Berichte 21.01.2018 | 11:44von Colin McGourty

Tata Steel 2018, R7: Shak marschiert, Vlad erwischt Vishy

Shakhriyar Mamedyarov marschiert weiterhin in Wijk aan Zee - nach seinem dritten Sieg in Serie gegen Wei Yi hat er Live-Elo 2817.5, fast 20 Punkte vor Wesley So auf Platz drei. Der Rückstand auf Magnus Carlsen ist nun weniger als 18 Punkte, obwohl der Weltmeister letztendlich Hou Yifan besiegte und nun den zweiten Platz (im Turnier) mit Anish Giri, Wesley So und Vladimir Kramnik teilt. Kramnik gewann gegen Vishy Anand, damit ist ihre Karrierebilanz erstmals seit dem WM-Match 2008 ausgeglichen. Fabiano Caruanas Sorgen gehen weiter: zum dritten Mal nacheinander verlor er mit Schwarz, diesmal gegen Sergey Karjakin.

Mamedyarov stürmt weiter voran, Wei Yi war sein neuestes Opfer | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Runde 7 des 2018 Tata Steel Masters hatte die bisher meisten entschiedenen Partien. Du kannst sie im Viewer unten nachspielen - ein Klick auf ein Ergebnis öffnet diese Partie mit Computeranalyse, mit der Maus über einen Spielernamen fahren zeigt dessen Paarungen und bisherige Ergebnisse:

Mamedyarov 1-0 Wei Yi: Eine andere Welt

Shakhriyar Mamedyarov hat nach Runde 7 einen vollen Punkt Vorsprung: nach der längsten Partie am Freitag spielte er am Samstag die kürzeste. Wie in früheren Runden überraschte er den Gegner sehr früh in der Eröffnung, 4.g3 (Katalanisch) spielte er zuvor nur in einigen Partien 2010 in Astrakhan.

Wei Yi war unbeeindruckt und spielte zunächst schnell, dann überraschte er Zuschauer mit 13…Qxd4, ein Bauernopfer das zuvor nur Rustam Kasimdzhanov versuchte. Mamedyarovs Kommentar:

Er gab mir einen Bauern - vielleicht ist es OK, aber danach muss er sehr genau spielen um Remis zu halten.

Kramnik dazu:

Heute war ich sehr überrascht, da sein Gegner normalerweise extrem gut vorbereitet ist. Aber heute spielte er einfach eine schlechte Variante und verlor quasi kampflos. Damit hatte ich nicht gerechnet.

Fairerweise gab es offenbar erst nach 19…Tfc8? (19…g5!) keinen Weg zurück:


Nach nur zwei Minuten spielte Mamedyarov 20.Se4!, wonach Wei Yi eine halbe Stunde abtauchte. Der chinesische Jungstar dachte offenbar, dasss Mamedyarovs Zug wegen 20…Lxb2 nicht geht. Aber das ermöglicht 21.Sd6! Td8 22.Sxf7!, und wenn Schwarz diesen Springer nimmt gewinnt Weiss mit Turmtausch nebst Db4 mit Doppelangriff auf die schwarzen Leichtfiguren. So hatte Shak, wie zuvor mit Weiss gegen Fabiano Caruana, einen freien a-Mehrbauern und der Gegner dafür keine Kompensation. Er beendete die Partie brilliant:


29.Tb7! fxe4 30.Lg4! (es war nicht zu spät, um mit 30.Lxe4? or 30.Txb4? den gesamten Vorteil zu verschenken). Schwarz kann erheblichen Materialverlust nicht verhindern und gab auf.

Mamedyarovs Live-Elo 2817,5 ist ein neuer persönlicher Rekord, nur 0,3 Elopunkte fehlen noch um Kramnik aus der top10 der höchsten Live-Ratings pro Spieler zu verdrängen. Sein Kommentar zu dieser 'stratosphärischen' Elozahl: 

Vielleicht ist es zu viel für mich. Es ist eine sehr hohe Elo, aber OK warum nicht? Manchmal spiele ich gutes Schach, wenn man Partien gewinnt ist es normal. Es ist für mich nicht so überraschend, und ich glaubte, dass meine Elo eines Tages eines Tages so ausfällt. Ich will weitermachen.

