Berichte 14.01.2018 | 10:54von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R1: Anand, Kramnik & Giri gewinnen

"Bisher haben drei Veteranen ein sehr gutes Turnier", sagte der 23-jährige Anish Giri, nachdem er Hou Yifan besiegte und so am ersten Tag der 2018 Tata Steel Masters mit Vishy Anand und Vladimir Kramnik mithalten konnte. Anand verdarb Maxim Matlakovs Superturnier-Debüt, wobei es zunächst sehr gut aussah für den Russen. Kramniks Strategie, gegen den 18-jährigen Wei Yi eine ruhige Partie zu spielen, funktionierte wunderbar - besser als er erwartete oder hoffte. Die anderen Partien endeten Remis, auch die Spitzenpaarung zwischen Nummer 1 und 2 der Weltrangliste Carlsen-Caruana.

Vishy behielt seinen Lauf von der WM im Schnell- und Blitzschach | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Während das Schachjahr 2018 nun wirklich beginnt, unterbrechen wir diesen Beitrag für eine Mitteilung: Peter Svidlers Best Games of 2017 wurde endlich veröffentlicht! Es war zu einem früheren Zeitpunkt vorgesehen, aber einige Videos hatten technische Probleme - Svidler musste auf dem Weg nach Wijk aan Zee einen Zwischenstop in unseren Studios einlegen um sie erneut aufzunehmen. Peter hat detaillierte Analysen zu Donchenko-Giri, Volkov-Svidler (wir bestanden darauf, dass er eine eigene Partie bespricht, und das ist eine Glanzpartie von der Russischen Meisterschaft!), Aronian-Navara, AlphaZero-Stockfish8 und Bai Jinshi-Ding Liren. Diese letzte Partie können alle als Teaser gratis betrachten. Um die gesamte Serie zu sehen: Werdet Premium-Mitglied für nur 9,99€ im Monat (noch günstiger für Jahresabonnement oder länger):

Nun aber wieder nach Wijk aan Zee, das nächste Video zeigt herrliche Eindrücke von der ersten Runde der 80. Auflage eines der grossartigsten Turniere der weltweiten Schachszene:

Während Runde 1 des Tata Steel Masters schien es zunächst, dass die "London-Seuche" ansteckend ist und - wie zu Beginn des 2017 London Chess Classic - alle Partien remis enden würden. Am Ende hatten dann alle langen Partien Sieger und Verlierer, damit drei Entscheidungen in sieben Partien. Du kannst im Viewer unten alle Duelle nachspielen und Dir die Paarungen anschauen:

Bauernendspiele sind schwierig!

Anish Giri gab dem sehr zahlreich erschienen Publikum vor Ort Grund zur Freude | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Lass uns mit der zuletzt beendeten Partie beginnen, Anish Giri - Hou Yifan 1-0, da Anish interessante Kommentare zu anderen Partien hatte. Er gab zu, dass er selbst "viel Glück hatte" - sein Druckspiel gegen die schwarze Russische Verteidigung war eigentlich nicht genug. Aber mit noch etwa einer Minute Restbedenkzeit musste Hou Yifan die Damen tauschen zum Bauernendspiel. Das war zwar objektiv remis, aber ein Fehler reichte und Giri bekam den vollen Punkt.

Der spanische Grossmeister Pepe Cuenca erklärt anschaulich, warum Schwarz nach ‌55.Kb3 55.-Kd6! spielen musste und nicht 55.-Kc6?:

Danach sprach Anish Giri über diese Partie, wo er alle Elopunkte verlor nachdem er einmal ein paar Stunden (oder Minuten?) Nummer 2 der Weltrangliste war, und was Auftaktsiege für den 42-jährigen Vladimir Kramnik und den 48-jährigen Vishy Anand bedeuten:

Sie waren beide ziemlich instabil. Ich habe stabil und schlecht gespielt. Sie waren instabil und hatten manchmal sehr gute Ergebnisse. Für beide ist ein guter Start wichtig - sicherlich für Vishy, auch für Kramnik. Sie sind so instabil, dass ein guter Start oft ein gutes Zeichen für sie ist. Sie können weit oben landen, aber natürlich haben wir gerade erst angefangen. Magnus hat seine eigenen Pläne - er ist noch in der Aufwärmphase!


