig einen Bauern weniger, aber dank des Läuferpaars mehr als ausreichende Kompensation hatte. Offenbar rechnete er sich jedoch nicht mehr als ein Remis aus, denn nach Massenabtausch reichte man sich die Hände.

Die beiden anderen Remispartien waren alles andere als langweilig. Gawain Jones wurde von Fabiano Caruanas erstem Zug (1.d4) überrascht, spielte dann aber wie üblich Königsindisch. Kommentator Robin van Kampen, der Autor unserer 34-teiligen Videoserie über Königsindisch, meinte, 9…h5!? sei ein wenig überstürzt. Im Endeffekt war es aber wie so oft so, dass der Computer Weiß klar im Vorteil sah, beide Spieler angesichts der taktischen Komplikationen aber in Zeitnot gerieten.

Gawain Jones hält bisher gut mit | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Jones meinte hinterher, er wollte einfach nur die Zeitnotphase überstehen und hätte in dieser Stellung gern mehr Zeit gehabt:


Er berechnete er drei Minuten lang die Konsequenzen des sofortigen 32…Dxe4+!, wonach die Stellung komplett ausgeglichen gewesen wäre, spielte dann aber mit zehn Sekunden auf der Uhr 32…Txf8!? 33.Thg4 Dxe4+ und musste sich anschließend noch lange in einem Turmendspiel mit Minusbauer quälen lassen. 


Laut Tablebase stand Caruana zwar nie auf Gewinn, leicht zu verteidigen war die Stellung aber nicht.

Welch eine Schlacht! | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Peter Svidler derweil spielte gegen Wei Yi sein übliches Grünfeld, landete gegen den Chinesen aber in einer Stellung mit einem Minusbauern. Ein schneller Zusammenbruch der schwarzen Stellung lag in der Luft, aber zwei Faktoren wirkten sich zu Svidlers Gunsten aus: 1. Der Zeitvorteil - Wei Yi verbrauchte Grischuk-artig viel Zeit und schaffte die jeweiligen Zeitkontrollen nur mit wenigen Sekunden auf der Uhr, und 2. Svidlers brillante Fähigkeiten, Gegenspiel zu erlangen. Unterm Strich war es eine grandiose Partie!

Pepe Cuenca hat die Partie auf Englisch für euch kommentiert:

Nach zwei Runden sieht die Tabelle so aus:


In Runde 3 trifft Giri mit Schwarz auf Svidler, während Carlsen Weiß gegen Wei Yi hat. Kramnik wird gegen Hou Yifan sicher versuchen, die gestrige Scharte auszuwetzen…

Zwei Comebacks

Bei den Challengers gab es ebenfalls drei Sieger - zwei von ihnen revanchierten sich für die Niederlage am Vortag:

Lucas van Foreest besiegte nach der Niederlage gegen seinen Bruder Jorden am Vortag den Junioren-Weltmeister Aryan Tari mit feiner Endspieltechnik. 

Aryan Tari musste sich geschlagen geben | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Außerdem konnte sich Olga Girya mit einem überraschenden Schwarzsieg gegen Matthias Blübaum für ihre Niederlage vom Vortag revanchieren. Unser einziger deutscher Vertreter hat dagegen mit 0/2 einen echten Fehlstart hingelegt. Die Nummer 1 des Turniers, Vidit, liegt nach einem souveränen Sieg gegen Michal Krasenkow gemeinsam mit vier anderen Spielern mit 1,5/2 an der Spitze.

Turniersenior Michal Krasenkow sah gegen Vidit kein Land | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Blick auf die Spieler zu erhaschen | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Bereits heute geht es um 13:30 Uhr weiter: Masters Challengers. Alle Partien könnt ihr auch mit unseren kostenlosen Apps verfolgen:

         

Weitere Links:


Sortieren nach Datum (absteigend) Datum (absteigend) Datum (aufsteigend) meiste Likes Benachrichtigung bei neuen Kommentaren

Kommentare 0

Guest
Guest 7828758428
 
chess24 beitreten
  • Kostenlos, Schnell & Einfach

  • Sei der Erste, der kommentiert!

Registrieren
oder

registriere dich und leg los!

Ich bin älter als 16 Jahre.

Mit einem Klick auf 'Registrieren' stimmst du unseren Nutzungsbedingungen zu und bestätigst, dass du unsere Datenschutzrichtlinie und den Abschnitt über die Verwendung von Cookies gelesen hast.

Lost your password? We'll send you a link to reset it!

Nach der Übermittlung deiner E-Mail-Adresse erhältst du von uns eine E-Mail mit einem Link zum Zurücksetzen des Passworts. Wenn du dann weiterhin nicht auf deinen Account zugreifen kannst, melde dich bitte beim Kundendienst.

Welche Funktionen möchtest Du aktivieren?

Wir respektieren Deine Privatsphäre und Datenschutzbestimmungen. Einige Komponenten erfordern das Speichern von personenbezogen Daten in Cookies oder dem lokalen Speicher.

Show Options

Hide Options