Auf Fiona Steil-Antonis Frage, ob er nun Magnus Carlsens Platz 1 im Visier hat, sagte er, dass er gegen den Weltmeister zu oft verliert (mit klassischer Bedenkzeit ein Sieg und fünf Niederlagen gegen Magnus):

Ohne mich und ohne Nakamura, er besiegt uns immer, wäre Carlsen nie und nimmer Nummer 1 der Weltrangliste!

Die anderen Spieler wurden zu Mamedyarov befragte. Obwohl sie den etwas glücklichen Sieg gegen Adhiban nannten (“sagen wir mal, dass er diese Partie nicht gewinnen musste” – Kramnik, “man kann sagen, dass er Risikos nahm oder schlecht spielte - wie auch immer wurde er dafür belohnt” – Giri) waren sie voll des Lobes - Giri nannte Shaks Auftritt "aus einer anderen Welt". Sergey Karjakin, für den Mamedyarov als Sekundant arbeitete, juxte “Ich bin sehr stolz auf ihn - er ist mein Student und macht das grossartig!”


Die nächsten Runden werden dabei jedoch interessant: Mamedyarov muss noch gegen die drei Spieler auf dem geteilten zweiten Platz antreten, und Giri erwähnte, dass Shak nicht für "wasserdichte/feuerfeste" Eröffnungen bekannt ist.

Anand-Kramnik 0-1: Remis nach 91 Partien

Sie trafen erstmals 1989 aufeinander, aber es wird nicht einfacher! | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Erstmals seit ihrem WM-Match 2008 ist die Bilanz zwischen Vishy Anand und Vladimir Kramnik wieder ausgeglichen, bei insgesamt 91 Partien mit klassischer Bedenkzeit liegt nun keiner vorne. Laut Statistiken auf ChessGames gilt das selbst einschliesslich Schnellschach, Blitz und Showkämpfe über insgesamt 191 Partien!


Zeitweise schien es einige Jahre lang, als ob Vishy und Vlad sich geeinigt hätten, in ihren Partien remis zu spielen und ihre Energie für die Jugend zu bewahren. Zum Glück für die Schachszene hat sich das geändert, diesmal in Runde 7 ein vollblutiger Kampf. Überraschend allerdings, dass er absolut einseitig war. Kramnik sagte zu seinem Schwarzsieg im Giuco Piano “ich vermute, dass Vishy in der Eröffnung etwas durcheinander brachte und in einer schlechten Stellung landete", Anish Giri nannte Vishys 7.Lg5 “ein gigantisches Risiko”.

Im Nachhinein hätte Vishy vielleicht im vierten Zug auch das Evans-Gambit spielen können!


Beide verzichteten auf die Rochade, aber Kramnik vermutete, dass Anand das gesamte Konzept, den schwarzen König nach g7 zu überführen, nicht auf der Rechnung hatte. Danach waren die beiden Armeen äusserst unterschiedlich aufgestellt:

Kramnik dachte, dass er nun “langsam am Damenflügel matt setzen konnte”:

Ich dachte, dass die Stellung für ihn sehr schwierig war, sobald mein König auf g7 stand. Er versuchte zu verteidigen aber hat zu viele Schwächen.

Weiss hatte einen anfälligen König und einen schlechten Läufer, und Schwarz drohte auf der b-Linie einzudringen. Am Ende kam das Unheil (bzw. Vishy verhinderte es, indem er aufgab) aus der anderen Richtung:

Es gab keine Verteidigung gegen 37…Dg4 - Kramnik hatte nicht nur den Karrierescore gegen Vishy ausgeglichen, sondern auch dessen geteilten zweiten Platz im Turnier übernommen.