Tag der Veteranen

Matlakovs Feuertaufe hatte kein gutes Ende | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Superturnier-Debütant Maxim Matlakov begann mit aggressivem Spiel mit Schwarz in einem geschlossenen Spanier und hatte allen Grund für Optimismus gegen Ex-Weltmeister Vishy Anand. Mit eine attraktiven Kombination entblösste er den weissen König…

…und nach 25 Zügen stand Vishy einen Zug von einer Katastrophe entfernt. Nach dem verlockenden 25.bxc7? käme das spektakuläre 25…Se2+! 26.Kh2 Dxh4+!! 27.gxh4 g3#


Im Blitztempo spielte Vishy stattdessen den einzigen Zug 25.Dd1!. Danach dachte er, dass Matlakov zu entspannt ("relaxed") spielte. Mit noch einer Kombination wollte er eventuell seinen anderen Läufer opfern, aber dann kam das stille 31.De2! - Anands Kommentar: “Ich hatte nun leichtes Spiel - ohne jegliches Risiko konnte ich in dieser Stellung Druck ausüben". Pepe Cuenca analysiert diese Partie und wie Anand am Ende gewann:

Im anschliessend Interview sagte Vishy zu seinem mit Magnus geteilten Rekord von fünf Siegen in Wijk aan Zee:

Eine nette Statistik, aber alle fünf Siege von Magnus kamen nach meinem letzten… . Wenn ich nun gewinne, ist es das erste Mal seit 12 Jahren. Ich habe wahrlich nicht dominiert, aber ich werde es sicher versuchen!

Lass Dir Vishys Lächeln nach diesem letzten Kommentar nicht entgehen:

Vishys erster Sieg war 1989, vor fast 30 Jahren, und der zweite geteilt mit Vladimir Kramnik 1998, vor genau 20 Jahren. Kramnik sagte, dass er vor kurzem Alexandre Dumas’ Twenty Years After gelesen hat und diesen Erfolg gerne wiederholen will, aber auf die Frage ob er damit "der Jugend zeigen würde wer der Boss ist":

Ich befürchte, sie wissen bereits, dass wir das nicht sind! Ich denke nicht, dass sie derlei Illusionen haben und wir auch nicht, aber wir wollen immer noch mit den jungen Männern mithalten. Bisher ist es schön, mit zwei Veteranen vorne zu liegen - zwei Opas. Ich bin mir nicht sicher, ob es lange anhalten wird, aber es ist doch ein schöner Anfang des Turniers.

Wie Du siehst, behauptete Kramnik, dass er in seiner Partie gegen Wei Yi nicht allzu ehrgeizig war:

Es ist die erste Runde, ich habe seit zweieinhalb Monaten nicht mehr gespielt. Heute wollte ich eine ruhige Partie zu spielen - mich aufwärmen, in den Rhythmus kommen. So war es vor allem geplant. Natürlich war es ein nettes Sahnehäubchen, dass ich dieses Endspiel dann gewinnen konnte.

Hausaufgaben für das chinesische Jungtalent | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Die Partie begann mit einer scharfen Eröffnung, mit der Kramnik beim 2016 London Chess Classic eine spektakuläre Partie gegen Veselin Topalov gewann. Aber nach 24.Sb3 schien die Luft heraus:


Laut Kramnik müsste Schwarz nach 24…b6 noch “ein paar genaue Züge” finden für ein Remis. Aber stattdessen spielte Wei Yi nun “äusserst merkwürdig”: 24…Lc6!? 25.Tc1 Kd7 26.Sc5+ Ke8 27.Sd3 Kd7 28.g4 Sd4 29.Tc4! Se6 30.f5! und plötzlich hatte Weiss konkrete Chancen:


Wie bei seiner Landsfrau Hou Yifan führte Wei Yis Bedenkzeit-Einteilung dazu, dass er wichtige Entscheidungen mit wenig Zeit treffen musste, und am Ende konnte Kramnik sich durchsetzen.

Tweets dazu:

Viermal Remis

Alle sieben Partien der ersten Runde waren interessant. Sogar So-Mamedyarov, das dann vor dem 30. Zug total verflachte, begann vielversprechend. Laut Jonathan Tisdall hat Shakhriyar Mamedyarov berechtigte Ansprüche auf den Titel “Mann des Jahres 2017", aufgrund der besten Elo-performance des Jahrs, wodurch er 2800 knackte und sich für das Kandidatenturnier qualifizierte. Seine Partie am Samstag zwingt seine Gegner im Berliner Kandidatenturnier vielleicht zum Nachdenken: Nach 1.e4 c5 2.Sf3 spielte er 2…Sf6, eine sizilianische Nebenvariante die zuletzt Nils Grandelius versuchte. Wesley grübelte sofort, aber kurz danach wurden reihenweise Figuren abgetauscht und die Spannung verflüchtete sich.

