Berichte 28.01.2018 | 11:13von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R12: Carlsen & Giri führen vor der Schlussrunde

Magnus Carlsen rang in der vorletzten Runde des Tata Steel Masters den Russen Maxim Matlakov nieder, und auch Anish Giri kam gegen Adhiban zum vollen Punkt, womit die beiden mit 8,5/12 als Tabellenführer in die Schlussrunde gehen. Mit einem Sieg gegen Gawain Jones hätte Shakhriyar Mamedyarov zu Carlsen und Giri aufschließen können, doch stattdessen ließ er sich nach nur 12 Zügen auf eine Zugwiederholung ein. Auch Vladimir Kramnik hat nach seinem Sieg gegen Fabiano Caruana noch eine kleine Chance auf den Turniersieg, während bei den Challengers Vidit dank eines Sieges gegen Olga Girya die Nase vorn hat, da Lucas van Foreest gegen Anton Korobov ein Remis erreichte.

Anish Giri mit Streckübungen vor seinem Sieg gegen Adhiban | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Erneut drei Weißsiege gab es in der Vorschlussrunde des Tata Steel Masters:

Die Enttäuschung der Runde

Magnus konnte sich bei einem Blick auf die Partie Jones-Mamedyarov ein Lächeln nicht verkneifen | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Die Vorschlussrunde des Tata Steel Masters hatte kaum begonnen, da spielte Shakhriyar Mamedyarov im Russischen das seltene 7…g6:


Gawain Jones, der drei seiner letzten vier Partien verloren hatte, wurde offenbar auf dem falschen Fuß erwischt und überlegte sieben Minuten, ehe er das natürliche 8.Lg5 zog. Shak antwortete recht schnell mit 8…Le7, und nach ein wenig Nachdenken spielte Gawain 9.Lh6. Nach zwei weiteren Minuten folgte 9…Lf8, ehe Jones erneut den Läufer nach g5 zog und die Zugwiederholung ansteuerte. All das wurde schon so gespielt.

Das rasche Remis war kein Regelverstoß, aber sicher nicht im Sinne des Veranstalters. Außerdem kam es insofern überraschend, als Mamedyarov als Tabellenführer noch alle Chancen auf den Turniersieg hat(te). Im Interview mit Tom Bottema erklärte er, dass er keine andere Wahl hatte:

Ich wollte das Remis nicht, aber was soll man machen, wenn  der Gegner mit Weiß nicht spielen will… Das kann ich nicht verstehen. Er nimmt einmal im Jahr an einem solchen Supergroßmeisterturnier teil … da muss er doch spielen wollen… 

Gawain Jones meinte dazu:

Ich war überrascht, dass er ebenfalls die Züge wiederholt. Ich habe auch nicht verstanden, warum er Russisch gespielt hat. Vielmehr erwartete ich eine zweischneidige Eröffnung, doch dann spielte er diese Variante. Da ich schon c4 gespielt habe, hatte ich diese Stellung schon auf dem Brett. Ich dachte, ich führe mit Lg5 eine unausgewogene Stellung herbei und wir bekommen eine interessante Partie, doch ich setze sicher nicht in einer ausgeglichenen Stellung, in der ich mich nicht gut auskenne, alles auf eine Karte. Ich ging davon aus, dass er gewisse Risiken eingehen würde und das Turnier gewinnen will, doch nach meinem gestrigen Debakel lehne ich ein Remis gegen die Nummer 2 der Welt nicht ab.

Die Diskussionen nach der Partie machten die entgangene Spannung während der Partie ein wenig wett, zumal auch andere Spieler ihre Meinung kundtaten. Anish Giri meinte zu Mamedyarovs Entscheidung:

Zu seinen Hauptstärken zählt, dass er alles riskiert, wenn es nötig ist. Wie soll man erklären, dass er heute nicht alles probiert hat – das passt einfach nicht in mein Weltbild. Ich hätte meine Wohnung verwettet, dass er heute auf Gewinn spielt … Das ist schon sehr eigenartig, dass er sich so verhalten hat. Ich hätte in seiner Situation wahrscheinlich wie er gehandelt, aber ich bin ich und er ist er!