Carlsen - Hou Yifan 1-0: Deja vu

Der Weltranglistenerste gegen die Nummer 1 der Damen-Weltrangliste | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook 

Mit Siegen seiner Rivalen und Hou Yifans vier Niederlagen zuvor in Wijk aan Zee war diese Weisspartie quasi "must-win" für Magnus. Es begann gut für ihn: er verwirrte Hou Yifan in der Eröffnung (das bescheidene 5.e3 war selten) und erreichte eine exzellente Version bekannter Stellungen. Dann entschied sich Carlsen dafür, nach 11 Zügen die Damen abzutauschen. Yifan verteidigte gut und war nach einem angenommenen Qualitätsopfer nahe am Remis. Carlsen nach der Partie:

Es war von Anfang an eine harte Partie. Meiner Einschätzung nach stand ich etwas besser, dann viel besser, dann beschloss ich, mit einem Qualitätsopfer zu diesem Endspiel zu vereinfachen. Vielleicht hätte ich etwas ruhigeres spielen sollen, denn es war nicht einfach, dieses Endspiel zu gewinnen. Ich bin mir sicher, dass sie Remis halten konnte, aber es war trickreich. Natürlich bin ich nach diesem Ergebns erleichtert.

Die Entscheidung fiel im 50. Zug. Die Kommentatoren waren sich sicher, dass Magnus bereits/ohnehin gewinnt, aber Computer mit Zugang zu Tablebases sagten "remis". Das änderte sich nach 50…h5? - deja vu für die Nummer 1 der Damen-Weltrangliste. Nicht nur, dass sie in Runde 1 gegen Anish Giri sehr nahe am Remis war, derselbe Zug war schon 2016 der Verlustzug gegen Magnus:

Deja Vu! Hou Yifan patzt mit h5, genau derselbe Zug mit dem sie 2016 ein klares Remis gegen Carlsen vergeben hatte!

Magnus nach der Partie:

Karjakin-Caruana 1-0: Rache

Schwere Zeiten für Fabiano Caruana, der sich Mühe gibt, Erwartungen vor dem Kandidatenturnier zu dämpfen | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Fünf Niederlagen für Hou Yifan sind womöglich weniger überraschend als drei Niederlagen - alle mit Schwarz - für Fabiano Caruana. Der Sieger des London Chess Classic im Dezember hat nun das schlechtest denkbare Aufwärmturnier für das Kandidatenturnier in Berlin. An mangelnder Ambition lag es nicht, Sergey Karjakin nach der Partie:

Es war eine komplizierte Stellung - er wählte eine komplizierte Variante auf der Suche nach einem grossen Kampf. Aber er behielt die Lage nicht unter Kontrolle und patzte dann.

Die Gurke war 17…De7? (Karjakin glaubte an seine Chancen nach 17…c6! 18.0-0-0, aber alles bliebe offen)


Natürlich hätten die allermeisten Spieler vor 18.Lxb7! mit Bauerngewinn zurückgeschreckt, in der Annahme, dass Fabi darauf ein fatales Abzugsschach in petto hatte. Wie sich herausstellte, gab es allerdings keine Widerlegung. Nach zuvor sechs Remisen in Wijk aan Zee liess sich Sergey diesen Braten nicht nehmen - Sieg nach insgesamt 46 Zügen.

Auf die Frage nach der Bedeutung für das Kandidatenturnier sagte Sergey:

Es ist immer schön, so einen grossartigen Spieler zu besiegen, aber im Grunde denke ich nicht, dass es sehr wichtig sein wird. Wir trafen bereits vielleicht 20-mal aufeinander. Er gewann, ich gewann, unsere letzte Partie gewann er mit Schwarz beim London Chess Classic. Vielleicht ist es Rache für London, im Grunde ist das Kandidatenturnier wieder ein neues Turnier.