Ein solider Beginn für Titelverteidiger Wesley So | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Svidler-Adhiban war ein früher Kandidat für Partie des Tages: Adhiban spielte wie beim Tata Steel Masters 2017 eine optisch riskante Eröffnung - diesmal Caro-Kann mit früh -g5. Es sah so aus, als ob Peter konkrete Gewinnchancen hat, aber am Ende einigten sie sich in einer trickreichen Stellung mit beiderseits Trümpfen und Schwächen auf Remis.

Gawain Jones spielte gegen Sergey Karjakin hinterlistig eine Variante im Italiener, in der Schwarz schnell Remis forcieren kann. Das wusste Jones, allerdings auch dass Karjakin wohl abweichen würde:

Ich weiss, dass ich hier Elo-Aussenseiter bin und dass alle mein Blut wollen, also bin ich nicht kooperativ. Sie müssen etwas zeigen, um gegen mich zu gewinnen.

Der Plan funktionierte: Karjakin machte eine Konzession und Gawain gab zu "Ich wurde langsam ehrgeizig". Aber nach einer verpassten Feinheit endete die Partie mit Remis.

Damit bleibt nur noch die auf dem Papier vielverprechendste Partie Carlsen-Caruana - Nummer 1 gegen Nummer 2 der Weltrangliste. Sie waren beide gut vorbereitet…

Die Eröffnung war dann kein Thriller, da Magnus die lahmste Antwort auf die gegnerische Russische Verteidigung wählte:

Fabiano Caruana ist zu seinen Partien immer erfrischend ehrlich und gab hinterher zu:

Ich dachte, dass ich kaum Probleme habe, und dann wurde ich wohl langsam überspielt. 

Wie so oft in ruhigen Partien gegen Magnus verschärfte sich die Lage genau im falschen Moment für  Fabiano, in beginnender Zeitnot. Er konnte den Laden aber zusammenhalten und sagte, dass er nach seinem Kontrollzug 40…Ke5 gar "ehrgeizig" war:


41.Nd1! beendete derlei Illusionen allerdings. Der Bauer auf f2 ist überdeckt, damit kann der weisse Turm die schwachen schwarzen Bauern angreifen. Caruana sagte “das überzeugte mich, dass ich wirklich nichts reissen kann" und akzeptierte daher Carlsens Remisangebot:

Damit führen nun Anand, Kramnik and Giri; Giri-Kramnik in Runde 2 ist die erste Spitzenpaarung.  Caruana-Jones und Adhiban-Carlsen nach dem Motto "David gegen Goliath".

Van Foreest besiegt Van Foreest

Turnierdirektor Jeroen van den Berg zeigt Anton Korobov die Richtung (auf die Bühne) | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

In der Challenger-Gruppe ebenfalls drei Siege: Anton Korobov überwand Matthias Bluebaum - ein gegnerischer Fehler in Zeitnot reichte, für Bluebaum rächte sich wohl, dass er für den 11.-15. Zug insgesamt 70 Minuten investiert hatte.

…Dmitry Gordievsky gewann mit starkem königsindischem Königsangriff gegen Olga Girya…

…und der 18-jährige Jorden van Foreest verdarb den Turnierstart seines 16-jährigen Bruders Lucas. Manchmal schien es, als ob Jorden mit seinem jüngeren Bruder spielte - er verzichtete auf ein sechszügiges Matt wodurch die Partie noch 20 Züge andauerte - aber hinterher hatte er Mitleid.

Es macht kaum Spass: Ich will nicht gegen ihn gewinnen, da er dann traurig ist, aber verlieren will ich auch nicht ... . Lucas kann mit Niederlagen nicht gut umgehen und hat nun sicher schlechte Laune. Am besten ist, nicht mit ihm zu reden und ihn in Ruhe zu lassen.

Du kannst alle Partien im Viewer nachspielen:

Yasser Seirawan teilt seine Schachbegeisterung mit dem Live-Publikum | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Verpasse nicht den Livekommentar auf Englisch und Spanisch ab 13:30 MEW: Masters | Challengers Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

Siehe auch:


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