Giri und Carlsen nutzen ihre Chance

Adhiban bleibt auch bei diesem Turnierverlauf gut gelaunt | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Anish Giri derweil hatte derartige Probleme überhaupt nicht. Sein Gegner Adhiban, der mit vier Niederlagen und sieben Remis ein bescheidenes Turnier spielt, ließ sich tapfer auf eine Kampfpartie ein und entschied sich für eine Benoni-Struktur. Giri meinte zur Eröffnung: „Seine Eröffnungsbehandlung war sehr schlecht, aber meine Reaktion darauf war im Nachhinein sehr dumm.“ Es stimmt zwar, dass Schwarz nach 11…c4! Ausgleich hat, doch wenig später geriet Adhiban mit 17…Db6?! 18.Le3 Sg4!? auf taktische Abwege:


Die schwarze Stellung macht einen dynamischen Eindruck, aber nach 19.De4! hatte Weiß alles unter Kontrolle und drohte De8+. Schwarz hatte nichts Besseres als den traurigen Rückzug 19…Sf6, doch nach 20.De7! Sbd7 21.Sb5! gewann Weiß einfach einen Bauern. Danach deutete alles auf eine Sache der Technik hin, doch Adhiban starb auf der Suche nach Gegenspiel den Heldentod.

Giri zur Partie:

Judit Polgar und Adhiban schauen bei Carlsen-Matlakov zu | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Giri verfolgte mit großem Interesse die Partie von Magnus Carlsen gegen Maxim Matlakov. Der Russe beantwortete in der sizilianischen Taimanov-Variante 8.f4 mit 8…Lb4 9.Ld3 Sa5, und Giri meinte dazu:

Es sieht so aus, dass er (Magnus) eine interessante Idee gefunden hat. Vermutlich hat sie schon Vishy entdeckt, denn er wählte diese Variante vor langer Zeit gegen Harikrishna in einer Bundesliga-Partie, und mir wurde klar, dass er etwas vorbereitet hat. Ein sehr schönes Konzept…

In dieser Bundesliga-Partie aus dem Jahr 2016 spielte Harikrishna 8…b5, während die von Giri angesprochene Variante in unserer Videoserie und dem eBook über die sizilianische Taimanov-Variante von GM Robin van Kampen vorkommt. Dort wird alles bis zu der Neuerung 16…Sxc5, die Matlakov 25 Minuten kostete, und 21.Td4 besprochen:


Dunkle Wolken zogen über Matlakov auf, als klar war, dass ein ganz ähnliches Endspiel mit verschiedenfarbigen Läufern aufs Brett kam wie in Carlsens Gewinnpartie zwei Runden zuvor gegen Wesley So. Giri bemerkte, dass der “schöne Läufer” auf b6 „genauso stark“ ist wie in besagter Partie. Jon Ludvig Hammer twitterte:

"Sieht nach zwei Meisterwerken mit verschiedenfarbigen Läufern in Folge aus."

An dieser Stelle dachte Matlakov weitere acht Minuten nach, ehe er 21…Te6 22.Txc4+ Tc6 23.Txc6+ Lxc6 24.Td1 spielte, und nach weiteren 18 Minuten folgte das verpflichtende 24…Lxg2. Danach ging es nur noch ums Überleben:

Robin van Kampens Variante dagegen beginnt mit 21…Lc6!, um beide Türme auf dem Brett zu halten. Er schätzt die Stellung nach 22.Txc4 Kd7 23.Td1+ Ke6 wie der Computer als ausgeglichen ein. Nach 21…Te6 hatte Magnus dagegen Vorteil, und es gibt in einer solchen Stellung sicher keinen schlimmeren Gegner als ihn.

Carlsen sah sich tatsächlich im Vorteil, meinte aber, dass die objektive Einschätzung der Stellung nicht der entscheidende Faktor war:

Solche Stellungen sind immer remislich, doch solange es keine zwingende Remisabwicklung gibt, ist es nicht so einfach. Ich war nicht begeistert, als wir in dieser Variante landeten, da Weiß zwar besser steht, aber ein Remis wahrscheinlich ist, aber nach der Zeitkontrolle wurde die Stellung wirklich unangenehm für ihn, da ich ewig weiterspielen kann. Ein Remis ist zwar immer noch wahrscheinlich, doch wie in der Partie kann der Schuss für den Schwarzen ganz leicht nach hinten losgehen. 

Zeitweilig hatte Magnus rund zwei Stunden auf der Uhr, während seinem Gegner einmal nur noch zwei Minuten Bedenkzeit blieben. Sein schnelles Spiel erklärte er so: 

Es gab gar nicht so viel nachzudenken! Wenn man ohne richtigen Vorteil auf Gewinn spielt, muss man die Uhr als Verbündeten nutzen. 