Drei Remispartien

Ein harter Kampf, in dem Wesley Druck machte für einen dritten Sieg in Serie | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Nur drei Partien in Runde 7 endeten Remis, am wichtigsten So-Giri - dadurch konnten Carlsen und Kramnik zu diesen beiden aufschliessen und Platz zwei mit ihnen teilen. Wesley So drohte, die dritte Partie nacheinander zu gewinnen, Anish Giri gab zu, dass das Endspiel für ihn unangenehm war, aber…

Ich verstand, dass ich auf der Stelle treten musste. In derlei Stellungen, so gut für Weiss dass es fantastisch aussieht, ist es oft so: Wenn Schwarz einfach nichts tut, schwindet der weisse Vorteil egal was er unternimmt. Bizarr, dass auch Computer es so beurteilen. Manchmal sagt der Computer 0.80, Du bastelst an einem Plan und es wird 0.60. Noch ein Plan und es wird 0.40, und wenn Du alles erreicht hast was Du wolltest ist es 0.00. So ähnlich war es in dieser Partie. Zum Beispiel hilft h4 und g5 nur Schwarz, aber andererseits: wenn er keine Linien öffnet, was sonst? Derlei Stellungen kann man vielleicht im Fernschach gewinnen, aber es ist nicht einfach. Du musst wirklich einen Plan haben, und jede Änderung der Stellung kostet einen Teil des Vorteils. Aber vielleicht gibt es einen Plan. Ich bin mir sicher, dass Magnus in dieser Stellung ein paar interessante Ideen hätte! 

Im längsten "Kurzinterview" des Tages verteidigte Giri auch scheinbar ambitionslose Remisen:

Derweil war Matlakov-Adhiban die längste Partie des Tages, aber trotz Minusbauer konnte Adhiban ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern Remis halten und so seinen Absturz beenden. Bei Jones-Svidler spielte Gawain den Alapin-Sizilianer (1.e4 c5 2.c3) und behielt seinen +1 Score mit Weiss und insgesamt 50%. Sein Kommentar:

Ich bin immer noch happy, immer noch 50% - noch bin ich nicht der Prügelknabe!

Svidler-Jones, im Hintergrund die vielen Zuschauer am Wochenende | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Nach 7 von 13 Runden steht es im Turnier so:


Korobov bleibt in Führung

Bisher läuft es für Anton Korobov | Foto: Alina l'Ami, Tata Steel Chess Facebook

Überraschenderweise verläuft die Challenger-Gruppe dieses Jahr bisher ruhiger als die Masters, in Runde 7 war das eine gute Nachricht für Anton Korobov. Nach seinem Schwarzremis gegen Michal Krasenkow behält er einen vollen Punkt Vorsprung auf den an eins gesetzten Vidit, der mit Weiss gegen Lucas van Foreest ebenfalls (nur) Remis spielte. Lucas ist alleiniger Dritter mit einem weiteren vollen Punkt Rückstand auf Vidit.

In den entschiedenen Partien erwischte es die beiden Damen: Harika Dronavalli und Olga Girya verloren gegen Aryan Tari bzw. Matthias Bluebaum und teilen nun den letzten Platz mit 2.5/7. Bluebaum konnte Harika in einem anfangs für ihn bestenfalls leicht besseren Endspiel überwinden und verbesserte sich so (nach anfangs 0/2) auf 50% und den geteilten vierten Platz - so nahe ist das Feld beieinander (abgesehen von den beiden Führenden).


Die Schlüsselpartie in Runde 8 ist wohl Giri-Mamedyarov. Ausserdem auf dem Programm Kramnik-So, und Giri sagte "auch Magnus plant wohl, fünf Partien in Serie zu gewinnen". Carlsen hat Weiss gegen Gawain Jones und riecht/will sicher Blut.

Livekommentar auf Englisch und Spanisch ab 13:30 MEW: Masters Challengers Du kannst die Partien auch in unseren Gratis-Apps verfolgen:

         

See also:


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