Hier die Stellung nach der ersten Zeitkontrolle:


Magnus hat einen gesunden Mehrbauern, der nach 57 Zügen bis nach c6 vordrang und die gegnerische Aufgabe erzwang. 

Kramnik 1-0 Caruana - Entgegengesetzte Richtungen

Vladimir Kramnik hatte vor der Partie eine schlechte Bilanz (2:5 in klassischen Partien) gegen Fabiano Caruana, aber der Amerikaner ist einfach nicht in Form. Mit seiner nächsten Niederlage ist Caruana bei einem Elo-Verlust von 26 Punkten und einem Abrutschen auf Platz 8 in der Weltrangliste angekommen. Kramnik dagegen ist trotz Niederlagen gegen Giri und Karjakin in die entgegengesetzte Richtung unterwegs – er steht bei +3 und ist aktuell die Nummer 3 der Welt. Die gestrige Partie unterstrich die gegenwärtigen Machtverhältnisse.

Kramnik auf dem Weg zu seinem fünften Sieg in diesem Turnier | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Kramnik bezeichnete das  “seltsame” 14…Sfg4?! als Ursache der schwarzen Probleme, da Schwarz danach überraschend wenig gegen den folgenden Einschlag tun konnte:  


19.Lxh7+! Kxh7 20.Lxe5 Lxe5 21.Dh5+ Kg8 22.Txe5 Txe5 23.Dxe5 und Weiß hatte in einem technischen Endspiel einen Bauern mehr. Vladimir meinte, Schwarz “hätte immer ein Tempo zum Remis gefehlt”, und diese Stellung nach Abtausch der Türme unterstrich dies:


Zu Caruanas Pech sind die Bauernendspiele nach 34…Dxe5 oder 34…De6 35.Dxe6 einfach verloren, daher musste die schwarze Dame nach d8 zurückweichen. Kramnik musste in der Folge noch einige Dauerschachtricks verhindern, löste diese Aufgabe aber sicher und gewann nach 52 Zügen.

Nach der Partie gab er dieses Interview:

Mit einem Punkt Rückstand auf die Spitze hat Kramnik noch eine mathematische Chance auf den geteilten Turniersieg, doch müssten Carlsen und Giri verlieren und Mamedyarov dürfte maximal ein Remis erreichen. Vishy Anand hat diese Chance nach einer kuriosen Partie gegen Wesley So ebenfalls. 27 Züge lange folgten die beiden der Partie Adams-Giri aus dem Shenzhen Masters 2017, ehe Vishy 28.Td1 statt 28.Ta8 spielte, vier Züge später aber Remis anbot.

Vishy Anand hat wie Kramnik +3, muss in der Schlussrunde aber mit Schwarz gegen Mamedyarov ran | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

Bei Hou Yifan-Wei Yi versuchte die chinesische Weltranglistenerste 45 Züge lang vergeblich, ihre erste Partie zu gewinnen.

Nur ein kurzer Schreck für Sergey Karjakin |Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

In gewisse Weise ist Svidler-Karjakin der ideale Abschluss dieses Berichts, da Peter Svidler den Zug des Tages ausführte:


19.Txc5!! Dxc5 20.e4! sieht wie der Auftakt einer Glanzpartie aus, doch nach 20…Lg6 21.Lb4 erreichte Weiß nach Qualitätsrückgewinn nur ein ausgeglichenes Endspiel. 21.f5! wäre deutlich aussichtsreicher gewesen, doch natürlich gegen einen starken Verteidiger wie Karjakin auch nicht ohne Risiken.

Vor der Schlussrunde sieht die Tabelle so aus:


Bei Gleichstand wird das Preisgeld geteilt, und der Turniersieger wird beim Blitzen ermittelt. 

Vidit vor der Qualifikation

Bei den Challengers ist die Lage etwas übersichtlicher, da nur Vidit und Anton Korobov gewinnen können. Vidit ist nach einem Sieg gegen Olga Girya im Vorteil, weil Lucas van Foreest gegen Korobov nach vier Niederlagen am Stück remis hielt. 

Iihh, Holländisch... | Foto: Alina l'Ami, Facebook-Seite Tata Steel Chess 

In der Schlussrunde muss Vidit gegen Jorden Van Foreest ran, während Korobov Schwarz gegen Dmitry Gordievsky hat. Es geht um einen Platz im Masters 2019!

Los geht es in der Schlussrunde schon um 12:00 Uhr: Masters | Challengers 

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